Samische Rentierhalter in Not: Wie Ikea Schwedens Wälder opfert
- Ein Artikel von Miryam Nadkarni
- mitwirkende Expert:innen Harald Gross
- Nachricht
- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
Nicht alles Bullerbü: Holz aus schützenswerten Wäldern in Schweden landet in Ikea-Möbeln. Wie der Kahlschlag Rentiere und die indigenen Sámi bedroht.
„Kommt hoch zu uns! Kommt für einen Herbst“, sagt Rickard Länta, Angehöriger der Sámi – der letzten indigenen Gemeinschaft Europas. „Jeder sollte einmal erleben, wie es ist, aus der Bergtundra herabzukommen – und da, wo uns ein alter Wald empfangen sollte, liegt nur noch kahle Fläche. Dieser Wald ist einfach weg.“ Er hat das Greenpeace-Team im hohen Norden Schwedens begleitet. Gemeinsam schlagen die Sámi und Greenpeace Alarm: Die scheinbar endlosen borealen Nadelwälder schwinden rasant. Wir wollten wissen: Warum?
Greenpeace-Recherche: Sendern auf der Spur im Schweden-Wald
Um die Spuren des Holzes lückenlos zu verfolgen, haben Greenpeace-Teams aus Schweden und Deutschland Satellitendaten, Kartierungen und behördliche Abholzungsgenehmigungen analysiert. So konnten wir ökologisch wertvolle Wälder identifizieren, die vor kurzem kahlgeschlagen wurden.
Die Forstindustrie stapelt Baumstämme zu sogenannten Poltern, nachdem sie ein Waldstück abgeholzt hat. Genau dort setzen wir an: Ein kleines Loch gebohrt, den Sender platziert und mit einem Stück Rinde getarnt. An insgesamt 20 Orten haben wir die Tracker verbaut. Dann heißt es: warten.
Kurz erklärt
Warum der industrielle Kahlschlag Ökosysteme zerstört
Für die Industrie ist die Kahlschlag-Methode hochprofitabel: Ein moderner Harvester braucht nur etwa 30 Sekunden, um einen Baum zu fällen, zu entasten und für den Transport zuzuschneiden. Und so fällt in kürzester Zeit ein ganzer Wald. Nach einem Kahlschlag bleibt nur Verwüstung zurück, kein Baum steht mehr. Meist pflanzt die Holzindustrie irgendwann Setzlinge nach – aus einem artenreichen Ökosystem wird so eine Plantage, eine Monokultur.
Vom Kahlschlag bis zum Ivar-Regal
Kontinuitätswälder in Schweden: Warum alte Wälder so wertvoll sind
Im Fokus unserer Recherche stehen sogenannte Kontinuitätswälder. So werden in Schweden Wälder genannt, die noch nie kahlgeschlagen wurden und die seit Jahrhunderten kontinuierlich bewaldet sind. Je älter ein Wald, desto mehr CO2 speichert er in Holz und Boden – und desto artenreicher ist sein Ökosystem.
Alte Bäume bieten Höhlen für Eulen, das so genannte Totholz am Boden wimmelt in Wahrheit von Insekten und an den Ästen wachsen seltene Flechten. Diese Flechten sind für Rentiere im Winter überlebenswichtig: Wenn Schnee und gefrierender Regen den Boden mit einer harten Eisschicht überziehen, erreichen die Tiere die Gräser am Boden nicht mehr. Die Baumflechten in alten Wäldern sind dann ihre einzige Nahrung. Durch die Klimakrise taut der Schnee und gefriert dann öfters zu solchen Eisschichten – das Notfutter aus den alten Wäldern wird zur letzten Lebensversicherung für die Herden.
