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Belém, Mittwoch, 5. November 2003. Wir warten auf unsere Weiterreise nach Porto de Moz. Die Arctic Sunrise ist schon unterwegs. Gestern Abend haben wir ihr im Hafen von Belém hinterhergewunken. Morgen früh treffen wir uns alle wieder - auf der Arctic Sunrise und auf einem Flussschiff. Wir werden den Weg per Greenpeace-Flugzeug hinter uns bringen. Unser Pilot macht den Shuttle-Service. Er fliegt alle, die auf der Arctic Sunrise keinen Platz gefunden haben - anders als per Schiff oder Flugzeug kommen wir nicht hin. Im Mittelland wird es dann zur Sache gehen.

Wo das Gesetz nichts wert ist und der Tod 30 Euro kostet , so überschreibt die brasilianische Tageszeitung O Estado de S. Paulo die Situation in Sao Felix do Xingu, Mittelland, Bundesstaat Pará. Hierurden in diesem Jahr bereits 30 Menschen ermordet. Es geht um Landbesitz und oft um Mahagoni, das grüne Gold.

Das so genannte Mittelland, eine Urwaldregion im Herzen des Bundesstaates Pará, ist Indianerland. Hier sind die Urwälder eigentlich gesetzlich vor Ausbeutung geschützt. Jaguar, Riesenalligator und Spinnenaffe - sie alle leben in diesem noch einigermaßen intakten Urwald. Es gibt Tier- und Pflanzenarten, die nur hier und nirgendwo anders existieren. Der Schutz des Mittellands sollte äußerste Priorität haben. Tatsächlich gibt es hier jedoch tagtäglich Kriege um Holz, Land und Ressourcen. Wer zuerst kommt und am skrupellosesten vorgeht, macht das meiste Geld.

Um den Urwald, in dem die Mahagoni-Bäume wachsen, ausbeuten zu können, nutzen die Holzfäller jede Gesetzeslücke. Sie schrecken auch nicht vor Gewalt zurück. Ihr Ziel: das Land einnehmen und an das grüne Gold rankommen. Die illegale Landnahme der Holzfäller ist hier derart an der Tagesordnung, dass es sogar ein Wort dafür gibt, Grilagem, abgeleitet von grilos, Grillen: Gefälschte Dokumente werden in eine Schachtel voller Grillen gesteckt. Diese nagen an den Dokumenten, so dass sie hinterher aussehen wie echte, alte Zertifikate.

Die Betrüger haben etliche Methoden, Land in Besitz zu nehmen - durch Fälschung oder durch Gewalt. Wenn die ursprünglichen Besitzer vertrieben sind, grenzt der neue Landherr sein Land ab und lässt es streng bewachen. Wer sich gegen die illegale Landnahme wehrt oder die Polizei über die Machenschaften der Holzfäller informiert, dem droht der Tod.

Mittelalter-Methoden im Mittelland

Um den schwer zugänglichen Wald auszubeuten, heuern die Holzhändler über Agenten Sklaven an. Sie versprechen ihnen gut bezahlte Arbeit. Arbeitsverträge gibt es nicht. Viele Arbeiter verschulden sich, um die lange Anreise und die Arbeitskleidung zu bezahlen. Sie werden tief in den Urwald gebracht und sind dann den Holzhändlern ausgeliefert, leben unter menschenunwürdigen Bedingungen und werden ständig bewacht. Wer sich beschwert oder zu fliehen versucht, schwebt in Lebensgefahr.

BBC berichtete 2002 vom Fall des Sklaven Evandro Rodrigues. Rodrigues war beim Mahagoni-Fällen die Motorsäge abgerutscht und direkt ins Bein gefahren. Er blutete und konnte nicht mehr laufen. Der Aufseher verlangte von ihm, entweder die 30 Kilometer zur nächsten Farm zu laufen oder zu sterben. So band Rodrigues sich sein T-Shirt um das verletzte Bein und lief die ganze Nacht durch den Regenwald - mit dem Stiefel voller Blut. Laut BBC erreichte er letztendlich das Dorf. Dort wartete bereits ein Mann, der losgeschickt worden war, um ihn zu erschießen. Man hatte Angst, dass der Sklave die Holzfällerarbeiten den Behörden melden würde.

Mehr als 25.000 Menschen leben in Pará unter sklavenähnlichen Bedingungen, schätzt die katholische Pastoral Commission on Land. Im Jahr 2002 deckte die Kommission 147 Fälle auf, von denen insgesamt 5559 Arbeiter betroffen waren. Ein Großteil dieser Fälle fand sich in Regionen, in denen die Holzindustrie den Ton angibt.

Solche Geschichten spielen sich im Mittelland ab, nur zwei Flugstunden von Belém entfernt. Wir sind bald da, im Zentrum vom Mittelland, auf der Spur der Holzfäller, die besessen sind vom grünen Gold.

Zum Nachlesen: Reisetagebuch Teil I

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