Coup für die Meere: Schutzgebiete

Das Leben in den Weltmeeren ist bedroht und damit auch eine unserer wichtigsten Existenzgrundlagen. Vor allem die industrielle Fischerei und die Offshore-Industrie richten großen Schaden an. Eine einfache und effektive Problemlösung sind Meeresschutzgebiete. Greenpeace setzt sich für ein weltweites Netzwerk ein – auf der Hohen See sowie in Küstengewässern –, das insgesamt 40 Prozent der Ozeane unter Schutz stellt.
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Die Weltmeere sind ein einziges Krisengebiet: Rund 85 Prozent der weltweiten Speisefischbestände sind bis an die Grenze genutzt oder überfischt. Schuld daran sind übergroße, übertechnisierte Fangflotten und rücksichtslose Fangmethoden, etwa mit Grundschleppnetzen. Diese erzeugen nicht nur massenhaft Beifang, sie zerstören auch kostbare Lebensräume am Meeresboden wie artenreiche Tiefseeberge, Korallen- oder Steinriffe.

Die Meeresverschmutzung ist trotz vieler Verbote und Verbesserungen ein Dauerbrenner: Chemikalien aus Fabrikabwässern und der Landwirtschaft schädigen oder vergiften Tiere und Pflanzen, verlorene Fischernetze treiben als Todesfallen im Wasser, Plastikteile verstopfen die Mägen von Fischen und Seevögeln. Hinzu kommen havarierte Tanker und Bohrinseln, illegale Tankreinigungen von Schiffen – jede Ölpest tötet unzählige Meereslebewesen. Die Öl- und Gasindustrie dringt in immer entferntere und tiefere Meeresregionen vor. Selbst die noch fast unberührte Arktis steht im Visier der Konzerne und Regierungen.

Künftig sollen auch Metalle, vor allem Manganknollen, aus der Tiefsee gefördert werden. Bislang liegt kein Konzept für einen schonenden Bergbau vor. Schon der Abbau von Sand oder Kies ist problematisch – in den Saugrohren landen auch jede Menge Lebewesen, und die aufgewirbelten Sedimente ersticken die Meeresumwelt.

Massenhafter Schiffsverkehr, Industrieanlagen, seismische Tests zur Erdölsuche, militärische Sonare: Auch Unterwasserlärm ist ein Problem, er stört zum Beispiel die Orientierung von Walen.

„All inklusive“-Lösung: Meeresschutzgebiete

Eine einfache, aber effektive Methode, die nicht alle, jedoch viele Probleme der Meere schmälern kann, sind Schutzgebiete: Vergleichbar mit Nationalparks an Land, sind dies Regionen, in denen die Natur sich selbst überlassen bleibt. Hier dürfen weder Fische gefangen, noch Ressourcen gefördert werden – jegliche Form der Ausbeutung und industriellen Nutzung ist tabu.

Fische und Fischer profitieren

Viele wissenschaftliche Studien belegen den positiven Effekt von großflächigen Schutzgebieten. Zum einen werden einzelne Arten wie der Schweinswal und ganze Lebensräume wie Korallenriffe geschützt. Zum anderen können sich ausgebeutete Speisefischbestände in Schutzgebieten regenerieren und wieder erstarken. Jungfische wachsen hier ungestört zu einer stattlichen Größe heran, bis sie schließlich selbst Nachwuchs bekommen.

So profitiert gerade die Fischerei von Schutzgebieten: In den Ozeanen gibt es keine Zäune, die Meerestiere wandern aus den geschützten Gebieten aus – in die Netze der Fischer.

Ein Erfolgsbeispiel ist der mexikanische Cabo Pulmo Nationalpark im Golf von Kalifornien. Er wurde 1999 eingerichtet. Bis 2009 hat sich die Zahl der Fische vervierfacht und die Zahl ihrer natürlichen Jäger sogar verzehnfacht. Es gibt heute zehnmal mehr Haie als vorher.

Zeit zu handeln

Bereits heute existieren zahlreiche staatliche Beschlüsse und internationale Vereinbarungen mit dem Ziel, die Artenvielfalt im Meer zu erhalten, Schutzgebiete einzurichten oder eine nachhaltige Fischerei zu gewährleisten: zum Beispiel die Konvention zur Biologischen Vielfalt (CBD), das Seerechtsüberkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS), das Abkommen zum Nord-Ost-Atlantik (OSPAR) und zur Ostsee (HELCOM), das Natura-2000-Netzwerk sowie die Gemeinsame Fischereipolitik der Europäischen Union.
Kein Wille, kein Weg?

Allerdings scheint bislang der politische Wille zu fehlen, Worten Taten folgen zu lassen. In den meisten Fällen ist die Umsetzung der Vereinbarungen ungenügend, sind die Fristen verpasst und Ziele nicht erreicht. Ein grundsätzliches Problem dabei ist die Zersplitterung politischer Kompetenzen: So beschäftigen sich auf europäischer Ebene die Umweltminister zwar mit der Einrichtung von Schutzgebieten, aber die Regelung der Fischerei liegt ausschließlich in den Händen der Fischereiminister. Das macht strikte Managementpläne fast unmöglich.

Bisher ist nur ein Prozent der Weltmeere geschützt. Noch dazu existieren viele Schutzgebiete nur auf dem Papier. Greenpeace fordert, mindestens 40 Prozent der Ozeane unter Schutz zu stellen und diesen Schutz streng zu überwachen.

Nach der Zielsetzung der CBD-Konferenz in Nagoya sollen bis 2020 immerhin zehn Prozent der Weltmeere geschützt sein. Die Umsetzung innerhalb von acht Jahren lässt einen sportlichen Endspurt erwarten.

Deutschland ist kein Vorbild: 2008 wurden der EU zehn Meeresregionen als „Natura 2000“-Schutzgebiete gemeldet. Vier in der Nordsee, sechs in der Ostsee machen insgesamt 45 Prozent der deutschen Meeresfläche aus. Noch wurde allerdings nichts zum Schutz dieser Gebiete getan. Am Sylter Außenriff zum Beispiel darf weiterhin unbeschränkt Fisch gefangen und Sand und Kies abgebaut werden. Deshalb versenkten Greenpeace-Aktivisten mehrfach tonnenschwere Natursteine am Riff, um Fischer mit zerstörerischen Grundschleppnetzen zum Abdrehen zu bewegen.

Die EU schreibt vor, dass sechs Jahre nach Bestätigung der Natura 2000-Gebiete Managementpläne entwickelt und geeignete Schutzmaßnahmen umgesetzt werden müssen. Das heißt, 2013 ist die Deadline für Deutschland erreicht.

Greenpeace selbst hat konkrete Vorschläge für Schutzgebiete erarbeitet, zur Nord- und Ostsee, zum Mittelmeer, ebenso zur Hohen See.

(Autorin: Nicoline Haas)

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