Brigitte Behrens, von 1999 bis 2016 Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland

Die Ärmel hoch- und die Gesellschaft umkrempeln

17 Jahre lang war Brigitte Behrens Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland – nun geht sie in Ruhestand. Und verspricht: „Ich bin sicher, dass ich mich weiter engagieren werde.“
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„Mein Traum ist, zu erleben, wie das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz geht“, sagt Brigitte Behrens. Ihr Leben lang hat sie sich gegen die gefährliche und lebensfeindliche Technologie stark gemacht – in Bürgerinitiativen, auf Großdemonstrationen und nicht zuletzt 30 Jahre lang bei Greenpeace. Seit 1986 arbeitete Brigitte Behrens für das deutsche Büro der Umweltschutzorganisation, erst als Assistenz der Geschäftsführung, 1988 als kommissarische und stellvertretende Geschäftsführung und schließlich 17 Jahre lang als erste Geschäftsführerin. Im Herbst 2016 geht sie in den Ruhestand.

In diesen 30 Jahren hat Greenpeace viel für die Umwelt erreicht. Dass es heute einen Weltpark Antarktis gibt, dass Papier nicht mehr mit Chlor gebleicht wird, dass in Kanada mit dem Great Bear Rainforest mehr als drei Millionen Hektar gemäßigter Regenwald unter Schutz stehen, sind Erfolge, die sich die globale Umweltorganisation mit auf ihre Fahnen schreiben kann. „Greenpeace ist sehr effizient. Und es rührt mich immer wieder, wenn ich sehe, dass jahrelange harte Kampagnenarbeit in Erfolgen mündet“, erklärt Brigitte Behrens. So wie beim Atomausstieg in Deutschland oder als Shell 2015 verkündete, auf Ölbohrungen in der Arktis zu verzichten.

Neue Wege

Behrens, Jahrgang 1951, wurde zur Zeit der 1968er-Bewegung erwachsen. Wie viele andere wollte sie kein klassisch bürgerliches Leben. „In unserer Elterngeneration legte man Wert auf eine Heile-Welt-Fassade – über die Probleme dahinter wurde nicht geredet, das fand ich unerträglich“, erzählt Behrens. Exotische Lebensentwürfe wie die Hippiekultur inspirierten sie.

In Hamburg studierte sie Soziologie und gründete die „Frauenkneipe“, das erste Kommunikationszentrum nur für Frauen in der Hansestadt. Dort wurde nicht nur geklönt und getanzt, sondern auch zu großen Themen diskutiert, zum Beispiel zur Atomkraft. Die Technologie war Brigitte Behrens schon immer mehr als unheimlich. Sie schloss sich einer Bürgerinitiative an und protestierte gegen ein neues AKW in Brokdorf an der Elbe – das am Ende doch gebaut wurde.

Begeistert von mutigen Umweltschützern

Nach dem Studium arbeitete sie zunächst beim NDR, bei Polygram, bei Gruner+Jahr und der Behörde für Arbeit, Jugend und Soziales. Dann weckte Greenpeace ihre Neugier. Die mutigen Aktionen der Umweltschützer begeisterten sie. Auch die Kompetenz, die Hartnäckigkeit und Wirksamkeit der Organisation gefielen ihr. „Ich hielt damals und halte Greenpeace bis heute für die effektivste Umweltschutzorganisation überhaupt. Es sind nur ein paar tausend Menschen, die sich da mit Weltkonzernen und Regierungen anlegen – doch was hat Greenpeace alles erreicht!“, erklärt Brigitte Behrens, warum sie so lange und so gern für den Verein arbeitete.

1985 bewarb sie sich initiativ im Hamburger Greenpeace-Büro und wurde ein Jahr später als Assistentin der Geschäftsführung eingestellt. Nach einer Ausbildung im Management in Non-Profit-Organisationen 1989 setzte sie der Aufsichtsrat als stellvertretende Geschäftsführerin, zehn Jahre später als alleinige Geschäftsführerin ein. 2002 wurde ihr Kampagnen-Geschäftsführer Roland Hipp zur Seite gestellt, der sie seitdem unterstützte und vertrat und ihr nun als Hauptgeschäftsführer nachfolgt.

