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Christian Bussau, Biologe und Greenpeace-Experte für Öl
© Bente Stachowske / Greenpeace

Besetzung der Brent Spar vor 22 Jahren: Interview mit Greenpeace-Experte Christian Bussau

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Als Greenpeace vor 22 Jahren Leute suchte, die nicht seekrank werden und Erfahrung auf Schiffen haben, meldetet sich Christian Bussau sofort. Denn bevor der Biologe 1994 bei Greenpeace anfing, hatte er auf Forschungsschiffen gearbeitet – nun war er einer der Greenpeace-Aktivisten, die am 30. April 1995 die Brent Spar in der Nordsee besetzten.

Im Interview erinnert sich Christian Bussau an die spektakuläre Aktion auf der Ölbohrplattform, 190 Kilometer nordöstlich der Shetland-Inseln – und er spricht über die aktuelle Situation im Brent-Feld. Von dort wird demnächst die stillgelegte Plattform Brent Delta an Land gebracht und entsorgt.

Greenpeace: Wie war der erste Eindruck des Brent-Feldes und der riesigen Plattform?

Christian Bussau: Was ich dort gesehen habe, hat mich schockiert: Plattform stand neben Plattform; da war eine Industrielandschaft mitten im Meer errichtet worden. Wir sind nachts angekommen, alles war hell erleuchtet – durch die Lichter auf den Plattformen, aber auch durch die Gas-Abfackelungsflammen. Die Luft roch nach verbranntem Öl, und auch auf dem Wasser trieb Öl.

Mit einem kleinen Schlauchboot sind wir zur Brent Spar gefahren. Die ragte wie ein Hochhaus aus dem Wasser, 30 oder 40 Meter hoch. Dann wurde ich mit einer Seilwinde auf die Plattform gezogen. Als ich dort oben stand, dachte ich: Was mache ich denn hier?

Knapp drei Wochen dauerte die Besetzung der Brent Spar – wie sah der Alltag aus?

Komfort gab es überhaupt nicht. Wir hatten keinen Strom, kein fließendes Wasser, Duschen gab es auch nicht. Wir hatten einen Raum beheizt, sonst war es bitterkalt. Die Temperaturen Anfang Mai lagen knapp über dem Gefrierpunkt. Weil es so kalt war, haben wir uns nicht waschen können. Das führte dazu, dass wir tagein, tagaus die schweren Überlebensanzüge anhatten. Irgendwann fängt man richtig an zu stinken und fühlt sich irgendwie unwohl.

Wie reagierte Shell auf die Besetzung?

Zu Anfang hielt sich Shell noch zurück. Aber je länger wir da waren, desto näher rückte Shell an uns ran. Ständig waren Schiffe in der Nähe, wir wurden beobachtet. Wir wussten natürlich: Die werden uns irgendwann räumen. Das wollten wir Shell so schwer wie möglich machen. Wir verbarrikadierten das Helikopterdeck und versuchten auch, die Gangway der Brent Spar von außen so zu verbarrikadieren, dass dort keiner Leitern anlegen konnte. Das war Schwerstarbeit.

Doch es ging um den Schutz der Meere; wir fühlten, dass wir das Recht auf unserer Seite haben: Ein Konzern darf nicht mal eben so seinen Industrieschrott im Meer entsorgen. Und wir spürten auch die Unterstützung aus der Bevölkerung – das hat uns stark gemacht.

Dann räumten Shell-Mitarbeitern die Plattform...

Seit einem Tag lag eine große schwimmende Plattform von Shell direkt neben der Brent Spar. Darauf war ein riesiger Kran, an dem ein Metallkorb hing. Am Abend bekam jeder seine Aufgabe. Meine war es, bei der Räumung eine Wendeltreppe zu blockieren. Ich bekam eine Kette und ein Schloss, dann haben wir gewartet.

Als es am nächsten Morgen losging, bin ich zu meiner Wendeltreppe gegangen und habe mich dort festgekettet. Dann setzte der Kran Polizisten und Shell-Sicherheitsleute auf der Brent Spar ab. Ich werde nie vergessen, wie brutal und emotional aufgeladen die Shell-Mitarbeiter vorgingen: Sie schrien, schubsten uns, einige hatten – man kann es kaum glauben – Messer in der Hand.

Mich ließen sie zum Glück in Ruhe. Nach drei, vier Stunden hat ein Shell-Mitarbeiter mit einer Zange die Kette durchgekniffen.

Und nach der Räumung?

Obwohl wir an dem Punkt eine Niederlage erlitten hatten, war mir klar: Die Kampagne geht weiter – jetzt fängt sie erst richtig an.

