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Stimmungsberichte: Besetzung und Räumung

Auszüge aus dem Buch Brent Spar oder die Zukunft der Meere. Ein Greenpeace-Report. von Jochen Vorfelder, Beck-Verlag, München, 1995
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30. April: Die Besetzung der Brent Spar

Am frühen Morgen des 30. April traf sich die unauffällige Embla mit dem Aktionsschiff Moby Dick im Brent-Feld. [...] Das massive Aufgebot war in Lerwick, wo es von Shell- und Öl-Leuten nur so wimmelt, natürlich aufgefallen, doch die Besatzung der Moby Dick hatte in die Trickkiste gegriffen. Das Schiff war, als es am Kai lag, mit eindeutigen Bannern und Flaggen geschmückt: Stoppt Norwegen - Stoppt den Walfang! Niemand in Lerwick war auf dumme Gedanken gekommen.

Das Wetter, in der nördlichen Nordsee immer ein Risikofaktor, hielt zunächst. Am 30. April, gegen zehn Uhr früh, wurden die ersten Schlauchboote von der Moby aus ins Wasser gesetzt, der Kapitän der Embla ließ die Ladeluken öffnen. Was folgte, war ein Desaster. Von sechs Außenbordern waren zwei nicht zum Leben zu erwecken, zwei weitere gaben immer wieder den Geist auf. Eine Schlauchboot-Besatzung wurde abgetrieben. Die Kletterer hatten Schwierigkeiten mit ihrer nassen Ausrüstung und waren reihum seekrank. [...]

Doch ein erstes Team war an Bord. Sechs Kletterer und Aktivistinnen, ein Kamerateam, zwei Fotografinnen und zwei Reporter hatten mit Hilfe von Wurfankern, Fallseilen und einem Steignetz die Brent Spar geentert. Die zwölf hatten fünf von 100 Kisten an Bord; einen kleinen Generator, einige Werkzeuge und Sprechfunk; nur 100 Liter Wasser und kaum Essen. Die ersten Besetzer fanden in der verwüsteten Brent-Spar-Kombüse schließlich vier Jahre alte Shell-Kekse.

Brent Spar stand am Abend des 30. April auf Messers Schneide. Hätte der Konzern in dieser Situation weitere Schiffe zusammengezogen und die Plattform von den Greenpeace-Schiffen massiv abgeschirmt, gut möglich, daß die Aktion in wenigen Tagen zusammengebrochen wäre. Doch der aufgekommene Sturm schützte auch die Besetzer, und Shell hielt die Aktion, so gab später ein Pressesprecher des Konzerns unumwunden zu, für eine spektakuläre Eintagsfliege, die sich schnell von selbst erledigt. [Vorfelder, S. 55-56]

22. Mai 1995: Räumungsversuch gescheitert

Die 18 Besetzer hatten sich auf ihre Weise auf die drohende Räumung eingestimmt. Um einen Hubschrauberanflug und das Absetzen von Räum-Kommandos zu verhindern, spielten sie mit riesigen Lenkdrachen, die fast 100 Meter hoch in den Himmel stiegen. Luftballons flatterten im Wind. [Der zu diesem Zeitpunkt einzige namentlich bekannte Besetzer] Jon Castle hatte angekündigt, daß die Greenpeacer sich verschanzen, und tief ins Innere der Plattform zurückziehen würden: Wir sind absolut gewaltfrei, aber wir gehen auch nicht von selbst.

Die Fenster und Bullaugen der Brent Spar waren verschweißt; das Landedeck und die Gitterläufe mit Metallstangen, Seilen, Netzen und Bannern verbarrikadiert. Am Abend vor der Ankunft der [Arbeitsplattform] Stadive gab es eine Party mit Kulturprogramm. Danach baumelten rund um die Plattform seltsame Artefakte. [...] Jon Castle dazu später lächelnd: Man darf die Dinge nicht so verbissen sehen. Es war Kunst, Kunst aus Shell-Abfällen. Sie entsteht zwangsläufig, wenn zwei so grundverschiedene Kulturen aufeinanderprallen. [...]

