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Erster Teil der Reise: 16. November bis 14. Dezember

Auf der Jagd nach japanischen Walfängern, Tagebuch Teil 1

Am 20. November ist Greenpeace ins Südpolarmeer aufgebrochen - auf der Suche nach den japanischen Walfängern. Hier lesen Sie über den ersten Teil der Reise. Unsere Aktivistin und Schlauchbootfahrerin Regine Frerichs berichtet über ihren Alltag.

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14.12.2005

Wind 6, Wellen bis 8 Meter, 2 Grad, bewölkt

Bitte seht es mir nach, wenn ich heute nicht so viel berichten kann. Wenn man auf der Brücke steht (die ist ja im dritten stock) dann rollt ein eisgrauer Brecher nach dem anderen in Augenhoehe heran, sobald der Bug im Wellental ist. Die Rückseite der Wellen kann man erst sehen, wenn sich der Bug über den Wellenkamm erhoben hat. Die Windböen pfeifen um die Brücke als ob es einen Wettstreit im gäbe. Sie reißen wie von tausend Krallen gezogen, weisse Streifen auf die Wellen. So ist das Schreiben mehr vom Festhalten, als vom Tippen geprägt ... Hofft mit uns, dass wir bald in ruhigere Gewässer kommen!

Bis dann, liebe Grüße, Regine

13.12.2005

Wind 6, See bis 6 Meter, 2 Grad, bewölkt, diesig.

Während der Wachen auf der Brücke hat man Zeit. Zwischen den Runden, die ich stündlich auf dem Schiff gehe, bleibt Raum für Gespräche und zum Lernen. Unser Schiff scheint ein sehr musikalisches Schiff zu sein!

Während mein Wachhabender, Matthies aus den Niederlanden, meistens seine Gitarre mit auf die Brücke bringt, kommt Texas, der wachhabende und 2. Mate mit einer Violine zur Ablösung! Und es ist ja auch nichts gegen Musik auf der Brücke einzuwenden, solange der Ausguck und die Beobachtung der Instrumente nicht leiden. Längst haben mit den nachwachsenden Generationen heute Heavy Metal und Punk angefangen, auf den Brücken dieser Welt Einzug zu halten. Solange nicht Flamenco und Klassik handgemacht werden...!

Matthies ist unser jüngstes Besatzungsmitglied und hat mit seinen 23 Jahren schon einiges von der Welt gesehen. Bevor er hier auf der Arctic Sunrise anfing, war er mit der Esperanza in Kanada auf den Grand Banks und anschließend in der Barentsee.

Aber nicht nur Matthies und Texas spielen Instrumente, mindestens die Hälfte der Besatzung spielt Gitarre, zum Teil bis hin zu öffentlichen Auftritten! Da bin ich mal gespannt, was wir Weihnachten musikalisch auf die Beine stellen!

Die Spannung auf den Schiff steigt! Nach über drei Wochen auf See müssten wir allmählich unser Ziel, der japanischen Fangflotte nahe zu sein, erreicht haben. Heute Nachmittag ist Ausgabe der Überlebensanzüge, der warmen Unterzieher und was wir noch so alles Warmes auf dem Schiff gefunden haben!

Gestern war die Einteilung der Bootfahrer und der 1. und 2. Beifahrer. Die Bootfahrer müssen vor dem Losfahren Ölstand, Bilgewasser und -pumpe, Lenzschläuche und Funkgerät überprüfen. Der 1. Beifahrer ist für die Sicherheit zuständig und sorgt dafür, dass der Koffer mit Satellitentelefon, GPS etc. an Bord ist, passt auf, dass weitere Besatzung und Mitfahrer entsprechend ausgerüstet sind und arbeitet mit dem Fahrer eng zusammen. So muss er unter anderem den Fahrer daran erinnern, sich spätestens alle 15 Minuten beim Schiff zu melden, muss mit das Wetter im Blick behalten und auch mit auf die Position anderer Boote und der Schiffe achten. Der 2. Beifahrer ist mit für die Arbeiten auf den Aktionen zuständig.

Wir haben bei uns ein Aktionsboot und ein Presseboot an Bord. Ich bin erst einmal als Fahrer auf dem Aktionsboot mit dem passenden Namen Grey Whale eingeteilt.

Haltet uns die Daumen, dass wir nun bald unsere Mission beginnen können! Liebe Grüße, Regine

12.12.2005

Wind 3, See 1,5 Meter, 0 Grad, bewölkt, diesig

In den letzten Tagen haben wir einige Sicherheitsübungen und kleinere Trainings abgehalten. Wir sind durch die Funkprozeduren gegangen, die Sicherheitsmaßnahmen, wenn ein Boot auf See den Funk- und Sichtkontakt verliert, sowie noch einmal aus der Ersten Hilfe die Wiederbelebungsmaßnahmen. Wir haben eine entsprechend geschulte medizinische Fachkraft an Bord, die ansonsten auch als Deckhand arbeitet.

Jedes Schlauchboot bekommt einen wasserdichten Koffer mit, in dem sich ein Ersatzfunkgerät, ein GPS, ein Satellitentelefon und ein EPIRB befindet, ein Positionsmeldegerät. Zusätzlich gibt es noch eine so genannte Safetybox, in der Seenotraketen, Erste-Hilfe-Kasten, Signalspiegel, Handkompass und andere hilfreiche Dinge sind. Im Falle eines Falles sind wir also sehr gut gerüstet! Vor allem mit den Geräten aus dem Koffer sind wir schon auf der sicheren Seite. Wenn wir nach eineinhalb Stunden wiederholter Versuche der Kontaktaufnahe, auch über Satellitentelefon, keinen Kontakt zum Schiff bekommen, bleibt das so genannte EPIRB! Das ist ein kleiner Plastikkasten, wasserdicht, damit man ihn auch mitnehmen kann, falls man gekentert ist. Aktiviert man das EPIRB, wird ein Seenotsignal über Satellit nach Amsterdam zu einer Seenotfunkstelle gesendet. Das EPIRB übersendet zu wem es gehört und vor allem die Position! So kann auf unserem Schiff angerufen werden, um mitzuteilen, wo sich das vermisste Boot befindet. Vorraussetzung ist natürlich, dass wir alle diese Geräte auch bedienen können!

Das Auffrischen der Erste-Hilfe-Maßnahmen, vor allem vor dem Hintergrund einer möglichen Unterkühlung, ist noch einmal sehr hilfreich und wichtig!

Die Stimmung an Bord ist nach wie vor sehr gut und die Spannung steigt! Wir sind unserem Zielgebiet sehr nahe und wir bereiten uns darauf vor, dass unsere Aktionen jederzeit losgehen können!

Jetzt fehlen nur noch ein paar praktische Trainingseinheiten mit den Booten, damit sich die Besatzungen genau kennen und die Kommunikation an Bord klappt! Bisher war das Wetter ja doch gegen uns und auch der Sturm, der Schäden an den Booten verursacht hatte, hat das Seinige dazugetan!

