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Lesen Sie den Tagebucheintrag des Greenpeace-Wissenschaftlers Wolf Wichmann

Ein Tag an Bord eines Forschungsschiffes

Condor Terra ... Land des Condors heißt unsere heutige Etappe. Der Spot, liegt auf westlich der Insel Faial auf 38 Grad 32 Minuten 15 Sekunden Nord, 029 Grad 02 Minuten 10 Sekunden West und ist in unserem Routenplan mit 211 Metern Tiefe angegeben.

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Das ist relativ flach und wir überlegen uns - günstige Strömungsverhältnisse vorausgesetzt - ob wir nicht auch zusätzlich unseren kleinen Unterwasserroboter ausbringen könnten. Sein Einsatz ist auf Tiefen bis höchstens 300 Meter begrenzt und seine vier Elektromotoren können gegen eine Strömungsgeschwindigkeit über einem Knoten (eine Seemeile pro Stunde, etwa 1,8 Kilometer pro Stunde) nicht mehr effektiv operieren.

Gegen halb zehn vormittags Ortszeit - das sind etwa zwei Stunden später als in Deutschland - lassen wir die Drop-Cam wieder zu Wasser. Wer von Mannschaft und Schiffsführung etwas Zeit erübrigen kann, findet sich im Helihangar ein und versucht ein Plätzchen vor den Bildschirmen zu ergattern.

Der erste Tauchgang bietet wieder Anlass zu vielen lauten Ahs und Ohs vor den Monitoren. Die Fahrt geht über ein ausgedehntes Geröllfeld und führt uns durch einen üppigen Wald eng zusammenstehender Fächerkorallen von weißer bis gelblicher Färbung. Die Biologen haben die Art noch nicht genau bestimmt, können sie jedoch grob auf Gorgonaria eingrenzen. Peitschenartige, unverzweigte, und ebenfalls weiße Korallen der Art Viminella flagellum ergänzen die Gorgonarien. In den Nischen zwischen den einzelnen Felsblöcke blitzen hin und wieder silbrige, weiße und rote Reflexe auf - kleinere Fische, Weichtiere und Crustaceen, die Schutz vor dem suchen, was ihnen vielleicht wie eine fliegende Untertasse erscheinen mag.

Rundum zufrieden mit dem bisher gewonnenen Video- und Fotomaterial beenden wir den ersten Gang nach etwa zwei Stunden. Der Chip der digitalen Fotokamera ist voll und muss ausgewechselt werden. Das trifft sich eigentlich ganz gut, denn es ist lunchtime und in der Messe kann man hervorragend über die Dinge spekulieren, die einem da unten so begegnet sind - ... wars´ ein Barsch oder vielleicht doch eine Art Lippfisch? ... Kann nicht sein, die haben doch ganz andere Flossen - aber hast du das komische Vieh gesehen, das da vorne unter dem Stein ...

Broken Wings ...

Drop-Cam die Zweite, kurz nach Lunch - alles fängt an, wie es aufgehört hat: Fischchen und Krebschen im Scheinwerferlicht, auf dem Hartgrund der Felsen fest sitzende Schwämme und Korallen.

Aber auf einmal, knapp 30 Minuten später, wird´s hektisch: die Drop-Cam schlägt gegen einen harten Brocken - einen sehr harten Brocken, wie die Bilder suggerieren - schleift über Grund und wirbelt kleinere Brocken von Irgendwas ins Bild.

Anscheinend sind wir gegen den steilen Hang eines Unterwasserberges gestoßen: Bernhard zerrt hektisch am Lifthebel der Winde, um die Ausrüstung in sichere Höhe zu hieven, dann sehen wir noch einen bewachsenen Felsbrocken auf uns zurasen, ein heller Blitz - das wars´ - ab jetzt sehen wir schwarz ...

Cool bleiben ist die Devise, trotz des Adrenalins im Blut, vorsichtig das Kabel anhieven und schauen, was noch dranhängt. Die Esperanza macht noch Fahrt in der Strömung. Der Verlauf des Kabels an der Winde zeigt uns, dass noch etwas mit Gewicht dranhängen müsste, welches sich der Strömung wiedersetzt. Vielleicht ist der Schaden ja doch nicht so groß. Endlich, nach 500 Metern eingerollten Kabel taucht das auf, was einmal unsere Drop-Cam war - ein loser, aber immerhin noch zusammenhängender Haufen wirr miteinander verknäulter Gegenstände. Der Condor ist also gelandet, und hat sich seine Flügel gebrochen.

Wir holen die Bruchstücke an Bord und sortieren die Einzelteile vor dem Helihangar. Fazit: Das Kamerachassis ist aus der Halterung gerissen, die Videoeinheit hängt lose am Kabel. Zusätzlich haben wir uns auch noch ein Stück Fischerei-Langleine eingefangen, mit dem verrosteten Rest eines Hakens und einigen Organismen dran. Eine Solotärkoralle namens Cariophyllia cyathus, sowie winzige Kolonien von Hydrozooen und Bryozoen besiedeln die verknäulte Plastikschnur.

Die genaue Inspektion ergibt, dass unsere Geräte alle noch funktionieren, lediglich Halterungen und einige der Spezialkabel sind zerfetzt. Also, kein Grund zur Panik, die Kabel können wir ersetzen und was die Halterung angeht - wir bauen etwas Neues.

Diesmal soll es etwas Stabileres sein, ein Rahmen aus Eisenrohr, der die empfindlichen Geräte schützt und selber einen kräftigen Stoß vertragen kann. Zusammen mit Ramon, unserem niederländischen Genius am Schweißgerät, entwerfen Bernhard und Gavin einen entsprechenden Konstruktionsplan. Also los, auch dieser Tag wird wieder lang. Morgen soll der neue Schlitten fertig und im Wasser sein - und Phoenix soll er heißen ...

Fortuna hat uns vielleicht noch nicht ganz verlassen - sie war wohl zu beschäftigt und hat nur mal kurz weggeschaut.

Lieben Gruß, Wolf

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