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Am Abend färbt sich das Wasser

Jahrzehntelang haben die Europäer ihre Flüsse verseucht. Heute zahlen sie dafür. Währenddessen wird in den aufstrebenden Staaten Asiens und in Russland der gleiche Fehler wiederholt. Die neue Greenpeace-Studie "Hidden Consequences" (Unsichtbare Folgen) zeigt an ihrem Beispiel, wie die Industrie aus Lebensadern Kloaken macht.

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Dilution is the solution to pollution (Verdünnung ist die Lösung für Umweltverschmutzung) - unter diesem Motto wurden in den 1950er und 60er Jahren Europas Flüsse und Meere zur Giftkippe gemacht. Auch dafür bringt die Studie beeindruckende Beispiele.

Heute haben sich die Probleme in andere Regionen der Welt verlagert. Vier Beispiele dafür sind der Chao Phraya in Thailand, der Marilao auf den Philippinen, die Newa in Russland und der Jangtse in China. Alle vier Flüsse sind existenziell für viele Millionen Menschen.

Fehler von heute - Beispiel Chao Phraya

Vier mächtige Flussarme fließen rund 400 Kilometer vom Golf von Thailand zum Chao Phraya zusammen. Das Herz von Thailand versorgt und ernährt rund 13 Millionen Menschen, unter anderem in der Metropole Bangkok. Das Chao Phraya-Becken ist auch ein Zentrum der thailändischen Wirtschaft. Rund 30.000 Fabriken haben sich dort angesiedelt. Die Folgen sind schwerwiegend: Giftige Schwermetalle, Phthalate (Weichmacher) und Nonylphenol verseuchen den Fluss.

Vor 30 Jahren, als ich noch ein Kind war, gab es hier fast nur Obstplantagen, erzählt Boonsong Nakarak aus der Provinz Samut Prakarn. Er lebt an einem der vielen Chao Phraya-Kanäle. Die Leute stellten Zucker her, der von Booten abgeholt wurde. Ich habe oft im Flusskanal gebadet. Meine Eltern und unsere Nachbarn fingen Fisch und riesige Flussgarnelen. Heute sind die sehr teuer, aber damals verkauften wir sie nicht, sondern aßen sie selber. Ab 1973 begannen die Fabriken aus dem Boden zu sprießen. Immer mehr Leute verkauften ihr Land an Fabrikbesitzer.

Richtig schlecht wurde das Wasser, als die Bleich- und Färbeindustrie hierher kam. Heute sind es fünf Werke. Meistens leiten sie ihre Abwässer nachts in die Kanäle. Am Abend färbt sich das Wasser dunkel und danach beginnt es, faulig zu stinken. Unsere Eingaben an die Provinzbehörden stießen auf taube Ohren und die Fabrikbesitzer ignorieren uns. Wir sollten das Recht haben zu wissen, welche Substanzen sie verwenden, wie viel sie einleiten und wie gefährlich das für uns ist.

Fehler von damals - Holland in Not

Während des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die drei großen Flüsse Schelde, Maas und Rhein massiv mit industriellen Abwässern belastet. Immer mehr Chemie-, Petrochemie- und Erzverarbeitungsbetriebe siedelten sich an den Ufern an. Hinzu kamen die Abwässer aus den Gemeinden sowie Düngemittel und Pestizide aus der Landwirtschaft. Giftige Schwermetalle und Dauergifte setzten sich auch im Sedimentgestein fest. Gesteinspartikel werden von der Strömung bis ins niederländische Mündungsgebiet getragen und dort im Schlamm abgelagert.

Inzwischen hat sich aufgrund höherer Umweltauflagen die Wasserqualität wieder verbessert, doch die alten Sedimente existieren weiter. Der Schlamm muss zu immensen Kosten ausgebaggert und in sicheren Deponien gelagert werden. Zwischen 1987 und 2009 waren das schätzungsweise 6,8 Millionen Kubikmeter kontaminiertes Sediment pro Jahr, insgesamt 160 bis 165 Millionen Kubikmeter. Der volkswirtschaftliche Schaden in diesem Zeitraum wird auf 2,8 Milliarden Euro geschätzt.

Schelde, Maas und Rhein durchfließen mehrere Länder und sind wichtige Trinkwasserquellen für Millionen Menschen. An ihren Ufern stehen unzählige Fabriken. Verantwortlich will niemand sein, und wer soll den Beweis führen, welches Unternehmen in welchem Land wann wie viel schädliche Abwässer eingeleitet hat? Für die Beseitigung des Schadens kommen nun in erster Linie die niederländischen Steuerzahler auf.

Heute vorbeugen statt später zahlen

Flüsse wie der Chao Phraya, die Newa, der Marilao und der Jangtse versorgen große ländliche Gebiete, aber auch Megastädte wie St. Petersburg, Shanghai und Bangkok. Wie verseucht sie tatsächlich sind, bleibt dem Auge verborgen, doch ihre Kontaminierung mit hochtoxischen, kaum abbaubaren Chemikalien stellt eine extreme Gefahr für die menschliche Gesundheit dar.

Greenpeace fordert Regierungen und Unternehmen weltweit auf, aus den alten Fehlern zu lernen und sich auf eine Zukunft ohne giftige Chemikalien zu verständigen.

Greenpeace-Chemiker Manfred Santen: Wenn Flüsse und Seen verschmutzt werden, hat das einen großen Einfluss auch auf die menschliche Gesundheit. Greenpeace China hat erst kürzlich nachgewiesen, dass giftige Chemikalien mit den Fischgerichten auf den Teller gelangen. Die Anwendung von Substanzen wie Nonylphenol und fluorierten Kohlenwasserstoffen ist in Europa verboten, weil sie auch in geringen Konzentrationen hormonell oder erbgutschädigend wirken können. Deshalb haben sie auch in asiatischen Flüssen nichts verloren, ihre Anwendung muss weltweit verboten werden.

Eine (noch) kleine Protestflotte ist auf dem Weg

Eine Flotte aus Miniaturbooten schwimmt seit einigen Tagen auf gefährdeten Flüssen Asiens und Russlands. Kinder haben sie zu Wasser gelassen. Die Boote tragen Botschaften: Schützt unser Wasser, sorgt für eine Zukunft frei von Gift.

Mehr Bilder und ein Video finden Sie im Fotoessay unserer Schweizer Greenpeace-Kollegen.

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