Endstation Biomassekraftwerk: Wie Bayern seinen Wald verfeuert
- Ein Artikel von Georg Thanscheidt & Felix Fiebiger
- mitwirkende Expert:innen Dr. Vera Baumert & Saskia Reinbeck
- Hintergrund
Zu viele Gemeinden setzen auf Biomasseheizwerke. Wie Hackschnitzel und riesige Holzheizungen in Bayern Klima und Artenvielfalt ruinieren.
Kein Bundesland verfeuert so viel Holz wie Bayern. Dabei geht es dem Wald im Freistaat schon jetzt so schlecht wie nie. Die Waldzustandserhebung 2025 der Bayerischen Forstverwaltung zeigt klar: Bayerns Wälder sind krank, und der Zustand hat sich in den vergangenen Jahren weiter verschlechtert. Nur noch jeder siebte Baum im Freistaat ist gesund, fast vier von zehn Bäumen weisen bereits deutliche Schäden auf. Trotz dieser Alarmsignale treibt die Staatsregierung die Ausbeutung der Wälder weiter voran und setzt auf das Verbrennen von Holz: Fast 40 Prozent des Holzeinschlags in bayerischen Wäldern wird direkt als sogenanntes „Energieholz“ verbrannt.
Diese sogenannte energetische Holznutzung wird oft als Beitrag zum Waldumbau und zur Energiewende dargestellt. Das stimmt nicht. Das Verbrennen von Hackschnitzeln oder Holzpellets in Biomassekraftwerken oder anderen riesigen Holzheizungen, wie sie in immer mehr Gemeinden im Freistaat geplant werden, erhöht den Druck auf das Klima und auf die sensiblen Ökosysteme unserer Wälder. Der Ausbau der industriellen Holzverbrennung in Bayern muss dringend gestoppt werden, um unsere Wälder zu schützen.
„Wälder sind wertvolle Ökosysteme, die uns vor der Klimakrise schützen und die Artenvielfalt erhalten – keine Brennholzlager für die Industrie. Sie zu verbrennen, um vermeintlich ‚grüne‘ Energie zu erzeugen, ist Raubbau an unserer eigenen Zukunft.“
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) verbreitet als oberster Holz-Lobbyist gefährliche Mythen und Halbwahrheiten zum Thema Holzverbrennung. Die ganze Wahrheit über Biomasseheizwerke und Biomasseheizkraftwerke sieht anders aus als er sagt: Sie sind nicht klimaneutral, denn sie erhöhen den Nutzungsdruck auf die Wälder und führen dazu, dass zu wenig wertvolles, sogenanntes Totholz im Wald verbleibt. Die Fakten zu Bayerns klimapolitischem Hackschnitzel-Harakiri:
Warum ist die Verbrennung von Holz nicht klimaneutral?
© Greenpeae / Andrea Bayer / Daniel Müller
Holzverbrennung ist im Gegensatz zur Behauptung des Ministers und der Holzenergie-Lobby keinesfalls klimaneutral. Das Verfeuern von Bäumen setzt einerseits Treibhausgase frei und zerstört andererseits wertvolle Wälder – unsere wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen die Erderhitzung. Der Bau zusätzlicher industrieller Holzfeuerungsanlagen führt zu mehr Nachfrage und damit potenziell mehr Holzeinschlag, sprich: Noch mehr Bäume werden gefällt.
Die Annahme, dass Holz beim Verbrennen nur so viel CO2 ausstößt, wie der Baum zu Lebzeiten aufgenommen hat, ist zwar richtig. Doch dabei bleibt es nicht, auch bei Holzgewinnung und Transport entstehen Emissionen. Hinzu kommt, dass der Waldboden durch den Holzeinschlag oftmals geschädigt wird und dabei ebenfalls CO2 freisetzt, das er zuvor über lange Zeit gespeichert hat. Auch das Pflanzen neuer Bäume gleicht diese Emissionen nicht unmittelbar aus. Junge Bäume nehmen zunächst nur wenig CO2 auf. Erst nach Jahrzehnten speichern sie nennenswerte Mengen.
