Greenpeace-Report: Zustand von Nord- und Ostsee

Nord- und Ostsee in der Krise

Den Ökosystemen in unseren Hausmeeren geht es schlechter denn je. Nord-und Ostsee brauchen echte Schutzgebiete, sonst halten sie den massiven Umweltbelastungen nicht stand.

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Neueste Zahlen der Bundesregierung lassen aufhorchen. Die Wassertemperaturen von Nord- und Ostsee stiegen in den vergangenen Jahren kräftig an: in der Nordsee um 1,3 Grad seit 1969, in der Ostsee sogar um mindestens 1,8 Grad. Die Klimakrise bedroht das ökologische Gleichgewicht in Nord- und Ostsee und setzt alle Meereslebewesen unter enormen Stress. Hinzu kommen weitere massive Belastungen: die industrielle Fischerei, intensiv befahrene Schifffahrtsrouten, Sand- und Kiesabbau sowie die beständigen Verschmutzungen durch Landwirtschaft, Plastikmüll und Unterwasserlärm. Zusätzliche Verschmutzungen kommen durch die Ölförderung in der Nordsee. Echte Schutzgebiete brauchen Nord- und Ostsee drängender denn je, um diese nie dagewesene Krise bewältigen zu können und zu überleben.

Doch damit sieht es nach einem aktuellen Greenpeace-Report schlecht aus: Zwar hat Deutschland fast 50 Prozent seiner Meeresregionen als Schutzgebiete ausgewiesen, doch diesen Schutz gibt es nur auf dem Papier. Viele der oben genannten Belastungen sind in den Schutzgebieten tatsächlich immer noch erlaubt. „Unsere Meere werden geplündert, zerstört und verschmutzt, nur für den kurzfristigen Profit – mit drastischen Folgen für die Artenvielfalt und letztlich für uns alle“, sagt Thilo Maack, Greenpeace-Meeresbiologe. „Die Bundesregierung muss deutlich entschlossener und konsequenter handeln und die Zerstörung durch den Menschen verbieten. Um die Meere zu retten, brauchen wir echte Schutzgebiete.“ Mit seinem Aktionsschiff „Beluga II“ startet Greenpeace deshalb eine Schiffstour in Nord- und Ostsee, um auf die Missstände in den Schutzgebieten aufmerksam zu machen und wirksamen Meeresschutz einzufordern.

Kein „guter Umweltzustand“

Dabei hatte sich die Europäische Gemeinschaft – um die Gesundheit der Meere zu schützen – bereits 2007 auf eine gemeinsame Meerespolitik und die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) geeinigt, die 2008 in Kraft trat und deren wichtigstes Ziel es war, die europäischen Meere im Jahr 2020 in einen „guten Umweltzustand“ zu versetzen, diesen auf Dauer zu erhalten und eine künftige Verschlechterung zu verhindern.

Dass dieses Vorhaben für Nord- und Ostsee kläglich gescheitert ist, belegt der Report.

Drei Beispiele:

  1. Besonders drastisch steht es in der Ostsee um Dorsch und Hering. Jahrelang wurden die Bestände in der westlichen Ostsee stark überfischt, bis schließlich der Nachwuchs ausblieb. Auch die Bestände der östlichen Ostsee sind in einem sehr schlechten Zustand. Die notwendigen Kürzungen der Fangmengen für die industrielle Fischerei fielen anschließend aber nicht so stark aus wie vom Rat für Meeresforschung ICES wissenschaftlich empfohlen.
     
  2. Deutschlands einzige Walart, der Schweinswal, ist stark gefährdet. Die Population der etwa 450 Schweinswale, die östlich von Bornholm leben, wird auf der Roten Liste der IUCN als „vom Aussterben bedroht“ (critically endangered) beschrieben – der Bestand in der Beltsee ist mit rund 40.500 Tieren zwar bedeutend größer, wird auf der Roten Liste aber als „gefährdet“ (vulnerable)  geführt. Am Beispiel des Schweinswals ist das Scheitern der politischen Bemühungen um einen effektiven Schutz gut ablesbar: Als größte Bedrohung gilt nach wie vor das Ertrinken in passiven Fangnetzen der Fischerei (Stell- und Verwickelnetze). Nur ein Prozent des Bestandes dürfte auf diese Weise sterben, damit die Population keine nachhaltige Störung erfährt, es sind jedoch bis zu 18 Prozent.
     
  3. So genannte Todeszonen ohne jeglichen Sauerstoff, in denen sich weder Fische noch andere Meeresbewohner aufhalten können, sind vor allem in der Ostsee dramatisch angewachsen. Die Größe der sauerstoffarmen und lebensfeindlichen Bereiche wuchs innerhalb von 115 Jahren von 5.000 auf rund 60.000 Quadratkilometer.

Auch bei der Umsetzung der MSRL steht der Umweltschutz immer noch hinter Wirtschaftsinteressen zurück. In den Schutzzonen der Nord- und Ostsee sowie im Nationalpark Wattenmeer sind immer noch zerstörerische Fischerei mit Grundschleppnetzen und Stellnetzen erlaubt, auch die Ausbeutung von Öl oder Sand- und Kiesabbau. Eine hinderliche bürokratische Struktur der deutschen Behörden, kurzfristige industrielle Interessen und unterschiedliche Zuständigkeiten in den Ministerien blockieren den dringend nötigen Meeresschutz.

Meere sind Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel

Die EU-Kommission wirft der Bundesregierung deshalb vor, ihre ausgewiesenen Meeresschutzgebiete nicht konsequent genug umzusetzen und kündigte an, den Fall im Sommer an den Europäischen Gerichtshof zu verweisen. Mit einem Urteil in dem Vertragsverletzungverfahren drohen Deutschland tägliche Zwangszahlungen in Millionenhöhe.

Im Kampf gegen den Klimawandel sind wir besonders auf gesunde Meere als Verbündete angewiesen. Sie stabilisieren das Weltklima, haben rund 90 Prozent der atmosphärischen Treibhausgaswärme aufgenommen und rund 30 Prozent des in der Luft befindlichen Treibhausgases CO2 gespeichert. Ohne diese wichtige Klimaleistung wären die Auswirkungen der globalen Erhitzung bereits jetzt um ein Vielfaches höher und stärker spürbar.

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