Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

55. Jahrestagung der IWC in Berlin (2003)

Zusammenfassung und Ergebnisse.
  • /

Erstmals fand eine IWC-Jahrestagung in Deutschland statt. Vorbereitende Arbeitsgruppen und Ausschüsse tagten bereits ab dem 24. Mai. Gastgeberin war Bundesministerin Renate Künast.

Berliner Initiative

Dieser Name bezeichnet die wichtigste Resolution der Konferenz. Sie legt das Fundament für den Umbau der IWC von einer Walfangorganisation zu einer Walschutzorganisation. Mit 25 zu 20 Stimmen bei einer Enthaltung hat die IWC die Initiative angenommen. Mexiko hatte sie mit der Unterstützung vieler Länder eingebracht. Auch Greenpeace und zahlreiche andere Organisationen begrüßen diesen Schritt. Damit ist der umfassende Schutz der Wale vor allen Gefahren, die ihnen drohen, als ein Kernanliegen der IWC angenommen worden.

1946 ins Leben gerufen, hatte sich die IWC über Jahrzehnte nur mit Fangquoten für große Walarten befasst. Seit 1986 hat sie diese kommerziellen Quoten auf Null gesetzt (Moratorium). Heute sind die Wale aber nicht nur durch die Jagd bedroht, sondern durch viele weitere Faktoren: Klimawandel, Meeresverschmutzung, Überfischung der Meere, Beifang in Fischernetzen, Schiffsverkehr und Lärm von Bohrinseln, Militär-Sonaren, usw. Betroffen sind dabei nicht nur große Walarten, sondern auch die kleinen Arten, wie zum Beispiel Delphine. Auch sie brauchen Schutz vor Überjagung und Umweltgefahren.

Zur praktischen Umsetzung der Berliner Initiative richtet die IWC ein dauerhaftes Schutzkomitee ein, das sich mit den Umweltgefahren jenseits der Jagd befasst. Japan, Norwegen und Island lehnen ihre Mitarbeit in diesem Komitee ab. Japans Drohungen als Reaktion auf die Berliner Initiative reichen vom Stopp der Beitragszahlungen über den Austritt aus der IWC bis zur Gründung einer Konkurrenz-Organisation. Ein entsprechendes Statement wurde von 16 Pro-Walfang-Ländern unterzeichnet. Die meisten von ihnen sind jedoch Vasallen, deren Unterstützung sich Japan mit Geld erkauft hat.

Schutzgebiete

Wie jedes Jahr seit 2000, legten Neuseeland und Australien einen Antrag auf ein Walschutzgebiet im Südpazifik vor. Dort würde Walfang auch dann verboten bleiben, wenn die IWC das Moratorium einmal aufhebt. Wie in der Vergangenheit, gab es für den Antrag nur eine einfache Mehrheit, nicht aber die nötige Dreiviertelmehrheit: 24 Länder stimmten dafür, 17 dagegen, vier enthielten sich. (2002: 24 dafür, 16 dagegen, fünf Enthaltungen.) Ein großer Teil des fraglichen Gebietes ist aber inzwischen durch die nationale Gesetzgebung der einzelnen Südpazifik-Staaten unter Schutz gestellt.

Zum dritten Mal (nach 2001 und 2002) wurde auch ein Schutzgebiet im Südatlantik beantragt. Auch hier gab es nur eine einfache Mehrheit: 24 dafür, 19 dagegen, drei Enthaltungen. (2002: 23 dafür, 18 dagegen, vier Enthaltungen.) Die nötige Dreiviertelmehrheit wurde verfehlt.

Japan stellte den Antrag, dass in einem Walschutzgebiet der Schutz der Wale nur dann gelten solle, wenn das Wissenschaftliche Komitee der IWC ausdrücklich sagt, dass er notwendig ist. Mit 17 zu 26 Stimmen bei zwei Enthaltungen blieb der Antrag selbst von einer einfachen Mehrheit weit entfernt.

Wissenschaftlicher Walfang

Deutschland initiierte eine Resolution, die so scharf wie nie zuvor Japans "wissenschaftlichen" Walfang verurteilt, mit dem das Moratorium der IWC ausgetrickst wird: Erstmals fordert eine IWC-Resolution Japan direkt zum Stopp dieser Jagden auf. Dasselbe Papier fordert Island auf, seine Pläne für den Start eines "wissenschaftlichen" Fangs von Finn-, Sei- und Minkewalen fallen zu lassen. Angenommen wurde die Resolution mit 24 zu 21 Stimmen bei einer Enthaltung.

Eine weitere Resolution richtet sich noch einmal speziell gegen Japans wissenschaftlichen Walfang im antarktischen Walschutzgebiet. Sie wird mit 24 zu 20 Stimmen bei einer Enthaltung verabschiedet.

