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Protest Against Food in Fuel in Berlin
© Paul Lovis Wagner / Greenpeace

Wie sich die Agrarindustrie in der Krise bereichert

Die größten Agrarkonzerne der Welt haben seit 2020 mehr Milliardengewinne gemacht als es bräuchte, um die Grundbedürfnisse der Ärmsten der Welt zu decken. Das belegt eine heute veröffentlichte Studie von Greenpeace International.

Beim Einkauf von Lebensmitteln sind die hohen Inflationsraten der vergangenen Monate besonders spürbar. Allein im Verlauf des vergangenen Jahres hat sich der Einkauf für das tägliche Essen um mehr als 20 Prozent verteuert. Und was die Verbraucher:innen hierzulande spürbar belastet, ist für Menschen in armen Ländern, vor allem im Globalen Süden, ein existenzielles Problem: Laut Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen leiden 349 Millionen Betroffene in 79 Ländern unter Hunger, rund 900.000 von ihnen kämpfen ums Überleben. Es drohe ein Flächenbrand, warnt die UN-Organisation.

Der Preisanstieg hat verschiedene Gründe – die Corona-Pandemie und die aufgrund des Überfalls Russlands auf die Ukraine gestiegenen Energiekosten spielen eine entscheidende Rolle. Zugleich haben aber multinationale Konzerne die Krisen genutzt, um mehr Profit zu machen. Sie haben enorme Gewinne an ihre Eigentümer:innen und Aktionär:innen ausgeschüttet, die vor allem in den Globalen Norden fließen – während Tausende von Menschen auf der ganzen Welt zunehmend damit zu kämpfen haben, ihre Familien zu ernähren.

Den Umfang dieser Einkommens- und Vermögensverteilung belegt eine heute von Greenpeace International veröffentlichte Studie. Danach haben die international marktbeherrschenden Unternehmen der Getreide-, Düngemittel-, Fleisch- und Milchindustrie in den Geschäftsjahren 2020 und 2021 rund 53,5 Milliarden Dollar über Dividenden oder Aktienrückkaufprogramme an ihre Anteilseigner:innen ausgeschüttet. Zum Vergleich: Im Dezember 2022 schätzten die Vereinten Nationen, dass im Jahr 2023 51,5 Milliarden Dollar benötigt werden, um 230 Millionen der am meisten vom Hunger bedrohten Menschen auf der Welt zu retten.

Food Injustice

Food Injustice

Die größten Agrarkonzerne der Welt haben seit 2020 mehr Milliardengewinne gemacht als es bräuchte, um die Grundbedürfnisse der Ärmsten der Welt zu decken.

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Mangelnde Informationen befeuern Spekulationen an den Märkten

Dass sich das weltweite Geschäft mit der Erzeugung von Nahrungsmitteln auf eine kleine Gruppe von Konzernen konzentriert, verschafft diesen Unternehmen nicht nur die Kontrolle über die Lieferketten, sondern auch einen gewaltigen Informationsvorsprung. Den setzen sie ein, um ihre Gewinne zu maximieren. So kontrollieren vier international operierenden Konzerne – Archer-Daniels Midland, Cargill, Bunge und Dreyfus, bekannt unter dem Kürzel ABCD – bis zu 90 Prozent des weltweiten Getreidehandels. Sie sind aber nicht verpflichtet, ihr Wissen über die globalen Märkte oder den Umfang ihrer eigenen Getreidebestände offenzulegen. Sie können Informationen zurückhalten, die zur Stabilisierung der Preise beitragen würden – und davon profitieren. So feuerte mangelnde Transparenz über die tatsächlich gelagerten Getreidemengen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine die Spekulationen an den Märkten an. Der daraus resultierende Preisanstieg füllte die Kassen weniger Konzerne und belastete Millionen Menschen durch steigende Kosten für den Lebensunterhalt.

„Was wir erleben, ist ein enormer Vermögenstransfer an einige wenige reiche Familien, die im Grunde das globale Nahrungsmittelsystem besitzen – und das zu einer Zeit, in der die Mehrheit der Weltbevölkerung darum kämpft, über die Runden zu kommen“, sagt Davi Martins, Kampagnenleiter bei Greenpeace International. „Diese 20 Unternehmen könnten die 230 Millionen bedürftigsten Menschen der Welt retten und hätten dabei noch Milliarden an Gewinn übrig. Noch mehr Geld an die Aktionäre einiger weniger Lebensmittelkonzerne zu zahlen, ist dagegen einfach unverschämt und unmoralisch.“ 

Aktive stehen mit aus Futterweizen gebackenem Brot vor dem italienischen Landwirtschaftsministerium in Rom.

60 Prozent des Getreides und zwei Drittel der europäischen Agrarfläche werden für Tierfutter verwendet. Mit einem Präsentkorb voller Brot aus Futterweizen zeigen Aktivist:innen im Dezember 2022 vor dem italienischen Landwirtschaftsministerium in Rom, dass wir uns das nicht länger leisten können.

Für eine sozial gerechte Agrarwende

Die Marktmacht der dominierenden Konzerne hat zudem katastrophale Auswirkungen auf die Autonomie der Landwirte, die Emissionen, die biologische Vielfalt und die Ernährungssicherheit weltweit. Greenpeace unterstützt den Übergang zu einem Modell der Ernährungssouveränität, einem kollaborativen und sozial gerechten Lebensmittelsystem. Regierungen auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene müssen das Monopol der Konzerne im Lebensmittelsystem brechen und Transparenz sowie einen fairen Wettbewerb im Lebensmittelsektor durchsetzen.

Gemeinsam mit einem breiten Bündnis hat Greenpeace Deutschland im Januar einen 6-Punkte-Plan für eine sozial gerechte Agrarwende und gutes Essen für alle vorgelegt. Das Bündnis fordert die Bundesregierung auf, den Zugang zu gesunder und umweltgerechter Ernährung für alle Menschen zu sichern und den gesellschaftlichen Reichtum fair zu verteilen. „Die Lebensmittelkonzerne und ihre vermögenden Eigentümer:innen profitieren von den weltweiten Krisen und müssen jetzt in die Pflicht genommen werden“, sagt Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Matthias Lambrecht. Eine Übergewinnsteuer auch bei Agrar-, Lebensmittel-, Handels- und Düngemittelkonzernen gehöre ebenso zum sozialen Ausgleich wie eine Vermögenssteuer oder die konsequente Besteuerung von Kapitalerträgen. „Das schafft finanzielle Spielräume, um ein angemessenes Bürgergeld zu zahlen, niedrige und mittlere Arbeitseinkommen zu entlasten und klimagerechte pflanzliche Lebensmittel von der Mehrwertsteuer zu befreien.“

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