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Greenpeace–Position zum „Marine Stewardship Council“ (MSC)

Eine verantwortungsvolle Fischerei darf weder zu Überfischung noch zu einer Zerstörung von marinen Lebensräumen führen. Nur so kann die Zukunft der Fischerei und die Versorgung mit Fisch gesichert werden. Die momentane Situation sieht allerdings ganz anders aus.
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Nach Angaben der FAO, der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, gelten bis zu 78 Prozent der wirtschaftlich wichtigen Fischbestände als maximal genutzt, schon überfischt oder bereits kollabiert. Rund 90 Prozent der Großen Räuber, das sind gleichzeitig die Lieblingsspeisefische wie Kabeljau, Thunfisch oder Lachs, sind durch das Einwirken des Menschen aus den Meeren bereits verschwunden.

Um Kaufentscheidungen für Konsumenten zu erleichtern, wäre es gut, ein glaubwürdiges Zertifikat zu haben, das nur für Fischprodukte gilt, die nach klaren Umwelt- und Sozialkriterien gefangen wurden. Die Kriterien für die Vergabe eines solchen Siegels müssen streng sein, z.B. den Greenpeace-Prinzipien für eine ökologische Fischerei entsprechen. Das Siegel dürfte nur auf solchen Produkten verwendet werden, bei deren Herstellung und Herkunft diese Kriterien garantiert eingehalten werden.

Ist das MSC-Siegel ein glaubwürdiges Ökosiegel für Fischprodukte ?

1997 gründeten Unilever (einer der weltweit größten Verarbeiter von Fisch) und der WWF eine Initiative für eine verantwortungsvolle Fischerei: den „Marine Stewardship Council“ (MSC). Der MSC ist inzwischen eine unabhängige, internationale Non-Profit-Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, durch einen handelsbasierten Ansatz die Fischerei-Management-Praktiken zu verbessern und Kunden mit der “ökologisch besten Wahl bei Fischen und Meeresfrüchten“ („The best environmental choice in seafood“) zu versorgen. Offizielle Zielsetzung ist die Sicherung der Fischbestände für die Zukunft.

Die MSC-Prinzipien für eine nachhaltige Fischerei sind:

Prinzip 1: Der Zustand der Fischbestände

Prinzip 2: Die Auswirkungen der Fischerei auf die marine Umwelt

Prinzip 3: Die Managementsysteme der Fischerei

  • Hier wird ermittelt, ob ausreichend Fisch für eine nachhaltige Fischerei vorhanden ist.
  • Hier wird untersucht, wie sich das Fischen auf die unmittelbare maritime Umgebung, andere Fischarten, Meeressäugetiere und Seevögel auswirkt.
  • Hier wird bewertet, ob die implementierten Regeln und Verfahren sowie die Art ihrer Implementierung eine nachhaltige Fischerei und eine minimale Beeinträchtigung der marinen Umwelt gewährleisten.

Die Bewertung einer Fischerei wird durch unabhängige, vom MSC zur Bewertung von Fischereien autorisierte Organisationen durchgeführt. 2000 wurde als erste Fischerei die Westaustralische Steinhummer-Fischerei nach den MSC-Standards zertifiziert. Anfang 2006 waren 15 Fischereien weltweit zertifiziert mit 223 Produkten, die das Label tragen und in 23 Ländern verkauft werden. Darunter befindet sich auch die weltgrößte Fischerei auf Alaska-Seelachs im Golf von Alaska. 2006 erhobene Schätzungen gehen davon aus, dass zertifizierte und im Zertifizierungsprozess begriffene Fischereien 32 Prozent der globalen primären Fänge an Weißfisch und 42 Prozent der globalen Wildfänge an Lachs ausmachen.

Kritikpunkte von Umweltorganisationen wie Greenpeace

Während Produzenten und Einzelhändler beträchtliches Interesse daran zeigen, das Label zu unterstützen, hat der MSC noch nicht bei allen Umweltorganisationen Glaubwürdigkeit erlangt. Die wichtigsten Vorbehalte beziehen sich auf die Transparenz und die Steuerung des MSC, sowie die Konsistenz und die Qualität der Fischerei-Zertifizierungen.

