Nach dem Unglück der MSC Zoe in der Nordsee: Aufräumarbeiten auf Borkum

Überbordende Umweltschäden

Containergut wird nach Schiffsunfall auf Borkum angespült – Greenpeace ist vor Ort. UPDATE vom 7.1.: Havariekommando bestätigt: Ladung enthält gesundheitsschädliche Weichmacher.

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UPDATE vom 7. Januar 2019:

Das Havariekommando hat die Greenpeace-Recherchen heute schriftlich bestätigt: Einer der beiden verloren gegangenen Gefahrgut-Container des havarierten Frachters MSC Zoe enthält deutlich mehr gesundheitsschädliche Chemikalien als bisher öffentlich bekannt.  Greenpeace fand durch EU-Datenblätter heraus, dass das chemische Gemisch neben den bisher kommunizierten Peroxiden auch bis zu 50 Prozent umweltschädliches Dicyclohexyl-Phthalat enthält. Zwei der insgesamt 280 verlorenen Säcke mit Chemikalien sind bereits auf der niederländischen Insel Schiermonnikoog gefunden worden. Das Havariekommando hat die Gefahreninformationen für die beteiligten Einsatzkräfte inzwischen präzisiert.

„Verkehrsminister Scheuer muss sich umgehend für den verpflichtenden Einsatz von Ortungssystemen für Gefahrgutcontainer auf europäischen Schifffahrtswegen einsetzen“, fordert Viola Wohlgemuth, Greenpeace-Expertin für Chemie. Die technischen Möglichkeiten dafür seien vorhanden.

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Am Samstagmorgen ist ein kleines Greenpeace-Team mit der ersten Fähre auf Borkum angekommen – ohne Banner oder Schilder, sondern erst einmal, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Auf der Strandpromenade wurden die Umweltschützer in Gummistiefeln dennoch gleich von einem freiwilligen Aufräumhelfer als Gleichgesinnte erkannt. Die Nordseeinsel leidet seit einigen Tagen unter einem aufsehenerregenden Müllproblem: Der Frachter MSC Zoe, eines der größten Containerschiffe der Welt, hat am Mittwoch vergangener Woche bei Sturm auf See einen vergleichsweise kleinen Teil seiner Ladung verloren. Bei einer enormen Ladekapazität von 19.000 Containern mögen 280 nicht viel sein – aber deren Inhalt verschmutzt derzeit die Strände an der Nordsee, und zwar auf Schritt und Tritt.

Auch als Besucher mit besten Absichten fühlt man sich da ein bisschen wie ein Katastrophentourist. Eine Einschätzung, die von den Einheimischen zum Glück nicht geteilt wird: Auch Gassigänger, Fahrradfahrer, Spaziergänger mit großen blauen Mülltüten sprachen die Umweltschützer aus Hamburg an und verrieten ihnen, an welchen Strandabschnitten noch Hilfe benötigt wird. Auch wenn sie sicherlich nicht auf Verstärkung gewartet haben – bereits am Vormittag konnte die Strandreinigung etliche Sammelhaufen in ihre Anhänger hieven. Die Borkumer halten ihre Insel sauber.

Jede Flut bringt neue Überraschungen

Aber es ist eine Sisyphos-Arbeit. Die Gezeiten führen am Strand ein hässliches „Tischlein deck dich“-Spiel auf. Jede Flut bringt neuen Müll aus dem Meer – und neue böse Überraschungen. Am Freitag waren es – durch das Salzwasser selbstverständlich unbrauchbare – Fernsehgeräte. Am Samstag lagen Schutzbleche, Kunststoffblumen und Kriegsspielzeug auf dem Sand: Plastikhelme, Plastikgewehre, Plastikschutzwesten. Niederländischen Inseln wie Terschelling, Ameland oder Texel haben mit der unerwünschten Lieferung über den Seeweg sogar noch stärker zu kämpfen; interessanterweise ist die rechtliche Lage dort ein wenig anders als in Deutschland: Wer bei den europäischen Nachbarn etwas am Strand findet, darf es in der Regel behalten.

Bei der traurigen Beute am Strand von Borkum muss man sagen: Viele dieser Fundsachen möchte man nicht einmal geschenkt und einwandfrei haben. „Was wir hier sehen, ist ein Spiegel der Gesellschaft, das ist überbordender Überfluss“, sagt Viola Wohlgemuth, Greenpeace-Expertin für Konsum, hinsichtlich Anhängern voller zerstörter Plastik-Billigware. „Konsumgüter sollen möglichst schnell und kostengünstig transportiert werden – den Preis zahlt die Umwelt.“ Dabei muss gerade so ein empfindliches Ökosystem wie das Wattenmeer wirkungsvoll vor schädlichen Einflüssen geschützt werden.

