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Auch C&A will entgiften

Nun will auch C&A gegen gefährliche Chemikalien in der Textilherstellung sein Sortiment sauber produzieren. Der mit 485 Filialen drittgrößte Bekleidungshändler Deutschlands folgt damit dem Modekonzern H&M, der eine entsprechende Selbstverpflichtung bereits im September vorgelegt hatte. Auch Adidas, Nike, Puma und der größte chinesische Sportartikelhersteller Li-Ning wollen bis zum Jahr 2020 alle eingesetzten Risiko-Chemikalien durch umweltfreundliche Alternativen ersetzen. Wir sprachen mit unserem Chemieexperten Manfred Santen über die Joint Roadmap: Toward Zero Discharge of Hazardous Chemicals der Konzerne.

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Online-Redaktion: Die Detox-Kampagne hat in dieser Woche neue Erfolge zu verbuchen!

Manfred Santen: Ja, nach den Branchenführern Nike, Adidas und Puma hat sich der größte chinesische Sportartikelhersteller Li-Ning verpflichtet, das Ziel unserer Kampagne bis 2020 zu erreichen: Alle gefährlichen Chemikalien sollen aus der Produktion entfernt werden. Ergänzt, wenn nicht gar getoppt, wird dies durch die entsprechende Selbstverpflichtung des deutsch-belgischen Konzerns C&A. Mit H&M und C&A sind jetzt auch zwei der größten deutschen Modekonzerne in der Detox-Kampagne engagiert.

Online-Redaktion: Worin genau besteht die Selbstverpflichtung der inzwischen sechs Textilunternehmen?

Manfred Santen: Jede Firma hat eine individuelle Selbstverpflichtung zur Substituierung gefährlicher Chemikalien bis 2020 unterzeichnet. Dies gilt nicht nur für Textilien, sondern auch für Schuhe und Accessoires aus den Firmen-Portfolios. Es ist sehr wichtig, dass jede Firma einzeln ein solches Commitment veröffentlicht. Nur individuelle Selbstverpflichtungen sind überprüfbar und somit glaubwürdig. In gemeinschaftlich verfassten Absichtserklärungen können sich einzelne Marken theoretisch in der Gruppe verstecken und sich der Verantwortung entziehen.

Online-Redaktion: C&A und Co. wollen erst ab 2020 giftfrei produzieren. Bis dahin fließt noch viel Chemie in die großen asiatischen Flüsse. Wieso gebt ihr den Firmen so viel Zeit?

Manfred Santen: Der Zeitrahmen ist relativ ambitioniert, da Mode-Produktion und Vermarktung komplex strukturiert sind. Der Textilsektor ist eine ausgesprochen undurchsichtige Branche. Die Marken wissen oft selbst nicht, wer was für sie produziert. Das erklärt auch, warum sich die Firmen so schwer damit tun, eines der wichtigsten Ziele der Greenpeace-Kampagne zu unterschreiben: das Right to Know-Prinzip. Dies bedeutet Offenlegung aller eingesetzten Chemikalien und aller mit Abwasser und Abfall in die Umwelt freigesetzten Schadstoffe. Und zwar Fabrik für Fabrik, Chemikalie für Chemikalie und das in regelmäßigen - zum Beispiel jährlichen - Berichten. Gerade für die Kommunen und Anwohner an chinesischen Gewässern sind diese Informationen existentiell. In Europa, USA, Kanada, Japan ist diese Art von Transparenz bereits Standard, etwa durch das Europäische Schadstoff Emissionsregister EPER oder auch PRTR.

Online-Redaktion: Nun haben sich Adidas, Puma, Nike, H&M, C&A und Li-Ning zu einer Gruppe zusammengeschlossen und am 15. November 2011 eine gemeinsame "Joint Roadmap: Toward Zero Discharge of Hazardous Chemicals" veröffentlicht. Darin festgeschrieben sind Maßnahmen, um eine saubere Produktion bis 2020 zu erreichen. Wie schätzt Du die Vorschläge ein?

Manfred Santen: Diese Roadmap (z.B. von Puma) ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die Unterzeichnenden skizzieren darin, wie ihrer Meinung nach der Verzicht auf gefährliche Chemikalien im Produktionsprozess ihrer Textilien und des gesamten Portfolios erreicht werden kann. Die Marken begründen den Zusammenschluss mit der Ansage, nur so ausreichend großen Einfluss auf ihre Lieferketten ausüben zu können. Aber die Formulierungen in der Joint Roadmap zeigen deutlich, dass die Zusammenarbeit in einer Gruppe auch Gefahren birgt: Auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner kann die Dringlichkeit grundlegender Veränderungen aus den Augen verloren werden. Schon jetzt, zu Beginn des Prozesses, werden große Verzögerungen in Kauf genommen, die das Ziel Null Emissionen gefährlicher Chemikalien bis 2020 gefährden.

