Nach Havarie: Greenpeace untersucht Mikroplastik-Funde auf Borkum

Schlechtes Strandgut

Am Strand von Borkum findet Greenpeace große Mengen Mikroplastik, offenbar von der havarierten MSC Zoe. Was noch kommt, weiß niemand: Die Reederei legt die Ladeliste nicht offen.

  • /

Die verlorene Ladung der Anfang Januar havarierten MSC Zoe verschmutzt auch nach rund zwei Wochen noch die Strände deutscher und niederländischer Nordseeinseln. Was auf Terschelling, Ameland oder Borkum angespült wird, mag man Strandgut nennen – tatsächlich sind die Funde am Strand schlecht, ausschließlich. Greenpeace-Aktivisten und -Ehrenamtliche sind derzeit vor Ort auf Borkum und finden massenweise Plastik im Sand.

Dazu gehören große Mengen Polypropylen und Polyethylen in Granulatform. Die Stoffe sind an sich kein Gefahrgut, verteilt im Meer werden sie aber dazu. Die Kügelchen sind bereits ab Werk Mikroplastik – eine gängige Definition lautet, dass Plastikteile unter fünf Millimetern Durchmesser dazuzuzählen sind. Sehr wahrscheinlich stammt das Material aus der verlorenen Fracht der MSC Zoe. Am Bestimmungsort sollte wohl Verpackungsmaterial daraus werden; stattdessen treibt das Granulat nun in der Nordsee.

Einen Schritt übersprungen

Plastik im Meer ist immer ein Problem, egal in welcher Form – doch dieser Plastikmüll überspringt einen Schritt. Der übliche größere Kunststoffabfall wird von UV-Strahlung und Wellenbewegungen erst allmählich zu Mikroplastik zerrieben. Das Granulat, das Greenpeace am Strand von Borkum findet, ist für Meeresorganismen und Vögel aber bereits unmittelbar lebensbedrohend. Die Tiere halten den Kunststoff für Nahrung – und verhungern teils mit vollen Bäuchen. Und selbst wenn Polypropylen und Polyethylen per se nicht gesundheitsgefährdend sind: Giftstoffe im Meer lagern sich an dem kleinteiligen Müll an und gelangen so in die Nahrungskette. Und die reicht bis in die Fischtheke unserer Supermärkte.

Greenpeace-Aktivisten und -Ehrenamtliche räumen zusammen mit den Borkumern und weiteren freiwilligen Helfern seit Tagen den Strand der Nordseeinsel auf. Die Helfer sammelten seit Beginn des Monats Kriegsspielzeug und Plastikblumen, Fahrradschutzbleche und Matratzenschoner. Doch das Granulat aufzusammeln ist eine ganz andere Qualität der Aufräumbemühungen. „Mikroplastik vom Strand aufzusammeln ist eine Sisyphos-Arbeit“, sagt Manfred Santen, Greenpeace-Experte für Chemie. Sie muss dennoch gemacht werden, so gut es geht. „Das ist Müll, der teilweise jahrhundertelang die Nordsee verschmutzen wird“, so Santen weiter. Greenpeace testet derzeit mit Staubsaugern und Greifern verschiedene Möglichkeiten, die Plastikpartikel aufzuräumen.

Keine Transparenz seitens der Reederei MSC

Dass Tage nach der Havarie das schwierig zu entfernende Plastikgranulat an den Stränden angeschwemmt wurde, ist eine der vielen bösen Überraschungen, die der Unfall der MSC Zoe für die Nordseeinseln bereithielt – und vielleicht noch bereithält. An der niederländischen Insel Schiermonnikoog wurden zwei Säcke mit Giftstoffen gefunden, darin ein Gemisch aus Peroxiden und Phthalaten. Letztere sind hormonell wirksam und können die männliche Fortpflanzung schädigen. Was die Säcke, die lediglich als Gefahrgut erkennbar waren, tatsächlich enthielten, deckte erst eine Greenpeace-Recherche unzweifelhaft auf.

Dass zwei Gefahrgut-Container über Bord gegangen sind, hat die verantwortliche Reederei MSC bestätigt. Insgesamt hat das Schiff in der Nacht auf den 2. Januar nach jetzigem Stand 291 Container verloren. Was in denen genau drin ist, ist allerdings noch immer nicht bekannt, denn MSC sagt es nicht – und schiebt Datenschutzgründe vor. Daher kann nicht eingeschätzt werden, ob und wie viel Mikroplastik bei dem Unfall in der Nordsee verlorenging. Greenpeace fordert, dass Reedereien bei Unfällen auf See sofort Menge und Inhalt der verlorenen Fracht offenlegen „Wir können die Umweltfolgen kaum einschätzen, wenn die Reedereien der Öffentlichkeit diese Informationen vorenthalten“, so Santen.

Für Gefahrengutcontainer muss es zudem besondere Sicherheitsmaßnahmen geben – dazu gehören Ortungssysteme, die die Bergung verlorener Fracht erleichtern. Doch jetzt geht es auf Borkum und den anderen betroffenen Nordseeinseln erst einmal um Schadensbegrenzung.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Bedrohte Tiefsee

Der Wettlauf um die Ressourcen auf dem Meeresboden hat begonnen. Grund ist der große Hunger der Hightech-Industrie nach Kobalt, das sich in den Manganknollen in tausenden Metern Tiefe befindet. So wird der Tiefseebergbau eine der schwerwiegendsten neuen Bedrohung für unsere Ozeane, noch bevor wir ihre sensiblen Ökosysteme und ihre Prozesse überhaupt verstanden haben.

Haie unter Attacke

Obwohl sie sich „Schwertfischfischerei“ nennt, wird dabei im Nordatlantik hauptsächlich eins gefangen: Haie. Entweder absichtlich, oder als Beifang, zeigt dieser Greenpeace-Report.2017 zum Beispiel kam auf 1 Kilo Schwertfisch 4 Kilo Hai.

Mehr zum Thema

Schatzkammer Tiefsee

Der Hunger der Hightech-Industrie treibt den Wettlauf um die Rohstoffe auf dem Meeresboden voran. So wird der Tiefseebergbau zu einer massiven Bedrohung für unsere Ozeane.

Plastikflut in der Sargassosee

Seepferdchen, Meeresschildkröten, Aale: Die Sargassosee ist das Zuhause für viele Meeresbewohner. Doch diese sind zunehmend von Plastikmüll, Überfischung und Schiffverkehr bedroht.

Die Rechnung geht auf

Ein Drittel der Meere soll bis 2030 unter Schutz stehen. Nur welches? Greenpeace hat mit Wissenschaftlern errechnet, wo Schutzgebiete die größtmögliche Wirkung entfalten.