Minkewale in Japans Netzen

Letztes Jahr trat in Japan ein Gesetz in Kraft, dass die Fischer jährlich 50 Minkewale verwerten dürfen, die sich als Beifang in ihren Netzen verheddert haben. Ein sprunghafter Anstieg solcher Beifänge deutet darauf hin, dass Netze nun gezielt eingesetzt werden, um Wale zu erbeuten. Die Minkewale im Japanischen Meer können allein dadurch innerhalb von 65 Jahren ausgestorben sein.

Japans Fanganträge

Trotz des Moratoriums hatte Japan 15 Jahre lang (vergeblich) eine Quote von jährlich 50 Minkewalen gefordert, um die angebliche Not in vier Küstengemeinden zu lindern. Dieses Jahr schraubte Japan die Forderung auf 150 Tiere pro Jahr hoch. Das erregte Verwunderung, da die vier Gemeinden Wale aus dem "wissenschaftlichen" Fang verwerten durften und ohnehin Jagd auf Schnabelwale machen, deren Fang bislang nicht von der IWC reguliert wird. Japans Antrag bekam nur 19 Ja-Stimmen bei 26 Nein-Stimmen und einer Enthaltung. Sogar Südkorea, sonst ein Walfang-Verbündeter Japans, stimmte dagegen. Im Übrigen wurde bekannt, dass Walfleisch in japanischem Hundefutter nachgewiesen worden ist.

Ein ähnlicher Antrag Japans verlangte eine jährliche Quote von 150 Brydewalen. Nur 17 Ja-Stimmen standen 27 Nein-Stimmen gegenüber. Brydewale und Minkewale werden bereits im japanischen Forschungsfang erbeutet, ebenso wie Pottwale und Seiwale.

Walfang durch Indigene

Walfang durch Indigene zu ihrer Selbstversorgung unterliegt speziellen IWC-Regeln und ist nicht vom weltweiten Fangmoratorium erfasst. Doch die Walfang-Lobby wollte in Berlin eine neue Hintertür bei der Waljagd durch Indigene zum kommerziellen Handel öffnen: Russland versuchte eine Erlaubnis zu bekommen, Organe, Drüsen und andere Teile von Grauwalen aus dem Walfang durch sibirische Ureinwohner in den Handel zu bringen.

Fotos in Berlin belegten, dass in einem neuseeländischen Flughafen-Shop beschnitzte Walknochen illegal angeboten worden sind, woran bestimmte Maori-Gruppen Interesse haben.

Besorgnis wurde über die Weißwaljagd in Westgrönland geäußert, weil der Bestand der Tiere stark gefährdet ist. Grönland will der IWC aber keine Informationen geben, weil es sich um Kleinwale handelt, für welche die IWC nicht zuständig sei. Zu den 32 Schwertwalen, die Grönland im Jahre 2002 erlegt hat, meinte auch Mutterland Dänemark, das falle nicht in den Kompetenzbereich der IWC.

In Ostkanada (nördliches Foxe-Becken) haben Inuit im Sommer 2002 wieder einen Grönlandwal aus einem extrem gefährdeten Bestand getötet. Kanada ist 1982 aus der IWC ausgetreten.

RMS (Revised Management Scheme)

Keine Einigung fand man in der IWC-Arbeitsgruppe zur Entwicklung eines Überarbeiteten Bewirtschaftungssystems für Walbestände (RMS). Ohne ein solches System, das etwaigen künftigen Walfang regeln würde, bleibt das Moratorium weiter bestehen.

Whale Watching

Als Alternative zum Walfang wird das touristische Beobachten der Tiere (Whale Watching) diskutiert. Als das Thema in Berlin behandelt wird, verlassen viele Japaner und Norweger den Saal. Nur ein Norweger bleibt drin, um die alte Meinung zu äußern, dass Whale Watching nicht in die Kompetenz der IWC falle. Ganz anders sieht das die soeben angenommene Berliner Initiative. In Kapstadt (Südafrika) soll 2004 ein spezielles Treffen zur Regelung von Whale-Watching-Fragen stattfinden.

Beifang-Resolution

Italien brachte einen Resolutionsentwurf zum Thema Beifang ein, der von vielen Ländern unterstützt wurde. Jährlich werden bis zu 300.000 Wale und Delphine Beifangopfer. Aber am letzten Tag der Konferenz wurde der Entwurf zurückgezogen. Hier zeigt sich, dass es noch weiterer Schritte bedarf, um die Berliner Initiative mit Leben zu erfüllen - und den umfassenden Walschutz zu verwirklichen.

Mehr zum Thema

Ozeane im Stress

Die Menschheit setzt durch Überfischung und Ausbeutung von Ressourcen nicht nur die Zukunft der Ozeane aufs Spiel, sondern auch die eigene.

Meeressäugetiere

Meeressäuger haben sich im Laufe der Evolution hervorragend an das Leben im Wasser angepasst