„Wir haben es satt“-Demo fordert Umbau der Landwirtschaft

Laut gegen üble Landwirtschaft

35.000 Menschen demonstrierten in Berlin für die Agrarwende. Seite an Seite forderten Verbraucher und Bauern eine Landwirtschaft, die Ressourcen und Klima schützt.

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„Wir als Landwirte sind von der Klimakrise direkt betroffen“, sagt Landwirtin Silke Backsen von der Insel Pellworm. Viele Bauern müssten Futter dazukaufen, weil die Ernte durch den trockenen Sommer deutlich geringer ausfiel. Sie ist am vergangenen Samstag nach Berlin gereist, um für einen wirksamen Klimaschutz zu protestieren.

Andere forderten von der Bundesregierung, Landwirtschaftssubventionen nicht an die Größe eines Hofes zu koppeln, sondern an ökologische Leistungen. „Meine Kühe stehen auf der Weide, ich produziere das Futter hier vor Ort und säe vielfältige Fruchtfolgen“, erklärt etwa Moritz Schäfer, der mit seinem Traktor aus Hessen kam. „Insekten, Wasser und Klima danken es mir, die Politik aber nicht.“

Zu den Bauern mit ihren 171 Traktoren gesellten sich Tausende Verbraucher. Auf Kochtöpfe schlagend demonstrierten sie für gesundes Essen – auch für künftige Generationen. 35.000 Menschen waren es insgesamt, die im Vorfeld der Agrarmesse „Grüne Woche“ in Berlin auf die Straße gegangen sind: „Wir haben es satt“, lautete das an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) gerichtete Motto. Der Umbau der Landwirtschaft müsse endlich vorangetrieben werden. Gelder sollen insbesondere jene Bauern erhalten, deren Tiere nicht leiden, die klima- und ressourcenschonend ihre Höfe betreiben. Kriterium für die jetzige Verteilung von EU-Agrargeldern ist hauptsächlich die Fläche, die ein Bauer bewirtschaftet: je mehr Hektar, desto mehr Geld.

So erhalten in Deutschland die 3300 flächengrößten Betriebe pro Jahr eine Milliarde der insgesamt 6,3 Milliarden Euro an EU-Agrargeldern. Die kleinsten 200.000 Bauernhöfe müssen sich hingegen knapp 700 Millionen teilen. Eine Schieflage, die jetzt behoben werden könnte. Denn die EU verhandelt derzeit die Gestaltung der Agrarpolitik nach dem Jahr 2020. Wie sich Deutschland positionieren soll, trugen die Demonstranten in Sprechchören, auf Bannern und Schildern vor sich her.

 © Chris Grodotzki / Greenpeace

Lautstark trommelten Ehrenamtliche von Greenpeace für die Agrarwende.

 © Chris Grodotzki / Greenpeace

Nach der Demo auf die Bühne: „Wir müssen Bäuerinnen und Bauern beim Umbau der Landwirtschaft zur Seite stehen“, erklärte Sweelin Heuss, Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland. „Wenn sie in Zukunft weniger Tiere halten, weniger düngen, mit ihren Böden anders umgehen, müssen sie unterstützt werden. Wenn sie weniger Vieh und geringere Ernten haben, weil sie nicht mehr so intensiv wirtschaften, dann müssen sie höhere Preise bekommen.“

 © Chris Grodotzki / Greenpeace

Die Demonstration richtete sich keineswegs gegen Bauern. Im Gegenteil: Seite an Seite liefen oder fuhren diese gemeinsam mit Verbrauchern durch Berlin – alle mit ähnlichen Forderungen.

© Greenpeace

Diese Ehrenamtlichen trieb die in Deutschland übliche tierschutzwidrige Viehhaltung nach Berlin. So sind die betäubungslose Kastration von Ferkeln und das Kupieren von Schweineschwänzen in der EU verboten. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hingegen erlaubt diese Praxis weiterhin.

 © Chris Grodotzki / Greenpeace

Plädoyer für eine Landwirtschaft ohne Gift und Gentechnik. Denn Spritzmittel stecken nicht nur als Rückstände im Essen, sie gefährden Insekten und verunreinigen Gewässer. Eine nachhaltige Landwirtschaft mit sinnvollen Fruchtfolgen braucht keine chemischen Pestizide.

 © Chris Grodotzki / Greenpeace

Silke Backsen ist Landwirtin auf der Insel Pellworm. Sie stellt nicht nur auf der Demo Forderungen – sie hat die Bundesregierung verklagt, weil diese zu wenig für den Klimaschutz tut. „Als Landwirte hatten wir es in den vergangenen Jahren schwer – von einer Regenzeit sind wir nahtlos in eine Trockenzeit geraten“, sagt Backsen. „Jeder einzelne von uns kann viel tun, in kleinen Schritten anfangen. Aber das Problem des Klimawandels ist zu groß, um es einfach nur auf uns Menschen abzuwälzen. Wir haben es satt, dass die Politik ihre Ziele zum Klimaschutz einfach aufgibt!“

Weiterführende Publikationen zum Thema

Feeding the Problem

Greenpeace-Report zur Wirkung der Agrarpolitik in der Europäischen Union

Zur Kampagne

Tierleid beenden

38 betäubungslose Kastrationen von Ferkeln pro Minute in Deutschland, doppelt so viele kupierte Schwänze. Das Leiden der Schweine muss ein Ende haben.

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