Internationale Walfangkommission trifft sich in Brasilien

Zurück – oder in die Zukunft

Die Internationale Walfangkommission steht vor einem Paradigmenwechsel: Will sie weiter nur den kommerziellen Walfang regulieren – oder aktiv zum Schutz der Wale beitragen?

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Auf der Tagung der Internationalen Walfangkommission, die derzeit im brasilianischen Florianópolis stattfindet, geht es nicht nur um den Schutz bedrohter Meeressäuger – nach Meinung vieler Beobachter gehört die Konvention selbst auf den Prüfstand.

Das Gremium trat erstmals 1948 zusammen, mit dem Ziel „ein Übereinkommen zur angemessenen Erhaltung der Walbestände zu schließen und so die geordnete Entwicklung der Walfangindustrie zu ermöglichen“, wie es in der Präambel der internationalen Vereinbarung heißt. Damals schien die Schlussfolgerung richtig, dass der Bestand der Wale einzig mit dem Ausmaß des weltweiten Walfangs zusammenhängt. Doch dem ist nicht mehr so, das bezeugen nicht nur etliche Funde von verhungerten Tieren mit Mägen voller Plastik. Eine moderne Kommission, deren erklärtes Ziel „die angemessene Erhaltung der Walbestände“ ist, muss einer veränderten Welt Rechnung tragen. Einer mit Unterwasserlärm, Ölverschmutzung und Plastik in den Meeren.

Der größte Erfolg der IWC

Die Internationale Walfangkommission, in der internationalen Kurzfassung IWC, ist keinesfalls ohne Verdienste. „Der größte Erfolg der IWC“, sagt Thilo Maack, Greenpeace-Experte für Meere, „war das Walfang-Moratorium von 1986.“ Diese Regelung, die nach wie vor in Kraft ist, bedeutete faktisch ein Verbot des kommerziellen Walfangs; Ausnahmen gibt es für den wissenschaftlichen Walfang, den insbesondere Japan als legales Schlupfloch nutzt, und für die Selbstversorgung indigener Völker, etwa in Sibirien und Alaska.

Das Moratorium ist zwar bei Weitem keine perfekte Lösung, bedeutete aber unbestritten einen Durchbruch. Nicht nur für den Erhalt der Wale; es schuf einen Präzedenzfall für die gesamte Umweltbewegung. „Dass ein Nutzergremium sich dazu entscheidet nicht zu nutzen, und den Schutz der Umwelt in den Vordergrund stellt – das ist eine absolute Errungenschaft“, so Maack.

Doch seitdem ist wenig passiert. Länder wie Island oder Norwegen fühlten sich zwischenzeitlich nicht an das Moratorium gebunden, gleichzeitig wächst der Einfluss Japans, die mit Entwicklungshilfezahlungen auf das Stimmverhalten kleinerer Mitgliedsländer zu ihren Gunsten einwirken. „Da sind Länder organisiert wie Nauru, Tonga, Antigua, verschiedene Karibikinseln und kleine pazifische Eilandstaaten, die zum Teil nicht genug Geld haben, um an den Treffen der Vereinten Nationen teilzunehmen, aber bei der Internationalen Walfangkommission organisiert sind“, sagt Maack, „das ist unfassbar.“

Mehrheit für den Walschutz – aber reicht sie?

Japan ist die Walfangnation schlechthin und würde das Moratorium gerne kippen. Die gute Nachricht: Das ist relativ unwahrscheinlich. Für eine derart weitreichende Entscheidung ist eine Dreiviertelmehrheit im Gremium notwendig, für die Japan nicht genügend Unterstützer um sich scharen kann. 89 Nationen sind in der IWC, 69 davon haben Stimmrecht. „Jeder, der als Beobachter da runter fährt, schaut sich natürlich an, wie dort gerade die Abstimmungsverhältnisse sind“, sagt Thilo Maack, der vor Ort in Florianópolis für Greenpeace die Entscheidungen bewertet. Etwas Unschärfe ist dabei, und nicht jeder Vertreter lässt sich leicht zuordnen, aber Maack zählt 42 Walschutznationen gegenüber 25 Walfangnationen. Das ist zwar eine Mehrheit, aber keine, mit der sich wirklich Wegweisendes bewegen ließe.

Das ist umso bedauerlicher, da die IWC an einem Scheideweg steht: Will sie ein Konventionsdinosaurier sein, der unter Voraussetzungen von vor über 70 Jahren operiert? Oder soll sie nicht besser ein modernes politisches Instrument sein, um den Schutz von Walen auch in Zukunft zu gewährleisten? Die Antwort liegt auf der Hand, und sie lässt sich mit Zahlen untermauern. „Heutzutage werden im kommerziellen Walfang knapp 2000 Tiere im Jahr getötet, das ist im Vergleich zu der Bedrohung durch Fischernetze minimal“, sagt Maack. „Das Wissenschaftskomitee der IWC schätzt, dass allein durch Fischernetze jährlich rund 300.000 Wale und Delfine sterben.“

Schutzgebiete statt Abschussquoten

Dafür fühlt sich die IWC aber bislang nicht zuständig, ihr geht es um nachhaltigen Walfang. Letzten Endes heißt das: nachzuschauen, ob Walbestände so groß sind, dass man sie abschießen kann. „Das ist exakt das, was wir nicht brauchen“, sagt Maack. Binnen 50 Jahren sind im kommerziellen Walfang fast drei Millionen Wale gestorben, das IWC-Moratorium hat einen Beitrag dazu geleistet, dass sich einige Populationen erholt haben, bei anderen kann man nur hoffen, dass die verbliebenen Bestände stabil bleiben. Sie müssen mit allen Mitteln geschützt werden – doch das geht nicht ausschließlich über Abschussquoten, sondern über Schutzgebiete ohne Fischerei, ohne Unterwasserlärm, ohne industrielle Verschmutzung.

Einen Dämpfer haben die Hoffnungen auf eine moderne IWC bereits am Dienstag in Florianópolis bekommen. Der Vorschlag des Gastgeberlandes, ein Walschutzgebiet im Südatlantik einzurichten, bekam nicht die erforderliche Dreiviertelmehrheit der Stimmen. Die IWC beharrt auf ihren alten Überzeugungen. Ob sie so den Weg ins 21. Jahrhundert findet, ist fraglich. „Der Muff vergangener Walfangzeiten hängt hartnäckig über der IWC“, kommentiert Maack aus Brasilien.

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