Nach der Flutkatastrophe
- Ein Artikel von Michael Weiland
- mitwirkende Expert:innen Thilo Maack
- Nachricht
Während die Politik über einen Neustart des Heizungsgesetzes und den Klimaschutz im Allgemeinen debattiert, zeigen Greenpeace-Aktive mit einer erschütternden Installation die Folgen von verschlepptem Klimaschutz. So sieht die Klimakrise in Deutschland aus. Zu sehen erst in Berlin, danach bundesweit.
Dass 2023 unter Umständen das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen wird, lässt bei Klimaforschenden sämtliche Alarmglocken schrillen, dabei wird der Rekord vielerorts kaum zur Kenntnis genommen: Schon wieder ein wärmstes Jahr aller Zeiten? Die Nachricht wirkt vertraut - weil sie es ist: Laut des EU-Klimawandeldienstes Copernicus waren die Jahre 2015 bis 2022 die acht wärmsten Jahre, die je gemessen wurden.
Ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen. Erst im Mai 2023 veröffentlichte die Weltwetterorganisation (WMO) die Prognose, dass die kommenden fünf Jahre vermutlich die heißesten aller Zeiten werden; der Temperaturanstieg wird zusätzlich begünstigt durch das wiederkehrende Wetterphänomen El Niño. Die Situation ist dramatisch: Jedes Zehntelgrad Erderhitzung verändert das Klima - ab der kritischen Grenze von 1,5 Grad Celsius Erwärmung oberhalb der vorindustriellen globalen Durchschnittstemperatur drohen Klimaveränderungen, die unumkehrbar sind. Dass der Mensch diese Erderhitzung verursacht, ist seit Jahrzehnten bekannt, seit einigen Jahren treten uns die Folgen immer deutlicher vor Augen.
Flusshochwasser und Überschwemmungen durch Starkregen werden im Zuge der Klimakrisedes Klimawandels in Deutschland häufiger und intensiver. Dem Gesamtverband der Versicherer zufolge sind mehr als 300.000 Adressen in Deutschland von Hochwasser bedroht. Eine dramatische Flut wie 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wird durch die globale Erwärmung bis zu neunmal wahrscheinlicher.
Im besonders betroffenen Ahrtal starben bei der Flut 135 Menschen und 17.000 Menschen verloren ihr Hab und Gut. Innerhalb einer Nacht wurden Jahrzehnte der Infrastruktur-Entwicklung zerstört. Fünf Jahre nach dem Unglück erholen sich die Gemeinden. Frühwarnsysteme sind ausgebaut und der Hochwasserschutz ist verbessert worden. Priorität hatte der Wiederaufbau der Häuser. Nur 34 zerstörte Häuser durften nicht im Hochrisikogebiet vor Ort wieder aufgebaut werden.
Der Rückzug von Siedlungen aus einem Hochrisikogebiet ist in Deutschland bisher im internationalen Vergleich sehr selten. Bekannt ist in Deutschland die Umsiedlung von zwei Ortsteilen: Röderau-Süd in der Elbaue in Sachsen wurde 2003 nach der Flutkatastrophe der Elbe umgesiedelt. Isarmünd, ein Ortsteil der niederbayerischen Gemeinde Moos, musste nach einem Hochwasser 2013 ebenfalls dem Hochwasserschutz weichen.
Derzeit gibt es Überlegungen im Ahrtal und anderen überflutungsgefährdeten Gebieten Hochwasserrückhalteräume zu bauen, die allerdings nicht nur mit hohen Kosten, sondern auch mit großen Eingriffen in die Landschaft verbunden wären. An den Küsten sind durch den steigenden Meeresspiegel und das Risiko extremerer Binnenhochwasser Milliardeninvestitionen erforderlich: Deiche müssen erhöht und Salzwiesen renaturiert werden. Nicht zuletzt muss auch die Leistungsfähigkeit von Schöpfwerken sichergestellt werden, die Flusshochwasser aus dem Hinterland über die Deiche leiten.
In welchem Ausmaß können wir uns Hochwasserschutz auch in Zukunft leisten bzw. wann wird über den Rückzug aus einzelnen Hochrisikogebieten entschieden werden müssen? Die Deutsche Meteorologische Gesellschaft und die Deutsche Physikalische Gesellschaft riefen bereits 2025 dazu auf, den Rückzug aus tiefer liegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee zu diskutieren.
Flutwohnung auf Tour durch Deutschland
Dass die Klimakatastrophe keine abstrakte Bedrohung ist, die nur anderen passiert, versinnbildlicht eindrücklich eine Installation, die Greenpeace-Aktive am 7. Juli 2023 vor dem Paul-Löbe-Haus in Berlin aufgebaut haben. Am letzten Sitzungstag des Bundestags, eine Woche vor dem Jahrestag der Katastrophe an Ahr und Erft, lässt sich einen Steinwurf vom Reichstagsgebäude entfernt eine zerstörte Wohnung besichtigen, eingerichtet mit flutgeschädigten Originalmöbeln aus dem Ahrtal und der italienischen Region Emilia-Romagna, die im Mai dieses Jahres nach starken Regenfällen in Teilen überschwemmt wurde.
