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Eindrücke aus Indien

Ostindien-Tagebuch: Team50+ bei Meeresschildkröten

Die Strände von Orissa (Ostindien) bieten der vom Aussterben bedrohten olivfarbenen Bastardmeeresschildkröte weltweit einen der letzten Brutplätze. Doch leider gleicht Orissa mittlerweile mehr einem Schildkrötenfriedhof als einem Brutplatz. Greenpeace-Aktivisten werden für die kommenden Wochen am Strand campieren, um um die Tragödie um die Schildkröten zu dokumentieren. Auch deutschen Aktivisten sind vor Ort.

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11.04.06 - Life cycles

In Rushikulya, einem der letzten verbliebenen Massennistplätze in Orissa, schlüpfen seit einigen Tagen die jungen Schildkröten. Tausende Hatchlings kriechen aus ihren Eiern, graben sich aus dem Sand und verschwinden in Richtung Meer. Im Gegensatz zur Devi-Region, wo seit sieben Jahren kein Arribada (Massennisten) mehr stattgefunden hat, ist Rushikulya von den lokalen Behörden vergleichsweise gut geschützt. Der Effekt manifestiert sich in einem einzigartigen Naturschauspiel, dass Besucher aus aller Welt anlockt. Auch wir, das gesamte Turtle Witness Camp, haben uns auf einen zweitägigen Ausflug begeben, um Zeuge dieses einzigartigen Ereignisses zu werden.

Die jungen Schildkröten lassen sich am besten nachts und in den frühen Morgenstunden beobachten. Zusammen mit Mitgliedern des Rushikulya Sea Turtle Conversation Committees begaben wir uns also am späten Abend auf den Weg zum Strand. Dort angekommen, sahen wir bereits das erste Nest, aus dem sich ein wimmelnder Haufen frisch geschlüpfter Schildkröten durch den Sand in Richtung Oberfläche grub. Nur wenige Zentimeter groß stolperten diese Winzlinge scharenweise in Richtung Meer und verschwanden schließlich in den Fluten des indischen Ozeans. Die Männchen werden nie wiederkommen, während die Weibchen, sofern sie denn bis zur Geschlechtsreife überleben, Jahrzehnte später zur Eiablage an denselben Strand zurückkehren werden.

So viele junge Turtles zu sehen, war für uns alle ein unbeschreibliches Gefühl. Auf unseren Patrouillen an den Stränden von Devi haben wir stets viele tote Schildkröten und nur wenige lebende gesehen. Während unserer Zeit in Rushikulya hingegen stand das Leben im Vordergrund. Bis in die frühen Morgenstunden wimmelt es dort zu dieser Jahreszeit nur so von jungen Schildkröten. Dann allmählich wird die Zahl geringer, bis schließlich nur noch die aufgebrochenen Eischalen das nächtliche Schauspiel verraten.

Bei Tageslicht warten allerdings auch schon die ersten Gefahren auf die Kleinen. Krähen, Falken und andere Räuber machen Jagd auf die Winzlinge. Nur wenige von ihnen werden überleben und nur ihre große Anzahl stellt sicher, dass die Population erhalten bleibt. Die Schildkröten, die es bis zum Morgen nicht zum Meer geschafft haben, werden deshalb von Mitgliedern des Forest Departments, Schulklassen, lokalen Helfern und Touristen eingesammelt. Eine Anteilnahme die bewegt.

Es ist schön zu sehen, wie alle Hand in Hand arbeiten. Auch wir konnten dabei mithelfen, diese winzigen Kreaturen mit den Händen einzusammeln und im Wasser auszusetzen.

Dann der Moment in dem die Turtles von der Brandung weggespült werden, zum ersten Mal ihre Flossen bewegen und beim ersten Tropfen Wasser wie wild anfangen zu rudern.

Ein unglaubliches Gefühl!

Isis

11.04.2006 - Rushikulya war in der Tat eine wunderbare Erfahrung.

Keiner von uns blieb unberührt von der Geburtsstunde der kleinen Olive Ridleys, indische wie internationale Freiwillige sowie der indische Greenpeace-Geschäftsführer Ananth mitsamt Tochter.

Wer dieses Schauspiel hat sehen dürfen, versteht die Anregung unseres indischen Campaigners Bidhan beim Fernsehinterview an Ort und Stelle - ein wunderbarer Vorschlag gerichtet an alle tatenlosen Entscheidungstraeger im Orissa Forest Department, bei TATA und Co.

Nehmt Euch frei, kommt her, schaut Euch an, was es noch zu beschützen gilt; seht welche Hindernisse sie überwinden müssen!

Die pillendöschengroßen Hatchlings, die wunderbarsten kleinen Kreaturen, die ich je mit eigenen Augen sah und das Glück hatte, zwischen Daumen und Zeigefinger vorsichtig gen Freiheit tragen zu dürfen - gleichsam wissend, daß für eine jede Frischgeschlüpfte ein harter Kampf ums Überleben beginnt, sobald wir sie in die Brandung entlassen. Und das eimerweise.

Nur ungefähr ein Hatchling unter rund 1000 Brüdern und Schwestern überlebt all die Hürden, den langen Marsch zum Ozean, die Strandkrähen und Hunde, die zahlreichen Fressfeinde auf seiner Reise in fremde Gewässer.

Ein unglaublich langer Prozess, bis die wenigen überlebenden Schildkröten es letztendlich geschafft haben erwachsen zu werden - drei Monate brüten in heißem Sand , viele nächtliche Stunden nach dem Wasser suchen, zehn Jahre der Geschlechtsreife entgegenschwimmen ...

Herzzerreißender, Blut hochkochender Wahnsinn dagegen die Vorstellung, wie bis zu 200 Schildkröten innerhalb einer einzigen Stunde in einem Schleppnetz zu Tode kommen. 200-mal eine Lebensspanne von bis zu 150 Jahren verloren, nach 40 Minuten ohne Luft. Einfach so.

Unmöglich diese Bündel verstrickter, toter Schildkröten jeh wieder aus dem Netz zu befreien, kappen die Fischer in der Regel wohl schlicht und ergreifend die Seile, lassen die Leicheninseln auf offener See treiben. Unmöglich zu sagen, wie viele Kadaver nie an Land gewaschen werden und so unbekannt, ungezählt bleiben.

In den pragmatischen Worten einer der Dokumentationen, die wir später gemeinsam im Interpretation Centre des Conservation Comittees sehen:

Eine absolute no win-Situation.

Die von der Regierung angebotenen kostenlosen schildkrötenfreundlichen Netze, die eine spezielle Fluchtklappe bieten, werden schlecht angenommen. Vor allem der mit den Netzen verbundene Verlust von 5 bis 10 Prozent des Fangs ist den am Existenzminimum lebenden Fischern eine zu grosse Zumutung. Sie verlangen eine Entschädigungszahlung, wenn sie die Netze einsetzen sollen.

Heute haben wir die kleinen Olive Ridleys zwar treusorgend bis zum Wasser begleiten können. Dabei die Krähen verscheuchend, die mit ihren spitzen Schnäbeln die Hatchlings oft schneller aufpicken, als man es verhindern kann.

Was aber danach kommt, spüren wir alle, liegt hier und heute nicht in unserer Hand.

Rushikulya war ein einmaliges Erlebnis, ein gutes Gegengewicht vor allem für die Freiwilligen unter uns, die sie gezählt haben, gesehen, gerochen, die 2127 toten Olive Ridleys.

Das Monitoring unseres Turtle Witness Camps bleibt ein kleiner Ausschnitt -- ein, wie ich glaube, vergleichsweise kleines Mahnmal des grossen Sterbens an den Küsten Orissas.

So aber konnten wir, jeder für sich, zumindest den Kreis schließen, vom Werden und Vergehen; es bleibt die Hoffnung erhalten, dass das Leben einen - wenn auch beschwerlichen - Weg findet.

Denn die Hoffnung stirbt erst ganz zuletzt.

Sylvie

09.04.06 - Ein Greenpeace-Stand, klar! Wandzeitung, Kurzinfos, Hintergrundmaterial. Fotoausstellung, Beamer, Slideshow. Same procedure, denkt man vielleicht... Oder nicht?

Nicht so unser Infostand auf dem Festival im nahe gelegenen Bandar Village! Die vielleicht pittoreskeste Umgebung, die der gute alte Infostand je gesehen hat -- absolutely the most exotic Greenpeace stall I ever lived to see.

Die Fotoausstellung unter Kokospalmen, an eben diese das Sonnendach gebunden, auf die allgegenwärtigen Bambusstäbe aufgebockt, mit denen hier so gut wie alles gebaut wird. Darunter unsere Reismatten, auf denen wir am Abend wieder schlafen werden - Vielzweckausstattung - denn in Indien setzt man sich zusammen zum Informieren, man lädt ein zum Verweilen, zum Austauschen, Lächeln.

Und Zustimmend-mit-dem-Kopf-Wackeln - eine Geste die immer wieder Vergnügen unter uns auslöst, mehr aber noch bei den Indern, für die es scheinbar wenig Witzigeres gibt als ein phirangi (Fremder, auf Hindi), der indische Gestik nachahmt.

Dann natürlich der Staub, er ist überall! Der gesamte Stand ist in kürzester Zeit gleichmäßig damit überzogen. Gemeinsam mit unserer gesamten Ausrüstung nehmen wir schnell einen satten Erdgeruch an; ein echtes Wunder, wie das Equipment, Kameras, Laptops, diese Härteprobe immer wieder überlebt.