Zudem entstehen bei der Verbrennung neben CO2 weitere Schadstoffe, darunter Feinstaub, Methan, Lachgas und Stickoxide, die ebenfalls zum Treibhauseffekt beitragen. Die Behauptung, Holzenergie sei klimafreundlicher als fossile Brennstoffe, ist also ein gefährlicher Trugschluss: Um ein 156-qm-Einfamilienhaus ein Jahr zu heizen, gelangen bei der Verbrennung von Holz (Pellets) 10,78 Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Damit werden sogar mehr Treibhausgase emittiert als bei fossilen Energieträgern wie Erdgas (7,41 Tonnen) oder Heizöl (9,02 Tonnen, siehe Grafik).
Wird Holz stattdessen stofflich – also beispielsweise für Haus- oder Möbelbau – genutzt, dann bleibt das darin gespeicherte CO2 gebunden und somit der Atmosphäre entzogen. Auch Bäume, die nicht gefällt werden, sondern im Wald weiter wachsen dürfen, speichern natürlich weiterhin große Mengen Kohlenstoff. Totholz in Form von abgestorbenen Bäumen oder nicht stofflich nutzbaren Teilen wie Baumkronen dient ebenfalls noch einige Zeit als Kohlenstoffspeicher. Darüber hinaus ist es als Wasserspeicher und Hotspot der Artenvielfalt – sofern es nicht aus dem Wald entfernt und verbrannt wird.
Was ist Biomasse und welche Arten von Biomasse werden verfeuert?
Biomasse bezeichnet organisches Material pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, das zur Energiegewinnung verbrannt oder in sogenannte sekundäre Energieträger wie Biogas oder Öle umgewandelt werden kann. Dazu gehören vor allem Holz aus Wäldern, Sägewerken oder der Landschaftspflege, aber auch Energiepflanzen wie Mais oder Raps sowie organische Abfälle wie Gülle oder Bioabfälle. Bei der Holzverbrennung wird Biomasse in Form von Scheitholz, Hackschnitzeln, Holzpellets oder Altholz verfeuert, um Wärme oder Strom zu erzeugen.
Sind Biomasseheizwerke eine Alternative zu Wärmepumpen, Gas- oder Öl-Heizungen?
Fossile Energieträger wie Öl und Gas durch Biomasse zu ersetzen, ist keine Lösung. Zwar gilt Biomasse auf dem Papier als „erneuerbar“, doch beim Verbrennen von Holz wird das über Jahrzehnte gespeicherte CO2 auf einen Schlag freigesetzt. Würden die Bäume im Wald belassen, bliebe es für weitere Jahrzehnte gebunden. Biomasse ist nur begrenzt verfügbar, ihre Verbrennung verursacht Feinstaub und andere Luftschadstoffe. Wirklich erneuerbare Wärmelösungen wie Wärmepumpen, Solarthermie und Geothermie existieren bereits und sind deutlich effizienter, weil sie ohne Verbrennung auskommen.
Hinzu kommt: Holzverbrennungsanlagen liefern sehr hohe Temperaturen für die Wärmenetze. Moderne und effiziente Netze funktionieren aber am besten mit niedrigeren Temperaturen. Diese können aus verschiedenen Quellen wie Wärmepumpen, Geothermie oder Abwärme aus der Industrie und dem Abwasser gespeist werden. Wenn Kommunen jetzt auf Netze setzen, die zwingend auf hohe Verbrennungstemperaturen angewiesen sind, verbauen sie sich den Weg für die Zukunft.
„Bayern braucht eine Wärmewende, die ihren Namen verdient – ohne den Ausverkauf unserer Natur. Wir fordern Minister Aiwanger und die Staatsregierung auf, diesen Holzweg zu verlassen und den Schutz unserer Lebensgrundlagen über die Interessen der Verbrennungslobby zu stellen.“
Ist genügend Holz für die energetische Nutzung vorhanden?