Müll wird zu Mikroplastik

Plastik am Strand ist kein kosmetisches Ärgernis für Ordnungsliebende, sondern ein Umweltproblem, das von Jahr zu Jahr schwerer wiegt – buchstäblich. Unsere Meere stecken bereits heute voller Kunststoff. Bislang schätzt man, dass sich rund 150 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen verteilen, jährlich kommen bis zu 13 Millionen Tonnen dazu. Seevögel verenden in Schlingen oder verhungern mit gefüllten Bäuchen, weil sie voller unverdaulichem Kunststoffabfall sind; in den Mägen gestrandeter Wale findet man ebenso eine haarsträubende Vielzahl Plastikgegenstände.

Als gäbe die unvorstellbare Menge nicht ausreichend Grund zur Sorge, sind es gerade die von Wellenbewegungen und UV-Strahlung zerriebenen feinsten Plastikteile, die Umweltschützern großes Kopfzerbrechen bereiten. An sogenanntem Mikroplastik können sich Giftstoffe anlagern, die so in die Nahrungskette gelangen – vom Fisch, der sie frisst, bis zuletzt zum Menschen. Auch wenn der Plastikmüll der MSC Zoe im weltweiten Maßstab ein kleiner Eintrag in die Meere ist – der Schaden kann nichtsdestotrotz groß sein.

Gift über Bord

Zudem hat die Reederei MSC bestätigt, dass ebenfalls zwei Container mit Gefahrgut über Bord gegangen sind. Sie wurden bislang nicht gefunden – Teile ihrer Ladung schon. Zwei Säcke mit Chemikalien sind bereits an der niederländischen Insel Schiermonnikoog angelandet. Nach Durchsicht der Datenblätter ist nun klar: Sie enthalten nicht nur Dibenzoylperoxid, einen giftigen Stoff, der zur Kunststoffherstellung verwendet wird, sondern zu gleichen Teilen auch Phthalate, sogenannte Weichmacher.

„Phthalate sind nach der EU-Chemikalienverordnung REACH als besonders bedenkliche Substanz einzustufen“, sagt Manfred Santen, Greenpeace-Experte für Chemie, der ebenfalls derzeit auf Borkum ist. „Das erschwert das Problem noch einmal.“ Weichmacher können das Hormonsystem schädigen und beispielsweise die männliche Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Bislang ist keiner der 280 verlorenen Säcke in Deutschland gefunden worden. Santen ist im Austausch mit den Behörden, auf der Insel weiß man Bescheid: „Der Bürgermeister versichert, dass alle Helfer eingewiesen sind und niemand diese Säcke anfassen würde.“

Ein weiterer Container enthält Lithium-Ionen-Batterien, wie sie zum Beispiel in Mobiltelefonen verbaut werden. Lithium ist giftig und reagiert mit Wasser – nichts, was in die Umwelt gelangen sollte. MSC versichert auf seiner Webseite, die Bergung fortzusetzen „bis der letzte Container gefunden ist“ und arbeitet dafür mit dem deutschen Havariekommando zusammen, das die Aufräumarbeiten koordiniert. (Das Flugmuster, mit dem das Havariekommando das Gebiet untersucht, in dem Container vermutet werden, finden Sie hier.)

Ein Versprechen – und eine Forderung

An dieses Versprechen wird Greenpeace die Reederei erinnern; genau wie an die Forderung der Umweltschützer, wenigstens Gefahrengut-Container mit Peilsendern auszustatten – ein Vorstoß, den Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) ebenfalls unterstützt. „Da gibt es großen Nachholbedarf“, so Santen.

In den kommenden Tagen wird sich Greenpeace weiterhin mit freiwilligen Helfern an den Aufräumarbeiten beteiligen und logistische Hilfe anbieten. Nach diesem Wochenende, wenn die Schulferien zu Ende sind, sind auch weniger Urlauber auf der Insel, die in den Tagen zuvor noch tatkräftig am Strand anpackten. Die Unfallschäden bleiben: In der Nacht zu Sonntag schwemmte die Flut erneut über Bord gegangene Fracht an. Der Strand wird wieder aufgeräumt. Und wieder. Und wieder. Bis die Borkumer endlich Ruhe vor den unerwünschten Geschenken der MSC Zoe haben.

Die Route der MSC Zoe in der Unfallnacht

Route der MSC Zoe

(Klicken zum Vergrößern)

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