Und die allgegenwärtige Aufmerksamkeit: Wenn nur in Deutschland ein Greenpeace-Stand eine solche Aufregung verursachen würde! Gedränge und aufgerissene Augen schon beim Aufbau, vor allem Kinder. Eine konstante Menschenmenge von fast 30 Personen umgibt uns - mit vor Staunen geöffneten Mündern.

Im Hintergrund der Holy Day, das Festival, dessen tieferen Sinn wir auch mit Hilfe unserer indischen Kollegen nicht ergründen. Es hat wohl etwas mit dem Segen durch den heiligen Devi-River zu tun. Ein indisches dörfliches Fest, das heißt endloser Gesang der Brahmanen, ohrenbetäubend verstärkt durch die Lautsprecher in den Bäumen. Räucherduft und tausend Füße, die sich durch den heißen Sand bewegen. Jeder Gast wird verpflegt, auch wir, in großen Reihen werden die hungrigen Mäuler im Fließbandverfahren mit dem trotzdem wirklich köstlichen Essen versorgt. Die Küche arbeitet heute im großen Stil, der Reis beispielsweise wird serviert aus einem geflochtenen Korb groß wie eine Badewanne!

Buntes Treiben, Hitze und Menschen, Menschen, Menschen ... mehrere tausend Dorfbewohner aus der Region zieht das Festival an, sagen die Leute aus Bandar uns bei unserem ersten, formaleren Besuch einen Tag zuvor. Alles strömt heute nach Bandar, rausgeputzt in bestem Hemd und Sari, die Kinder begeistert vom Trubel, den Luftballons und natürlich Kulfi (Joghurteis am Stiel)!

Sini aus Finnland nimmt sich der vielen Kinder an, leider fast nur Jungs, die den Stand seit unserer Ankunft belagern, starren, sich recken. Jetzt heißt es die Aufmerksamkeit auf das Thema Schildkröten lenken, den Fokus weg von den viel spannenderen Whiteys hin zu den Bildern von Hatchlings, Treibnetzen, Schildkrötenkadavern. Einer der Jungs weiß ganz genau Bescheid, kennt die Nistplätze der Olive Ridleys außerhalb Indiens; liest gespannt den indischen Greenpeace-Newsletter The Witness.

Es gibt auch hitzige Diskussionen - ein Mann aus der Fish Food Industry, wie er sich ausdrückt, macht mir verärgert klar, daß doch der traditionelle Fischer die vom Aussterben bedrohte Art sei. Warum wir denn hier nun die Leute über Schildkröten belehren??

Meine verzweifeltes Bemühen sein Englisch zu verstehen besänftigt ihn bereits, für weitere Diskussionen ist aber die Sprachbarriere dann doch zu groß - und der Brahmanengesang zu laut.

Wir geben lächelnd auf.

Letztlich sind wohl doch die fremden Gestalten das Interessanteste am Stand, die mit Ihrem seltsamen Gebahren alles aufwirbeln, mit Ihren Multitools, Bergen von Zeug und dem Riesenjeep, mit dem wir - einer Invasion gleich - ein Gelände geentert haben, wo es sonst vor allem bare Füsse und Ochsenkarren gibt.

Bidhan aber, indischer Campaigner und treibende Kraft für die lokalen Beziehungen, ist zufrieden. Nachdem wir den Abend mit einer Diashow des vorigen Festivaltages beschließen ist für weitere Arbeit in der Devi-Region nicht nur die Zusammenarbeit mit den Bewohnern gesichert, sondern auch echte freundschaftliche Bande geknüpft worden.

Max, Freiwilliger aus Russland, krönt unseren Anteil am Fest mit seiner Feuerperformance. Dann wird schnell abgebaut, um die weiteren Programmpunkte nicht zu stören, so die Abmachung.

Für die Leute hier ist Greenpeace seit heute sicher kein Fremdwort mehr.

Für mich persönlich wird klarer, was international sein zu wollen für eine Organisation wirklich alles bedeutet kann. Wie es die Vorstellungskraft übersteigt, bevor man das Wagnis wirklich eingegangen ist.

Wie ein multinationales Team wie wir - mit all seinen Stärken und Schwächen, mit seinen Konflikten und Freundschaften - durch eine solche Aufgabe zusammenwachsen kann.

Unsere Gemeinsamkeit bleibt Greenpeace, selbst wenn oder gerade weil wir hier viel Neudefinition betreiben.

Mein Bild davon, was Greenpeace alles sein kann, ist um eine sehr bunte und sehr staubige Facette reicher geworden.

Sylvie

01.04.06 - Die letzten beiden Tage habe ich mit anderen Camp-Teilnehmern an Bord der Sugayatri verbracht. Mit dabei war auch Sylvie aus Greifswald, die vor kurzem in Indien gelandet ist und bis zum Ende des Camps hier bleiben wird. Die Sugayatri war ursprünglich ein kleiner Trawler und wurde von Greenpeace Indien zur Unterstützung der Camp-Aktivitäten gechartert und umgebaut. Mit ihrer Hilfe können wir die Schutzgebiete der Schildkröten (wie etwas Gahirmatha) befahren und Verstöße gegen das dort herrschende Fischfangverbot dokumentieren.

In der Tat werden diese Schutzgebiete von den indischen Behörden nur unzureichend überwacht. So konnten wir auf unseren Patrouillen eine Reihe von Trawlern ausmachen, die dort illegal fischen. Die Schildkröten werden hier in Indien zwar nicht gezielt gejagt, verenden aber als Beifang in den Netzen der Trawler. Diese Fischerboote sind meist nicht sehr groß (zumindest nach europäischen Maßstäben), stellen aber auf Grund ihrer großen Anzahl dennoch eine der stärksten Bedrohungen für die Schildkröten dar. Allein in Paradeep, dem Heimathafen der Sugayatri, sind über 1.600 Trawler registriert.

Darüber hinaus werden unweit der Schutzgebiete mehrere Küstenabschnitte industriell genutzt, so dass der Rückzugsraum der Schildkröten ohnehin eng begrenzt ist. Insgesamt wird geschätzt, dass an den Küsten von Orissa in den letzten zehn Jahren mehr als 100.000 der Tiere verendet sind. Eine gewaltige Zahl, die den Bestand erheblich dezimiert hat. Dennoch haben wir auf unserer Fahrt mit der Sugayatri auch viele lebende Turtles gesehen. Schildkröten sind zwar hervorragende Taucher, kommen aber zum Atmen an die Wasseroberfläche und sind dann gut zu entdecken.

Neben der Dokumentationsarbeit ist Musik ein fester Bestandteil des Lebens auf der Sugayatri. Auch wenn es an Bord nur wenig Platz gibt, wäre es für die Crew wohl undenkbar ohne Trommeln, Schellenkranz und Flöte in See zu stechen. Diese Art der Lebensfreude ist sehr beeindruckend und führt dazu, dass es auf unserer Fahrt nach Paradeep nie langweilig wurde. Von Paradeep sind wir dann gestern Abend mit dem Bus weiter nach Bhubaneswar gefahren, der Hauptstadt von Orissa.

Nach gut einer Woche im Turtle Witness Camp, in dessen Nähe sich nur ein paar kleinere Fischerdörfer befinden, erscheint die hektische Betriebsamkeit einer indischen Provinzhaupstadt zunächst gewöhnungbedürftig. Dennoch sind die zwei oder drei Tage, die ich hier verbringen werde, auch eine nette Abwechslung vom Camp-Leben, und es ist schön für ein paar Tage die Annehmlichkeiten einer warmen Dusche und des Internets zu genießen.

Viele Grüße und bis bald, Isis.

28.3.2006 - Gerade beginnt ein Sturm im Camp, unsere Zelte gefährlich in Schieflage zu bringen. Er hat sich nach einem schwülen Tag mit unheilvollem Grollen angekündigt. Also werden hektisch alle Sachen zusammengepackt, unser Boot am Quai festgezurrt und wir finden uns unter dem schützenden Betondach ein. Aus der Küche dringt schon der leckere Duft indischer Gewürze.

Leider werden uns die Naturgewalten wohl um unseren heutigen Nightwalk bringen, der die einzige Chance darstellt, lebende Schildkröten zu sehen. Nur nachts kommen die Tiere noch vereinzelt an den Strand, um Eier zu legen.

Gestern Abend waren wir zu Gast bei unseren Nachbarn, einer Gruppe von lokalen Fischern. Wir stellten die Arbeit von Greenpeace Indien vor und erklärten, warum wir hier ein Camp aufgebaut haben. Die Fischer waren sehr interessiert und erzählten aus ihrem Leben.

Die meisten Schildkröten, die in den Netzen von Fischerbooten ertrinken, gehen auf die Kosten der Trawler, die in viel zu großer Anzahl hier vor der Küste fischen, auch in geschützen Gebieten. Diese Schiffe haben bis zu drei Netze im Schlepptau, die zwischen 1,5 und 3 Stunden im Wasser sind. So lange hält es keine Schildkröte ohne Luft aus. Verfängt sich ein Tier, muss es verenden.