Bedrohung der Sámi
Wie die Holzindustrie die Rentierzucht gefährdet
Die Sámi sind die letzte indigene Gemeinschaft Europas. Sápmi – so heißt ihr Siedlungsgebiet. Es reicht über den Norden Norwegens, Schwedens, Finnlands bis nach Russland. Die Zerstörung der Wälder bedroht nicht nur die Rentiere, sondern auch die Kultur der Sámi. Zwar nutzen sie heute moderne Hilfsmittel wie Schneemobile oder Drohnen, doch die Tradition der Rentierzucht ist tief in ihrer Identität verwurzelt. In Schweden ist das Recht zur Rentierhaltung ausschließlich den Sámi vorbehalten – doch damit sie das auch in Zukunft nach ihrer traditionellen Methode tun können, brauchen auch die Lebensräume entsprechenden Schutz.
Eigentlich müssen Sámi gefragt werden, wenn die Industrie bestimmte Waldgebiete abholzen will. Häufig wird ihr Vetorecht aber einfach übergangen und sie werden lediglich informiert.
Und so geht die Waldvernichtung ungebremst weiter: Jedes Jahr holzt die schwedische Industrie rund 26.000 Hektar dieser alten Wälder ab – eine Fläche von über 40.000 Fußballfeldern. Stoppen wir den Trend nicht, wird es laut Schätzungen bis 2052 keinen einzigen Kontinuitätswald mehr in Schweden geben.
Ikea-Lieferkette aufgedeckt: Wie schützenswerter Wald in Regalen landet
Nach wenigen Tagen setzen sich die ersten installierten Tracker in Bewegung: Von den abgeholzten Flächen führen die Spuren direkt zu zwei Sägewerken des Forstkonzerns und Holzverarbeiter SCA (Munksund und Bollstabruk). SCA ist der größte private Waldbesitzer Schwedens und zugleich der größte private Landbesitzer in ganz Europa, berühmt berüchtigt für seine Kahlschlagpraxis. Über weiterführende Analysen von Lieferketten und Zolldaten können wir belegen: Dieses Holz geht an Möbelhersteller – die direkt für Ikea produzieren.
Holz aus diesen schützenswerten Wäldern steckt unter anderem in bekannten Ikea-Möbeln wie dem Regalsystem Ivar, dem Etagenbett Mydal, den Betten Neiden und Utaker sowie dem Regal Hejne.
Kahlschlag in Schweden widerspricht Nachhaltigkeits-Image
Ikeas positives Image zehrt stark vom romantisierten Bild Schwedens. Doch hinter der gelb-blauen Fassade sieht die Realität anders aus. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern sind großflächige Kahlschläge in Schweden rechtlich erlaubt. Das passt Ikea gut. „Ikea nutzt die schwachen Schutzstandards aus und argumentiert, man tue nichts Illegales. Aber es bleibt eine ökologische Katastrophe, die die Klimakrise anheizt und die Rechte der Sámi verletzt“, betont Greenpeace-Waldexperte Harald Gross. Und auch bei weiterer gesellschaftlichen Verantwortung spart der Konzern: Seinen rechtlichen Hauptsitz hat Ikea längst in die Niederlande verlegt – denn hier müssen Unternehmen viel weniger Steuern zahlen.
Erfolg der Greenpeace-Kampagnen: Nestlé, Zalando & Co. ziehen Konsequenzen
Dass es auch anders geht, zeigen andere globale Konzerne: Mehrere große internationale Unternehmen haben bereits Konsequenzen aus den umstrittenen Methoden der schwedischen Forstwirtschaft gezogen. Zwischen Herbst 2025 und Frühjahr 2026 kündigten Nestlé, Zalando und L’Oréal an, Zellstoff des Forstkonzerns SCA schrittweise aus ihren Verpackungs-Lieferketten zu verbannen. Die Konzerne reagierten damit auf die scharfe Kritik und Recherchen von Greenpeace und weiteren NGOs an den Einschlagspraktiken von SCA und deren zerstörerischen Folgen für die Natur sowie die Rechte der indigenen Sámi.
Kritik am Holzbezug: Wie reagiert Ikea auf die Vorwürfe?