Bis Morgen, liebe Grüße, Regine

10./11.12.2005

Wind 4 bis 8, See 3 bis 7 Meter, 0 Grad, bewölkt, diesig, Regen- und Schneeschauer

Das Wochenende war wieder einmal vom Wetter geprägt! Seit Tagen drückt sich ein einheitsgrauer Himmel mit Regen und Schnee auf die Schiffe, so dass sich der Horizont bereits in zwei Meilen Entfernung diffus zwischen Himmel und Wasser auflöst.

In der Nacht von Freitag auf Samstag brieste es wieder auf, so dass wir unsere Kollegen, die die Einladung der Esperanza angenommen hatten, nicht zurückholen konnten. Wir fahren am äußersten Ausläufer eines Sturmtiefs entlang, dort wo der Wind wieder nachlässt, aber die Wellen sich noch lange nicht beruhigt haben. So blieben unsere Kollegen auch die zweite Nacht auf der knapp drei Meilen vor uns laufendem Esperanza.

Während der Wind im Laufe des Wochenendes von acht wieder auf vier zurückging, wuchsen die Wellen von zuerst drei auf sieben Meter in der letzten Nacht an. Mehr als einmal tauchte der Bug unseres Schiffes tief in die Wellentäler ein, so dass die Gischt die Sicht durch die Fenster der Brücke nahm. Und die ist sozusagen im dritten Stock!

Das Wasser, welches anschließend vom Schanzkleid des Bugs gefangen war, tobte erst einige Zeit weiß schäumend über Deck, bis es seinen Weg zurück ins Meer fand. Die Schäfte der Ankerketten sind wie zwei kleine Geysire, die alle paar Sekunden das eiskalte Wasser des Polarmeeres in Fontänen über das Vordeck sprühen.

Es wird nicht mehr dunkel. Zwischen 22 und ein Uhr dämmert es etwas, so dass ich in meiner Kabine die Nacht simulieren muss, um schlafen zu können!

Mein Tages-/Nachtrhythmus hat sich seit diesem Wochende durch das Wache gehen verändert. Ich schlafe nachmittags und in der zweiten Nachthälfte, wobei der Nachmittagsschlaf der Beste ist! Wahrscheinlich hängt das mit dem alten Rhythmus zusammen, der sich noch nicht richtig umgestellt hat.

Während meiner Wachen muss ich alle Stunde eine Runde durchs Schiff machen und kontrollieren, ob alles in Ordnung ist: Ob es vielleicht irgendwo verbrannt riecht, ob im Maschinenraum irgendwo Öl ausgetreten ist oder sich die Bilge (der tiefste Bereich des Kieles) mit ungewöhnlich viel Wasser gefüllt hat. Ob alles noch an seinem Platz ist oder sich irgendwelche Befestigungen gelöst haben, eben, ob alles sicher ist! Ansonsten hält man auf der Brücke mit dem wachhabenden Maat Ausguck.

Bis Morgen, liebe Grüße, Regine

09.12.2005

Wind 4, in Böen 6, See 1,5 Meter, - 1 Grad, bewölkt, diesig, Schneeschauer

Wir laufen seit fast 24 Stunden genau gegen die Wellen. Die Bewegung des Schiffes hat also gewechselt. Das Rollen, wodurch man immer von einer zur anderen Seite geworfen wurde und man keinen Gang entlang gehen konnte, ohne an die Wände zu stoßen bzw. sich daran abzustützen, ist jetzt einem Stampfen gewichen. Das Schiff bewegt sich nur auf und ab. Hierbei hat man beim Eintauchen des Bugs in die Wellen das Gefühl, gleich in der Schwerelosigkeit vom Deck abzuheben und so mancher Schritt endet eher über dem Fußboden in der Luft. Gleich darauf aber wird man dafür dann mit einigen Kilo mehr Belastung wieder fest am Boden verankert, was vor allem beim Erklimmen des Niederganges ein schönes Beintraining ist ...

Und bei diesem niemals endenden Thema möchte ich doch einmal unsere Köchinnen erwähnen! Die haben die schwerste Arbeit zu tun (finde ich und ich möchte wirklich nicht mit ihnen tauschen müssen...)!

Emilse, Italienerin und in Spanien lebend, versorgt uns wie Muttern. Unterstützt wird sie von Isha, unserer Frohnatur aus Indien. Da steht sozusagen Temperament am Herd! Bisher ist keine der täglich zwei warmen Mahlzeiten ausgefallen. Egal, welcher Seegang, die beiden zaubern uns täglich unsere Leckereien auf den Tisch! Die Kombüse wird schnell zur Rutschbahn und mir stellen sich immer alle Haare zu Berge, sobald von einem: Oh, oh, oh, oh, ....! begleitet mit den heißen Pütt und Pann jongliert wird! Manchmal stecken die Beiden ihre Köpfe zusammen und hören nichts mehr um sich herum. Dann planen sie das nächste Essen! Wir werden sehr abwechslungsreich versorgt, es steht immer frisches Obst auf dem Tisch und es gibt immer frischen Salat in verschiedenen Variationen (noch...). Für die Vegetarier wird genauso gesorgt, wie für Besatzungsmitglieder, die irgendeine Lebensmittelallergie haben!

Was das Leben für die Köche an Bord so schwierig macht: sie haben keinen Tag frei! Dafür sind sie von allen anderen Arbeiten frei gestellt (außer bei Not am Mann, da packt natürlich jeder mit an!) und können sich ihre Zeit einteilen. Hauptsache, das Essen ist pünklich! Und da an Bord das Leben kaum so abwechslungsreich ist, wie zu Hause, sind die Mahlzeiten wichtige Momente in der Struktur des Bordlebens! Nicht umsonst sagt man, nach dem Kapitän ist der Koch die wichtigste Person an Bord...

Und sowohl Isha als auch Emilse wollen trotz ihres Jobs bei den Aktionen mit in die Schlauchboote!

Und da ich gerade von Abwechslung spreche: Morgen sind wir zum Abendessen auf die Esperanza eingeladen mit anschließendem Beisammensein! Ich kann da leider nicht mit hin, denn ab morgen bin ich zum Wachdienst eingeteilt. Was das heißt, gibt es morgen zu lesen.

Liebe Grüße, Regine

08.10.2005

Wind 2 bis 3, See 1 Meter, 1 Grad, bewölkt

Wir sehen jetzt öfters Wale! Gestern abend tauchte eine Walkuh mit ihrem Jungen gar nicht weit vom Schiff entfernt auf. Es ist schon beklemmend, wenn man diese riesigen Tiere in ihrem Element beobachtet und daran denkt, dass die japanische Fangflotte unterwegs ist, um sie zu töten. Im Namen der Wissenschaft! Ich bin selber Wissenschaftlerin und ich darf eigentlich gar nicht darüber anfangen zu Sprechen. Es macht mich so hilflos, verzweifelt und auch wütend, wenn ich so etwas höre! Da werden Untersuchungsmethoden von Fischpopulatinen auf Säugetiere übertragen, aber das Unverfrorenste daran ist, dass die wissenschaftlichen Proben in japanischen Restaurants landen und zu Geld gemacht werden. Zudem sollen dieses Jahr auch noch 10 Finnwale getötet werden. Und die sind vom Aussterben bedroht. Wie arm muss unser Planet noch werden, bis wir merken, dass man eben nicht mehr alles essen, abbauen und verwerten darf?

