Lebensmittelhandel positioniert sich uneinheitlich zu neuer Gentechnik
- Ein Artikel von Nina Klöckner
- mitwirkende Expert:innen Anne Hamester
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Geplante EU-Regeln gefährden die gentechnikfreie Landwirtschaft in Europa. Das hätte auch Auswirkungen auf Verbraucher:innen. Greenpeace hat die Positionen des Lebensmittelhandels abgefragt.
Bisher ist die gentechnikfreie Landwirtschaft in Deutschland und Europa eine Erfolgsgeschichte: Die Äcker sind seit Jahren weitgehend frei von Gen-Pflanzen, die direkte Verwendung von Gen-Pflanzen in Lebensmitteln ist beim Verbraucher durchgefallen – deshalb sind solche Produkte auch nicht in den Supermärkten zu finden. Gleichzeitig werden explizit gentechnikfrei gekennzeichnete Lebensmittel immer beliebter.
Doch mit dieser Freiheit, sich bewusst gegen Gentechnik im Essen entscheiden zu können, könnte es bald vorbei sein. Neue gentechnische Verfahren der „Genom-Editierung“ wie etwa CRISPR ermöglichen tiefe Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen und Tieren. Sie sollen gezielter sein, als dies mit „alter“ Gentechnik möglich war und arbeiten meist ohne den Einbau fremder DNA.
“Die jüngsten Pläne der EU bedrohen die Transparenz bei der Gentechnik massiv. Die geplanten EU-Vorgaben sehen vor, dass die meisten Pflanzen aus Verfahren der neuen Gentechnik künftig weder strengen Standards noch einer Kennzeichnungspflicht unterliegen. Für Konsument:innen wäre damit beim Einkauf nicht mehr erkennbar, ob ein Produkt gentechnisch verändert wurde oder nicht. Und für die gentechnikfreie Land- und Lebensmittelwirtschaft wäre es nahezu unmöglich, zu garantieren, dass ihre Felder und Produkte frei sind von mit CRISPR und Co. veränderten Pflanzen.”
Eine umfassende Gentechnik-Kennzeichnung wäre nicht mehr möglich
Diese Entwicklung hätte auch Auswirkungen auf den Lebensmitteleinzelhandel und die großen Supermärkte und Discounter. Schließlich sind gentechnikfreie Milch und Molkereiprodukte inzwischen nicht mehr aus den Regalen wegzudenken, auch Fleisch wird zunehmend „ohne Gentechnik“ produziert und entsprechend gekennzeichnet. Sollten mit neuer Gentechnik modifizierte Pflanzen ohne Regulierung auf den Markt kommen dürfen, wäre eine umfassende Kennzeichnung einschließlich neuer Gentechnik aber nicht mehr möglich. 2021 haben sich eine Reihe europäischer Unternehmen, unter ihnen auch Aldi, Lidl Deutschland sowie Rewe und Penny, in einer Resolution dafür ausgesprochen, auch neue Gentechnik klar als Gentechnik zu regulieren. Andere prominente Namen des deutschen Handels wie Edeka, Kaufland und Metro fehlten dagegen in der Liste der Zeichner.
Auch fünf Jahre später stehen die großen Supermarktketten noch sehr unterschiedlich zum Einsatz neuer Gentechnik. Aldi Nord und Süd schließen neue Gentechnik für ihre Produkte konsequent aus und fordern gemeinsam mit Rewe und Penny eine Kennzeichnung und strikte Regulierung. Dagegen positionieren sich Edeka und Netto sowie Lidl und Kaufland weder zur generellen Nutzung noch zur Kennzeichnung und Regulation. Das zeigt das Ergebnis des Gentechnik-Supermarkt-Check von Greenpeace, der die Positionen der deutschen Supermarktketten bei neuer Gentechnik beleuchtet.
Supermarkt-Check Gentechnik
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HerunterladenEdeka, Kaufland und Lidl ducken sich vor Position zur Gentechnik weg
Die Antworten zeigen eine Spaltung im LEH. Aldi Nord und Aldi Süd lehnen Produkte aus den Verfahren der neuen Gentechnik ab. Sie stimmten dem Statement zu: "Um den Wünschen und Erwartungen unserer Kund:innen gerecht zu werden, bekennen wir uns in aller Klarheit, dass wir keine Produkte aus den Verfahren der sogenannten ‘Neuen Gentechnik’ führen wollen". Die anderen Handelsunternehmen Rewe und Penny, Lidl und Kaufland sowie Edeka und Netto trafen keine klare Antwort. Sie positionierten sich zwar kritisch gegenüber Verfahren neuer Gentechnik, stimmten aber dem obigen Statement nicht eindeutig zu. Damit sprechen sich diese Unternehmen nicht gegen die Nutzung neuer Gentechnik aus.
“Marktriesen wie Edeka, Lidl und Kaufland müssen jetzt Farbe bekennen. Es braucht ein klares und geschlossenes Signal an die Politik: Wir wollen keine Gentechnik durch die Hintertür!“.
Welche Folgen eine Ausnahme von der Kennzeichnungspflicht nach sich zieht, zeigt der aktuelle Sortiments-Check bei Fleisch, Milch und Eiern von Greenpeace. Da tierische Produkte nicht unter die gesetzliche EU-Kennzeichnungspflicht für Gentechnik fallen, ist es den Handelsunternehmen überlassen, ob sie gentechnikfreie Sortimente mit freiwilligen Siegeln kennzeichnen. Der Greenpeace-Check belegt: Gerade bei Ware, für die viel Gen-Soja gefüttert wird – etwa bei Schweinefleisch – fehlen gentechnikfreie Produkte in nennenswerter Zahl. Der Vergleich zeigt deutliche Unterschiede im Einzelhandel: Während einige Ketten bereits hohe Standards bei der Gentechnikfreiheit setzen, bildet Edeka das Schlusslicht.
“Die Politik steht in der Pflicht, die Wahlfreiheit bei Gentechnik für Landwirtschaft, Handel und Verbraucher:innen durch eine lückenlose Kennzeichnungspflicht zu sichern. Die Gentechnikfreiheit ist ein ökonomischer und ökologischer Erfolg, den wir jetzt verteidigen müssen.“
Ein breites Verbändebündnis wendet sich mit einer Resolution gegen die Pläne der EU zur Deregulation neuer Gentechnik. Nachdem Anfang Dezember 2025 der EU-Trilog eine umfassende Deregulierung durchgeboxt hat, hängt es nun am Parlament. Anfang März wird eine abschließende Abstimmung im Plenum erwartet.
Neue Gentechnik: Resolution zur Grünen Woche
Anzahl Seiten: 6
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