Die Stadive mit einem Shell-Krisenzentrum auf der Brücke erreichte die Brent Spar mitten in der kurzen Nordsee-Nacht. Christian Bussau sah sie näher kommen: Sie wirkte auf mich, als ob ich in Zeitlupe auf eine hell erleuchtete Kleinstadt zufahren würde. Das Ding wurde größer und größer, ehrlich gesagt, mir rutschte das Herz schon in die Hosentasche. Die Besatzung manövrierte den schwimmenden Koloss im Licht von starken Scheinwerfern bis auf 20 Meter an die Brent Spar heran. Rote und grüne Leuchtraketen stiegen in den Himmel. Megaphone bellten Befehle; die schottischen Polizeibeamten forderten die Besetzer auf, den Protest zu beenden. Eine Handvoll Shell-Arbeiter mit orangefarbenen Schutzhelmen hantierte an einem offenen Förderkorb, der an einem der Kräne hing.

Gegen halb vier wurde es heller. Kameras wurden in Position gebracht, Reporter hippelig. Doch dann schlug sich die Nordsee auf die Seite der Besetzer. Der Wind frischte schlagartig auf, der Seegang nahm zu. [...] Krisensitzung auf der Stadive. Das Wetter siegte. Gegen sieben Uhr gab Shell Expro offiziell bekannt, dass man die Räumung wegen der schlechten Witterungsverhältnisse abgebrochen und auf unbestimmte Zeit ausgesetzt habe. Galgenfrist. [Vorfelder, S. 83-85]

23. Mai 1995: Räumung der Brent Spar

Shell räumte die Brent Spar, wegen des aufgekommenen Wetters mit rund 24 Stunden Verspätung, am 23. Mai gegen sechs Uhr in der Früh. Wind und Seegang hatten nachgelassen; die Stadive konnte eine Enter-Mannschaft am Kran übersetzen. [Der Fotograf] David Sims: [...] Sie kamen also runter, sprangen raus und haben sich als erstes Frank geschnappt und ihn an allen Vieren in den Korb gezerrt. Ich stand dabei und habe meine Fotos gemacht. Da kam der Shell-Häuptling und meinte: Sie da, Sie können hier keine Fotos machen! Hören Sie, keine Fotos hier! Dabei hat er immer seine Hand vor mein Objektiv gehalten. Ich hab weiter auf den Auslöser gedrückt und gesagt: Danke, Sir! Und er glotzte mich an und sagte: Für was denn? Und ich drauf: Sir, Sie haben gerade ein astreines Bild abgegeben. Shell hindert freien Presse-Fotografen bei der Arbeit. Verstehen Sie, Sir? [...]

Die Brent Spar war wieder in Shells Händen. Doch die Stimmung war bombig, nicht zuletzt, weil David Sims eine unglaubliche Geschichte auf Lager hatte: Ich packe also meine Filmrollen und die Videocassetten, wie abgesprochen, in die wasserdichte Wasserbox - und ab damit über Bord. 30 Meter, bäng!, schlägt sie auf dem Wasser auf. Funkruf an Anita im Schlauchboot: Habt ihr die Kiste? Und sie nach einer Pause: Nein, verflucht! Das Ding ist abgetrieben, wir können die Kiste nicht mehr sehen. Ich denk nur, das darf doch nicht wahr sein! Die ganzen Aufnahmen von der Räumung. Alle futsch, treiben jetzt in der Nordsee in dieser blöden Rettungsbox. [...]

Stellt euch vor: Die hatten die Box im Boot, aber eine Welle hat sie rausgespült, und weg war sie. Verzweiflung. Und in ihrer Not sind sie losgefahren, zu jedem von den Shell-Schlauchbooten, die rundum im Wasser waren. Haben dummdreist nachgefragt: Sagt mal, ist hier vielleicht unsere Rettungsbox vorbeigeschwommen, so eine rote?