Aber auch wir sind nur ein Teil der Evolution. Bisher sind alle Spezies ausgestorben. Entweder sie haben sich weiterentwickelt und sind in neuen Arten aufgegangen, oder sie sind gestorben. Ich denke, wir haben zumindest das Potenzial, zu beeinflussen, ob Homo Sapiens sapiens (wieso eigentlich zwei Mal Sapiens? So viel Verstand haben wir doch offenbar gar nicht...!) zu den Erfolgreichen gehören wird. Wir müssen uns heute kaum darüber Gedanken machen, wie wir unsere Art erhalten, das können wir ja ganz gut, wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir unsere Lebensgrundlagen erhalten! Und deren Zusammenhänge sind so komplex, dass sie noch lange nicht erforscht sind. Daher wäre zumindest Vorsicht im Umgang mit unseren Ressourcen angebracht, bis wir mehr wissen...

Das war heute mal ein kleiner Ausflug in meine Gedankenwelt, die bleiben eben nicht aus, wenn man im Südpolarmeer so wunderschöne Momente erlebt, wie Eisberge sehen und Wale beobachten!

Lasst es euch gut gehen,

Liebe Grüße, Regine

07.12.2005

Wind 2, See 0,5 Meter, - 2 Grad, Sonne

Eisberge! Wohin das Auge blickt Eisberge! Viele sehen aus wie Tafelberge, anderen sieht man an, dass sie sich gedreht haben. Einige haben Furchen, wo sich die Wasseroberfläche hinein gefressen hat, andere haben riesige Höhlen, in denen die Gischt der Wellen an den Wänden emporspritzt.

Nur rund ein Zehntel ragt über die Wasseroberfläche! Daher ja auch der Ausspruch: Das ist nur die Spitze des Eisberges... Unter Wasser bilden sie oftmals Höhlen, Canyons und ganze Kathedralen! In Grönland habe ich an Eisbergen getaucht. Das Lichtspiel unter Wasser versetzt einen in eine andere Welt! Und die weichen Formen der Eiswand ziehen einen magisch an, um berührt zu werden.

Aber auch der Anblick dieser kalten Ödnis, in der es doch so viel Leben gibt, lässt uns lange an Deck verharren, bis wir längst ausgekühlt kaum noch die Filme der Kameras wechseln können.

Die Sonne geht mittlerweile nur noch kurze Zeit unter, und wir nähern uns der antarktischen Mitternachtssonne!

Liebe Grüße, Regine

06.12.2005

Wind 4 bis 5, See 2 bis 3 Meter, 2 Grad, bewölkt, leicht diesig

Der Laderaum der Arctic Sunrise ist recht groß. So haben wir seit dem Sturm Laufseile gespannt, um uns daran festhalten zu können. Allmählich gewöhnt man sich daran, das alles länger dauert, jeder Gegenstand immer sofort an einen Platz verbracht werden muss, wo er nicht im nächsten Moment wegrollt oder -rutscht.

Der Laderaum ist gleichzeitig Werkstatt. Seit heute wird mit Hochdruck an der Reparatur des Schlauchbootes gearbeitet. Ein neuer Rahmen muss hergestellt und montiert werden und draussen müssen die entsprechenden Halterungen am Boot vorbereitet werden. Wegen des Seeganges sind die Bootsleute draussen immer angeseilt. Da wird geschweisst, gebrannt und geflext! Alles in allem kann man sagen, dass wir hier täglich Handwerk unter erschwerten Bedingungen betreiben.

Die Antarktis ist für mich der faszinierendste Kontinent! Ihre Entstehung liegt viele hundert Millionen Jahre zurück. Sie war Bestandteil eines viel grösseren Kontinents: Gondwana. Im Erdinnern herrschen sehr hohe Temperaturen und nur der äußere Erdmantel ist erkaltet und somit fest.

Aber unter der Oberfläche gibt es so genannte Konvektionsströme, die vergleichbar mit dem Aufsteigen von heißen Flüssigkeiten sind. Diese Ströme verschieben die Kontinente jährlich um bis zu ein paar Zentimetern. Wobei sich die Konvektionsströme im Erdinneren natürlich viel langsamer bewegen, als z.B. der Haferbrei im Kochtopf.

Die Antarktis hat eine lange Reise hinter sich, seit sie sich von Südafrika, Südamerika, Australien und Indien (ja, sie war auch mit Südafrika verbunden!) gelöst hat. An Gesteinsfunden kann man heute nachweisen, welche Erdteile an welchen Stellen miteinander verbunden waren. So hat die Antarktis auch schon Zeiten tropischen Klimas erlebt!

Von dem sind wir hier mittlerweile über Tausend Meilen entfernt und warten nicht nur auf die Schönheiten des kalten Kontinents, sondern auch auf unsere Einsätze, um diese faszinierende Welt ein bisschen so zu erhalten, wie wir sie vorgefunden haben.

Liebe Grüße, Regine

05.12.2005

Letzte Nacht: Wind 10, See 8 Meter, 2 Grad, Regen. Nachmittags: Wind 5, See 4 Meter, 2 Grad, Regen

In der letzten Nacht hat wohl niemand an Bord Schlaf gefunden! Seit Sonntagabend frischte der Wind aus einer anderen Richtung auf, so dass sich neue Wellen bildeten und eine sogenannte Kreuzsee entstand. Das bedeutet, dass die Wellen gleichzeitig aus zwei Richtungen kommen. Da liegt dann kein Schiff mehr ruhig im Wasser...

Bei uns zeigte sich nun, was wirklich seefest verstaut war und was nicht! Da haben Schranktüren nicht gehalten und der Inhalt ging wenn nicht gleich kaputt dann auf die Reise durchs Schiff..., die Halterungen der Bücherregale sprangen auf... und die Kombüse ist immer ein neuralgischer Punkt!

Seinen Höhepunkt hatte der Sturm gegen drei Uhr morgens, als sich das Schiff mit knapp über 60 Grad auf die Backbordseite legte. Hierbei wurde das an dieser Seite hängende Schlauchboot in seiner Halterung von der See nach oben gedrückt und der Rahmen um den Fahrstand zerbrach an den Trägern der Aufhängung...

Undauch jetzt, wo der Wind deutlich zurückgegangen ist, sind die Wellen noch immer bis vier Meter hoch. Die Bullaugen in den unteren Kabinen liegen gerade über der Wasserlinie. Diese tauchen bei fast jeder Welle ins Wasser ein. Heute aber tauchten auch die Bullaugen der Messe ein und die liegt ein Stockwerk höher!

