Christian Bussau, Greenpeace-Experte für Ölunfälle, zum Kinostart von „Deepwater Horizon“

Die durch die Hölle gingen

Ein Blow-out auf der Bohrinsel Deepwater Horizon löste 2010 eine der schwersten Ölkatastrophen aller Zeiten aus. Nun startet der Film über das Unglück: großes Kino – und Warnung.

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Und dann der ganz große Knall, der Blow-out. Mit unermesslichem Druck schießen Öl und Gas aus 1500 Metern Meerestiefe nach oben. Explosionen, Feuer – überall. Unkontrollierbar.

Dem Blow-out auf der Deepwater Horizon am 20. April 2010 folgte eine dramatische Rettungsaktion für die knapp 130 Menschen auf der Bohrplattform im Golf von Mexiko, 70 Kilometer vor der Küste des US-Staates Louisiana – und die schwerste Ölkatastrophe, die die USA jemals erlebten. Elf Arbeiter starben, geschätzte 800 Millionen Liter Öl liefen aus, verseuchten das Meer und die US-Küsten, schädigten oder töteten Vögel und Meerestiere.

Um die Stunden vor dem Unfall und während des Blow-outs geht es in dem spektakulären Actiondrama „Deepwater Horizon“ (Kinostart: 24.11.). Darin leistet Mark Wahlberg („Ted“, „Boogie Nights“) als Familienvater und Cheftechniker auf der Plattform schier Übermenschliches, rettet Kollegen aus Trümmern und Feuer. Während die Verantwortlichen des Ölkonzerns BP, Auftraggeber für die Bohrung, zuvor all seine Warnungen und die des Plattform-Betriebsleiters (Kurt Russell, „The Hateful 8“, „Die Klapperschlange“) ignoriert hatten.

Das alles inszeniert Regisseur Peter Berg („Hancock“) ohne Heldenpathos; er konzentriert sich auf spannende Details (mit welch gigantischem technischen Aufwand lässt sich von einem Stahlkoloss mitten im Meer Öl aus eineinhalb Kilometern Tiefe pumpen?) und auf die Kernbotschaft (der Vorstoß ins Innere der Erde ist hoch riskant!). Am Verantwortlichen für das Unglück, dem Ölkonzern BP, lässt er dabei kein gutes Haar. Während er respektvoll an die Menschen erinnert, die zur Zeit des Unglücks auf der Plattform arbeiteten und starben.

Warum der Film sehenswert ist und eine Warnung vor stets möglichen, ähnlichen Katastrophen, erzählt Dr. Christian Bussau, Biologe und Greenpeace-Experte für Öl. Er leitete 2010 die deutsche Greenpeace-Arbeit zum Deepwater-Horizon-Unfall.

Greenpeace: Der Film ist großes Hollywood-Kino – warum sollte man ihn sich anschauen?

Christian Bussau: Weil er sehr spannend ist. Und weil er sehr gut den Kontrast zeigt: Die Hochtechnologie, alles wimmelt von modernsten Maschinen – und auf der anderen Seite sind da die Menschen. Doch sind sie überhaupt noch in der Lage, diese Hochtechnologie zu beherrschen? Dieses Spannungsfeld „Technik – Mensch“ finde ich faszinierend.

Welche Szenen beeindrucken am meisten?

Sehr beeindruckend finde ich die Szene, in der man feststellt: Einige Leute auf der Plattform wissen genau, dass etwas verkehrt läuft. Aber man hört ihnen nicht richtig zu, nimmt die warnenden Stimmen nicht ernst – schließlich hat ja sonst auch immer alles geklappt, man weiß doch, wie es funktioniert. Das ist eine Gefahr, die wohl jeder kennt: Wenn man eine Sache zu lange gemacht hat, sich zu sicher ist, dann wird man nachlässig. Das zeigt der Film sehr eindrucksvoll.

Als der Unfall sich dann ereignet, können die Menschen die Katastrophe nicht kontrollieren. Das war tatsächlich das Schlimme: Man war monatelang nicht in der Lage, das Leck am Meeresboden abzudichten. Obwohl der Film diesen Abschnitt gar nicht mehr behandelt, wird deutlich: Die Menschen haben keine Möglichkeit, das Unheil zu verhindern oder zu stoppen. Das ist sehr realistisch dargestellt.

Wie fühlt es sich an, auf so einer Ölplattform zu sein? Ist die Gefahr ständig spürbar?

Ich war auf der Brent Spar, der Stadive- und der deutschen Mittelplate-Plattform und auf Ölförderstationen in Sibirien; außerdem habe ich monatelang in der Nordsee in der Nähe der zahlreichen Plattformen Untersuchungen zur Ölverschmutzung durchgeführt. Die Thematik kenne ich daher ganz gut. Und auch, wenn die Deepwater Horizon viel größer war: Das ist ein eigener Kosmos, wo jederzeit etwas passieren kann – ein sehr gefährlicher Arbeitsplatz.

Denn wenn man ein Reservoir von Öl, Gas und Wasser anbohrt, weiß man letztlich nie, was passiert. Mit wie viel Druck kommt alles nach oben? Das ist sehr risikoreich, und deswegen ereignen sich auch so viele Unglücke – selbst bei einem Weltunternehmen wie BP.