Die kleinen Boote der Fischer haben dagegen nur ein Netz und bemerken sofort, wenn sie eine Schildkröte im Fang haben. Sie verurteilen das Massensterben der Schildkröten und finden es wichtig, dass sich Organisationen wie Greenpeace oder Green Life (eine lokale Initiative, mit der wir hier vor Ort eng zusammenarbeiten) für den Schutz dieser bedrohten Tiere einsetzt.

Sie selbst haben jedoch andere Probleme. Mittlerweile sind so viele Fischerboote unterwegs, dass es immer schwerer wird, vom Fischfang zu leben. Einzelne Fischarten sind zudem komplett überfischt. Sie wissen, dass sie eigentlich während der dreimonatigen Laichzeit nicht fischen sollten. Ihnen bleibt nur leider keine Wahl, um ihre Familien in dieser Zeit zu ernähren.

In ihrem Leben haben die Schildkröten daher nicht den größten Stellenwert. Wenn diese wunderbaren Tiere noch eine Chance haben sollen, dann muss die Regierung Maßnahmen ergreifen. Die Fangflotte muss reduziert werden, Schutzgebiete müssen eingeführt und kontrolliert werden und die Menschen der Region müssen die Möglichkeit zu alternativen Einkommen erhalten.

Trotz dieser Existenzprobleme sind die Menschen hier freundlich und lebensfroh. Es trat ein, wovor sich jede deutsche Touristin und jeder deutsche Tourist wohl am meisten fürchtet: Irgendwann hieß es Singt doch mal ein deutsches Lied. Egal wie schräg das dann klingt, wenn man sich einmal traut, ist der letzte Bann gebrochen und der Applaus ist einem in jedem Fall sicher.

Herzliche Grüße, Corinna

27.03.06 - Ein weiterer Tag im Turtle-Camp geht zu Ende. Die letzten Tage haben sich die Aktivitäten des Camps im Wesentlichen auf die Dokumentation von toten Schildkröten und von Nistplätzen beschränkt. An den Strandabschnitten zwischen Devi und Kadua zeigt sich besonders deutlich, wie dramatisch die Lage der Schildkröten hier in Orissa ist.

Kilometerweit reiht sich Kadaver an Kadaver - in unterschiedlichen Verwesungsstadien. Was auf den ersten Blick wie ein wunderschöner Urlaubsstrand wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein bizarrer Friedhof. Mehr als 200 neu angeschwemmte tote Schildkröten konnten wir allein in den letzten drei Tagen zählen und fotografieren.

Die meisten Tiere hatten sich in den Netzen von Trawlern verfangen, die (oft illegal) an den hiesigen Küsten fischen. Da die Schildkröten sich in aller Regel nicht aus den Netzen befreien können, ertrinken sie qualvoll. Zwar gibt es auch viele frische Nester, doch die Eier werden oft noch in derselben Nacht von streundenden Hunden gefressen.

Mit diesen Eindrücken ins Camp zurückzukehren ist bedrückend, zumal die Übernutzung der Meere nicht nur das Überleben der Schildkröten gefährdet, sondern auch zu Lasten der hier lebenden Fischerfamilien geht, deren Fänge beständig zurückgehen.

Im Camp selbst gibt es seit gestern viele neue Gesichter, da fast das gesamte indische Kampagnenteam mittlerweile eingetroffen ist. Jetzt, um 19.30 Uhr indischer Zeit, ist es bereits stockdunkel und in der Küche werden gerade Bohnen, Kartoffeln, Auberginen, Okra (Ladys Finger) und Mohrrüben geschnitten, die Deeboda, unser Chefkoch, anschließend zu einem indischen Curry verarbeiten wird.

Auch wenn sich der Tag dem Ende zuneigt: Ein Teil des Camps wird in ein paar Stunden wieder zur Patrouille aufbrechen und nach frischen Schildkrötenspuren im Sand Ausschau halten.

Viele Grüße,

Isis

24.03.2006 - Einen Tag bin ich (Isis) nun schon hier im Turtle Witness Camp in Orissa. Einen kleinen Temperaturschock habe ich hinter mir, von lausigen Null Grad in Deutschland zu nahezu 40 Grad hier in Indien. Heute Morgen ist das Team50plus samt Gepäck nach Bhubaneswar aufgebrochen. Bereits während meiner kurzen Zeit hier im Camp konnte ich spüren, dass die Anwesenheit von Hans, Gerda, Gertraude, Karl und Ruth für das Camp eine unglaubliche Bereicherung darstellte und dass ihr Abschied eine Lücke hinterlässt.

Ansonsten nimmt das Leben hier im Camp seinen üblichen Lauf - der für mich, die gerade erst angekommen ist, natürlich alles andere als Routine ist. Gestern Abend, bei der Nachtpatrouille, musste ich dann auch erst einmal lernen, wie man nachts in kleinen Lagunen den Turtle-Spuren folgt, um auf diese Weise Eiablageplätze zu finden und zu dokumentieren. Keine leichte Aufgabe, die dadurch erschwert wird, dass Taschenlampen nur selten gebraucht werden (um die Schildkröten nicht zu erschrecken) und dass Mond und Sterne somit die einzigen Lichtquellen darstellen.

Die Mühen haben sich aber gelohnt: Wir haben mehr als 20 Nistplätze entdeckt und konnten eine Schildkröte bei der Eiablage und ihrem anschließenden Rückzug in Richtung Meer beobachten. Das stimmt hoffnungsvoll, wenngleich ein paar Dutzend Schildkröten natürlich keine Arribada (Massenankunft der Schildkröten) darstellen und für das langfristige Überleben dieser einzigarten Tierart sicherlich nicht ausreichen. Trotzdem, jede einzelne lebende Schildkröte, der wir auf unseren nächtlichen Patrouillen begegnen, ist für alle Campteilnehmer ein einzigartiges Ereignis und zeigt uns warum wir hier sind.

Der heutige Tag im Camp verlief soweit ruhig. Die meisten von uns haben die Zeit genutzt, den entgangenen Schlaf der letzten Nacht nachzuholen, während ein anderes Team auf Tagespatrouille ist. Alles weitere gibt's dann im nächsten Tagebucheintrag.

Viele Grüße,

Isis

23.03.2006 - Ich bin münde und eigentlich ist mir nicht nach Tagebuch schreiben. Aber der Tag hat es nicht verdient in der Reihe der vielen belanglosen im Leben unterzugehen. Außerdem ist es unser letzter Abend im Camp und da will ich mich nicht einfach so davon stehlen.

Früh am Morgen ist das Team50plus mit unserm kleinen motorisierten Fischerboot aufgebrochen. Dabei sind Bidhan, Martin und Jörg. Ziel ist ein kleines Fischerdorf, ungfähr eine Bootsstunde vom Camp entfernt. Wir sind auf Promotiontour für Greenpeace Indien.

Es ist der erste Versuch, die Organisation auf dem Land bekannt zu machen. Verabredet ist ein Treffen mit den Fischern der Umgebung. Im Gepäck haben wir eine kleine Fotoausstellung, Banner, Flugblätter und Comis in Plakatgröße. Bidhan ist angespannt. Für ihn ist es ein Experiment und er ist sich nicht mal sicher, ob überhaupt jemand von den Fischern kommen wird.

Auf dem Weg vom Bootsanleger zum Meeting kommen wir durch ein größeres Dorf mit zwei, drei winzigen Läden. Ich habe zum ersten Mal, seitdem ich hier bin, den Eindruck auf einem anderen Planeten und nicht in Indien zu sein. Dem Planeten der Rinder, auf dem die Menschen nur zu Besuch sind.

Kühe und Menschen bewegen sich in einer derartigen Selbstverständlichkeit untereinander, dass ich denke, gleich fangen sie an, miteinander zu sprechen. Irgendwie surreal, meint auch Jörg, der Fotograf und Kammeramann des Camps, und spricht mir dabei aus der Seele. Dabei fühle ich mich eigenartig aufgehoben in dem freudlichen Miteinander von Mensch und Tier.

Das Treffen wird ein Erfolg. Am Rande einer Ansammlung von einem Duzend Palmhütten, nicht mehr als fünfzig Meter von Strand entfernt, sitzen wir etwa 40 Fischern gegenüber. Bidhan bricht den Bann. Er singt sein Lied vom Devi und dem Ocean, der allen Menschen gehört. Dabei schlägt er auf einem leeren Wasserkanister die Trommel. Wenn man Inder für sich gewinnen will, muss man nur Musik machen, denke ich und bedaure, dass ich Gertraudes, Ruths und Gerdas Kanon nicht verstärken kann: Oh wie wohl ist mir am Aaabend....

Dann kommt die Vorstellungsrunde. Bidhan übersetz, wer, weshalb, warum von woher gekommen ist. In der Diskussion beklagen sich die Fischer über das Forestdepartment, das auch schon mal unter einem Vorwand, eines ihrer Boote beschlagnahmt, aber nichts gegen die illegal fischenden Trawler unternimmt. Das Thema brennt den oft bitterarmen Fischern unter den Nägeln. Ihre Netze bleiben immer häufiger leer. Mit der Frage, womit die Kinder des Dorfes in 20 Jahren ihren Lebensunterhalt verdienen sollen, hat Bidhan die Runde für sich gewonnen.

Trotzdem ist der Schildkrötenschutz für die Fischer kein Thema. Viel zu sehr sind sie mit der Sicherung ihres Lebensunterhaltes beschäftigt. Selbstverständlich ist es für sie aber auch, gefangene Turtles aus ihren Netzen zu befreien.