Das Schreiben dauert auch ewig, da ich mich mehr festhalten muss als schreiben kann... Von daher werdet ihr hoffentlich Verständnis haben, wenn ich mich morgen wieder melde und dann mit hoffentlich Erfreulicherem!

Liebe Grüße, Regine

04.12.2005

Der zweite Sonntag auf See. Der zweite Advent! Heute vor zwei Wochen sind wir aus dem sonnigen Kapstadt gestartet, noch bei knapp 30 Grad und strahlendem Sonnenschein...

Ich wollte noch darüber erzählen, wie unsere Schlauchboote zu Wasser und wieder an Bord gebracht werden. Die Boote hängen in speziellen Halterungen seitlich an back- und steuerbord. Die Halterungen können per Hydraulik außenbords gebracht werden, so dass die Boote in Höhe der Decksaufbauten außenbords hängen. Die Bugleinen sind am Ende mit einem Haken versehen, der an einer anderen Leine eingehakt ist, die wiederum am Schiff befestigt ist. Das Boot wird an einer Art Kran zu Wasser gelassen. Nun ist es durch die Bugleine mit dem Schiff verbunden.

Jetzt wird der Motor gestartet, der Fahrer manövriert das Boot ein Stück vorwärts, so dass der Beifahrer die Bugleine aushaken kann. Nun ist das Boot frei und kann seitlich vom Schiff wegfahren. Dieses Manöver wird auch bei Fahrt gemacht, das Schiff muss also nicht extra anhalten. Es sei denn das Wetter ist sehr schlecht, dann dreht das Schiff sich so hin, dass sein Rumpf das Boot gegen das schlechte Wetter schützt. Zurück an Bord geht der ganze Vorgang in genau umgekehrter Reihenfolge. Für dieses Manöver muss man schon ganz gut fahren können, da man direkten Kontakt zum Schiffsrumpf aufnehmen und genau dieselbe Geschwindigkeit des Schiffes halten muss.

Gestern Abend hatten wir unsere Kollegen von der Esperanza auf unser Schiff eingeladen, die dann auch pünktlich und standesgemäß mit dem Schlauchboot kamen. Das Wetter war sehr trocken und kalt, der Wind schon ziemlich eisig, als wir einen über drei Kilometer langen Eisberg in der Dämmerung passierten.

Die Eisberge der Antarktis unterscheiden sich von denen der Arktis durch ihre Entstehung und somit auch durch ihre Größe und Form. Während die meisten Eisberge hier Abbrüche vom Schelfeis sind, das den antarktischen Kontinent umgibt, kommen die Eisberge der Arktis von den dortigen Gletschern. Sie sind verhältnismäßig klein und von unregelmäßiger Form, während die vom Schelfeis stammenden oben glatt wie Tafelberge sind und viele Quadratkilometer groß sein können. Im Zuge ihrer Verdriftung durch Wind und Strömungen bricht immer mehr Eis ab, wodurch kleinere und auch unregelmäßigere Eisberge entstehen.

Manchmal kann man von ihnen ablesen, wie sie sich gedreht haben und welche Bereiche einmal unter Wasser gewesen sind. Das Lichtspiel an dem teilweise Tausende von Jahren alten Eis ist faszinierend. Alle möglichen Blautöne lassen die bizarren Eisformen wie Märchenkulissen erscheinen!

Liebe Grüße, Regine

01.12.2005

Wind 3, See 1 Meter, 4 Grad, Schnee, Sonne, bewölkt

Heute früh um 4 Uhr sind wir aufgestanden, um in einen sportlichen Wettstreit im Rahmen der Trainings zu treten. Die Sicht betrug eine halbe Meile, es schneite dicke schwere Schneeflocken und die flogen auch noch waagrecht...

Schnell wurde ein Schlauchboot zu Wasser gelassen und machte sich auf den Weg zur Esperanza. Gegen die volle Stunde erwarteten wir die Wachrunde an Bord, so wartete das Schlauchboot versteckt von der schlechten Sicht. Um 05:30 Uhr wurde ein Kletterer an Bord der Esperanza abgesetzt, schlich sich zur Brücke und hisste ein Banner ('we have got you!'). Das reichte aber noch nicht, es wurde auch noch eine Probe aus dem Biervorrat mitgenommen. Ungesehen kamen alle wieder an Bord! Wir sind sicher, dass die Herausforderung angenommen wird. Auf diese Weise werden gleichzeitig spielerisch Aufmerksamkeit und Kreativität geschult, sowie der Umgang mit diversem Equipment. Man darf nicht außer Acht lassen: Jeder Umgang mit den Booten, Schiffen, Kletterausrüstung etc. verbessert die Praxis und Routine!

Heute nachmittag hatten wir ein Crew-Meeting, auf dem die anstehenden Trainings besprochen wurden. Von Erster Hilfe über die Bedienung verschiedenster Geräte, bis zu den Launch and Recovery Übungen (Boote zu Wasser lassen und wieder an Bord nehmen) bis hin zum Umgang mit GPS und Funkgeräten. Natürlich beherrschen die Bootfahrer das entsprechende Equipment, trotzdem werden auch die Beifahrer immer weiter geschult, damit sie entweder irgendwann selber Bootfahrer werden oder damit in einem Notfall auch andere einspringen, bzw. helfen können.

Nach dem Crew-Meeting konnte ich endlich meine erste Bootsfahrt in antarktischen Gewässern machen! Unser Campaigner Shane musste zu einer Besprechung zur Esperanza gebracht werden.

Die Afrikan Queen ist eines unserer grossen Boote, mit ca. 8 Metern Länge und 350 PS Diesel Innenborder ein seetüchtiges Boot. Trotz des recht starken Motors ist die Afrikan Queen ein gutmütiges Boot und daher gerade für Aufgaben auf See gut geeignet.

Und wer mehr darüber wissen möchte, wie man solche Boote ins Wasser und wieder aufs Schiff bringt und wie sie sonst noch ausgerüstet sind, kann hier morgen weiterlesen!

Liebe Grüsse, Regine

30.11.2005

Wind 3, See 2 Meter, 6 Grad, bewölkt

Alles, was wir mitnehmen, muss auch zurück ... was machen wir bloss mit dem ganzen Müll??

Auf einem Schiff ist ja nicht unendlich viel Platz und einige Materialien eignen sich auch ganz schlecht für Wellengang und rauhe See. Glas zum Beispiel. Leider können wir Getränke nicht in Pfandflaschen mitnehmen, denn für Getränkekisten steht einfach nicht genug Stauraum zur Verfügung. Getränke werden überwiegend in Kartons mitgenommen, die kann man gut stapeln und hinterher bestens zusammenfalten.

