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Erste Ergebnisse der Buckelwalreise

Wale müssen nicht für die Forschung sterben! Um zu beweisen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auch ohne den Tod eines einzigen Wales erzielt werden können, startete Greenpeace das Projekt Die Reise der Buckelwale. Dazu wurden Buckelwale mit Satellitensendern versehen.

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Doch das ist gar nicht so einfach: Die Wale wiegen zum Teil über 30 Tonnen und reisen viele tausend Kilometer. Trotz dieser Schwierigkeiten schafften es die Wissenschaftler 20 Buckelwale mit Sendern zu versehen und ihre weite Reise per Satellit zu verfolgen. Jetzt, nach zwei Monaten, sind die ersten Daten ausgewertet - und die Ergebnisse sind beeindruckend.

Die Reise der Buckelwale ist eine Kooperation von Greenpeace und Wissenschaftlern, die im Süd-Pazifik das Leben der Wale erforschen. Mit der finanziellen Unterstützung von Greenpeace haben Cook Island Whale Research und Opération Cétacés (Neukaledonien) Buckelwale mit Sendern ausgestattet.

Wir haben uns für die Buckelwale Neukaledoniens entschieden, weil uns der Bestand dort große Sorge bereitet. Er ist nach wie vor sehr klein und hat sich seit dem Fangverbot 1966 kaum erholt.

Dr. Claire Garrigue von Opération Cétacés, die Leiterin der Studien dort, schätzt die Population auf wenige hundert Tiere. Aufgrund der geographischen Lage lag der Verdacht nahe, dass die Neu Kaledonien-Buckelwale zu genau den Nahrungsgründen wandern, die in den kommenden Jahren der Blickpunkt der japanischen Walfängern sein werden.

Nan Hauser, Leiterin von Cook Island Whale Research, fotografiert im Schnitt 60 bis 70 Wale pro Saison. Einen dieser Wale, den sie vor der Küste von Rarotonga (Cook Inseln) entdeckt, hat Claire Garrigue vielleicht schon Wochen oder Jahre vorher in der südlichen Lagune von Neu Kaledonien fotografiert.

Diese Überschneidungen sind wissenschaftlich hochinteressant; die Wanderungen zwischen diesen beiden entfernten Punkten waren bisher größtenteils ein Rätsel.

Im August und September diesen Jahres haben Gaarigue und Hauser zusammen mit dem brasilianischen Wissenschaftler Ygor Geyer 20 Buckelwale mit Satellitensendern ausgestattet - zwölf davon in Neu Kaledonien und acht auf den Cook Inseln. Alle Walforscher im Südpazifik haben die Daten von diesen Sendern ungeduldig erwartet. Und sie wurden nicht enttäuscht.

Wenn man einem Wal mit einem Sender versieht, kann man seine Bewegungen täglich per Satellit verfolgen. Der Transmitter sendet die Daten an einen Argos-Satelliten, der sie wiederum an eine Bodenstation schickt - und die Wissenschaftler können sich diese Daten überall auf der Welt auf ihre Laptops laden.

Reisen die Neu Kaledonien-Wale nach Neuseeland? Reisen die Wale von den Cook Inseln nach Osten oder Westen wenn sie aufbrechen? Oder verteilen sie sich in alle Himmelsrichtungen?

Satellitensender können genau diese Art von Informationen liefern und so einen kritischen Beitrag zu unserem Wissen über Populationsgrößen und Verhalten liefern. Obwohl alle Sender ausfielen, bevor einer der Wale die Antarktis erreichte, lieferten sie spektakuläre Informationen.

Von den zwölf Neu Kaledoniern reisten einige von der südlichen Lagune ins offene Meer zu einem entfernten Riffgebiet und blieben dort zum Teil auch für längere Zeit.

Vor unserem Projekt wusste niemand von der großen Bedeutung dieses, der Küste vorgelagerten, Lebensraums für die Tiere. Garrigue plant bereits eine visuelle und genetische Identifizierung der Tiere im nächsten Jahr und die Ergebnisse der Untersuchung könnten bei zukünftigen Anstrengungen hilfreich sein, das vormals unbekannte Gebiet zu schützen.