Zum Essen sind wir bei Tuku eingeladen. Er ist im Camp der Guide für die Nacht- und Tagpatroullien und seit zwölf Jahren aktiver Schildkrötenschützer vor Ort. Ohne ihn hätte es wohl kein Turtlecamp gegeben. Es gäbe noch sehr viel von Tuku zu erzählen, aber ich muß zum Schluß kommen, bevor mir die Augen zufallen. Während für das TfP mit dem allerdings späten Mittagessen der Tag annähernd gelaufen ist, hat Martin noch das Wartezimmer voller Patienten aus dem Dorf. Und Jörg, der seit Wochen konstant geniale Bilder produziert, hat sowieso immer Dienst.

Als sich unser Boot in der Dunkelheit nach einer schier endlosen Fahrt über eine raue See dem hell erleuchteten Camp nähert, stelle ich fest, das ich das Gefühl habe nach Hause zu kommen. Muß ich mehr zu unserer Zeit im Camp sagen? Vielleicht noch Ruth zitieren, die es sich heute nachmittag einfach nicht vorstellen konnte, bald nicht mehr hier zu sein.

Einen sehr herzlichen Abschied erhalten wir am Abend beim unserem letzten Treffen. Samir, Sanju und Bidhu loben uns über den grünen Klee. Ich bin fast beschämt, aber die Umarmungen zeigen, dass es stimmen muß.

Morgen abend sind wir noch einmal in Bhubaneswahr bei der Projektion der toten Turtles dabei. Karl und ich wohl mit Turban und in blütenweißen Wickelröcken, die wir zum Abschied von den indischen Freunden geschenkt bekommen haben. Dafür wird mein Team50plus-Hemd bald im Greenpeacebüro in Dehli an der Wand hängen. Und ich bin sehr stolz darauf. So jetzt ist Schluß. Ich gebe den PC weiter an Isis. Sie ist heute angekommen und wird das Tagebuch aus der Perspektive einer jungen Aktivistin weiter führen.

All the best, Hans

22.03.2006 - Seit Tagen schwelt ein Konflikt im Camp. Heute ist er wieder aufgebrochen. Es geht um die Hygiene in der Küche.

Anlass für den Streit heute war, die Nachricht von der Erkrankung einer Aktivistin an der Ruhr. Zwar ist sie schon wieder zu Hause, aber die Inkubaktionszeit für die Krankheit läßt den Schluß auf eine Ansteckung im Camp zu.

Tatsächlich sind die hygienischen Umstände hier bedenklich bis kritisch. Unser Problem ist die Wasserversorgung. Trinkwasser haben wir immer reichlich zur Verfügung. Das Brauchwasser für die Küche und Wäsche aber ist knapp.

Dafür sind wir auf den Devi River angewiesen, der fließt aber durch das 40 Kilometer entfernte Bhubaneshwar, einer Stadt mit mehr als hundertausend Einwohnern und vermutlich keiner Kläranlage. Deshalb gilt die strikte Regel, Wasser nur auf dem Scheitelpunkt der Flut zu entnehmen, wenn das Wasser im Fluß zum Großteil aus Meerwasser besteht. Natürlich kennen wir das Mischungsverhältnis nicht, so dass immer ein Unsicherheitsfaktor bleibt.

So weit sind wir uns einig. Der Streit entzündet sich am Umgang mit der Situation. Die Küchenbesatzung stammt aus dem benachbarten Dorf und betreibt die Küche eben nach indischen Standards. Und die sind hier auf den Land ganz und gar nicht europäisch. So wird beispielsweise die Wasserentnahme eher lax gehandhabt. Weiter will ich an dieser Stelle nicht ins Detail gehen.

Die Reaktionen auf die Situation sind nun bei jedem im Camp in allen Graden abgestuft. Sie reichen von einem Schulterzucken bis beinahe zur Panik. Martin, unser Arzt im Camp, führt seit Wochen quasi von Amts wegen einen zähen und für ihn frustrierenden Kampf um mehr Sauberkeit.

Er fühlt sich verantwortlich und kann keine fünf grade sein lassen. Das Team50Plus reagiert dagegen eher gelassen. Der Anblick der Geschirrtücher liegt zwar auch jenseits meiner Vorstellungen von gut und böse, aber ich verstehe den Standpunkt der Campleitung.

Ihr kommt es vor allem auf die Akzeptanz bei den Einheimischen an. Es soll unter allen Umständer der Eindruck vermieden werden, dass wir uns im Camp für etwas bessers halten. Und als Gäste des Dorfes können wir schlecht das knappe Brunnenwasser des Dorfes zur Aufrechterhaltung eines europäischen Standards in Küche und Dusche verschwenden. Mit anderen Worten: auf Kosten des Dorfes über dessen Verhältnisse leben.

Schlecht ankommen würden wohl auch ständige Maßregelungen bei jeder Nachlässigkeit. Und vermutlich wäre es auch nutzlos. Man hat mir erzählt, dass die indische Regierung seit langem eine große Kampagne führt, die die Leute davon überzeugen soll, sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Wäre es da angesichts der tief eingefahrenen Verhaltensweisen nicht vermessen, in der kurzen Zeit des Camps missionarische Erfolge zu erwarten?

Genau hier gehen aber die Ansichten auseinander. Einige im Camp erwarten wenigstens die Annäherung an unsere Standards und halten dies keineswegs für eine Überforderung und schon gar nicht für eine Zumutung. Ich kann das alles nicht richtig beurteilen, bin ich doch bei allem aufs Hörensagen aus zweiter Hand angewiesen. Ich weiß nur, dass wir über den Streit, unser Ziel nicht aus den Augen verlieren sollten.

Und jetzt kommt die gute Nachricht: Das wird auch nicht geschehen. Irgendwie haben wir uns ausgesprochen und die Stimmung ist wieder annähernd im grünen Bereich. Martin II und Agata aus Polen haben mit Unterstützung Gertraudes ganz lecker polnisch gekocht und morgen gibt noch mal Bratkartoffeln.

Und ich bin in Bhubaneshwar Motorrad gefahren. Mit einer Enfield 350, einer englischen Maschine, die Indien noch genau so gebaut wird, wie vor 40 Jahren in England. Zwar bin ich nur hinten drauf gesessen, aber ich hätte selbst fahren dürfen, so sehr hat den Händler meine Bewunderung für die Maschine gerührt. Wer aber jemals den Verkehr zur Rushhour in einer größeren indischen Stadt erlebt hat, wird verstehen, dass ich mich nicht getraut habe.

Morgen ist unser letzter Tag im Camp und vielleicht erleben wir noch ein Highlight. Um sechs Uhr in der Frühe geht das gesamte Team50Plus mit dem Fischerboot auf Promotiontour für Greenpeace Indien. Ziel ist eine Gruppe von kleinen Dörfern, in denen Greenpeace in etwa so bekannt ist wie Speiseeis am Nordpol.

All the best, Hans

21.03.2006 - Hier im Camp sind die Fettnäpfchen ungeheuer dicht aufgestellt. Das Gemeine daran ist, dass die meisten für uns unsichtbar sind. Nicht so für die Leute aus dem Dorf, die jeden Tag live miterleben können, wie wir arglos von einem ins andere tapsen.

Unser Leben hier ist komplett öffentlich. Jeder hat jederzeit Zutritt zu dem einzigen untertags erträglichen Aufenthaltsort im Camp. Ein Rückzug ins Zelt und sei es nur für eine Viertelstunde, ist in der Hitze des Tages unmöglich. Was immer wir tun oder auch lassen, wird genau beobachtet und kritisch beurteilt: Welcome to the first Greenpeace Big Brother Show in India.

Ich übertreibe nicht. Unser Verhalten, das wir in aller Unschuld und Arglosigkeit an den Tag legen, hat mitunter durchaus skandalöse Züge in den Augen der Einheimischen: Männer und Frauen sitzen bunt gemischt beisammen, reden zwanglos miteinander - und der Gipfel: liegen lesend oder schlafend nebeneinander auf einer Strohmatte, wohlgemerkt ohne sich zu berühren! So etwas macht man nicht in Orissa!

Ein Spaziergang am Abend ins Dorf und Schwimmen im Fluss provozieren Fragen: Haben die nichts zu tun? Machen die Ferien? Auch das gehört sich nicht: In Shorts und mit freiem Oberkörper übers Campgelände zu gehen - und sei es für den kurzen Weg von der Dusche ins Zelt. Ich rede jetzt nur von den Männern und zwar den europäischen. Oberkörperfreie indische Männer sind nicht gerade selten, eher häufig anzutreffen.

Das auf jedem Campingplatz der Welt Selbstverständliche wirft hier die Frage auf: Hat man uns nicht vorbereitet? Doch, hat man. Trotzdem war sich niemand im Klaren darüber, wie weit die Vorstellungen, von dem was richtig und gut ist, auseinander liegen können. Selbst die indischen Campaigner, die alle in der Stadt leben, waren überrascht, in welch traditionellen Bahnen das Leben hier in der Region noch verläuft.

Freilich sind wir Europäer mitschuldig an dem Staunen, ich selbst nicht ausgenommen. Obwohl ich doch wusste, dass ich nicht im Fluss schwimmen soll, habe ich es getan. Aus Gedankenlosigkeit und vielleicht sogar mit dem missionarischen Impuls, den Einheimischen zu zeigen, wie schön ein Bad bei der Hitze im Fluß ist. Erst jetzt habe ich mitbekommen, dass der Devi als heiliger Fluß gilt.

