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Martin Hofstetter, Agrarökonom, Landwirtschaftsexperte und Mitarbeiter der Politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin
Max Seiler/Greenpeace

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Online-Redaktion: Martin, du hast den Protest der Milchbäuerinnen in Berlin miterlebt und hast mit ihnen gesprochen. Was bewegt die Frauen?

{image}Martin Hofstetter: Die Lage ist für viele Milchbetriebe existenzgefährdend. Die Milchpreise sind in den letzten zwölf Monaten um rund 15 Cent gefallen. Für einen typischen Milchviehbetrieb mit 50 Kühen, der im Jahr 350.000 Liter Milch liefert, bedeutet das 52.000 Euro Miese. Eine Bäuerin aus der Nähe von Landshut erzählte mir, wie dramatisch ihre Lage ist: Steigt der Preis nicht bald wieder an, müssten sie wie viele andere auch den Betrieb aufgeben. Denn in ihrer Region gibt es außer der Milcherzeugung keine andere Möglichkeit, als Landwirt Geld zu verdienen. Und außerhalb der Landwirtschaft sind die Arbeitsplätze jetzt auch rar.

Online-Redaktion: Die Bäuerinnen fordern einen höheren Milchpreis. Wie soll der erreicht werden, wenn es doch insgesamt zu viel Milch gibt, wie zu lesen ist?

Martin Hofstetter: Es geht nicht einfach um eine Erhöhung des Preises, sondern um eine Veränderung der Rahmenbedingungen. Die Bäuerinnen fordern von der Politik eine Senkung der zugewiesenen Milchquoten. Momentan liegt sie zu hoch, und das nützt in erster Linie den Molkereien, weil die ihre Maschinen auslasten, und der Nahrungsmittelindustrie, weil die billig an den Rohstoff Milch kommt. Die überschüssige Milch wird kurzerhand exportiert. Dank EU-Subventionen ist sie viel billiger als die Milch der einheimischen Bauern in den Exportländern und schadet der Milchwirtschaft dort. Die Bauern hier haben auch nichts davon. Sie sind weiter gezwungen, zu viel Milch für zu wenig Geld abzuliefern. Was sie brauchen, ist ein kostendeckender Milchpreis, der bei mindestens 40 Cent liegt. Durch eine Kürzung der zugewiesenen Milchmenge könnte der Markt wieder in Gleichklang gebracht werden.

Online-Redaktion: Gibt es noch Perspektiven für die Milcherzeugung?

Martin Hofstetter: Auf jeden Fall, wenn insgesamt stärker auf Qualität als auf Quantität gesetzt wird. Hier gibt es mehrere Ansatzpunkte, die den Produzenten, den Verbrauchern und der Umwelt gleichermaßen dienen. Beispielsweise sollte bei der Erzeugung keine Gentechnik im Futter sein und grundsätzlich kein Sojaschrot stecken, das aus abgerodeten Urwäldern stammt. Grünfutter von der Weide verringert die Produktion von Klimagasen durch Düngemittel. Diesem Ziel dient auch die Reduzierung der Milchmenge auf den tatsächlichen Bedarf. Eine artgerechte Haltung mit Weidegang, die den Tieren keine übermäßigen Leistungen abverlangt, schont die Tiere und erzeugt bessere Milch. Dafür setzen sich auch die Milchbäuerinnen ein.

Online-Redaktion: Welche Maßnahmen müssten dafür ergriffen werden?

Martin Hofstetter: Für eine hochwertig produzierte Milch entsprechend den oben genannten Kriterien sollten Landwirte eine ausreichende Entlohnung erhalten. Es müssten Mindeststandards für Futtermittel auch nach ökologischen Kriterien eingeführt werden. Damit Verbraucher hochwertig erzeugte Milchprodukte ohne Gentechnik besser erkennen können, sollte die Ohne-Gentechnik-Kennzeichnung von staatlicher Seite durch ein einheitliches Logo und eine breite Öffentlichkeitsarbeit massiv bekannt gemacht werden. Nicht zuletzt muss der unsinnige Export von Milchprodukten mit Hilfe von EU-Exportsubventionen umgehend verboten werden.

Online-Redaktion:Welche Chancen haben die Milchbäuerinnen mit ihrem Protest?

Martin Hofstetter: Bislang hat sich Kanzlerin Merkel noch nicht bei ihnen sehen lassen. Doch die Bäuerinnen sind entschlossen, ihren Protest weiterzuführen. Wie ernst sie es meinen und wie dramatisch ihre Lage ist, zeigt ja schon das drastische Mittel des Hungerstreiks. Ich wünsche ihnen jedenfalls, dass sie schnell Gehör finden und eine schnelle Wende in der Milchpolitik anstoßen können!

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!

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