Für alle Materialien gibt es auf dem unteren Achterdeck Mülltonnen. Hierfür werden die anfallenden Ölfässer verwendet. Damit der Raum optimal genutzt wird, gibt es eine Hydraulikpresse, deren Stempel genau der Öffnung eines Fasses entspricht. So wird der Müll regelmässig gepresst damit möglichst viel in die Tonnen passt. Um so voller sie sind, um so schwieriger wird es allerdings, sie von ihrem Platz zur Presse zu bringen.

Das untere Achterdeck ist nicht komplett geschlossen. Zwar überdacht und mit Wänden versehen, aber die Speigatten lassen bei diesem Wellengang genug Wasser hindurch um die Füsse ordentlich zu umspülen, wie man das im Sommer vom Strand der Nord- und Ostsee kennt! Dann heisst es das gewünschte Fass losmachen, die anderen schnell wieder festlaschen, die nächste Welle abwarten und mit vereinten Kräften das schwere kalte Metall in die Ecke mit der Presse bringen. Und nach dem Pressen alles wieder rückwärts!

Die organischen Reste können in bestimmten Breiten ruhigen Gewissens dem Meer anvertraut werden, zumindest solange es warm genug ist und der Zersetzungsprozess entsprechend schnell und umfassend einsetzt. Ab dem 45. Breitengrad werfen wir auch diese organischen Reste nicht mehr ins Meer, da hier die Temperaturen ständig so niedrig sind, dass die Tätigkeit der Mikroorganismen zu gering ist. Außerdem leben hier zunehmend Tiere, die mit dieser Nahrung nicht klarkommen würden.

Ansonsten heisst es: Plastik, Glass, Papier und Pappe, Kompoststoffe möglichst gering halten, klein machen und sortieren! Für ölige Wasser und Altöl gibt es auf dem Schiff einen grossen Extratank, der an Land entsprechend entsorgt werden muss.

Es erstaunt einen immer wieder, wie alles Mögliche weiterverwertet wird. Ob es der kaputte Besenstiel ist, der plötzlich zu einem Hammergriff wird oder die riesigen 25 Liter Seifenbehälter, die aufgeschnitten und mit einem Griff versehen praktische Eimer ergeben. Sei es für den täglich anfallenden Kleinkram oder das Wasser zum Deck schrubben! Jedes alte T-Shirt wird zum Putzlappen und jedes Hölzchen noch zu einem Keil.

Übrigens kriecht der Horizont wieder auf unsere Schiffe zu, so dass man die Esperanza wieder nicht mehr sehen kann...

Liebe Grüße, Regine

29.11.2005

Wind 7, See 3 bis 4 Meter, 2 Grad, bewölkt

Letzte Nacht hatten wir bis Windstärke acht und das Schiff lag ein paarmal bis 45 Grad zu jeder Seite. Da wird einem in der Koje das Blut ganz schön in den Kopf gedrückt. Wenn die Füße oben sind ..., ich schlafe quer zur Fahrtrichtung ... ich habe mittlerweile drei Kissen, die zum Teil unter dem Oberkörper liegen, damit ich nicht so weit hintenüber kippe!

Ich wollte über die Seeschwalben erzählen, denen ich nicht nur in unseren heimischen Breiten begegnet bin, sondern die ich schon vor ein paar Jahren in Svalbard (Spitzbergen) angetroffen habe. Diese kleinen zierlichen Vögelchen gehören für mich zu den erstaunlichsten Zugvögeln. Im Nordsommer ziehen einige von ihnen bis nach Spitzbergen, um dort zu brüten.

Sie sind absolut furchtlos, zumindest erscheint es einem so, denn sie greifen alles an, was sich auch nur in die Nähe ihrer am Boden befindlichen Gelege wagt! Dabei hacken sie mit ihren langen spitzen Schnäbeln immer auf den höchsten Punkt ihres vermeintlichen Gegeners. So vertreiben sie Rentiere, die auf ihre Eier oder Küken treten könnten und selbst Eisbären sind von den Attaken schnell entnervt und lassen sich vertreiben. Dabei arbeitet die ganze Kolonie zusammen und macht auch noch ordentlich Krach dabei!

Man ist gut beraten in der Nähe einer Seeschwalbenkolonie etwas über den Kopf zu halten oder eine dicke Mütze zu tragen. Es gibt wehrlosere Vögel, die die Nähe der Seeschwalben suchen, damit sie vom Schutz der Kolonie profitieren können. So zum Beispiel das Thors-Hühnchen, eine arktische Vogelart.

Aber das reicht noch nicht an Besonderheiten. Die Seeschwalben fliegen zum Südsommer auch noch in die Antarktis. So legen sie von den Zugvögeln mit die weitesten Strecken im Jahr zurück! Und deshalb sind sie jetzt auch hier zu sehen!

Der Himmel ist heute von einer druchgehenden Wolkenschicht bedeckt, die einem eher die trüben Wintertage in Norddeutschland suggerieren. Hier verwandeln sie die Farbe des Wassers in ein Stahlgrau. Die Windböhen greifen immer wieder in die bewegten Wellen und drücken tausend kleine Vertiefungen hinein, mit denen die Wassermassen dann wiederum vorangetrieben werden. DasWeiss der Schaumkronen zeigt an, dass der Wind heftig genug ist, um die höchsten Spitzen der Wellenkämme so schnell voranzuschieben, dass sie brechen und so die weissen Hauben bilden. Die Beobachtung von Wolken, Wasser, Wind und Wellen wird zu einer Selbstverständlichkeit, da sie es sind, die unser Leben auf See am meisten beeinflussen!

Ich muss mich schon wieder am Schreibtisch festhalten und dabei fällt mir auf, dass der Holzklappstuhl in unserem kleinen Schiffsbüro diese Fahrt wohl nicht überleben wird...!

Liebe Grüße, Regine

28.11.2005

Wind 4 bis 5, See 1,5 bis 2 Meter, 0 Grad, wechselnd bewölkt, sonnige Abschnitte, Schneeschauer

Jetzt kann ich langsam sagen, dass sich so etwas wie Alltag einstellt. Um halb acht Uhr wird geweckt. Das Frühstück macht sich jeder selber und anschliessend ist saubermachen angesagt. Die Fußböden, Toiletten, Duschen, die Messe, der Aufenthaltsraum, alles wird jeden Tag (außer Sonntags) gewischt, geputzt und gesaugt. Wenn man mit so vielen Menschen so dicht aufeinander lebt, ist Sauberkeit sehr wichtig, zu schnell übertragen sich sonst Krankheiten. Und außerdem wird auch alles entsprechend schnell schmutzig.

Nach dem allgemeinen Saubermachen liegen verschiedenste Arbeiten an. Da werden die Schlauchboote mit halb offenen Fahrerkabinen versehen, Türrahmen ausgebessert, der Fussboden im Lagerraum geschrubbt, Elektomotoren repariert, die Kombüse mit praktischen Netzen versehen, damit nicht alles so schnell aus den Regalen fliegen kann. Um zehn Uhr gibt es eine kleine Laffeepause, danach geht es bis zwölf Uhr weiter.