Und einer von den Shell-Leuten sagt doch tatsächlich: Äh, ja, Mädels. Hier ist eine vorbeigekommen. Ist sie das hier?

Und Anita ganz cool: Ja, genau, das ist unsre. Schmeiß mal rüber. Anita fängt das Ding auf, sagt noch: Schönen Dank, Jungs! - und ab durch die Mitte zum wartenden Hubschrauber. Irre. [Vorfelder, S. 89-90]

20. Juni 1995, kurz vor 19 Uhr: Jubel bei Greenpeace

[Barbara Börner, damalige Betreuerin der bundesweit über 70 Greenpeace-Gruppen erzählt, dass am Abend des 20. Juni] eine seltsame Stimmung im Büro geherrscht habe: Irgendwie wollte keiner so richtig nach Hause. Da lag was in der Luft, weil es Spitz auf Kopf stand. Alle waren sich sicher, daß wir Shell hart an der Grenze zur Kapitulation hatten, und machten sich gegenseitig Mut. Aber niemand konnte sich so richtig vorstellen, daß der Riese auch tatsächlich einknickt.

Wie und wann sich die Nachricht schließlich verbreitete, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Die einen behaupten, Fouad Hamdan habe kurz vor 19 Uhr mitten in einem Telefonat mit einem Journalisten des BBC den Hörer fallen lassen, sei durch den Flur getobt und habe Irre, irre! gebrüllt. Die anderen sagen, Birgit Radow, die Chefin der Pressestelle, sei kurz davor mit roten Flecken in den Brent-Spar-Raum gekommen und habe ganz leise gesagt: Leute, ihr werdet es nicht glauben, was ich gerade gehört habe. Ihr habt gewonnen. [...]

Es vergeht keine Stunde, da stehen die Menschen dichtgedrängt im Flur. Wie aus dem Nichts sind plötzlich Sektkisten aufgetaucht, an Eßbares hat dagegen niemand gedacht. Gläser sind Mangelware, die Flaschen gehen reihum. Passanten haben unten an der Tür geklingelt, Einlaß gefunden und feiern jetzt mit. [...] Lokale Sender haben sofort ihre Teams losgeschickt; die TV-Reporter und Radio-Leute interviewen wahllos und zerren jeden vor die Kamera, der Worte findet. [...] Wildfremde Menschen rufen an, wollen weiter etwas tun, wollen Greenpeace-Mitglieder werden. [...] Alle paar Minuten rennt jemand in den Tickerraum und kommt begeistert mit dem nächsten Schwung Faxe zurück, die seit der Tagesschau unaufhörlich aus der Maschine laufen. Die Faxblätter füllen inzwischen mehrere Wände: Glückwunsch! Greenpeace liegt sich in den Armen; die Anspannung der letzten Wochen entlädt sich im Überschwang der Gefühle.

Das Brent-Spar-Team hat sich unbemerkt in seinen Raum zurückgezogen. Erste Telefonate mit Freunden in London, auf den Shetlands, mit der Altair und der Solo. Glückliche Gesichter, Freude ohne viele Worte. Widersprüchliche Gefühle und Gedankenfetzen: Gewonnen. Wochenlang auf einer Welle der Begeisterung gesurft, Entscheidungen lange diskutiert und dann doch aus dem Bauch heraus getroffen. Freundschaften, Beziehungen, Familie vernachlässigt. Gehofft, gebangt, befürchtet. Kampagenenarbeit wie Achterbahnfahren im Dunkeln. 50 Tage Rödeln ohne Ende - und jetzt? Fouad Hamdan bringt es mit seinem levantinischen Humor auf den Punkt: Was meint ihr, gibt es ein Leben nach Brent Spar? [Vorfelder, S. 21-23]

Brent Spar und die Folgen

Kaum eine Greenpeace-Kampagne hat so viel Aufsehen erregt und so viele Menschen mobilisiert wie der Protest 1995 gegen die Versenkung der Plattform Brent Spar.
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