Dass ich ein Sakrileg begangen habe, glaube ich aber immer noch nicht. Die Fischer, die mir im Fluß in ihrem Kahn entgegenkamen, machten keinen besonders geschockten oder gar feindseligen Eindruck. Verwunderung und Irritation war in ihren Gesichtern zu lesen und sind wohl auch die Vokabeln, die am besten den generellen Eindruck beschreiben, den wir hier bei der Bevölkerung hinterlassen.

Ihre Brisanz erhält die Situation vor allem dadurch, dass wir auf das Wohlwollen der Behörden angewiesen sind. Es ist nicht undenkbar, dass sie unter einem willkommenen Vorwand das Camp schließen lassen. Greenpeace tritt hier als Störenfried auf, in dem Spiel von Geben und Nehmen zwischen Schiffseignern und gewissen Teilen der Bürokratie, um es vorsichtig auszudrücken.

Es ist für uns im Camp wirklich schwer zu beurteilen, wie unser Tun in der Bevölkerung aufgenommen wird. Klar ist, dass wir die Menschen für die Turtles gewinnen wollen und die meisten von uns, ja ich wage zu sagen, alle, bereit sind, von lieben Gewohnheiten und Bequemlichkeiten Abstand zu nehmen. Selbst wenn wir es nicht immer einsehen.

All the best

Hans

19.03.2006

Trawler jagen macht Spass. Gestern waren wir mit der Sugayatri draußen auf dem offenen Meer. Die Sugayatri ist ein zehn Meter langes Schiff und war mal ein ganz gewöhnlicher Trawler. Und wird wohl bald auch wieder als solcher auf Fischfang gehen. Im Moment ist sie von Greenpeace Indien geschartert und sieht nach einer Runderneuerung wirklich gut aus: Greenpeace like.

Die Sugayatri, oder besser ihre Besatzung, hat eine Hauptbestimmung, die auf gut deutsch am treffendsten mit Monitoring zu bezeichnen ist. Es geht um das Beobachten, Zählen und Aufschreiben. Gegenstände der Aufmerksamkeit sind Schildkröten, Delphine und Trawler. Letztere sind eine im durchaus wörtlichen Sinne schwer zu fassende Gattung. Einfach an die illegal in der Schutzzone Fischenden heranfahren, Position per GPS bestimmen und Name der Schiffe notieren, ist ganz und gar nicht einfach.

Nähert sich die Sugayatri, erfasst Panik die Übeltäter: Hektisch werden die Netze aus dem Wasser gekurbelt oder, wie gestern geschehen, einfach samt Fang gekappt und schließlich unter Volldampf das Hasenpanier ergriffen. Sieg auf der ganzen Linie! Die Beute ist unser.

Der kärgliche Fang wird freigelassen, allerdings nicht vollständig. Mehr oder weniger willig beugen wir uns dem Diktat des Koches. Dafür werden wir später im Camp von Sanju zusammengestaucht. Netze bergen und untersuchen, ob Schildkröten drin sind, ist absolute Pflicht, von illegalem Fischfang profitieren, ein absolutes Tabu, selbst, wenn es sich nur um ein paar Shrimps handelt!

Natürlich wissen wir auch, dass wir nur einen Phyrrussieg errungen haben: kaum aus Sichtweite warfen die Piratenfischer wieder ihre Netze aus. Wir fuhren nochmal ran. Wieder das gleiche Spiel. Immerhin, wir hatten die Namen der Schiffe und können nun dokumentieren, dass sie illegal gefischt haben.

Durch die zweifache Flucht ist deutlich geworden, dass die Trawler nicht aus Unkenntniss im Schutzgebiet fischen, vor allem aber, dass Greenpeace ein bedeutender Mitspieler im Streit um die Schildkröten in Orissa geworden ist.

So! Ernst beiseite und Streichhölzer zwischen die Augendeckel gesteckt. Es gibt noch einige ungeheuer wichtige Details aus dem Camp zu berichten. Beispielsweise, dass mittlerweile einige von uns, darunter der Schreiber selbst, an der am weitest verbreiteten Tropenkrankheit leiden: Der Trägheit. Eine Folge der ausgedehnten Nachtpatrouillen und der zunehmenden Hitze.

Obwohl denken ja bekanntermaßen anstrengend ist, nimmt die Nachdenklichkeit bei mir zu: Soll ich die frisch gewaschenen Unterhosen jetzt in der Mittagshitze abnehmen oder lieber bis zur Dämmerung warten. Ich entscheide mich für die Dämmerung. Da sind sie zwar feucht, aber der Sand ist schön kühl.

Manchmal frage ich mich, ob ich die nächsten Stadien der Erkrankung während unsers Aufenhaltes noch durchmachen werde: Wäsche fraglos einfach hängen lassen, gar nicht mehr waschen und Unterhosen ausleihen...

Die Neuen im Camp sind noch sehr schlecht an die Gegebenheiten angepasst. Sie melden sich für alle Aktiviäten, holen sich dabei schwere Sonnenbrände und tun überhaupt so, als seien sie zu Hause. Salvatore aus Italien beispielsweise: Gestern während der Nachtpatrouille auf einer elenden Sandbank, in the middle of nowhere, hat er dreimal mit Italien telefoniert. Weiß der Kukuck, wo er ein Signal herbekommen hat.

Jedenfall hat er eindrucksvoll den Ruf der Italiener als Weltmeister im Mobiltelefonieren bestätigt. Ich könnte mal herumfragen, welchen Ruf wir hier als Deutsche bestätigen. Lieber nicht.

Soll ich Salvatore darauf hinweisen, sich niemals mit ciao zu verabschieden? Das heißt in der Gegend hier nämlich soviel wie weg mit dir! und hatte zuvor in der Tat schon zu Irritationen geführt. Mal sehen. Vielleicht hört ihr ja nochmal von mir.

All the best, Hans

17.03.2006

Ruth ist unser Lucky Loser. Sie verliert ständig irgendwelche Sachen, nie aber die Fassung. Dass ihr diese Rolle im Camp zugdacht war, hätten wir eigenlich schon in Delhi merken können. Die Fluggesellschaft aus dem Land der Gourmets hatte es zuvor nicht fertig gebracht, unser Gepäck vollständig nach Indien zu schaffen. Ausgerechnet Ruths Koffer hat gefehlt.

Ich möchte nicht behaupten, dass die ganze Welt von dieser eigenartigen Schwäche jener Airline weiß. Mir und noch einigen anderen Leuten war sie aber aus eigener Erfahrung noch gegenwärtig. Entsprechend gewarnt und gewappnet war das Team50plus. Wir alle hatten die Grundausstattung für drei Tage im Handgepäck.

Ruth trug diesen ersten und gleichzeitig härtesten Schlag mit der ganzen Gelassenheit ihrer 70 Jahre. Allerdings war sie da noch guter Dinge, bald wieder in den Besitz ihrer Sachen zu gelangen. Vermutlich aber wird ihr Gepäck für immer im schwarzen Loch des Laisser-faire verschwunden bleiben...

Ruth hat im Camp gelernt loszulassen: Auf unerklärliche Weise sind ihr schon Unterwäsche, Wasserflasche und dergleichen mehr abhanden gekommen. Selbst der Worst Case ist bereits eingetreten: Der Verlust der Brille beim Duschen im Dunklen. Aber auf ebenso rätselhafte Weise, wie sie verschwunden waren, tauchten die Sachen auch wieder auf - sogar wundersam vermehrt.

Alle im Camp sind sehr um Ruths Ausstattung besorgt. Ich befürchte fast, dass wir für die Heimreise noch einen Koffer kaufen müssen. Zwei T-Shirts und eine Hose der neuen Ausstattung stammen von Asma und Madhura, Mutter und Tochter, aus Bombay.

Ruths Lieblingsstück ist aber eindeutig Davids kornblumenblaues Hemd mit dem großen Loch im Ärmel. Sie trägt es mit großer Würde und fast scheint es, dass ihr Gepäck nur wegen dieses Hemdes verschwinden mußte. Wir sind hier schließlich im Land der Wunder und Mirakel.

Mehrere Wunder wären wohl von Nöten, damit es am Devi jemals wieder zu einer Arribada kommt, bei der Schildkröten massenhaft zur Eiablage an Land kriechen. Auf unserer langen Nachtpatrouille über eine mehr als sieben Kilometer lange Sandbank habe ich wieder nur tote Schildkröten gesehen.

Die Szenerie könnte nicht bizarrer sein: Die donnernde Brandung, überdeutlich im Vollmondlicht die Strukturen im Sand, darüber der allgenwärtiger Hauch der Verwesung. Vier oder fünf frische Kriechspuren, suchend nach einem geeigneten Nestplatz. Wir folgen einer und tatsächlich: Hier ist eindeutig ein Nest. Die Spuren führen zurück zum Meer und brechen an der Stelle am Strand ab, an der vor einer Stunde noch das Meer war.

Es ist, als wären die Schildkröten einfach heimgeflogen.

Hans

16.03.2006

Um zwei Uhr nachts war für zehn internationale Greenpeacer Wecken. Nach einer kurzen Besprechung und dem Anlegen einer Schwimmweste ging es um drei Uhr mit unserem kleinen, ehemaligen Fischerboot in Richtung einer kleinen Insel.