Ein Wal überraschte alle, als er die südliche Lagune verließ und die gesamte Westküste Neu Kaledoniens hinauf wanderte, um dann hunderte Meilen westlich zu den als Chesterfields bekannten Riffen und Inseln zu ziehen. Dies bietet einen interessanten historischen Einblick, da die Chesterfields im 19. Jahrhundert - der Zeit Herman Melvilles - einer der Fanggründe des amerikanischen Walfangs waren.

Außerdem gab es neue Erkenntnisse über die Langstreckenwanderungen der Wale: Einige der Tiere aus Neu Kaledonien wanderten nach Norfolk Island und/oder zur Nord-Küste Neuseelands. Diese Information füllte eine zentrale Wissenslücke, da sich die Wissenschaftler immer gefragt hatten, wohin die vor Neuseeland gesichteten Wale wandern (Vor dem Projekt gab es bereits einige visuelle Identifizierungen).

Die Verbindung zwischen diesen beiden Gebieten ist wichtig, da die Wale in beiden Gebieten keine spürbaren Anzeichen der Erholung vom Walfang zeigen. Der Nachweis dieser Verbindung ist sehr wichtig für den Artenschutz.

Unter diesem Blickwinkel unterstützt die Tatsache, dass einer der Neu Kaledonien-Wale nach Australien weiterwanderte, die These, dass die Erholung der eben genannte Population nicht durch Zufluss aus der wesentlich größeren australischen Population beschleunigt wird.

Richtung Westen

Auf den Cook Inseln lieferten die Wanderungen der acht dort markierten Wale eine große Überraschung: Anstatt sich aufzuteilen und in verschiedene Richtungen zu wandern, zogen sie alle nach Westen.

Ein Tier wanderte den ganzen Weg bis nach Amerikanisch-Samoa, während andere Tiere zwischen den Inseln und Riffen des Königreichs Tonga hindurch zogen. Bedeutet dies, dass die Wale sich den Cook Inseln in einer Art Welle von Osten her nähern?

Die Wissenschaftler wissen es noch nicht, obwohl solche Bewegungen in einem anderen Paarungsgebiet der Buckelwale, den West Indies, per Foto-Erkennung nachgewiesen wurden. Und noch eine Überraschung tat sich auf: Obwohl die Sender bis Mitte Oktober sendeten, machte keiner der Wale Anstalten sich Richtung Antarktis zu begeben.

Im Gegensatz dazu begannen einige der Neu Kaledonien-Wale sich kurz nach ihrer Markierung in Richtung Süden zu bewegen. Diese Varianz der Wanderungsbewegungen und die Übereinstimmung der westwärtigen Wanderungen der Tiere von den Cook Inseln liefern wichtige Erkenntnisse in vielen Bereichen: von der Populationsstruktur bis zu den Navigationsmechanismen der Tiere.

In den kommenden Monaten werden die Wissenschaftler die Wanderungen der Tiere einer genaueren Untersuchung unterziehen. Sie wollen beurteilen, ob sich die Wege der Tiere an erkennbaren Eigenschaften der Meere orientieren, Strömungen oder der Struktur des Untergrunds etwa oder sogar am magnetischen Feld der Erde. All dies sind mögliche Mechanismen mit deren Hilfe die Buckelwale in den unermesslichen Weiten des Ozeans navigieren könnten.

Wertvolle Informationen

Obwohl dieses Projekt das erste seiner Art war und daher durchaus experimentell, hat es bereits mehr wertvolle Informationen über diese einst riesigen Populationen geliefert, als es der bald beginnende japanische Walfang tun wird. In den nächsten Monaten sollen in der Antarktis 50 Buckelwale für wissenschaftliche Forschungen sterben, die uns wenig neues liefern werden.

Tatsächlich berücksichtigt das tödliche Forschungsprogramm der japanischen Regierung nahezu keine der Forschungsempfehlungen der IWC für Buckelwale in der südlichen Hemisphäre. Mit anderen Worten: Die wissenschaftlichen Empfehlungen der Institution, die sich um den Walfang kümmert, werden großteils ignoriert - und trotzdem beharren die Japaner auf dem wissenschaftlichen Nutzen ihrer Studien.

Die Reise der Buckelwale geht weiter

Es ist durchaus möglich, dass einige unserer Sender wieder mit der Übermittlung von Daten beginnen. Alle markierten Wale befinden sich in einer einsehbaren Datenbank im Internet.

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