Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Norwegischer Walfang auf der Kippe?

In Norwegen beschweren sich die Walfänger darüber, dass sie es dieses Jahr nicht geschafft haben, die Abschussquote zu erreichen. In einem Artikel in der norwegischen Tageszeitung Fiskeribladet richtete der Präsident des Walfängerverbandes am Donnerstag bittere Vorwürfe an die Regierung und fordert endlich den Austritt aus der Internationalen Walfangkommission (IWC). Oslo hatte die Fangquote für diese Saison auf 1.052 Tiere hochgesetzt. Im Vorjahr waren es noch 797 Tiere gewesen. Doch aufgrund einer IWC-Bestimmung brachten es die Walfänger 'nur' auf 521 harpunierte Wale. Mit unserer Meeresexpertin Stefanie Werner sprachen wir darüber, was dieser skurrile Streit für die Zukunft der Wale bedeutet.

  • /

Greenpeace-Online: Worüber regen sich die norwegischen Walfänger eigentlich auf?

Stefanie Werner: Das Wissenschaftliche Kommitee der Internationalen Walfangkommission empfiehlt, nur eine gewisse Anzahl Wale pro Quadratkilometer zu fangen, um die genetische Zusammensetzung einer Population nicht zu gefährden. Das bedeutet für so hohe Quoten, wie Oslo sie vorgab, im Prinzip die Ausweitung des Fanggebietes über die gesamte Ausschließliche Wirtschaftszone des Landes. Da zu Norwegen kleine, weit vorgelagerte Inseln gehören und die 200 Seemeilen von da aus gerechnet werden, wird der Segen einer großen Fischereifläche in diesem Moment zum Fluch.

Die Walfänger beantstanden, dass die Jagd dadurch zu kompliziert und teuer wird. Sie fordern die norwegische Regierung auf, aus der IWC auszutreten, höhere Quoten auszuweisen, die Jagd auf andere Arten auszuweiten und propagieren, dass die Wale die Fischbestände wegfressen würden.

Greenpeace-Online: Bei wem dürfen sich denn die Wale bedanken?

Stefanie Werner: In diesem Fall hat die IWC in Kooperation mit norwegischen Wissenschaftlern es zunächst geschafft, dem norwegischen Walfang tatsächlich vorläufig Einhalt zu gebieten. Das Wetter dieses Jahr war extrem unwirtlich und die Jagd um die vom Festland sehr weit entfernte Insel Jan Mayen kaum durchführbar. Die Benzinpreise machen die Jagd zudem unprofitabel. Das sind zumindestens die Gründe, die die Waljäger anführen.

Außerdem haben sie sich noch einen Bärendienst erwiesen, als sie direkt vor einem Walebeobachtungsboot voller Touristen einen Zwergwal erschossen - ob aus Ignoranz oder grenzenloser Dummheit heraus, ist schwer zu sagen. Daraufhin schlug die Empörung natürlich Wellen.

Greenpeace-Online: Was steckt denn wirklich hinter dem Nicht-Erreichen der Quote?

Stefanie Werner: Tatsächlich ist schlicht und ergreifend kein Absatzmarkt mehr vorhanden. Dabei mangelt es der Walfangindustrie nicht an Kreativität: Mobil versucht man mittels Werbekampagnen Wal-Burger, Wal-Woks oder auch Nudeln mit Walfleischsoße anzupreisen. Die Lagerhäuser sind voll mit dem Fleisch der vergangenen Jahre. Aber Absatz ist kaum gegeben.

Walfleisch scheint den Gaumen der Norweger nicht mehr zu reizen. Und Norwegen ist auf Absatz im eigenen Land angewiesen, da Japan keinerlei Interesse an der Einfuhr atlantischem Walfleisch zeigt, das hochbelastet mit Umweltgiften ist.

Greenpeace-Online: Ist das ein erster Lichtschimmer am Horizont für die Wale? Werden die Norweger demnächst aus ökonomischen Zwang auf Walefangen verzichten müssen?

Stefanie Werner: Es ist wie überall: Die Macht liegt beim Verbraucher. Auch in Japan haben die Menschen den Appetit auf Walfleisch verloren. Dort jedoch ist die Walfangfrage vor allem politsches Mächtegerangel und die Regierung zahlt Unsummen drauf, um die teure Jagd, vor allem in der fernen Antarktis, weiter möglich zu machen. Doch letztlich zahlen auch das die japanischen Steuerzahler, denen dieses sinnlose Verschleudern von Geld über kurz oder lang ins Auge stechen wird. Hoffentlich ist in Norwegen die Macht der Verbraucher noch größer und vor allem schneller wirksam.

Greenpeace-Online: Stefanie, vielen Dank für das Gespräch!

Weiterführende Publikationen zum Thema

Mehr zum Thema

Ungeheuer viel

Nestlé macht mit einwegverpackten Lebensmitteln Milliardenumsätze. Doch das geht auf Kosten der Umwelt. Weltweit erinnern Greenpeace-Aktivisten den Konzern an seine Verantwortung.

Von Pol zu Pol

Das Greenpeace-Schiff Esperanza bricht auf, um bedrohte Meeresregionen zu erkunden. Am Ende der einjährigen Expedition soll ein globaler Vertrag zum Schutz der Ozeane stehen.

Die Rechnung geht auf

Ein Drittel der Meere soll bis 2030 unter Schutz stehen. Nur welches? Greenpeace hat mit Wissenschaftlern errechnet, wo Schutzgebiete die größtmögliche Wirkung entfalten.