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Die Schäden an Reaktorblöcken der Alt-AKW Tihange und Doel sollen ernster sein, als bisher angenommen wurde.
Philip Reynaers / Greenpeace

Reaktoren weltweit müssen überprüft werden

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Die Risse an Belgiens Meilern Doel 3 und Tihange 2 sind ernster als bisher angenommen. Mögliche Ursachen stellen die Nuklearindustrie weltweit vor Probleme.

Die Entdeckung Tausender neuer Risse an den belgischen AKW-Blöcken Doel 3 und Tihange 2 könnte ernste Konsequenzen für alle Atomkraftwerke weltweit haben. Das ist die Einschätzung zweier renommierter Materialwissenschaftler.  Ein bisher unbekanntes Phänomen der Materialermüdung könnte die Risse verursacht haben – davon wären möglicherweise auch deutsche AKW betroffen.

„Globales Problem der Atomkraftwerke“

„Wie so oft bei Atomkraftwerken wurde die Tragweite des Problems offensichtlich verkannt“, sagt Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte von Greenpeace. „Es ist dringend notwendig, die Risse im Metall ernster zu nehmen als bisher und weltweit umfangreiche Untersuchungen durchzuführen.“

Jan Bens, Direktor der ‚Federal Agency for Nuclear Control‘ (FANC), misst den Aussagen der Wissenschaftler große Bedeutung bei: „Das könnte ein globales Problem der Atomkraftwerke sein“, sagte Bens in einem Interview im belgischen TV Die Lösung sei, weltweit umfangreiche Inspektionen aller Atomkraftwerke durchzuführen. Greenpeace fordert nun, sämtliche 439 Reaktoren in der ganzen Welt genau zu überprüfen.

Über 13.000 Risse an marodem Meiler-Block

Rund 13.047 Risse wurden insgesamt an den Stahldruckbehältern von Doel 3 gefunden, bei Tihange 2 waren es 3149 Risse. Dies veröffentlichte die belgische Atomaufsicht im Dezember letzten Jahres. Bereits im Jahr 2012 waren die Schäden an den Behältern erstmals entdeckt worden. Experten deuteten die Risse als Fehleinschlüsse in der Herstellung des Reaktors, sogenannte Wasserstoff-Flocken.

AKW-Stahldruckbehälter beinhalten den Reaktorkern und hochradioaktiven Kernbrennstoff – sie dürfen deshalb unter keinen Umständen brüchig werden. Tihange liegt nur 70 Kilometer entfernt von Aachen. Ein atomarer Unfall an dem Pannen-Meiler hätte also auch für Deutschland gravierende Folgen.

Greenpeace hat in Belgien auf die Herausgabe aller Untersuchungsdokumente geklagt – und das Verfahren im Januar gewonnen. Die belgische Atomaufsicht verweigert jedoch bisher die Übergabe mit der Begründung, die Papiere zunächst auf etwaige Verschlusssachen überprüfen zu müssen.

Doel 1 geht nach 40 Jahren vom Netz

Schon lange gelten Tihange und Doel als Pannen-Meiler: Nachdem die Risse an den Blöcken 2 und 3 erstmals entdeckt wurden, folgte eine einjährige Stillegung der Reaktoren. 2013 setzte der Betreiber Electrabel die Wiederinbetriebnahme gegen massive Kritik durch. 2014 wurden die Blöcke wegen kritischer Befunde bei erneuten Sicherheitstests wieder heruntergefahren und sind bis heute vom Netz. 

Auch an den übrigen Blöcken der belgischen Atommeiler kommt es immer wieder zu Störfällen. Tihange 3 musste notabgeschaltet werden, nachdem nach einer Explosion Feuer an dem AKW ausgebrochen war. Bei Doel 4 überhitzten die Turbinen, nachdem Öl in dem AKW-Block ausgelaufen war. Hinter dem Störfall wird Sabotage vermutet.

Reaktor-Block Doel 1 wurde am 15. Februar 2015 nach 40 Jahren Betrieb abgeschaltet. Noch ist nicht absehbar, ob Electrabel versuchen wird, die Laufzeit zu verlängern. Doel 2 soll im Dezember dieses Jahr vom Netz genommen werden. Die Betriebserlaubnis für die übrigen Reaktorblöcke von Tihange und Doel erlischt erst 2023 und 2025.

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