Bei unserem Strandgang fanden wir sieben tote angeschwemmte Schildkröten. Alle Fundpunkte wurden mit GPS registriert. Außer Schildkrötenspuren haben wir leider keine lebendige Schildkröte gesehen. Auch ein Schildkrötennest wurde nicht gesichtet. Nachdem wir unsere traurige Arbeit verrichtet hatten, gab es Biskuit und eine Tässchen Tee.

Auf einer Plastikfolie haben wir uns eine kurze halbe Stunde ausgeruht. Auf der Rückfahrt zum Camp ging die Sonne auf. Die See glänzte. Ein Stück noch ging es den Mangrovenwald gesäumten Devi River flußauf zum Camp. Obwohl ich schon viele tote Schildkröten gesehen habe, kann ich mich nicht an den Anblick gewöhnen. Uns geht es aber gut.

Viele Grüße, Karl

16.03.2006

Im Camp ist es eng geworden. Gestern abend sind weitere 19 Leute angkommen. Aktivisten und Unterstützer, die meisten aus Bombay, Hadarabat und Bangalor. Gut die Hälfte Softwarespezialisten. Die meisten bleiben nur zwei Tage. Es sind jetzt über 30 Leute im Camp. Damit ist die Infrastruktur, sagen wir mal, strapziert. Knapp sind wir vor allem beim Süßwasser, das wir aus dem Brunnen des nächsten Dorfes beziehen.

Bisher haben uns 1000 Liter an die drei Tage gereicht. Herangeschafft wird der Nachschub in zwei 500 Liter Tanks auf der Ladefläche unseres Pickups. Ich empfinde die Fahrt mit einer Tonnenlast über den schmalen, arg ausgewaschenen Deich als nicht ungefährlich. Nicht für die, die im Auto sitzen, wohl aber für die Leute auf der Ladefläche zwischen den Tanks. Es geht aber nicht anders.

Vom Brunnen zum Pickup sind es 50 Meter, 19 Pumpsschläge braucht man, um einen zwölf Litereimer zu füllen. Ich habe es ausgerechnet: A 1000 Liter 83 Eimer mit 1583 Pumpenschlägen. Das erfordert Manpower.

Aber nicht weil es mühselig ist, das Wasser heranzuschaffen, hat uns Samir, der Kampaigner äußerste Sparsamkeit verordnet. Würden wir täglich 1000 Liter Wasser aus dem Brunnen schöpfen, wäre das ganze Dorf über die nächsten drei Monate knapp an Wasser. Süßwasser zum Duschen steht ab sofort nur noch in homöopathischen Dosen zur Verfügung. Wäsche wird nur noch mit Flußwasser gewaschen.

Sehr stabil steht dagegen die Stromversorgung. Die Solarpannels auf dem Dach reichen völlig aus, um das Lager die Nacht hindurch zu beleuchten. Nur gestern Abend hat der Projektor für Sanjus Präsentation und die 25 Ladegeräte für alle möglichen Sorten von Elektronik die Spannung in die Knie gezwungen. Da mußte der Notstromgenerator einspringen.

Die Küchenkapazitäten haben wieder Normalwerte erreicht, nachdem alle vom Holifestival zurück sind. Gerdas bayerisch-indische Küche bleibt vorläufig geschlossen.

Ruth, Gerda und Karl waren heute wieder bei der Nachtpatroullie dabei. Traurig, aber nicht anders erwartet: wieder nur tote Schildkröten. Die Nistplätze um den Devi River herum sind wohl für lange Zeit verloren.

Dabei sah es gerade am Devi früher ganz anders aus. Robert, ein pensionierter Engländer, von der örtlichen Greenlife Gruppe hat es uns erzählt. Die Schildkröten kamen zur Eiablage weit den Fluß herauf. Massenhaft gab es Nistplätze. In den Dörfern war es damals üblich, die Nester auszugraben.

In großen Haufen wurden die Eier auf dem Markt angeboten. Diese Tradition, scheint aber die Art nicht ernsthaft gefährdet zu haben.

Erst als man anfing, das Flußufer mit einer Kiefernart zu bepflanze, scheint der Anfang vom Ende gekommen zu sein. So dicht standen die Stämme der als Feuerholz gepflanzten Bäume, dass die Schildkröten nicht mehr weit genug ins Land hinein konnten.

Heute im Zeitalter der Globalisierung ist die ganze Welt an der Ausrottung der Olive Ridly beteiligt. Tiger Prawns, große Schrimps, erzielen auf dem Weltmarkt gute Preise. Und auch Lieschen Müller greift bei Aldi gern mal in die Tiefkühltruhe, um den Gästen das schon nicht mehr Besondere zu bieten.

Dafür sind die 1600 Trawler von Paradip aus unterwegs und dafür werden die frisch geschlüpften Nestlinge gejagt. Mit Taschlampen werden sie zu tausenden angelockt, eingesammelt und an die Tiger Prawns in den Aufzuchtstationen verfüttert.

Heute Abend haben wir ein großes Meeting. Sanju stellt nochmal die Kampangnenziele vor und wir sind aufgefordert Vorschläge zu machen. Ich fürchte, nach allem, was ich bisher gesehen und erlebt habe, wird mir nichts einfallen.

All the best, Hans

15.03.2006

Heute werden Hausaufgaben erledigt. Wir sind dabei, die Ergebnisse der bisherigen Arbeit zusammenzutragen. So müssen die Daten zu den toten Schildkröten katalogisiert werden: Datum des Fundes, Größe, Geschlecht, Zustand und GPS-Position des Fundes. Das beschäftigt bei knapp über 2000 toten Schildkröten ein Zweierteam über Stunden.

Von allen Schildkröten wurden Fotos mit fortlaufender Nummer geschossen. Wir haben den toten Tieren sozusagen eine Identität verschafft. Es ist wirklich eindrucksvoll, die Bilder in einer schnellen Folge ablaufen zu sehen.

Auch die Ergebnisse der Gespräche und Kontake mit den Fischern und Offiziellen müssen ausgewerte werden. Von jedem Campteilnehmer wird ein kleines Portrait erstellt und Webblogtexte für die indische Greenpeace-Internetseite verfasst.

Eine Fotoschau über die Schildkröten hat im nächsten Dorf Erstauenen ausgelöst. Sowohl bei der Bevölkerung als auch bei uns. Bei uns darüber, wie wenig die Menschen über die Schildkröten vor ihrer Haustüre wissen.

Noch mehr Staunen als die Bilder über das Waleschlachten, lösen aber immer noch die Ausländer im Camp aus, speziell das Team50plus. Gerade eben ist Vitros Tante mit einigen Frauen und Kindern in die Mittagspause des Camps geplatzt. Angeblich weil sie ein Rückenproblem hat. Ich glaube aber, das ist nur ein Vorwand, um mal im Lager zu gucken.

Martin nimmt die Sache ernst und diagnostiziert ein Lendenwirbelsyndrom. Karl rührt das alles nicht, Mittagschlaf ist wichtig. Schließlich hat Karl gestern beim Holifest bald eine Stunden im Kreis um den Altar getanzt und die Zimbel geschlagen.

Und es hat ihm gut gefallen. So sind die Fiffis bei der Außendarstellung des Lagers einfach unermüdlich und man kann behaupten - unverzichtbar. Gertraude, Gerda und Ruth bewirten gerade die Damen des Dorfes mit Ingwertee, eine deutsche Innovation im Camp. Die Kinder bekommen Kekse und Multivitaminsaft.

Die wichtigste Person im Lager ist im Moment Gerda. Sie hat nicht nur den allseits beliebten Ingwertee eingeführt. Sie ist auch die Chefköchin, solange die Küchenbesatzung Urlaub für das Holifest genommen hat. Für die Deutschen im Camp, die schon länger da sind, eine durchaus willkommene Abwechslung.

Das indische Essen hier im Camp zeichnet sich neben der ausgesprochenen Würzigkeit vor allem durch seine erstaunliche Konstanz aus. Für Gerda ist es gar nicht so leicht, mit einer indischen Küchenausstattung ein deutsches Essen zu kochen. Mehl, Butter, Milch oder Eier sind unbekannt als Zutaten. Aber sie hat es geschafft. Es gab sogar Bratkartoffeln.

Die zweitwichtigste Person im Lager bin - bei aller Bescheidenheit - ich selbst. Ich scheine der einzige Besitzer eines Feuerzeuges zu sein. Entsprechend gut sind meine Beziehungen zu den Rauchern.

Es ist jetzt fünf Uhr am Nachmittag, die Hitze hat nachgelassen, weil die Sonne sich hinter eine sich zusammenbrauenden Gewitterwolke verzogen hat. Wir haben unsere Hausaufgaben fast erledigt und warten auf den Tee. Es werden über die Zelte noch Plastikplanen gezogen, falls es Regen gibt.

Zwar sind die Zelte neu und sehen sehr expeditionsmäßig aus, eigentlich sind sie aber Schrott. Es regnet durch, die Innenzelte scheinen für eine größere Außenhaut genäht und bei den eben aufgebauten Zelten fehlen die Laschen für die Innenzelte.