Im Mai reiste ein Greenpeace-Team aus Deutschland nach Italien, um die dort tätigen Aktivist:innen logistisch zu unterstützen. Dabei wurden ihnen einige der beschädigten Möbelstücke von Betroffenen überlassen. Die gemeinsame Idee: das zerstörte Hab und Gut für eine Aktion zu nutzen, die das Ausmaß und die Dramatik von Starkwetterereignissen für Menschen andernorts erfahrbar und erlebbar macht. Bildtafeln erzählen die Geschichten der Gegenstände und ihrer Besitzer:innen. Da ist der Witwer Ivo, der sich nicht zu seiner Tochter nach Imola bringen ließ, weil er sein Zuhause nicht verlassen wollte, und das Wasser Meter um Meter steigen sah. Oder die Psychologin Ivana, die seit 20 Jahren in Conselice lebt, und niemanden um Hilfe rufen konnte: „Ich war zwischenzeitlich so viele Tage ohne Strom, ohne Wasser, ohne Gas, ohne irgendetwas, ohne Telefon und Abwasser, völlig isoliert.“
Die menschengemachten Veränderungen des Klimas haben auch in Emilia-Romagna zu derart verheerenden Überschwemmungen beigetragen - insbesondere durch ungewöhnlich trockene Böden, die so starke Regenfälle nicht in kurzer Zeit aufnehmen können. „Die Klimakrise ist auch in Deutschland längst zur größten Bedrohung für Menschen geworden“, sagt Thilo Maack, Greenpeace-Experte für Biodiversität. „Extreme Regenfälle wie vor zwei Jahren im Ahrtal und dieses Jahr in der Region Emilia-Romagna sind Beleg genug. Die Bundesregierung muss Klimaschutz endlich zur Priorität machen und konsequent umsetzen.“
Während der Aktion debattiert der Bundestag über das nach langem Streit entkernte Gebäudeenergiegesetz, das nach einem Eilantrag der CDU nun erst nach der Sommerpause verabschiedet werden kann. In der jetzigen Form hilft das Gesetz dem Klimaschutz nicht, sagt Maack und fordert: „Damit nicht bis ins Jahr 2028 klimaschädliche fossile Heizungen eingebaut werden, muss der Bund die kommunale Wärmeplanung beschleunigen. Staatliche Zuschüsse darf es nur für umweltfreundliche Technologien wie Wärmepumpen geben, sonst sind die Klimaziele der Bundesregierung nicht zu schaffen.“
Am 19. Juli bauten Greenpeace-Aktivist:innen die Flutwohnung erneut auf, diesmal auf dem Jungfernstieg in Hamburg, in Sichtweite des Rathauses. Im August wird die Installation in mehreren deutschen Städten zu sehen sein, geplant sind Halte in Köln, Frankfurt am Main, München und Dresden. „Mit dieser zerstörten Wohnung bringen wir die Folgen der Klimakrise zur Politik und fordern eine Klimapolitik, die sich konsequent am 1,5 Grad-Ziel orientiert“, so Maack.
© Bernd Lauter / Greenpeace
Aufräumarbeiten in einem Naturschutzgebiet im Ahrtal
Greenpeace vor Ort im Ahrtal
Wie hart die Klimakatastrophe in Deutschland zuschlagen kann, zeigte sich in der Nacht auf den 15. Juli 2021 im Ahrtal. Nach heftigen Regenfällen kam es zu Überschwemmungen, mehr als 130 Menschen verloren in der Flut ihr Leben. Greenpeace-Ehrenamtliche und -Mitarbeitende beteiligten sich an den Aufräumarbeiten, außerdem untersuchten Greenpeace-Fachleute die Böden auf Giftstoffe.
Vor dem zweiten Jahrestag der Flutkatastrophe begutachteten Greenpeace-Aktive, inwieweit die verheerenden Überschwemmungen nach wie vor Spuren in der Region hinterlassen haben. So ist etwa das Naturschutzgebiet Ahrtalmündung noch immer stark mit Plastikmüll verschmutzt, insbesondere Flaschen und Getränkekisten aus einem überfluteten Getränkelager sind nach wie vor in dem sensiblen Lebensraum zu finden, in dem seltene Vögel wie der Flussregenpfeifer brüten. In dem Naturschutzgebiet sammelte die Gruppe über zwei Tage etwa sieben Kubikmeter Müll ein, darunter Flaschen, Kisten, Plastikteile, Medikamente, Ölbehälter, Spielzeug, Hausrat, Möbelreste und sogar eine Flaschenpost. „Wir setzen fort, was hunderte helfende Hände in unzähligen Freiwilligenstunden begonnen haben“, sagt Greenpeace-Sprecher Thilo Maack.
Kunststoffabfälle bauen sich in der Natur kaum ab, stattdessen werden sie durch Witterungsprozesse zu Mikroplastik zerrieben. Diese winzigen Partikel belasten Böden, gelangen in die Nahrungskette und schädigen die Gesundheit von Mensch und Tier. Jedes Stück Plastik, das aus der Rechnung genommen wird, verbessert die Lebensgrundlagen in dem von der Flut stark mitgenommenen Lebensraum. „Die Ahrtalmündung muss wieder ein Ort werden, an dem die Natur ungestört und unbelastet zur Ruhe kommen kann“, sagt Maack.