Im Film lösen die Geldgier des BP-Konzerns und die damit einhergehende Vernachlässigung von Sicherheitsstandards die Katastrophe aus. Sind das tatsächlich die Gründe, aus denen Unfälle bei Ölbohrungen geschehen?

Statistiken zeigen, dass die meisten Unfälle durch menschliches Versagen passieren. Und das spiegelt auch der Film: Der Plattform-Betriebsleiter warnt – und wird von BP-Managern überstimmt, die unter Zeitdruck arbeiten, nur an Gewinnmaximierung und die Einsparung von Kosten denken. Einige von ihnen wurden später zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Der andere Aspekt, den der Film sehr gut zeigt: Die Grenze des technisch Machbaren wurde überschritten. Man hat sich zu weit vorgewagt in die Tiefsee – eine Region, die kaum beherrschbar ist. Der Film zeigt also menschliches Versagen und Geldgier auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite, dass die Grenze des technisch machbaren und kontrollierbaren überschritten wurde.

Welche Folgen hatte die  Deepwater-Horizon-Katastrophe?

Das Öl verklebte das Gefieder der Seevögel. Wenn die Tiere versuchten, ihr Gefieder zu reinigen, nahmen sie das giftige Rohöl auf, und es kam zu Verätzungen des Magendarmtraktes.  Die Tiere starben also zum einen daran, dass die Isolierung ihres Federkleides abhanden kam, und zum anderen auch an inneren Verätzungen.

Außerdem wurden bei den Mengen Öl, die da ausgetreten sind, auch die Kleinstorganismen, der ganze Planktongürtel negativ beeinflusst. Und natürlich waren auch Fische betroffen, Wale und Delfine, außerdem Muscheln, Schnecken, Seesterne, die auf dem Meeresboden leben. Denn dort trat das Öl ja aus. Es stieg langsam hoch, verschmutzte dabei die gesamte Wassersäule und verteilte sich durch die Meeresströmung großräumig.

Zwei Jahre nach dem Unfall bargen Reinigungstrupps an den Stränden noch immer Ölklumpen. Doch zum Glück ereignete sich der Unfall in einer warmen Klimaregion. Dort kann das Öl auf natürliche Art gut abgebaut werden: von Bakterien im Boden. Je höher die Temperatur ist, desto schneller und besser können diese ölabbauenden Bakterien arbeiten. Ich gehe davon aus, dass sich das Ökosystem dort wieder erholen wird.

Ganz anders wäre es gewesen, wenn sich der Unfall zum Beispiel in der Arktis ereignet hätte. Da sind die Temperaturen so gering, dass die ölabbauenden Bakterien kaum aktiv sind. Deshalb findet man in kalten Klimazonen Ölrückstände noch Jahrzehnte nach Unfällen.

Wie groß ist die Gefahr, dass sich eine so gravierende Katastrophe wie die auf der Deepwater Horizon wiederholt?

Leider ist die Gefahr groß; die Ölkonzerne haben aus dem Unfall nichts gelernt. Sie dringen nach wie vor in die Tiefsee vor; es gibt große Förderregionen vor den Küsten Afrikas und Brasiliens. In der Arktis versucht man in bisher unberührte Gebiete vorzustoßen. So schlimm es ist: Wir müssen davon ausgehen, dass das nicht der letzte Unfall auf einer Plattform war.

Und dennoch will etwa der Konzern DEA im Nationalpark Wattenmeer nach Öl suchen. Wäre auch dort ein ähnlicher Unfall möglich?

Unglücke können auch im Wattenmeer nicht ausgeschlossen werden. In der flachen Nordsee mit ihren rund 400 Plattformen ereignen sich jedes Jahr mehrere hundert Unfälle – zum Glück sind das fast immer nur kleine Zwischenfälle, bei denen nichts Schlimmes passiert. Aber es gab dort auch schon sehr schwere Unfälle, zum Beispiel 1977 im Ekofisk-Feld. Damals traten 23.000 Tonnen Rohöl aus. 1988 explodierte die Piper-Alpha-Plattform, und 167 Menschen starben. Es gibt keine absolute Sicherheit. Im Wattenmeer haben Ölförderanlagen deshalb nichts verloren.

Sind Ölbohrungen generell überhaupt noch sinnvoll?

Wir müssen hinterfragen, ob wir dieses Öl, das jetzt hochgeholt wird, überhaupt noch verbrennen dürfen. Denn die Wissenschaftler sind sich einig: Wenn wir die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad begrenzen wollen, dann müssen wir so schnell wie möglich weg von den fossilen Energieträgern. Daher ist es völlig sinnlos, in Regionen wie die Tiefsee und die Arktis vorzudringen. Es gilt: Finger weg vom Ölfördern im Meer!

>>> „Deepwater Horizon“ startet am Do., 24.11., in den deutschen Kinos. Regie: Peter Berg, Darsteller: Mark Wahlberg, Kurt Russell, John Malkovich, Kate Hudson u.a.; 107 Min., FSK: 12

Hier sehen Sie den Trailer zum Film:

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