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SY Witness Meets the Expedition Vessel in Norway
© Anne Barth / Greenpeace

Schwämme – die heimlichen Superhelden der Tiefsee

Wer bei „Schwamm“ zuerst an die gelbe Abwaschhilfe denkt, wird überrascht sein: Meeresschwämme sind uralt, faszinierend – und manchmal sogar kleine Serienkiller.

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Moment mal: Sind Schwämme überhaupt Tiere?

Ja! Auch wenn sie weder Augen noch Gehirn besitzen und eher wie lebende Sofakissen wirken – Schwämme sind tatsächlich Tiere. Genauer gesagt gehören sie zum Stamm der Porifera, was übersetzt so viel wie „Porenträger“ bedeutet.

Und noch beeindruckender: Sie gelten als die ältesten heute bekannten lebenden Tierstämme der Erde. Schwämme existieren bereits seit über 560 Millionen Jahren. Damit gab es sie schon, bevor die ersten Fische durch die Ozeane schwammen, bevor Dinosaurier die Erde bevölkerten – und sogar bevor die ersten Bäume Wurzeln schlugen.

Kurz gesagt: Schwämme sind die wahren Veteranen der Tierwelt.

Wie sieht ein Schwamm eigentlich aus?

Der Körperbau eines Schwamms ist verblüffend einfach – und gleichzeitig genial.

Er besteht aus einem Netzwerk aus Kanälen und winzigen Poren. Durch diese wird ständig Wasser gepumpt. Spezielle Zellen mit kleinen Geißeln erzeugen den Wasserstrom und filtern Nahrungspartikel heraus.

Ein Herz? Fehlanzeige.

Ein Gehirn? Ebenfalls nicht vorhanden.

Muskeln? Sie haben weder Nerven noch Muskeln, aber sie können auf Reize reagieren. 

Und trotzdem funktionieren Schwämme seit Hunderten Millionen Jahren erstaunlich erfolgreich.

Sind Schwämme Korallen?

Nein.

Korallen und Schwämme leben zwar häufig in denselben Lebensräumen und bilden gemeinsam beeindruckende Unterwasserlandschaften, sie gehören aber unterschiedlichen Tierstämmen an.

Korallen besitzen Nesselzellen und sind mit Quallen verwandt. Schwämme dagegen sind die minimalistischen Ingenieure der Meere: keine Nesseln, keine Tentakel – dafür ein ausgeklügeltes Filtersystem.

Können Schwämme sich bewegen?

Als erwachsene Tiere sind Schwämme echte Stubenhocker. Haben sie einmal einen geeigneten Platz gefunden, bleiben sie dort meist ihr ganzes Leben lang.

Ihre Larven hingegen können frei durchs Wasser schwimmen, bevor sie sich niederlassen.

Und selbst die sesshaften Erwachsenen sind nicht völlig bewegungslos: Manche können ihre Form verändern, ihre Öffnungen schließen oder sogar langsam über den Untergrund „kriechen“. Allerdings sprechen wir hier eher von Millimetern als von Weltrekorden.

Marine Animals Found on Deep Arctic Expedition

Ein krustenbildender Meeresschwamm (Aplysilla sp.), entdeckt an Hängen in der norwegischen Tiefsee.

Was fressen Schwämme?

Die meisten Schwämme sind Filtrierer.

Sie pumpen Wasser durch ihren Körper und ernähren sich von:

  • Bakterien,
  • Mikroalgen,
  • organischen Partikeln,
  • winzigen Planktonorganismen.

Dabei reinigen sie enorme Wassermengen. Man könnte Tiefseeschwämme durchaus als die „Nieren der Ozeane“ bezeichnen. Sie filtern und recyceln Nährstoffe und halten ganze Ökosysteme am Leben.

Killerschwämme? Ja, die gibt es wirklich.

Die Tiefsee ist ein harter Ort. Nahrung ist knapp.

Einige Schwämme der Familie Cladorhizidae haben deshalb einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen: Sie wurden Fleischfresser.

Diese sogenannten Killerschwämme besitzen hakenartige Strukturen, mit denen sie kleine Krebstiere einfangen. Die Beute wird anschließend verdaut.