Zum Mittag gibt es immer warmes Essen. Um 15 Uhr ist wieder eine kleine Kaffeepause und um 17 Uhr ist Feierabend. Das Abendessen ist auch wieder warm und steht um 18 Uhr auf dem Tisch. Unsere Köchin Emilce zaubert uns täglich die leckersten Happen auf den Tisch und ich habe den grössten Respekt davor unter diesen Umständen in der Kombüse zu arbeiten! Eines kann man auf jeden Fall sagen: ein Schiff ist ein Hort unendlich vieler Arbeit!

Nachdem der erste Advent von recht rauhem Wetter geprägt war und man nicht einmal an Deck konnte, habe ich heute die erste Gelegenheit genutzt, um wieder draussen frische Luft zu schnuppern! Der Wind ist mittlerweile eisig und ich sehe den Seevögeln ganz neidisch zu, denen das nichts ausmacht.

Die Tierwelt der Polarregionen ist fantastisch angepasst! Ob es die gut gefetteten Federn sind, die kein Wasser an die Haut lassen, oder die aquadynamische Form der Pinguine, die kaum Wasserwiderstand beim Tauchen überwinden müssen; oder die Fähigkeit der Pottwale, alle Gase der Lunge im Blutkreislauf aufzunehmen, damit sie bis zu 3000 Meter tief tauchen können. Lange hat man überlegt, wie der Pottwal in diesen Tiefen, in die kein Licht mehr reicht, jagen kann. Nach neusten Erkenntnissen geht man davon aus, dass der Pottwal auf seine Beute wartet und nicht hinter ihr her schwimmt!

Heute habe ich eine Seeschwalbe gesehen, von der will ich dann morgen erzählen!

Liebe Grüße aus den antarktischen Gewässern, Regine

27.11.2005

Wind 8, See 4 bis 5 Meter, 3 Grad Celsius, bedeckt

Seit letzter Nacht hat der Wind wieder zugenommen und wir haben jetzt recht stürmisches Wetter von achtern. Da wir aber direkt vor dem Wind fahren, ist das Rollen des Schiffes nur unbedeutend stärker geworden. Aber einmal über Deck gehen ersetzt eine ganze Kanne Kaffee!

Heute ist Sonntag und heute konnten wir ausschlafen. Ausschlafen heißt aber nur, ein paar weitere Schlafphasen liegen zu bleiben. Durch den Wellengang, die ewigen Geräusche und das Dröhnen der Maschine schlafe ich immer nur kurz. Ab und an schlagen Brecher gegen den Rumpf, die mit ihrem überall zu hörenden dumpfen Aufprall das ganze Schiff erzittern lassen.

Und allmählich wird es kalt. Während einem vor ein paar Tagen noch der Schweiss in Ströhmen herunterlief, sobald man sich nur durch das Schiff bewegte, hat der Stahl nun die empfindlich gesunkenen Außentemperaturen angenommen. Und die kriechen so langsam durch die Isolierung ins Innere. So werden nach und nach die Heizungen angeschaltet, doppelte Bettdecken aufgelegt und kaum einen sieht man noch im T-Shirt.

Langsam kommt es einem wie eine nicht enden wollende Fahrt ins nirgendwo vor und dabei sind wir gerade erst eine Woche unterwegs! Durch das schwere Wetter kann man sich nicht draußen aufhalten, da fühlt man sich doch manchmal etwas eingesperrt!

Unter diesen Umständen wächst die Crew auf einem Schiff besonders zusammen. Vor allem, wenn einem noch besondere Aufgaben bevorstehen!

Liebe Grüße, Regine

26.11.2005

Wind 5, See 2 Meter, 3 Grad, mittlerweile sonnig

Der Wind hat aufgefrischt und den Horizont wieder dahin geweht, wo er hingehört: an den Rand der Welt!

Vormittags war es noch trübe und regnerisch. Die Esperanza fuhr eine Meile neben uns ... hat man gesagt, denn gesehen haben wir sie nicht. Und dann hieß es plötzlich: Eisberge! Auf dem Radar waren sie zu erkennen und da die Sicht knapp 200 Meter betrug, tauchten sie aus der diesigen Suppe erst nah am Schiff auf. Für diejenigen, die noch nie welche gesehen haben, natürlich ein spannender Moment!

Jetzt da die Sicht wieder klar ist und die Sonne scheint, sind die Eisberge aber erst einmal wieder verschwunden. Dafür stellen sich die Albatrosse wieder ein!

Heute Vormittag habe ich die arbeit an den Festhalteschlaufen beenden können und noch vor dem Mittagessen wurde das Schiff für das Wochenende aufgeklart. Was bedeutet: putzen, putzen, putzen und aufräumen.

Nach dem Essen wurde warme Kleidung für Bootfahrer und Besatzung der Schlauchboote ausgegeben. Hier kann man sich wirklich nicht sorgfältig genug anziehen!

Ich bin froh, dass unser Training zu Hause im Winter stattfindet und um jede Meile, die ich zwischen Flensburg und Kopenhagen habe zurücklegen dürfen. Dabei muss ich anmerken, dass unser Anfänger-Bootstraining immer im Winter stattfindet, jeweils zwei Wochen dauert und mit einer Langfahrt von Flensburg nach Kopenhagen endet. Und wieder zurück, wenn möglich. Dieses Jahr hatten wir auf dem Rückweg minus zehn Grad. Ich glaube, das war auch für mich eine sehr gute Vorbereitung auf diese Tour!

Soviel für heute, ich werde jetzt mein erstes Wochenende nach einer arbeitsreichen Woche auf See verbringen!

Bei euch soll ja Schnee und Winter sein, bei uns sind dafür Sommer und Eisberge! Ich seh schon, wir werden hier zwar Sommer aber trotzdem eine weisse Weihnacht bekommen!

Liebe Grüße von den Eisbergen, Regine

25.11.2005

Wind 3, See 2 Meter, 9 Grad, diesig, Regen

Seit heute Morgen folgen uns weniger Seevögel und die eleganten Riesenalbatrosse sind ganz verschwunden. Die Tage werden länger, wir nähern uns dem Südpolarsommer. Dafür ist der Horizont auf weniger als hundert Meter an uns herangekrochen. Es nieselt. Die Welt auf einem Schiff ist schon klein, um wie viel kleiner wird sie, wenn plötzlich der Horizont an der Rehling steht? Und da ist er gerade in diesem Augenblick angekommen!

Wenn ich aus dem Fenster des kleinen Büros sehe, kann ich nur noch zehn Meter auf's Wasser sehen. Wir haben immernoch achterlichen Wind, so dass uns ein weiterer Tag das schwere Rollen unseres kleinen Eisbrechers erspart blieb. Für diese Breiten wahrlich ein sehr ruhiges Wetter!

Heute habe ich Halteschlaufen für die Schlauchboote angebracht. Die Haltegriffe an den Fahrständen sind aus Metall und bei langen Fahrten in der Antarktis entziehen sie den Händen auch in Handschuhen die Wärme. Die Halteschlaufen können jederzeit woanders befestigt werden, sind schlechte Wärmeleiter und werden in verschiedenen Größen angebracht. Sehr praktisch!