Online-Redaktion: Welche Probleme sind auf dem Weg zu einer sauberen Produktion zu bewältigen?

Manfred Santen: Die Joint Roadmap macht deutlich, dass keine der Sportartikel- und Textilmarken eigene Produktionsstätten besitzt. Die Firmen haben den Überblick verloren, wer für sie was und in welchen Mengen produziert. Es gibt sogenannte direkte Vertragspartner (einige Tausend) und zusätzlich ein weit verzweigtes Netz von mehreren 10.000 Zulieferern, die Gewebe-, Chemikalien und Accessoires produzieren. Im Klartext bedeutet dies, dass die Marken erst einmal eine Bestandsaufnahme vornehmen müssen, um herauszubekommen, welche Chemikalien wirklich in den Fabriken eingesetzt werden, die für sie produzieren.

Vergleichsweise einfach lässt sich der Überblick gewinnen in den Produktionsstätten, die für mehrere dieser Marken produzieren und möglichst die gesamte Produktion - beginnend beim Spinnen und Weben über Färben bis hin zum Veredeln - abdecken. Allerdings tauchen immer wieder Schwierigkeiten auf, weil sich die Marken zwar Zulieferbetriebe teilen, gleichzeitig aber im Wettbewerb miteinander stehen.

Und besonders schwierig wird es bei Produkten, die in einer weit verzweigten Produktionskette mit vielen verschiedenen Zulieferern hergestellt werden. Dazu gehören häufig Produkte aus dem Fast Fashion Bereich. Das ist Mode von bekannten Designern, die innerhalb weniger Wochen kopiert und zu günstigen Preisen angeboten wird. Die Modewelt nennt das den Quick-Response-Ansatz - direkt vom Laufsteg in die Läden. Die Marken schätzen, dass etwa ein Jahr allein für die Bestandsaufnahme benötigt wird.

Online-Redaktion: Was bedeutet dies für die Greenpeace-Kampagne?

Schaut man sich die vagen Formulierungen der Joint Roadmap und auch der individuellen Roadmaps der einzelnen Marken an, so wird deutlich, dass noch eine Menge Arbeit auf dem Weg zu einer schadstofffreien Textilproduktion vor uns liegt.

Online-Redaktion: Greenpeace hat den Marken durch Abwasseruntersuchungen bereits nachweisen können, dass die hormonell wirksame Chemikalie Nonylphenol in der Textilherstellung zum Einsatz kommt. Wird Nonylphenol nun verbannt?

Manfred Santen: Nonylphenol müsste sofort raus aus der Produktion. Nonylphenol ist ein Abbauprodukt des Nonylphenolethoxylats (NPEO), das als Tensid in diversen Waschprozessen während der Textilherstellung eingesetzt wird, insbesondere nach dem Färben der Textilgewebe. Die Chemikalie besitzt eine sehr hohe Toxizität und wirkt insbesondere auf Wasserorganismen.

Für NPEO existieren Ersatzstoffe, die im Chemikalienhandel in ausreichender Menge erhältlich sind. Es spricht also nichts dagegen, schon im kommenden Jahr flächendeckend alle NPEO-haltigen Waschprozesse umzustellen. Aber die Marken weigern sich, diesen Weg einzuschlagen und wollen zunächst umständlich NPEO-freie Textilhilfsmittel identifizieren und erste Substitutionsprojekte durchführen. Dies ist unsinnig, da die Ersatzprodukte ja längst bekannt und erhältlich sind.

Online-Redaktion: Sorgen die Pläne der Firmen denn nun dafür, dass die Anwohner von Fabrikanlagen wissen, welchen Chemikalien sie über Abwässer oder Abluft ausgesetzt sind?

Manfred Santen: Die Roadmap beinhaltet leider bisher zu wenig Transparenz über den Einsatz und die Freisetzung gefährlicher Chemikalien. Für Greenpeace wird es im kommenden Jahr eine Herausforderung sein, die Unternehmen zur Offenlegung von Daten zu bewegen. Dabei werden uns hoffentlich viele Menschen unterstützen: Die Detox-Kampagne hat dafür gesorgt, dass die Forderung nach Transparenz sehr breit in der chinesischen Öffentlichkeit aufgegriffen wurde. Die Forderung nach Offenlegung von umweltrelevanten Daten wird jetzt immer lauter.

(Das Interview führte Simone Miller)

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