Vom gemütlichen Badewannenschwamm zum Tiefsee-Raubtier – die Evolution kennt offenbar keine Langeweile.

Welche Tiere fressen Schwämme?

Trotz ihrer oft unangenehmen Inhaltsstoffe stehen Schwämme durchaus auf dem Speiseplan einiger Meerestiere.

Dazu gehören unter anderem:

  • bestimmte Kaiserfische,
  • einige Papageifische,
  • Meeresschildkröten wie die Echte Karettschildkröte,
  • Nacktkiemer,
  • manche Seesterne.

Viele Schwämme produzieren chemische Abwehrstoffe, um sich gegen Fressfeinde zu schützen. Das macht sie gleichzeitig auch für die medizinische Forschung interessant.

Sind Schwämme Zwitter?

Meistens ja.

Viele Schwammarten sind Zwitter, besitzen also männliche und weibliche Fortpflanzungszellen.

Sie können sich auf verschiedene Weise vermehren:

  • sexuell durch die Freisetzung von Spermien,
  • sie warten mit Eiern auf Befruchtung durch Spermien
  • ungeschlechtlich durch Knospung. Dabei wächst an der Außenseite des Elterntiers ein kleiner Auswuchs. Dieser entwickelt sich zu einem Jungtier, löst sich ab und wächst als eigenständiger Schwamm weiter.

Einige Schwämme können sogar aus kleinen Fragmenten wieder vollständig nachwachsen. Man könnte sagen: Sie beherrschen die Kunst des Neuanfangs.

Bamboo Coral Garden in the Arctic - Video Still - (Dive 4)

Glas-Schwämme an einem Tiefseeberg in der norwegischen See aufgenommen auf der Arktis-Tiefsee-Expedition

Wo leben Schwämme?

Praktisch überall im Wasser.

Es gibt Schwämme:

  • in tropischen Korallenriffen,
  • in gemäßigten Küstengewässern,
  • in Seen und Flüssen,
  • und in den dunkelsten Regionen der Tiefsee.

Besonders faszinierend sind die Schwammgärten der Tiefsee. Dort wachsen riesige Schwämme oft über Jahrtausende hinweg und bilden Lebensräume für zahlreiche andere Arten.

Sie leben mit Mikroben in Symbiose, junge Tiere finden Schutz vor Räubern und ganze Lebensgemeinschaften sind auf diese uralten Strukturen angewiesen.

Wie viele Schwammarten gibt es?

Weltweit sind derzeit etwa 9.000 Schwammarten wissenschaftlich beschrieben.

Doch Forschende gehen davon aus, dass noch zahlreiche Arten unentdeckt sind – insbesondere in der Tiefsee.

Bei vielen Expeditionen stoßen Wissenschaftler:innen auf völlig neue Schwammgemeinschaften, die bislang niemand dokumentiert hat.

Wie alt können Schwämme werden?

Jetzt wird es richtig beeindruckend.

Einige Tiefseeschwämme erreichen vermutlich ein Alter von mehr als 1.000 Jahren.

Während eine Schildkröte etwa 150 Jahre alt werden kann und ein Grönlandhai bis zu 500 Jahre, bewegen sich manche Schwämme auf einer ganz anderen Zeitskala.

Einige der heute lebenden Exemplare haben möglicherweise bereits Wasser gefiltert, als die letzte Eiszeit endete und die ersten menschlichen Hochkulturen entstanden.

Sie sind damit nicht nur die Methusalems der Meere, sondern auch lebende Archive vergangener Umweltbedingungen.

Meister des Glases

Besonders spektakulär sind die sogenannten Glas-Schwämme.

Ihr Skelett besteht aus feinen Strukturen aus Siliziumdioxid – also im Grunde aus natürlichem Glas.

Diese Strukturen sind gleichzeitig stabil, biegsam und lichtleitend. Forschende untersuchen deshalb, ob ihre Bauweise als Vorbild für neue Materialien oder sogar für zukünftige Glasfasertechnologien dienen könnte.

Biomimikry nennt man dieses Prinzip: Die Natur macht's vor – der Mensch versucht, daraus zu lernen.

Können Schwämme niesen, gähnen oder rülpsen?

Erstaunlicherweise: fast.

