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Schwarzer Fluch

Seit letztem Jahr ist Kolumbien Deutschlands größter Lieferant von Steinkohle. Verlierer des Geschäfts ist vor allem die indigene Volksgruppe der Wayúu, auf deren Territorium sich die Minen in die Landschaft fressen. Ein Bericht aus dem Greenpeace Magazin 4/2012.

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Sie verehren Mutter Erde als lebensspendende Göttin. Das, was gerade mit ihr passiert, ist in den Augen der Wayúu eine Vergewaltigung. Die größte indigene Volksgruppe Kolumbiens lebt im äußersten Norden des Landes. Unter ihren Füßen liegen gewaltige Steinkohlevorkommen, nach denen es die großen Industrieländern wie Deutschland dürstet.

Riesige Tagebaue fressen sich durch das ehemals fruchtbare Land. Sie vernichten die Vegetation und verschmutzen die lebenswichtigen Flüsse, vor allem aber nehmen sie den Wayúu ihr Land: Etliche von ihnen wurden vertrieben, viele bedroht, einige offenbar sogar ermordet. Für sie alle endete mit den Kohleminen das Leben in Freiheit.

Mit dem Verlust des Landes geht unsere ganze Geschichte verloren, unsere kulturelle Identität, sagt Angélica Ortiz. Vorher waren wir einfache Bauern, jetzt sind viele gezwungen, zu Hungerlöhnen für die Bergbaufirmen zu arbeiten. Mit ihrer Menschenrechtsorganisation Fuerza de Mujeres Wayúu kämpft sie gegen die übermächtige Kohleindustrie - selten passte der Vergleich David gegen Goliath besser. In ihrem Department La Guajíra betreiben die Bergbauunternehmen BHB Billiton, Anglo American und Xstrata einen der größten Steinkohletagebaue der Welt: El Cerrejón. Seinem ungehemmten Wachstum droht nun der wichtigste Fluss der Region zum Opfer zu fallen. Seine Umleitung wäre der Tod unseres Territoriums, sagt Ortiz. Sie spricht mit leiser Stimme und leerem Blick. Man merkt ihr die Spuren des harten Kampfes deutlich an.

Wir werden von paramilitärischen Gruppen bedroht. Ich habe öffentlich der Polizei, dem Gemeinderat von Barranca und den Bergbauunternehmen gesagt: Wenn mir etwas passiert, dann seid ihr dafür verantwortlich. Wenn ihr mein Blut vergießen müsst, dann tut das, erzählt Ortiz.

Gut 9000 Kilometer entfernt setzen deutsche Stromkonzerne noch immer auf Kohle als Energieträger - woher sie stammt, müssen sie nicht offenlegen, verantwortlich fühlt sich niemand. Laut dem Food First Informations- und Aktions-Netzwerk (FIAN) gehen 95 Prozent der in Kolumbien geförderten Kohle ins Ausland. Das lateinamerikanische Land löste Russland im vergangenen Jahr als größten Steinkohlelieferanten für Deutschland ab. Mit über zehn Millionen Tonnen lieferte es mehr als ein Viertel des Gesamtimports. Und der deutsche Kohlehunger wird trotz Energiewende in Zukunft wachsen: Zu den 139 bereits laufenden Blöcken planen die Konzerne zusätzlich über 20 neue Kraftwerke, die Hälfte davon wird schon gebaut.

Mit Unterstützung von FIAN machten Angélica Ortiz und der Menschenrechtsanwalt Alirio Uribe Munoz in diesem Frühjahr eine Tour durch Deutschland und die Schweiz. Sie sprachen mit Bundestagsabgeordneten und forderten bei den Hauptversammlungen von RWE und Eon ihre Rechte ein. Geändert hat sich bisher aber nichts. Ortiz weiß: Wenn der Boden irgendwann ausgebeutet ist, werden sie das Land einfach wieder fallen lassen - mit all den ökologischen und sozialen Schäden, die sie ihm angetan haben.

(Autorin: Svenja Beller)

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