Gut das Gertraude vom Textilfach ist. Wieder mal Pluspunkte für das Team50plus gesammelt. Überhaupt ist es ganz nützlich, wenn man in einem Camp, zumal in Indien, über einige Improvisationsfähigkeiten verfügt. Die Inder sind Meister darin. Die Mannschaft eines Kahnes hat heute schon für einige Heiterkeit gesorgt. Ihr Außenborder war ausgefallen und so haben sie halt einem Rock als Segel gesetzt.

All the best, Hans

14.03.2006

Gestern abend waren wir zu Gast im nächsten Dorf bei Vitro. Er arbeitet im Camp in der Küche. Wir sitzen im winzigen Innenhof seines Elternhauses auf dem mit Matten belegten Lehmboden, neugierig auf das, was da wohl kommen wird und blicken etwas befangen in die Runde.

Gertraude, Gerda, Ruth, David und ich, dazu Bidu, der Kommunikator des Camps und schließlich die zwei erst an diesem Nachmittgag aus Bombay angekommenen Greenpeace-Förderer. Zu Essen gibt es in Fett Ausgebackenes, eine Art Krapfen. Die übrigen Bewohner des Hauses bleiben im Hintergrund.

Vitros Mutter, die uns bei der Begrüßung noch vorgestellt wurde, isst nicht mit. Auf einer Feuerstelle in der Ecke des Hofes kocht sie den stark gesüßten Tee mit viel Milch, den wir auch im Camp trinken. Sehr lecker, aber nicht jedermanns Sache. Ihre Töchter bedienen uns, sind aber irgendwie nicht wirklich da. Wir stellen die für die Situation üblichen Fragen: wieviel Geschwister, sind die Ornamente an der Wand selbst gemalt, ist der Lehmboden im Hof während der Regenzeit aufgeweicht? Vitro bietet noch Zigaretten an. Dann werden die Teller abgetragen, Bidu gibt ein dezentes Zeichen zum Aufbruch.

Ich wundere mich über das Gastmahl, das nach der Vorspeise schon vorbei war. Aber gut wir sind in Indien. Andere Länder, andere Sitten. In bin in Gedanken schon auf dem Heimweg ins Camp. Da werden wir auch schon von der Dorfstraße in ein anderes Gehöft umgeleitet. Es ist das Haus von Vitros Tante. Die Oldies vom Team50plus erhalten einen ihrem Alter entsprechend erhabenen Sitzplatz. Ist es das Ehebett der Hausleute, von dem man die Matraze gekommen hat?

Kaum haben wir die Beine in eine vertretbare Lage sortiert, macht sich Bidu dünn. Dafür drängen immer mehr Leute in den Raum. Vitros Vater, der Onkel, weitere Verwandte. Frauen und Männer die uns freundlich Zunicken, dazwischen die großen wissbegierigen Augen der Kinder. Ganz bestimmt würden sie kein einziges Wort aus der anderen Welt vergessen, wenn sie uns nur verstehen könnten.

Auf die Erwachsenen müssen wir einen durchaus belustigenden Eindruck machen. Sie lachen viel und wir hoffen, dass sie uns nicht auslachen. Und wenn schon denke ich, es müssen gutmütige Späße sein. Wir machen es ja nicht anders. Ein Gespräch kommt nicht zustande, Hindi - oder ist es Orissa - und Englisch liegen einfach zu weit auseinander. So werden halt Blicke ausgetauscht. Irgendwie bekommen wir aber doch mit, dass es Zeit zu gehen ist.

Inzwischen ist Bidu wieder aufgetaucht und macht uns klar, dass bisher nur Schaulaufen war. Überraschung: Jetzt kommt der hochoffizielle Teil des Abends: das Festbanket. Im Hof eines der wenigen mit elektrischem Licht beleuchteten Häuser im Dorfes kommen wir auf einer Plastikplane in einer langen Reihe zu sitzen. Die landesüblichen Teller aus zusammengepressten Blätter werden verteilt. Ich schiele nach links und rechts: alles richtig gemacht? Ok. Als dann auf den obligatorischen Reis die unvermeidliche, dünne Currysoße gegossen wird, mache ich doch ein langes Gesicht. Das bekommen wir auch im Camp tagtäglich vorgesetzt. Aber das leckere Tomatengemüße hat das Essen schließlich doch noch gerettet. Und ich habe mir auch nicht das frische Hemd verkleckert, obwohl ich aus Höflichkeit für die Gastgeber mit der Hand gegessen habe.

Ende gut, aber nicht alles gut. Das Turtelsterben geht weiter. Auf unserem Tageskontrollgang haben wir heute auf zwei Kilometern weitere 14 tote Schildkröten gefunden. Sie müssen in den letzten Tagen angespült worden sein. Alles Opfer der Fischtrawler, von denen auch heute wieder mehrere unbehelligt und in aller Ruhe in der Fünfmeilenschutzzone illegal gefischt haben. Ich konnte nicht glauben, dass die Küstenwache nicht eingreift und habe Ashish gefragt warum nichts geschieht. Ashish: Die Küstenwache hat nur ein Schiff für die gesamte indische Ostküste.

Viele Grüße, Hans

13.03.2006 - In den fünf Tagen, die wir jetzt im Camp sind, ist mir bewußt geworden, wie schwer es sein wird, den Bestand der Seeschildkröten in Orissa zu erhalten. Zu viele Interessen gilt es unter einen Hut zu bringen. Dabei wäre es so einfach. Das Schlüsselproblem sind die falschen Fischereimethoden: Die meisten Schildkröten ertrinken in den Netzen der Trawler, die in der Fünf-Meilen-Zone illegal fischen. Denn nur in diesem relativ schmalen Bereich halten sich die Schildkröten bei der Paarung und während der Zeit bis zur Eiablage auf. An der Mündung des Devi River, dem Standort des Turtlecamps, hat der Fischfang mit Trawlern am frühesten eingesetzt und hier haben auch seit sieben Jahren keine Massennestings, die Arribadas, mehr stattgefünden. An den beiden Nistplätzen nördlich und südlich des Devi überwiegt noch die traditionelle Fischerei mit kleinen Booten und leichten Netzen, die die darin verhedderten Schildkröten einfach zerreissen, um sich zu befreien. Das ist alles bekannt und in den Bestimmungen der Schutzzone berücksichtigt. Nur werden sie von den Behörden nicht durchgesetzt was wohl dem Hauptübel der Bürokartie geschuldet ist: der Bestechung. Mitarbeiter der Küstenwache und der Waldbehörde werden von den Eignern der Trawler geschmiert, damit sie, man kann fast sagen, beide Augen fest zudrücken.

Wenig ist in den ganzen Jahren von den Behörden getan worden zum Schutz der Schildkröten. Das Meeresschutzgebiet existiert nur auf dem Papier. Nicht eine Boje wurde zur Markierung von den Behörden ausgebracht. Deshalb war das symbolische Setzen von von neuen Bojen auch eine der ersten Aktionen beim Start des Camps.

Unter Trawler darf man sich allerdings keine Schiffe von der Größe der Nordseetrawler vorstellen. Die größten hier erreichen gerade mal 15 Meter Länge. Die meisten sind aber 10 Meter Schiffe. Nicht gerade das big business. Deshalb ist es auch nicht damit getan, ultimativ das Verbot des Trawlings zu forden. Klar sollen sie sich aus der Schutzzone heraushalten, solange die Schildkröten da sind. Eine konfrontative Vorgehensweise würde aber nicht nur den sozialen Aspekt missachten. Auch ist nicht klar wie die Behörden reagieren würden. Sehr zimperlich wird hier, nach allem was man so hört, nicht mit Störenfrieden umgegangen. Entsprechend besonnen gehen die indischen Campaigner vor. Alles ist auf Aufklärung und Kommunikation vor allem mit den Einheimischen ausgerichtet. Das ist sehr spannend und aufregend. Dazu mehr aber morgen -- wenn ich dazu komme.

Das Leben im Camp ist im Moment geprägt von einem besonderen Rhythmus. Einem Wechsel zwischen totaler Hektik und toter Hose. Hektik war gestern. Wir sollten Berichte abliefern für unsere indischen Kollegen, also aufschreiben wer wir sind, weshalb wir als Deutsche hier sind und was wir erwarten etc. Das Ganze in Deutsch und Englisch. Letzteres wird unseren indischen Freunden beim Redigieren eine Menge Spaß bereiten. Dazu mussten wir zum Fotoshooting und Interviews geben, zum Glück in Deutsch. Gertaude hatte zudem den Megastress. Dafür ist sie jetzt aber unser Superstar. Sie hat dem lokalen Fernsehsender Rede und Antwort gestanden, in Englisch. Und sie hat das sehr gut gemacht. Der ärmste Tropf im Camp bin aber ich, abgesehen von einem winzigen Hundewelpen, der von seiner sehr schwachen Mutter aufgegeben, wahrscheinlich sterben wird, weil er kaum die Milch, mit der wir ihn füttern, aufnehmen kann. Zurück zu mir. Ich muß neben der täglichen Routine und den Sonderaufgaben auch noch ein Tagebuch schreiben. Zur Belohnung darf ich heute abend aber vielleicht mit ins Dorf. Dort sind 10 Leute vom Camp zu einem privaten Abendessen eingeladen. Im Moment sind wir 21 im Camp, aber ich bin wild entschlossen zu den Auserwählten zu gehören. Jetzt muß ich aber erst mal Karls Bericht suchen. Er muß in einem der vielen PCs stecken. Bloß in welchem?