Schwämme können ihre Wasserkanäle schließen und in regelmäßigen Abständen angesammelte Partikel ausstoßen. Forschende sprechen dabei manchmal scherzhaft von einem „Niesen“.

Gähnen können sie mangels Mund eher schlecht.

Und rülpsen? Nun ja – einige Schwämme geben Stoffwechselprodukte an ihre Umgebung ab. Die Tiefsee-Version eines gepflegten Aufstoßens vielleicht.

  • Marine Animals Found on Deep Arctic Expedition

    Arktischer Tiefseeschwamm (Lissodendoryx complicata) auf einem anderen Schwamm (Geodia). Entdeckt an den Hängen eines unbenannten Tiefseeberges.

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  • Marine Animals Found on Deep Arctic Expedition

    Verschiedene Tiefsee-Schwamm-Arten (Reniera und Hemigellius arcoferus) in 2.500 Metern Tiefe gefunden.

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  • Marine Animals Found on Deep Arctic Expedition

    The sponge Stelletta raphidiophora, a key habitat-forming species in Arctic sponge grounds, collected from the slopes of the „Unnamed“ seamount. Greenpeace will gather scientific evidence of the diversity, distribution and connectivity of fauna in Arctic deep-sea ecosystems in the mining area - with particular focus on vulnerable, rare, endemic and undescribed species - in order to trigger international, regional and national conservation protocols.

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  • Marine Animals Found on Deep Arctic Expedition

    Röhrenförmiger Tiefsee-Schwamm

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Warum nehmen Forschende Schwammproben?

Die Antwort lautet: weil Schutz Wissen braucht.

Um Arten bestimmen, neue Arten beschreiben und empfindliche Lebensräume wirksam schützen zu können, müssen Wissenschaftler:innen manchmal Proben entnehmen.

Diese Entscheidungen erfolgen nicht leichtfertig. Genehmigungen und strenge wissenschaftliche Standards sorgen dafür, dass Nutzen und Eingriff sorgfältig abgewogen werden.

Denn: Was wir nicht kennen, können wir auch nicht schützen.

Warum müssen Schwämme geschützt werden?

Die Tiefsee beherbergt einzigartige Lebensräume wie hydrothermale Quellen, Korallenriffe und uralte Schwammgärten.

Viele dieser Ökosysteme wachsen extrem langsam und besitzen nur eine geringe Fähigkeit, sich von Störungen zu erholen.

Gerade deshalb setzen sich Forschende dafür ein, wichtige Gebiete unter Schutz zu stellen – etwa durch Meeresschutzgebiete in internationalen Gewässern.

Denn ein Schwamm, der tausend Jahre zum Wachsen gebraucht hat, lässt sich nicht einfach ersetzen.

Fazit: Die stillen Stars der Meere brauchen uns

Schwämme haben Eiszeiten überstanden, Kontinente wandern sehen und waren schon da, als an Menschen noch nicht zu denken war. Es wäre ziemlich absurd, wenn ausgerechnet wir es schaffen würden, diese uralten Überlebenskünstler innerhalb weniger Jahrzehnte zu zerstören.

Deshalb brauchen die stillen Stars der Tiefsee unseren Schutz. Das 30x30-Schutzziel bietet die Chance, große Teile der Ozeane vor zerstörerischen Eingriffen zu bewahren und wertvolle Lebensräume dauerhaft zu sichern.

Wenn du findest, dass Lebewesen, die älter als Dinosaurier sind und nebenbei die „Nieren der Ozeane“ bilden, eine Zukunft verdient haben, dann unterstützen Sie unsere Greenpeace-Petition für den Schutz von mindestens 30 Prozent der Meere bis 2030. 

Jede Stimme zählt.

Online-Mitmachaktion

https://act.greenpeace.de/echter-meeresschutz-jetzt

Echter Schutz für mindestens 30% unserer Ozeane!

Das Herz unseres Planeten ist in Gefahr! Trotz neuem UN-Schutzabkommen bedrohen Überfischung und Tiefsee-Bergbau unsere Ozeane. Ein Vertrag allein rettet keine Wale – wir müssen jetzt Druck machen! Unterschreibe auch du die Petition „Mission 30x30: Lebensraum Meer“ Danke!

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