Greenpeace-Gutachten: Umweltschädliche Omega-3-Produkte aus Krill sind ersetzbar

Geprüfte Sinnlosigkeit

Muss für gesunde Omega-3-Fettsäuren der Krillbestand der Antarktis geplündert werden? Ein Greenpeace-Gutachten gibt die Antwort: auf keinen Fall – und zwar aus mehreren Gründen.

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Omega-3-Fettsäuren sind gut für den Menschen. Sie senken das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, im Mutterleib sorgen sie dafür, dass sich Augen und Gehirn des Embryos gut entwickeln. Die meisten müssen sich um die Versorgung mit den Fettsäuren keine Gedanken machen: Wer gelegentlich Fisch isst, deckt den Bedarf meist ohne Probleme. Für die anderen gibt es Nahrungsergänzungsmittel aus der Apotheke – meist aus Krillöl aus der Antarktis. Aber sind diese Personen zum Schutz ihrer Gesundheit tatsächlich auf Krill angewiesen? Ein Gutachten des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung im Auftrag von Greenpeace findet dafür keine Belege: Für Omega-3-Fettsäuren gibt es andere Quellen, die absolut gleichwertig sind, aber weitaus nachhaltiger gewonnen werden.

Bei den für den Menschen wichtigen Omega-3-Fettsäuren handelt es sich vor allem um drei Stoffe: Alpha-Linolensäure, kurz ALA, Eicosapentaensäure, EPA, und Docosahexaensäure, DHA. Im Gegensatz zu EPA und DHA kommt Alpha-Linolensäure auch in Landpflanzen vor, eine ausgewogene Ernährung deckt den Bedarf bereits ausreichend ab. „EPA verbessert unter anderem die Fließeigenschaften des Blutes, wirkt der Thrombozytenaggregation, also der ‚Verklumpung‘ der Blutplättchen, entgegen und senkt den Blutdruck“, sagt Dr. Markus Keller, der das Gutachten mit Wissenschaftlerin Clarissa Gödde verfasst hat. Vor allem Schwangere sollten ausreichend DHA zu sich nehmen: „Eine gute DHA-Versorgung während der Schwangerschaft führte in einigen Studien zu besseren kognitiven Fähigkeiten der Kinder in den ersten Lebensjahren.“

Omega-3: Umweg über Krill ist unnötig

Aber muss man für diese gesundheitsfördernde Wirkung einen ganzen Lebensraum aufs Spiel setzen? Sicherlich nicht. Dass gerade Krill, ein kleines Krebstier, das in riesigen Schwärmen lebt, so reich an Omega-3-Fettsäuren ist, liegt an seinem Futter: Marine Mikroalgen, die die einzigen pflanzliche Vorkommen von EPA und DHA darstellen. Diese Pflanzen stehen allerdings als Quellen selbstverständlich auch dem Menschen zur Verfügung: „Es ist durchaus sinnvoll, diese Primärquellen direkt und nicht über den Umweg Krill oder Fisch zu nutzen“, so Keller.

Der Vorteil: Die Mikroalgen können schadstofffrei unter kontrollierten Bedingungen angebaut werden – in einem künstlichen Umfeld, in dem ideale Bedingungen für das Wachstum herrschen. Für ihre Gewinnung muss niemand in der Antarktis fischen und Bestände plündern, die für das Überleben von Robben, Walen und Pinguinen notwendig sind.

Dass Anbieter von Omega-3-Kapseln ausgerechnet mit Nachhaltigkeit werben, ist absurd – zum einen stört der Krillfang massiv den Lebensraum Antarktis, zum anderen gibt es für die Umwelt weit bessere, leichter verfügbare Alternativen. „Unternehmen wie Doppelherz stellen Krill als schier unerschöpfliche Omega-3-Quelle aus umweltfreundlicher Fischerei dar. Das ist Verbrauchertäuschung“, sagt Sandra Schöttner, Greenpeace-Expertin für Meere. Krillöl-Kapseln werden auf der Packung mit Kaiserpinguinen beworben; „besonders hochwertig und unverfälscht“ sei das Krillöl aus der „unberührten Antarktis“, lässt sich auf der Firmen-Website lesen.

Besonders rein? Besonders umweltschädigend!

Doch dem ist nicht so. Auch weil die Antarktis – unter anderem durch genau diese Fischerei – längst nicht mehr unangetastet ist. „Krill und Fische reichern Umweltschadstoffe aus dem Meer an, hierzu zählen beispielweise das Insektizid DDT oder die Chlorverbindung PCB, das früher als Weichmacher in der Industrie verwendet wurde“, entkräftet Dr. Keller die Mär vom „reinen“ Krillöl.

Dass sich die Krillfischerei dennoch so hartnäckig nachhaltig darstellt, liegt an längst überholten Daten – angeblich gebe es in der Antarktis mehr als genug der garnelenartigen Tiere. „Die Krill-Fangquoten im Südpolarmeer fußen auf völlig veralteten Bestandsschätzungen aus den Neunzigerjahren“, widerspricht Schöttner. Es gibt ausreichend Beispiele, bei denen solche falschen Annahmen schwerwiegende Folgen hatten, von Übernutzung bis Ausrottung. Letzteres Schicksal ereilte etwa den Neufundländischen Kabeljau.

Der Krill hat bereits an anderer Front ausreichend zu kämpfen: Klimaerhitzung und Meeresversauerung setzen den Beständen auch ohne ausufernde Fischerei zu. Immerhin der Industrie kann kurzfristig ein Riegel vorgeschoben werden: Wenn im antarktischen Weddellmeer das größte Meeresschutzgebiet der Welt eingerichtet wird. Im Oktober fällt die Entscheidung – Sie können sich mit Greenpeace bei der Antarktis-Kommission CCAMLR dafür stark machen.

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