Zur Wanderausstellung mit Fotografien von Jordis Antonia Schlösser

Abgrund, der mal Heimat war

Die Wanderausstellung durch 21 Städte lenkt den Blick auf das Schicksal der Menschen im Rheinischen Kohlerevier und den Protest vor Ort. Fotografin Jordis A. Schlösser im Interview.

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Noch bis 2038 will der RWE-Konzern für den Braunkohleabbau Dörfer im Rheinland abbaggern, Menschen gegen ihren Willen umsiedeln und ganze Landstriche verwüsten. Eine Katastrophe - nicht nur für die Menschen in den bedrohten Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich und Berverath, sondern auch für den Klima- und Umweltschutz. Die Fotografin Jordis Antonia Schlösser hat in Zusammenarbeit mit Greenpeace eine Ausstellung konzipiert, die deutschlandweit durch 21 Städte touren wird. Die paarweise angeordneten Bilder aus den Jahren 2002 und 2019 nehmen die Besucher*innen mit auf eine (Zeit)reise durch die bedrohten und bereits abgebaggerten Dörfer am Rande des rheinischen Braunkohletagebaus. Im Interview berichtet Schlösser über ihre ersten Eindrücke vom Tagebaugebiet, was sich bis heute geändert hat und welches Schicksal sie besonders berührt hat.

Jordis, erinnerst du dich an den ersten Eindruck vom Abbaugebiet Garzweiler? Wann war das?

Meine Familie stammt aus der Nähe. Aber so richtig in den Dörfern und auch im Tagebau selbst war ich dann zum ersten Mal als Fotografiestudentin Ende der 80er und dann wieder Anfang der 2000er für eine Reportage über die verschwindenden Dörfer. Das war sehr erschreckend, dort am Rand der Grube zu stehen und in den Abgrund zu schauen. Die Dimension war schon damals für mich kaum begreifbar. Als ich danach dann durch die lebendigen Dörfer fuhr, die als nächstes verschwinden sollten, mit den Jahrhunderte alten Höfen, den Marktplätzen und Kirchen, inmitten wirklich schöner Landschaften, machte mich das fassungslos. Daran hat sich nichts geändert.

Im Jahr 2019 bist du für eine Bestandsaufnahme zurückgekehrt – was ist dir besonders aufgefallen?

Damals, 2002, hatte ich das Gefühl, dass die Menschen die Zerstörung ihrer Dörfer und der gesamten Gegend eher fatalistisch hinnehmen, natürlich haben auch einige davon profitiert. Seit Jahrzehnten wurde dort in der Region umgesiedelt, dafür gab es für die Menschen Arbeit, für die Gemeinden Geld und für Deutschland Strom. Das wurde kaum angezweifelt. Mit den Gefühlen der Trauer und Wut musste jede*r für sich klarkommen. Die meisten, so habe ich das wahrgenommen, haben diese Gefühle bei sich gar nicht zugelassen, um es besser ertragen zu können. Fast ein bisschen wie ein kollektives Tabu. 

Das hat sich sehr geändert. In den letzten 20 Jahren hat sich ein Umweltbewusstsein entwickelt und die fatalen Auswirkungen der Kohleenergie sind allgemein bekannt. Und so nimmt ein großer Teil der Dorfbewohner*innen es nicht einfach mehr hin, dass ihnen ihre Heimat für die Kohle genommen werden soll. Man tauscht sich aus, organisiert sich und leistet gemeinsam Widerstand. Die Menschen fühlen sich nicht mehr komplett ohnmächtig dem Energiekonzern ausgeliefert. 

Die Wanderausstellung ist ein gemeinsames Projekt von dir mit Greenpeace und wird durch 21 Städte in ganz Deutschland touren.  Was war dir bei der Konzeption und der Anordnung der Bilder wichtig?

Durch die Zusammenstellung der Bilder von 2002 und 2019 möchte ich die Kontinuität der Zerstörung zeigen. Es handelt sich ja nicht um ein einmaliges Ereignis, sondern das wiederholt sich hier seit Generationen. Außerdem werden so Parallelen und Veränderungen deutlich. Das war ja auch für mich sehr spannend zu sehen, wie sich Situationen wiederholen und was sich dabei verändert hat.

Gibt es einen Ort, ein Schicksal oder eine Begegnung, die dich besonders berührt hat?

Im Ort Immerath habe ich eine Familie kennengelernt, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Sie sind die letzten Bewohner des Ortes mit früher über tausend Einwohnern*innen. Man muss innerlich schon sehr stark sein, um diese existenziell schwierige Situation seit Jahren auszuhalten: das tägliche Verschwinden der Heimat, die unsichere Zukunft und nachts der quietschende Bagger, der sich immer näherfrisst. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es mir gehen würde, wenn ich in so einer schwierigen Lage wäre. Ich bewundere sie für ihre Kraft, das durchzustehen.

Was wünschst du dir für die Menschen vor Ort? Was muss politisch passieren?

Es ist ja ein doppelter Irrsinn. Einmal werden Menschen ihrer Heimat entrissen, ganze Landschaften mitsamt den Dörfern, Wäldern und Äckern weggebaggert. Und das alles für die Braunkohleverstromung, von der man mittlerweile weiß, welche besonders fatalen Auswirkungen sie auf das Klima und somit für uns alle hat. Ich wünsche mir, dass dieser Irrsinn nicht erst 2038 aufhört.

[Anmerkung der Redaktion: 2018 protestierten Greenpeace-Aktive für den Erhalt des Immerather Doms - das Gebäude wurde wie fast alle Häuser im Dorf mittlerweile für den geplanten Tagebau zerstört]

Das Interview führte Michelle Bayona, Pressesprecherin Greenpeace.

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