Ikea hat sich zu dieser Recherche bisher nicht geäußert. Generell nutzt der Möbelgigant gezielt seine Mitgliedschaft im Forest Stewardship Council (FSC). Das FSC-Siegel kennzeichnet Holzprodukte als Erzeugnisse aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern. Laut Ikea stammen fast 98 Prozent des verwendeten Holzes aus FSC-zertifizierten Quellen. Das Problem: Es bestehen unterschiedliche FSC-Standards in jedem Land. Während Kahlschläge in Deutschland weitgehend verboten sind, erlaubt das schwedische Siegel das Kahlrasieren ganzer Ökosysteme. „In 97 Prozent der Fälle wird der Wald hier in Schweden komplett kahlgeschlagen. Das ist die Standardmethode – und das ist per Definition einfach nicht nachhaltig“, sagt Karolina Carlsson, Waldexpertin von Greenpeace Schweden. „Das FSC-System hier in Schweden ist im Grunde nur ein fauler Kompromiss. Es hilft den schwedischen Forstbetrieben eigentlich nur dabei, ihr Image grünzuwaschen – anstatt Kundinnen und Kunden wirklich zu garantieren, dass sie nachhaltige Produkte kaufen.“
Warum der Schutz von Urwäldern allein nicht reicht
Im Rahmen des Weltnaturabkommens haben sich 196 Staaten verpflichtet, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen zu schützen. Die EU-Staaten haben vereinbart, dass mindestens 10 Prozent der Landfläche unter striktem Schutz stehen müssen – also völlig frei von industrieller Nutzung bleiben. Das Abkommen verpflichtet zudem auch Ikea und andere große internationale Unternehmen dazu, Verantwortung für den Erhalt der Artenvielfalt auf dem Planeten zu übernehmen und ihren negativen Einfluss auf die Biodiversität deutlich zu verringern.
Nur sogenannte Urwälder zu schützen, reicht dafür bei Weitem nicht aus, denn davon gibt es in Europa kaum noch welche (in Deutschland existiert beispielsweise kein einziger Urwald mehr). Genau deshalb müssen unter anderem die verbliebenen Kontinuitätswälder konsequent geschützt werden. Doch während die Zuordnung von Schutzgebieten in der EU im Schneckentempo verläuft, profitieren Konzerne wie Ikea weiter vom Einschlag in diesen letzten intakten Ökosystemen.
„Wer Milliarden umsetzt und sich gleichzeitig verantwortungsbewusst gibt, darf sich bei der Holzbeschaffung nicht hinter schwachen Gesetzen verstecken. Ikea hat die Mittel und die Pflicht, Holz aus schützenswerten Wäldern konsequent aus den Regalen zu verbannen“, sagt Gross.
Was jetzt für den Waldschutz passieren muss
- Kein Holz aus schützenswerten Wäldern: Ikea darf ab sofort aus Holz aus ökologisch wertvollen Wäldern mehr nutzen.
Um klar zu definieren, welche Wälder gemeint sind, hat Greenpeace sogenannte Moratoriumsflächen identifiziert – also Regionen, in denen jeglicher Einschlag vorübergehend ausgesetzt werden muss, um Zeit für Prüfungen und Schutzmaßnahmen zu gewinnen. Die Abgrenzung dieser Flächen stützt sich auf nationale Kartierungen von Behörden, Wissenschaft und/oder Zivilgesellschaft. Sie umfasst Wälder mit hoher Biodiversität sowie Gebiete, die das Potenzial haben, einen solchen ökologischen Wert zu entwickeln. Es gibt keine Ausreden mehr – Ikea weiß nun, wo kein Holz eingeschlagen werden sollte.
- Verbindliche Artenschutzziele: Ikea muss konkrete, messbare und verbindliche Vorgaben zum Arten- und Ökosystemschutz in die eigenen Unternehmensrichtlinien aufnehmen.