Neue Projekte mit Blick auf die Zukunft

Im Lauf der Jahre hat Brigitte Behrens einige starke Akzente gesetzt. Zum Beispiel starteten 1990 mit ihrer Unterstützung die Kinder- und Jugendprojekte von Greenpeace. Behrens: „Die Jugendlichen, die zu uns kommen, sind klug und politisch bestens informiert. Die wollen und werden Gesellschaft mitgestalten.“ 1998 setzte sie trotz anfänglichem Gegenwind auch das Thema Gentechnik auf die To-Do-Liste der Umweltschützer, worauf sie stolz ist. „Ich empfinde die gentechnische Manipulation von Tieren und Pflanzen ähnlich riskant wie Atomkraft“, erklärt Behrens. „Ohne dass man es sieht, fühlt, riecht oder hört wird ein natürliches System für immer verändert. Die Risiken überlassen wir den nächsten Generationen, und ich wollte, dass wir für eine ökologische Landwirtschaft ohne Gentechnik und Agrargifte arbeiten.“

Mit Stolz blickt sie auch auf Greenpeace Energy. Von Anfang an unterstützte sie die Entstehung der Energiegenossenschaft, die sich durch Handel mit Ökostrom aktiv in den Energiemarkt einmischt. Ein entscheidendes Kriterium war für Brigitte Behrens das Modell einer Genossenschaft, denn dabei nehmen die Teilnehmer die Stromversorgung selbst in die Hand. Von deren Gründung 1999 bis 2013 war sie Aufsichtsratsvorsitzende von Greenpeace Energy. 

Gelassenheit statt Rampenlicht

Brigitte Behrens geht und ging es nie darum, im Rampenlicht zu stehen. Sie war eine Führungspersönlichkeit der leisen Tonart. In all den 17 Jahren als erste Geschäftsführerin steuerte sie das „Schiff Greenpeace“ mit großer Gelassenheit, und viel Feingefühl sicher durch alle Turbulenzen. Egal, ob politische Gegner den Verlust der Gemeinnützigkeit anstrebten oder die Anlagepolitik von Greenpeace International die deutschen Spender erschütterte – die Wahlhamburgerin behielt  immer einen kühlen Kopf. Aufregung liegt ihr nicht.

 „Die Arbeit als Geschäftsführerin war manchmal ein Drahtseilakt – auf der einen Seite war ich verantwortlich dafür, dass die Spenden satzungsgemäß verwendet werden und alles seine absolute rechtliche Richtigkeit hat. Auf der anderen Seite durfte ich diese wilde Kraft der Greenpeace-Mitarbeiter, ‘die Welt retten zu wollen‘, nicht zu sehr durch Regeln und Vorschriften beengen.“, erklärt Brigitte Behrens. Dabei begegnete sie ihren Mitarbeitern immer auf Augenhöhe. Für jeden hatte sie ein offenes Ohr, kannte und begrüßte ihre Mitarbeiter alle stets beim Namen. „Ich habe mich immer gefragt: Wie wäre es, wenn ich unter mir arbeiten müsste? Was würde mir gefallen, was würde mich stören?“

Auch deshalb genoss Brigitte Behrens immer großes Vertrauen und Ansehen unter den  Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – nun blicken alle gespannt auf die neue Riege in der Geschäftsführung. Ganz und gar zurückziehen mag sich Brigitte Behrens jedoch nicht: „Ich habe immer so gerne gearbeitet, dass ich mir sicher bin, dass ich mich weiter engagieren werde“, sagt sie. Ihr Herz schlägt einfach für die Umwelt.

„Allerdings glaube ich, dass Greenpeace es generell schwerer haben wird in Zukunft“, meint sie. Denn wenn Terror und Krieg zunehmen, interessieren sich die Menschen weniger für Umweltthemen. Auch werden Umweltprobleme wie Klimawandel, Übernutzung der Ressourcen oder Massenkonsum immer komplexer, und die Verursacher davon sind nicht mehr so eindeutig zu benennen. Dazu muss man an vielen Schalthebeln gleichzeitig ansetzen und im Grunde auch die Gesellschaft und ihr Konsumverhalten umkrempeln. „Aber die Probleme sind menschgemacht“, so Brigitte Behrens. „Also haben es auch wir Menschen in der Hand, sie zu verändern.“

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