Beste Grüße, Hans

12.03.2006 - Was ist ein Camp? Ein Camp ist kein Camping. Auf den ersten Blick vielleicht. So schläft man auch hier in Zelten, wenigstens wird immer wieder ein Versuch unternommen. Auch haben wir elektrische Beleuchtung in den Zelten. Selbstverständlich Energiesparlampen. Überhaupt sind wir voll verkabelt und irgendwo klingelt immer ein Handy, so wie auf dem Campingplatz eben.

Hier enden die Gemeinsamkeiten. Einfach den Duschhahn aufdrehen, ist nicht. Fließend kaltes Wasser haben wir zwar reichlich in Form des Devi Rivers. Leider dürfen wir nicht darin schwimmen. Wegen der Strömung und weil man in Indien nicht zum Vergnügen schwimmt. Zusätzlich zum malerischen Anblick, garantiert der Devi unsere Basiswasserversorgung.

Unglücklicherweise in zweifelhafter Wasserqualität. Aber alle sechs Stunden liefert die Tide frisches Seewasser frei Haus. Dann werden die Wassereimer von Hand zu Hand gereicht und die Wassertanks für das Putzwasser und den ersten Duschgang gefüllt.

Geduscht wird nämlich in zwei Phasen: Einmal mit Brackwasser und zum Klarspülen mit Brunnenwasser. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Besonders Karl hat Probleme mit seinen 1,90. Die Stehhöhe in unserem Duschzelt beträgt geschätzte einenhalb Meter.

Eigentlich soll man zum Duschen auch nicht stehen. Man sitzt auf einem Schemel und gießt becherweise Wasser über sich. Das ist wassersparend und fördert die Gelenkigkeit des Teams50plus. Wir sind also, abgesehen von den zu vernachlässigenden Einschränkungen, recht komfortabel ausgestattet.

Das Schönste hier aber ist unsere Lounge, eine nach allen Winden offene Wandelhalle. Unromantische Leute würden sie wohl als Fabrikhalle ohne Wände bezeichnen, dabei aber einem ganz und gar äußerlichen Eindruck erliegen. Hier handelt es sich um das Herz des Camps. Hier wird der Tag geplant, gegessen, Siesta gehalten, debattiert und über die letzten Dinge philosphiert. Heute nachmittag ging es irgendwie um Regeln, Hinduismus und wer welcher Kaste angehört. Leider kann ich nicht mehr davon berichten, weil ich eingeschlafen bin.

Aber ich war am Morgen auch schon um fünf von der Matte geholt worden, weil wir mit dem Boot für den ganzen Tag aufs Meer rausfahren wollten, um zu kontrollieren, ob die Fischer das Schutzgebiet respektieren. Losgekommen sind wir allerdings erst um sieben, weil dichter, warmer Nebel, die sprichwörtliche Waschkücke, ein Auslaufen verzögert hatte. Dafür waren wir aber schon eine Stunde später wieder zurück. Dabei hatte sich alles so vielversprechend angelassen. Zu einem superleckern indischen Frühstuck aus der Kombüse gab es Delphine zu beobachten.

Beides aber schon unter erschwerten Bedingungen. Die See war auf dem offenen Meer inzwischen so rau geworden, das man sich entscheiden musste, ob man den Teller, den Rucksack oder nicht lieber sich selbst festhalten sollte. Ein flaues Gefühl im Magen signalisierte Einverständnis mit der Entscheidung des Kapitans zu Umkehr. Gut so. Es wäre schade um das leckere Frühstück gewesen.

Zudem versprach ein Tag im Camp allerlei Kurzweil. Vielleicht einen weiteren Turbokurs im Turbanwickeln, abgehalten vom indischen Campainer Bidan, dem Sonnyboy des Camps. Würde Martin, der Camparzt, seinen Ruf als Tropenarzt festigen können? Am Abend zuvor hatte er gleich drei Patienten aus dem nächsten Dorf unter der Anteilnahme zahlreicher Mitbewohner versorgt. Ruth und Gertraude hatten unterdessen Martins Medikamentenbox nach einem sehr eigenwilligen System geordnet, wie von Gertraude zu erfahren war: Die roten Pillen zu den roten und die blauen zu den blauen. Es ist zu hoffen, dass Martin damit klar kommt.

Hans Schenk, Team50plus Hamburg

09.03.2006 - Gestern wollten wir es gleich wissen. Müde, verschwitzt, angekratzt von einer wahrhaft indischen Autofahrt über zahllose Dörfer, durch einen nicht abreißenden Gegenverkehr und respektable Schlaglöcher, kommen wir gegen zehn Uhr in der Nacht im Turtelcamp an. Wir, das sind Gerda, Gertraude, Ruth, Karl und ich, fünf Mitglieder von den Greenpeace-Teams50plus aus München, Heidelberg, Dortmund und Hamburg.

Dabei ist auch Cathrin Groll, die für Greenpeace die Ehrenamtlichen betreut. Ob unsere Gastgeber vom indischen Greenpeace-Büro erstaunt sind über die grauhaarigen Bleichgesichter aus dem verschneiten Deutschland, kann nur vermutet werden. Der Empfang ist jedenfalls sehr herzlich. Welcome home, sozusagen.

Was die Nacht vom dem Camp zu erkennen gibt, vermittelt den Eindruck einer wohlorganisierten Improvisation, oder auch anders herum. Ein Camp eben fast am Ende der Welt. Aber Naserümpfen beobachte ich bei keinem von uns zivilisationsverwöhnten Oldies. Auch nicht bei Gertraude, die noch zwei Wochen zuvor beim Camptrainig in Hamburg zum ersten Mal in ihrem 68-jährigen Leben in einem Schlafsack übernachtet hat.

Die Einquartierung in die Zelte, eine durchaus heikle Angelegenheit, wie jeder von Gruppenreisen weiß, geht problemlos von statten, trotz des vom Campmanager angeordneten special mix: Strikte Geschlechtertrennung ist im Camp obligatorisch. Niemand im ländlichen Orissa, könnte etwas anderes akzeptieren. Strikte Mischung der Nationen dagegen ist Greenpeace-Pflicht, zusammenglucken der Germans verpönt.

Nach dem Essen, sind wir eigentlich reif für die Matten. Aber um zwei Uhr in der Frühe soll die Nachtpatrouille aufbrechen. Tuku, der hier jeden Quadratmeter Strand kennt, meint, dass in dieser Nacht die Schildkrötenweibchen an Land zur Eiablage kommen könnten. Gegen drei Uhr ist Ebbe vorhergesagt und auch der Mond ist schon ziemlich weit abgerutscht.

Wir könnten alle mitkommen, wenn wir wollten. Wollen schon. Aber nach den langen Flügen und kurzen Nächten zuvor, sind wir ziemlich kaputt. Und ich habe außerdem eine üble Erkältung aus dem Hamburger Winter mitgebracht. Cathrin, die uns souverän im Camp abgeliefert hat, will unbedingt dabei sein und Gerda bestätigt ihren Ruf als Frühaufsteherin, indem sie gar nicht erst schlafen will. Gut, dann gehe ich auch mit. Schließlich sind wir ja wegen der Schildkröten hier.

Und vielleicht erleben wir ja eine jener legendären Arribadas, bei denen die Schildkröten massenhaft zur Eiablage an Land kommen und die hier an diesem Strand seit sieben Jahren nicht mehr beoachtet wurde.

Eine Stunde haben wir noch Zeit zum Dösen, bevor es los geht. An Schlaf ist nicht zu denken. Aber als wir mit einem der landesüblichen Fischerboote aufbrechen, fühle ich mich überraschend frisch und bin voller Erwartung.

Die Fahrt geht den Devi River hinunter, durch einen schmalen Seitenkanal aufs offene Meer. Die Luft über dem Meer ist warm und feucht. Nur eine milde Brise weht über's Meer. Der südliche Rand des Nachthimmels taucht seine Sterne fast ins Wasser. Kaum zu glauben; vor zwei Tagen bin ich in Hamburg noch mit dem Rad über vereiste Gehwege geeiert.

Auf einer Sandbank gehen wir an Land. Dreihundert Meter weiter wirft der Golf von Bengalen blendend weiß vom leuchtenden Plankton und dem Licht der Sterne seine Brecher an den Strand. Die Taschenlampen bleiben aus. Wir wollen die Schildkröten möglichst wenig stören. Unsere Augen lernen schnell, mit dem Sternenlicht auszukommen. Wir suchen jetzt die frischen Spuren der Weibchen, die uns den Weg zu ihren Nistplätzen über der Hochwassermarke zeigen sollen.

Nach ein paar hundert Metern stolpern wir fast über eine Schildkröte. Sie ist tot und schon zur Hälfte im Sand versunken. Nach einer Stunde Fußmarsch sind wir sehr nachdenklich geworden und schweigen meist. Kaum frische Krichspuren und wenn, führen sie wieder ins Meer zurück. Die Schildkröten meiden den Strand, den sie seit tausenden Jahren zum Nisten aufgesucht haben. Nur die toten, in den Stellnetzen ertrunkenen, Tiere liegen hier von der Brandung angespühlt.

Es ist spät geworden oder früh vielmehr. Jetzt macht sich meine Müdigkeit mit Macht geltend. Ich will nur noch schlafen. Wir ver

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