Wir sind 25 Leute aus 15 Nationen an Bord. Da wird natürlich Englisch gesprochen. Es ist schon eine Umstellung, wenn man plötzlich in seiner Kommunikation eingeschränkt ist. Ich spreche zwar leidlich gut Englisch, aber es ja doch nicht meine Muttersprache. Da wird es einem schon nach einer Woche bewusst, wie wichtig für den Menschen Kommunikation ist und wie sehr Sprachen auch gleichzeitig Werte, Weltanschauungen und Untertöne transportieren.

So sind einem kleine, feine sprachliche Varianten kaum möglich und der Austausch ist zwar ständig da, aber eben doch in reduzierter Form. Meine individuelle Ausdrucksweise kann ich im Englischen mit Sicherheit nicht rüberbringen. Aber auch diese Gründe sind es, die für mich diese Tour spannend machen. Es gibt sicherlich noch viele Seiten in einem selber zu entdecken.

Morgen erwarten wir ein Treffen mit der Esperanza. Dann soll weiteres Vorgehen, Trainings und diverse Möglichkeiten unserer Anwesenheit in der Antarktis besprochen werden.

Lasst es euch bis dahin gut gehen, ich habe gehört, dass es geschneit haben soll! Dafür geht hier bald die Sonne nicht mehr unter und wir nähern uns mit Sicherheit dem ersten Eisberg!

Liebe Grüße, Regine

24.11.2005, Verschnaufpause dient der Sicherheit

Wind 4, See 1 bis 2 Meter, bewölkt, teils sonnig, um die 12 Grad Celsius

Wir haben eine Verschnaufpause bekommen, das Schiff ist fast ruhig! Endlich die Chance, einmal mehr als das notwendigste machen zu können. Mehr heisst in diesem Fall: alle Holzteile auf der Brücke schleifen, damit sie neu behandelt werden können. Damit sind wir natürlich nicht fertig geworden, die Arbeit bleibt uns wohl noch einige Tage erhalten.

Heute wurde ein Sicherheitstraining gemacht. Sie werden immer angekündigt, damit im Notfall niemand denkt, es sei nur eine Übung. Sobald der Generalalarm losgeht, versammeln sich alle an der Masterstation, das ist bei uns an der Backbordseite am Decksausgang - sozusagen unter einem unserer Schlauchboote. Es ist wichtig, dass jeder an Bord genau weiss, wie er sich im Notfall verhalten muss, damit dann alles möglichst reibungslos klappt.

Und der ruhigere Seegang heisst auch: etwas Zeit zum Duschen haben! Vor dem Abendessen konnte ich mich der Köperpflege widmen, die an Bord auf einmal einen besonderen Stellenwert bekommt. Auch auf die Ernärung achtet man auf einmal ganz anders. Im Schiff ist es meist sehr warm und man schwizt deutlich mehr als sonst. Daher ist auf einmal sehr viel Wasser trinken angesagt. Nur allzu schnell bekommt man sonst Kopfschmerzen und Dehydrierung fördert die Seekrankheit.

Die Augenblicke an Deck werden zur lieben Gewohnheit, so man denn schon nach ein paar Tagen von Gewohnheit sprechen kann. Es folgen mittlerweile immer mehr Seevögel unserem Schiff. Es macht einfach Spaß ihnen beim fliegen zuzusehen. Es sind allesamt Luftakrobaten und sie scheinen nur um des Fliegen willens mit den Winden zu spielen. Es werden auch immer mehr Albatrosse. Faszinierend, wie diese riesigen Vögel ohne jeden Flügelschlag Stunde um Stunde dem Schiff folgen.

Albatrosse leben die meiste Zeit ihres Lebens auf See. Erst nach vier Jahren kehren sie zu ihrer Geburtsinsel zurück, um selber zu brüten. Für die Jungen heißt es dann auch erst einmal: vier Jahre sich den Wind um den Schnabel wehen zu lassen! Sie haben auf ihren Inseln keine Feinde und ziehen immer nur ein Junges auf. Sie werden leicht Opfer der Langleinenfischerei, da sie auf der Suche nach Beute recht tief tauchen und leicht die glitzernden Haken an den Leinen mit kleinen Fischen verwechseln. Man nennt das dann lapidar Beifang.

Wenn es so ruhig bleibt, haben wir Chancen, die nächsten Tage ein Schlauchboottraining machen zu können. Und darauf freu ich mich natürlich besonders!

Bis in kürze, liebe Grüße, Regine

23.11.2005, Roaring Fourties

Wind 6 bis 7, See knapp 3 Meter, 15 Grad Celsius, sonnig.

Der Wind heult um die Brückenaufbauten wie in einem schlechten Gespensterfilm um die Dachzinnen einer alten Burg! Wir haben die Roaring Fourties erreicht. Trotz bestem Wetter und Sonnenschein haben wir mit dem zunehmenden Wellengang zu kämpfen.

Zum Glück haben die meisten ihre Seekrankheit überwunden und allmählich finden erste Beisammensein statt. Die hat man sich allerdings auch anders vorgestellt: Die Kissen vom Sofa liegen irgendwo in den Ecken, da man von ihnen nur ständig herunterglitschen würde. Die Bullaugen entwickeln sich alle paar Sekunden zu Waschmaschienen und die Geräuschkulisse wird von allem Beweglichen gut geprägt - unaufhörlich rutschen Sachen von einer Seite zur anderen. Dazu dröhnt im Hintergrund der Schiffsdiesel, der uns mit seinen 2.200 PS in Richtung Antarktis schiebt.

Heute bin ich mit der Wäsche dran. Die Waschküche ist glatt wie eine Eisbahn. Ich habe mir Handtücher um die Füße gewickelt, damit ich wenigstens etwas halt habe. Durch den Seegang können wir nur eine der Industriewaschmaschinen laufen lassen, da der Abfluss sonst nicht hinterherkäme. Und ohne Trockner wären wir aufgeschmissen.

Wie haben die Seefahrer früherer Zeiten das bloss gemacht? Naja, damals wurde ja eh nicht so viel gewaschen, wie heutzutage ... Übrigens ist schon einer unserer Monitore hier im kleinen Office aus seiner Verankerung gerissen. Und ich muss sagen, die waren schon ganz gut befestigt ...

Soviel für heute, liebe Grüße, Regine

22.11.2005

Wind 5 bis 6, Wellen etwa 2 bis 3 Meter, 18 Grad Celsius, leicht bewölkt und sonnig

Wir haben jetzt rund 500 Seemeilen zurückgelegt. Ich wollte heute vom Alltag berichten - das war wohl etwas vorschnell. Da die See heute Nacht wieder ein wenig zugenommen hat, wurden etliche Utensilien durcheinander geworfen. Dass heisst: Die Kombüse und Messe sahen aus wie ein Schlachtfeld, eine Tür einer Kabine ist kaputt gegangen und so haben wir heute geräumt, gebastelt, saubergemacht und repariert! Und das bei dem Seegang!