Christian Bussau sollte Recht behalten: Die Bilder von der brutalen Räumung erreichten die Menschen über Zeitungen und Fernsehen. Die Empörung war groß, kaum jemand tankte noch bei Shell. Am 20. Juni gab Shell bekannt, die Brent Spar nicht auf dem Meeresboden zu verschrotten. Drei Jahre später folgte ein generelles Versenkungsverbot für Ölplattformen im Nordatlantik.

Nun, 22 Jahre später, wird im Brent-Feld in der Nordsee die Brent Delta abgewrackt: mit der Pioneering Spirit, dem größten jemals gebauten Schiff (nach Bruttoraumzahl). Wie die Plattform entsorgt wird, und ob das Meer des Brent-Feldes je wieder ein intaktes Ökosystem werden kann, erzählt Christian Bussau.

Wie sieht das Brent-Feld heute aus, hat sich die geförderte Ölmenge verändert in den vergangenen 22 Jahren?

Als wir 1995 die Brent Spar besetzten und ihre Versenkung verhinderten, waren die Ölreserven in der Nordsee noch hoch. Jetzt geht das Nordseeöl zur Neige, die meisten Reservoirs sind leer. Auch die Förderung im Brent-Feld ist für Shell nicht mehr rentabel. Deswegen beginnt der Konzern jetzt, die vier Plattformen dort zu entsorgen.

Ihr Abbau ist ein deutliches Signal: Die Zeit der Öl- und Gasförderung in der Nordsee neigt sich dem Ende zu. Zwar stehen dort noch immer mehr als 400 Plattformen, doch in den nächsten zehn bis 20 Jahren werden sie nach und nach verschwinden.

Und das ist auch gut so: Aus Klima- und Meeresschutzgründen ist es zwingend erforderlich, dass wir aussteigen aus dem fossilem Brennstoff Öl. Denn wenn immer weiter Öl gefördert und verbrannt wird, werden wir die Klimaschutzziele nicht erreichen.

Für die Entsorgung der Brent D hat die Pioneering Spirit die Plattform aufgenommen und wird sie an Land bringen. Eine gigantische Aktion…

Diese Plattform ist riesig: Insgesamt ist sie 300 Meter hoch und mehr als 200.000 Tonnen schwer. Mit der Pioneering Spirit hat Shell jetzt die Aufbauten der Brent-D-Plattform abgeschnitten, um sie in einem Stück an Land zu bringen – ein gewaltiges Unterfangen: Die Pioneering Spirit ist das größte Schiff der Welt, und die Aufbauten der Brent D sind so groß wie ein Einkaufszentrum, 72 mal 47 mal 44 Meter, und mehr als 20.000 Tonnen schwer. Wir von Greenpeace werden die Entsorgung genau beobachten und kontrollieren.

Aber es geht nicht nur um die Aufbauten. Es geht auch um die Betonbeine, den Betonsockel mit den Öltanks, die Pipelines, die Unterwasserinstallationen. Wir fordern, dass all das auch umweltgerecht an Land entsorgt wird. Shell soll das Meer so hinterlassen, wie der Konzern es vorgefunden hat.

Aber: Als die Brent-D-Plattform 1976 installiert wurde, hat Shell sich gar keine Gedanken gemacht, ob man sie aus dem Meere entfernen kann. Jetzt sagt Shell, sie können die riesigen Betonbeine, den Sockel mit den Öltanks, auf denen die Plattform steht, nicht wegschaffen.

Wenn die Plattform weg ist: Ist das Ökosystem Meer dort im Brent-Feld dann umgehend wieder völlig intakt?

Die Förderung von Öl ist ein schmutziges Geschäft; jedes Jahr gelangen rund 10.000 Tonnen durch den Normalbetrieb und durch Unfälle in die Nordsee.

Wenn die Plattform entfernt ist, kann die Natur sich langsam wieder erholen, aber das wird Jahre dauern. Denn im Bereich der Plattformen ist der Meeresboden mit Öl und Chemikalien belastet; der Abbau dieser Substanzen durch ölabbauende Bakterien verläuft langsam.

Doch ich bin froh, dass der Abbau jetzt stattfindet! Das Meer ist kein Platz für Industrieschrott. Hoffentlich erleben unsere Kinder eine Nordsee, in der keine Ölplattformen mehr stehen, in der das Wasser nicht durch Öl verschmutzt wird – und eine Welt, in der das Klima geschützt ist.

Das Video zeigt, wie Plattformen wie die Brent Delta entsorgt werden

  • Die von Greenpeace-Aktivisten besetzte Brent Spar in der Nordsee im April 1995

    „Die Nordsee retten – Shell stoppen“

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  • Das Brent-Feld in der Nordsee

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20 Jahre nach Brent Spar

20 Jahre nach Brent Spar

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