Im Bezug auf die Steuerung wäre eine demokratischere Struktur des MSC, in der Interessensvertreter besser repräsentiert sind, von Nöten. Auch wäre es entscheidend, dass der MSC sich mehr auf Eingaben und Kritikpunkte von Umweltorganisationen einlässt. Am Zertifizierungsprogramm wird kritisiert, dass es nicht durch Größe, Ausmaß, Art, Lage oder Intensität einer Fischerei beschränkt ist. Der wichtigste Kritikpunkt an der MSC-Zertifizierung ist jedoch, dass sie zu früh im Prozess vergeben wird. Die Zertifizierung wird an Fischereien vergeben, die einem ersten Set von Standards gerecht werden und die einen Aktionsplan verabschieden, um die Fischerei in der Zukunft zu verbessern. Damit wird das Vorsorgeprinzip nicht als Kerngedanke der ökologischen Fischerei anerkannt. Der MSC argumentiert, dass die Zertifizierung dazu führt, dass eine Fischerei nachhaltiger wird. Das Siegel soll jedoch sogar für Fisch aus bereits über-fischten Beständen vergeben werden, wenn nur ein Erholungsprogramm für den betreffenden Fischbestand existiert. Viele Umwelt-Organisationen bleiben skeptisch: Von den 15 Fischereien, die bis heute eine MSC-Zertifizierung erhalten haben, werden insbesondere die Hoki-Fischerei vor Neuseeland, die Alaska-Seelachs-Fischerei und die Südgeorgien-Fischerei auf Schwarzen Seehecht deutlich von Nicht-Regierungs-Organisationen verurteilt. So werden an der Zertifizierung des auch in Deutschland verkauften Hoki insbesondere folgende Punkte kritisiert:

  • Der Beifang an Robben, Albatrossen, Sturmvögeln und Haien, darunter eine Reihe bedrohter Arten
  • Das Management zweier verschiedener Fischbestände unter einer Quote
  • Der Niedergang des westlichen Bestandes
  • Das Fehlen eines Managementplanes
  • Der Schaden, der den Lebensräumen am Meereboden durch die Grundschleppnetzfischerei zugefügt wird

Dazu kommen Bedenken hinsichtlich des Fehlens von sozialen Überlegungen. Seit Jahren ein wichtiger Kritikpunkt: das Unvermögen des MSC, eine signifikante Anzahl von Fischereien aus Entwicklungsländern zu zertifizieren und die Standards auch auf kleinskalige Fischereien, zu denen wenig Datenmaterial vorliegt, zu übertragen. Fischereien in Entwicklungsländern und hierbei kleinskalige im Besonderen, sind vom MSC bislang marginalisiert worden. Nur zwei Fischereien in Südafrika und Mexiko wurden bislang zertifiziert. Spezielle Prüfsysteme und Verifizierungen sind für die Bedürfnisse von Entwicklungsländern und kleinskaligen Produzenten notwendig. Dem MSC wurde ein Instrument dazu angetragen, doch er entschied sich dagegen. Bevor das nicht passiert und bevor Prämien nicht auf Produzentenebene gezahlt werden, handeln der MSC und ähnliche Initiativen `Nachhaltigkeit` vorrangig auf der Ebene von kommerziellen Interessen ab.

Der MSC geht derzeit durch einen Revisionsprozess im Bezug auf seine Steuerung und Transparenz, sowie die Qualität und Konsistenz seiner Zertifizierungen. Auch die ökologische Performance, die finanzielle Stabilität und das potentielle Wachstum werden dabei überprüft. Die zukünftige Ausrichtung des MSC ist wichtig für die, die nachhaltige Fischereipraktiken fördern. Während eine Reihe von Umweltorganisationen, wie auch Greenpeace, die MSC-Zertifizierung selbst bislang nicht unterstützen, arbeiten sie mit dem MSC bei seiner Reform jedoch zusammen. Dieses geschieht in der Hoffnung, ein stärkeres, breiter akzeptiertes Gütesiegel für nachhaltige Meeresprodukte zu schaffen. Es soll Konsumenten ermöglichen, sich für tatsächlich nachhaltig produzierten Fisch zu entscheiden.

Greenpeace-Forderungen:

Greenpeace fordert das Marine Stewardship Council auf, die MSC-Kriterien so zu überarbeiten, dass das Siegel als überzeugendes Zeichen für eine ökologisch verantwortungsvolle und sozial verträgliche Fischerei steht:

  • keine Zertifizierung von Produkten aus überfischten Beständen
  • keine Zertifizierung von Produkten aus Fischereien, bei denen bedrohte Arten gefangen werden (Beispiel: Im Falle der vom MSC zertifizierten Fischerei auf Hoki werden pro Jahr rund 1.000 Pelzrobben sowie bedrohte Albatross-Arten getötet, die bereits auf der IUCN-Liste der bedrohten Arten stehen.)
  • keine Produkte aus Fischereien, die eine hohe Beifangrate oder andere zerstörerische Auswirkungen auf die Meeresumwelt haben
  • alle drei Bereiche, Ökologie, Soziales und Wirtschaftlichkeit sollten beim MSC gleichberechtigt in dem Entscheidungsgremium vertreten sein.

Stand: 11/2006

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