Die Arctic Sunrise ist ein ehemaliger Eisbrecher von nur 50 Metern Länge. Eisbrecher sind bauartbedingt etwas bauchig und daher scheint sich unser Schiff in jedes Wellental zu kuscheln, was sie finden kann. Alle vier bis fünf Sekunden schwankt das zurzeit etwa 1500-Tonnen-Schiff von einer Seite zur anderen. Selbst der Stuhl, auf dem ich jetzt sitze, ist am Schreibtisch festgebunden. Ansonsten würde ich dauernd durch das kleine Büro rutschen ...

Und das jetzt ist nur der Anfang! Die Roaring Fourties kommen erst und der fast andauernde Sturmgürtel um die antarktischen Gewässer wird unseretwegen wohl kaum seine ruhigen Minuten haben! Die Esperanza liegt deutlich ruhiger in den Wellen, wie mir versichert wurde. Gesehen haben wir sie seit unserem Auslaufen von Kapstadt nicht mehr. Der Kontakt zwischen den Schiffen klappt aber und auf dem Radar haben wir sie noch.

Ob und wann hier so etwas wie Alltag einkehern wird, mag ich nach diesem Tag nicht mehr prophezeien! Ich geniesse die kleinen Pausen an Deck, beobachte die Vögel, die sich uns zeitweilig anschliessen und akrobatisch die Aufwinde über den Wellen nutzen.

Heute habe ich auch schon zwei Wale von der Brücke aus gesehen. Allerdings kann ich nicht sagen, was für welche, da ich nur den Blas einige Male kurz zwischen den Wellen erkennen konnte. Da sie aber gleichzeitig und dicht beieinander atmeten und ein Blas etwas kleiner war, gehe ich davon aus, dass es eine Walkuh mit ihrem Jungen gewesen ist.

Lasst es euch gut gehen, bis morgen, liebe Grüße, Regine

21.11.2005, Arctic Sunrise, auf dem Weg ins Südpolarmeer

Der erste Tag auf See. Ich fühle mich an ein Lied meiner Mutter erinnert, welches sie mir und meinen beiden Brüdern oft vorgesungen hat: Rings um uns her nur Wellen und Meer, Schiff auf hoher See! Diese Zeilen treffen es genau! Der Horizont auf 360 Grad sind nur Wellen. Nichts als stahlblaue, sich dahinwälzende Wassermassen.

Einige aus unserer Mannschaft haben heute mit Seekrankheit zu tun. Daher bestand der Großteil des Tages für die seefesten Crewmitglieder darin, das restliche Gut zu laschen, aufzuräumen und dort sauber zu machen, wo eben noch nicht alles niet und nagelfest war ...

Sie Seekrankheit wird mit unterschiedlichsten Methoden bekämpft, einige bleiben in ihren Kojen, andere nehmen Medikamente, andere wiederum sehen zu, dass sie den Horizont im Blick behalten oder unter Deck möglichst oft die Augen schließen.

Seekrankheit ensteht durch die unterschiedlichen Informationen, die Auge und Gleichgewichtssinn an das Gehirn senden. Während das Auge unter Deck sagt, alles ist stabil, fühlen wir natürlich, jede Bewegung der Wellen. Sobald die Wahrnehmungen wieder aufeinander abgestimmt sind, klingen die Übelkeitssymptome ab. Ich war zum Glück noch nie Seekrank! Hoffentlich bleibt es auch so...!

Die See wird langsam höher und wir nähern uns den Roaring Fourties. So wird das Seegebiet um den 40sten Grad südlicher Breite auch genannt. Da auf der Südhalbkugel hier kaum Land ist, hat der Wind sehr viel Platz und Zeit, die Wellen zu optimalen Höhen aufzuschieben. Am Äquator herrscht durch den starken Sonneneinfluss ständig Hochdruck, wodurch die warmen Luftmassen aufsteigen und nach Nord und Süd driften. Kühlen sie ab und sinken sie wieder zu Boden, entsteht ein Gebiet Überwiegend niedrigen Luftdrucks, wo vornehmlich starke Winde herrschen. Nun, und da sind wir bald ... zum Glück kommen die Wellen achterlich, so muss unser Schiff nicht gegenan fahren.

Morgen wird wohl langsam wieder der alltag auf dem Schiff einkehren und wie der aussieht erzähle ich dann!

Liebe Grüße, Regine

16. bis 20.11.2005, Kapstadt ... Aufbruch der Esperanza und Arctic Sunrise

Die ersten Tage haben wir in Capetown mit dem ausrüsten der Schiffe verbracht. Es ist schon unglaublich, wieviel Lebensmitel für so eine Expedition verstaut werden müssen! Das Olivenoel wird in 5-Literflaschen geliefert - und das in fünf Kartons a drei Flaschen ... und das ist nur das OLIVEN-Öl.

Am Abend vor der Abreise gab es eine kleine Feier auf dem Helideck der Esperanza. Die Landcrew verabschiedete sich, mit besten Wünschen für die Reise und das Gelingen gingen viele erst spät in ihre Kojen. Am Sonntag zeigte sich lange keine Bewegung an Bord, bis alle ausgeschlafen hatten und wieder geschäftig die restlichen Vorbereitungen für das Ablegen in Angriff nahmen.

Um vier Uhr sollten wir ablegen und es war noch nicht alles seefest verstaut. Als um halb vier Uhr die Schiffsdiesel gestartet wurden, war alles fertig. Dann wurde sich verabschiedet, als würden die beiden Schiffe in unterschiedliche Richtungen fahren. Zuerst legte die Esperanza ab und verliess den Hafen von Capetown. Eine knappe halbe Stunde später folgte die Arctic Sunrise. Fünf unserer Schlauchboote begleiteten uns und die Abfahrt wurde von Tweety, unserem Helicopter, aus gefilmt.

Kaum waren wir draussen, als die ersten größeren Wellen unmissverständlich klarmachten, dass wir nun Spielball der Natur sind. Das Schreiben ist daher nicht ganz einfach und ich muss mich zwischendurch immer am Schreibtisch festhalten, ansonsten würde ich samt Stuhl durch das kleine Office rutschen.

Ich habe den ersten Tag auf See mit Einbruch der Nacht beendet. Und da meine Kabine fast im Bug des Schiffes liegt, bekomme ich jede Welle zu spüren. Noch geniesse ich es. Bisher war ich noch nie Seekrank, aber das kann sich ja jederzeit ändern. Ich hoffe, dass ich auch diesmal davon verschont bleibe!

Wir werden die nächsten zwei bis drei Wochen auf dem Weg zu unserem Seegebiet sein. In dieser Zeit wollen wir einige Trainings abhalten. Und wer seekrank ist, hat Zeit, sich an den Wellengang zu gewöhnen und wieder auf die Beine zu kommen.

Liebe Grüße, Regine

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