Das vermeintliche Überangebot an Holz in den letzten Jahren legt das nahe, aber das ist ein Trugschluss. Denn Waldschäden, etwa durch Trockenheit oder Borkenkäferbefall, haben viele Waldbesitzer:innen dazu veranlasst, die kranken Bäume aus dem Wald zu entfernen, und machten eine große Menge an Holz verfügbar. Somit war auch der Preis für Energieholz relativ gering. Das könnte sich laut Naturschutzbund Deutschland allerdings bald ändern, dann wären beispielsweise keine heimischen Nadelhölzer mehr für die Verfeuerung verfügbar. Hinzu kommt: Alte Waldbestände werden erschöpft, während neue nicht schnell genug nachwachsen können. Den Ökosystemen der Wälder drohen langfristige Schäden. Gleichzeitig würde der Bau weiterer Holzverbrennungsanlagen den Bedarf an Energieholz für die kommenden Jahrzehnte entsprechend erhöhen. Um ihn zu bedienen, könnte auch der Druck auf Wälder im In- und Ausland steigen.
Die Holzlobby behauptet gerne, dass vor allem nicht anderweitig nutzbares Holz zur Energieerzeugung verwendet wird und es sich bei Energieholz damit quasi um ein Abfallprodukt handelt. Doch auch für Schad- und Restholz gäbe es oftmals alternative stoffliche Verwendungszwecke, die das Klima im Gegensatz zur Verbrennung nicht belasten würden. Ökologisch gesehen wäre es allerdings am besten, möglichst viel davon als Totholz im Wald zu belassen. Holzpellets werden zwar aus Reststoffen der Holzverarbeitung hergestellt, doch diese könnten stattdessen auch stofflich verwendet werden, beispielsweise für die Produktion von Spanplatten oder als Dämmstoffe. Altholz, also Holz, das bereits beispielsweise im Bau oder für Möbel genutzt wurde, wird bereits zum Großteil verbrannt – obwohl auch hier eine Wiederverwendung möglich wäre.
Im Jahr 2022 kamen 40 Prozent des gesamten Energieholzverbrauchs in Bayern direkt aus dem Wald – ohne vorherige stoffliche Nutzung. Für Wälder in Thüringen und Brandenburg hat Greenpeace bereits belegt, dass selbst aus Schutzgebieten auch ganze Baumstämme im Heizkraftwerk landen.
Gibt es staatliche Förderung für Holzheizungen?
Während die bayerische Staatsregierung beim Ausbau von Geothermie und Wärmepumpen noch immer nicht vorankommt, ist sie bei der Holzenergie „Feuer und Flamme“. Zur Förderung hat Wirtschaftsminister Aiwanger (Freie Wähler) eigens ein Programm ins Leben gerufen. „BioWärme Bayern“ stellt jährlich 10 Mio. Euro zur Förderung von 50 bis 60 neuen Biomasseheiz-Projekten bereit. Dessen Vorgänger BioKlima startete bereits 2009 und förderte in 14 Jahren rund 290 Biomasseheizwerke. Im großen Stil Holz zu verbrennen, um dadurch Wärme zu erzeugen, ist in Bayern weit verbreitet. Und das obwohl die ökologischen und gesundheitlichen Kosten hoch sind.
Biomasseheizwerke: Wie ist die Lage in Bayern?
Bereits heute setzt Bayern im Bundesländervergleich besonders stark auf Energie aus Biomasse. Sie stellt mit mehr als 60 Prozent den größten Anteil an der gesamten erneuerbaren Energieerzeugung im Freistaat. Bei der Wärmeerzeugung liegt der Anteil sogar bei 80 Prozent. Der wichtigste Energieträger ist dabei Holz.
In Bayern werden jedes Jahr mehr als 19 Millionen Kubikmeter Holz verbrannt, um daraus Energie zu gewinnen. Diese Menge Holz wächst rechnerisch im Freistaat auf einer Fläche von 480 Quadratkilometern – das ist fast die doppelte Fläche des Nationalparks Bayerischer Wald. Fast die Hälfte dieses Energieholzes wird nicht in Privathaushalten, sondern in größeren, industriellen Biomasseheizwerken und Biomassekraftwerken verbrannt. Und davon über 30 Prozent in Form von Hackschnitzeln, die direkt aus dem Wald stammen und vorher nicht stofflich (beispielsweise als Bauholz oder Möbel) genutzt wurden.
