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Wie "neutral" sind Chemie-Kontrolleure?

Interessenskonflikte um Bisphenol A

Bisphenol A ist Gift für Spermien und kann zahlreiche Krankheiten auslösen. Der Plastikzusatz steckt in ganz gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen wie Tupperware, Kassenbelegen oder Schnullern. In einem Radio-Feature hat der MDR aufgedeckt, welche Kräfte aus Industrie und Politik verhindern, dass Bisphenol A aus unserem Leben verschwindet.

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Bisphenol A (BPA) wirkt wie ein weibliches Hormon und reduziert die männlichen Spermien. Außerdem steht BPA im Verdacht, die Gehirnentwicklung zu schädigen und Brustkrebs auszulösen. Es wird vor allem über Lebensmittel aufgenommen, die in Kontakt mit BPA-haltigen Materialien stehen. Das sind zum Beispiel beschichtete Dosen aus Kunststoff oder Metall, Konserven oder auch Babyfläschchen und Schnuller. Sogar das Papier, auf dem die meisten Kassenbelege gedruckt werden, kann belastet sein - dies erklärt die hohe BPA-Belastung von Supermarkt-Kassiererinnen. 1,15 Millionen Tonnen der Chemikalie werden jährlich in der EU produziert.

Inzwischen lässt sich BPA im Blut praktisch aller Menschen in den Industrieländern nachweisen. In einzelnen europäischen Ländern wie Frankreich und Dänemark wurden bereits einzelne BPA-haltige Produkte verboten. Auch Österreich hat jüngst ein Verbot angekündigt. Ansonsten gilt für die ganze EU: Der Grenzwert für das Alltagsgift wird nicht gesenkt. Das hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) am 30. September 2010 entschieden. Warum entscheidet eine Sicherheitsbehörde gegen die Interessen von rund 500 Millionen Europäern?

Eine mögliche Antwort könnten personeller Filz und Industrieinteressen sein. Für die Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen wurden bereits 2008 engmaschige Netzwerke zwischen der Gentechnik-Industrie, Lobbyorganisationen und EFSA beschrieben.

Wie der MDR berichtete, berät zum Beispiel die Ungarin Diána Bánáti, Vorsitzende des Verwaltungsrates der EFSA (der die Mitglieder der wissenschaftlichen Gremien bestimmt), gleichzeitig das International Life Sciences Institut ILSI. Offiziell organisiert das Institut unabhängige Studien im Interesse der öffentlichen Gesundheit.

Gleichzeitig umfasst die Mitgliederliste nahezu alle Global Player der Chemie-, Pharma-, Lebensmittel- und Gentechnikbranche. Eine ganze Reihe von BPA-verarbeitenden Firmen wie Coca Cola, Nestlé, Danone, Syngenta und BASF werden vom ILSI vertreten. Das Recherche-Dossier des MDR führt zahlreiche weitere personelle Verquickungen mit Industrieinteressen auf.

Greenpeace und weitere Umweltverbände wie BUND, WWF und Global 2000 fordern seit geraumer Zeit ein Verbot von BPA in verbrauchernahen Produkten. Auch das deutsche Umweltbundesamt empfiehlt, auf BPA-haltige Produkte, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen können, zu verzichten und insbesondere bei Babyfläschchen auf BPA-freie Deklaration zu achten.

Hormonell wirksame Substanzen wie BPA stellen speziell während der Schwangerschaft eine besondere Gefahr dar, weil das Hormonsystem eine entscheidende Rolle bei vielen Entwicklungsprozessen spielt, sagt Chemieexperte Manfred Santen von Greenpeace. Vor allem Lebensmittelbehältnisse aus Polycarbonat, die BPA enthalten, sollten gemieden werden.

Gegenstände aus Polycarbonat sind mit der Prägung PC gekennzeichnet. Aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes sollten PC-Gegenstände für Babys und Kleinkinder sowie in der Schwangerschaft gemieden werden. In der Regel kann man sie gegen Glasgegenstände tauschen. Inzwischen gibt es auch Kunststoff-Babyfläschchen, die explizit als BPA-frei gekennzeichnet sind.

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