Hinzu kommt: in Bayern muss die kommunale Wärmeplanung bis 2028 abgeschlossen sein. Das heißt, alle Kommunen werden sich in den kommenden Jahren entscheiden, ob und wenn ja, wie sie ihre Bürger:innen mit erneuerbarer Wärme versorgen wollen. Es droht also eine weitere Welle mit Holz befeuerter Heizwerke. Das würde Natur und Klima schädigen.
Wo wird in Bayern Holz energetisch genutzt?
Die Karte zeigt alle bayerischen Heizkraftwerke und Heizwerke mit einer Leistung von mindestens 1 Megawatt (MW), die Holz zur Energieproduktion verwenden. Mit einer Heizleistung von 1 MW können rund 100 Einfamilienhäuser mit einer Wohnfläche von 150 Quadratmetern beheizt werden. Aktuell gibt es in Bayern bereits 247 Anlagen mit einer Leistung von mehr als 1 MW. Der Heizwert der Anlagen (farbige Markierung) zeigt zudem die Effizienz der Anlagen an – je dunkler desto ineffizienter wird das Holz verbrannt.
Was sind die Folgen für Bayerns Wälder?
Wälder sind keine Brennstofflager, sondern ein wertvoller Teil unserer Heimat und entscheidend für den Naturschutz. Als Kohlenstoffspeicher und Hotspots der Artenvielfalt sind sie für Klima- und Naturschutz unverzichtbar. Daher sollte auch Totholz im Wald bleiben, weil es, anders als das Wort suggeriert, ein wichtiger Lebensraum für viele Arten ist und zu stabilen, widerstandsfähigen Wäldern beiträgt.
Wenn die bayerischen Wälder durch die Klimakrise geschwächt sind und gleichzeitig mehr Holz als nachhaltiger Baustoff und angeblich nachhaltiger Brennstoff nachgefragt wird, entsteht eine Versorgungslücke. Das Ergebnis: Entweder steigen die Importe (was den Holzeinschlag im Ausland anheizt) oder der heimische Einschlag von Laubholz wird stark intensiviert und schwächt die Wälder weiter.
Was fordert Greenpeace?
Den bayerischen Wald retten, statt ihn zu verheizen! Holzverbrennung ist keine Zukunftstechnologie. Sie darf nicht länger auf Kosten der Gesundheit unserer Wälder und echter erneuerbarer Energien vorangetrieben werden. Ein Ausstieg aus fossilen Energien und konsequenter Klimaschutz bedeutet zwingend auch den Ausstieg aus der industriellen Holzverbrennung.
Um die ökologische Funktion unserer Wälder zu sichern und Klimaziele zu erreichen, fordern wir:
- Senken sichern: Anstatt den Wald als „Brennstofflager“ freizugeben, muss seine gesetzlich verankerte Funktion als CO2-Speicher rechtlich gesichert und aktiv gestärkt werden.
- Fördergelder für Holzenergie-Projekte stoppen: Subventionen müssen in echte klimaneutrale Alternativen fließen. Im Energiesektor verfügen wir mit Wärmepumpen, Geothermie, Fluss- und Seethermie sowie Solarthermie über überlegene Technologien.
- Priorisierung der sogenannten Kaskadennutzung: Holz muss möglichst lange und hochwertig eingesetzt und recycelt werden.Als Baumaterial kann Holz nicht nur klimaschädliche Baustoffe wie Beton ersetzen, sondern speichert Kohlenstoff auch langfristig.
- Ökologisches Waldmanagement statt Raubbau: Wald muss sich natürlich entwickeln können mit einem hohen Anteil von wertvollem Totholz, damit er widerstandsfähig gegen die Klimakrise ist.
- Gesundheitsschutz ernst nehmen: Es ist in Bayern gesetzlich vorgeschrieben, dass der Wald für die Gesundheit der Menschen zu erhalten ist. Er sollte nicht stattdessen als Feinstaub in die Luft geblasen werden.
(Redaktionshinweis: dieser Artikel erschien erstmals am 2.4.2026. Wir haben ihn an mehreren Stellen präzisiert.)