Abgabe soll Pestizideinsatz langfristig um 35 Prozent senken

Mehr Geld fürs Gift

In Deutschland werden jährlich 100.000 Tonnen Pestizide verkauft. Eine Steuer soll die Masse reduzieren. Im Interview bewertet Stephanie Töwe von Greenpeace die Abgabe.

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Bis ein Apfel im Supermarkt liegt, hat er im Schnitt 21 Pestizidduschen abbekommen – oft ein Potpourri aus mehreren Wirkstoffen. In den vergangenen 20 Jahren ist der Absatz von Pflanzenschutzmitteln um 36,7 Prozent gestiegen. Dabei zeigen Studien, dass die Auswirkungen dieser Gifte auf Mensch und Umwelt immens sind. Erst kürzlich stufte die WHO den meistgenutzten Wirkstoff Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.

Und Greenpeace-Tests zeigen, dass in Böden und Gewässern jede Menge Spritzmittelrückstände zu finden sind. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung schlagen nun vor, eine Abgabe auf Pestizide zu erheben. Über den so steigenden Preis soll der Pestizideinsatz stark zurückgehen. Das Institut hat das von den Bundesländern Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz beauftragte Gutachten nun vorgestellt.

Im Interview erklärt Stephanie Töwe, Expertin für Landwirtschaft bei Greenpeace, welche Auswirkungen das Instrument haben kann.

Greenpeace: Was genau schlägt das Helmholtz-Zentrum vor?

Stephanie Töwe: Der Einsatz von Pestiziden bringt viele Kosten mit sich, die derzeit die Allgemeinheit zahlen muss. Allein die Lebensmittelüberwachung mit ihren Probenahmen und aufwendigen Analysen kostet den Steuerzahler in etwa pro Jahr neun bis zehn Millionen Euro. Ganz zu schweigen von der Analyse des Trinkwassers und dessen Aufbereitung. Das Gutachten schlägt vor, Landwirte und Pestizidindustrie an den Kosten zu beteiligen. So soll pro Mittel eine Abgabe von mindestens 20 Euro gezahlt werden – für die volle Menge einer Anwendung pro Hektar. Der Satz ist gestaffelt – je gefährlicher das Spritzmittel, desto höher die Steuer.

Führt diese Steuer wirklich zu weniger Giften auf dem Acker? Müsste nicht noch viel mehr geschehen?

Das Helmholtz-Zentrum rechnet damit, dass durch die Einführung einer Abgabe der Pestizideinsatz kurzfristig um 20 Prozent zurückgeht – langfristig sogar um 35 Prozent. Bei besonders gefährlichen Spritzmitteln könnten die Zahlen sogar deutlich größer ausfallen, da diese Gifte höher besteuert werden sollen.

Die Pestizidsteuer kann aber nur ein Baustein sein, um das Problem in den Griff zu bekommen. Besonders für Menschen gefährliche Spritzmittel wie das umstrittene Glyphosat, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein, müssen sofort verboten werden.

95 Prozent der Mittel gelangen über die Landwirtschaft in die Umwelt. Werden die Lebensmittelproduzenten die Kosten für die Steuer nicht eins zu eins an den Verbraucher weitergeben? Dadurch würde dann Obst und Gemüse teurer, aber an der Spritzmittelmenge ändert sich womöglich gar nichts.

Die Pestizidabgabe soll ungefähr eine Milliarde Euro einbringen. Bezogen auf die gesamte landwirtschaftliche Produktion ist das wenig. Verbraucher würden das kaum spüren. Bei Obst und Gemüse ändert sich der Preis wahrscheinlich gar nicht, weil die größten Effekte bei Flächenkulturen wie Getreide, Raps und Rüben liegen.

Die Landwirte hingegen werden die Steuer bei fast allen Pestiziden zu spüren bekommen; bei den besonders gefährlichen wird der Preis auf jeden Fall ordentlich steigen. Das ist aber auch gut so, nur so kann die Abgabe ihre Funktion als Lenkungswerkzeug erfüllen. Die Bauern können sich aber frei entscheiden, ob und welche Mittel sie einsetzen oder ob sie auf alternative Schädlingsbekämpfung zurückgreifen. In Frankreich, Schweden und Dänemark gibt es bereits ähnliche Modelle, und die haben gezeigt, dass der Einsatz von Pestiziden über eine Steuer reduziert werden kann.

Und wie sieht es bei den Hobbygärtnern aus? Würden deren Produkte auch unter die Abgabe fallen?

Die Pflanzenschutzmittel für den Hausgebrauch sollen ebenfalls teurer werden, da auch bei ihrer Anwendung erhöhte Umwelt- und Gesundheitsrisiken bestehen. Die Steuer soll hier sogar noch höher angesetzt werden, weil es im Hobbybereich keine ökonomische Notwendigkeit gibt und der Einsatz von gefährlichen Pestiziden durch ungeschulte Verbraucher eine große Gefahr darstellt.

Was mache ich,  wenn ich keine Gifte einsetzen und dennoch beim Genuss eines Apfels nicht in einen Wurm beißen möchte?

Die ökologische Landwirtschaft macht vor, dass es ohne chemisch-synthetische Gifte geht und trotzdem nicht der Wurm im Apfel ist. Ein paar Tipps haben wir im Ratgeber „Rettet die Bienen“ zusammengestellt. In unserem Report „Der bittere Beigeschmack der europäischen Apfelproduktion“ zeigen wir zudem  eine Reihe  ökologischer Lösungen für den Apfelanbau und ihre praktische Umsetzung auf.

Wieso ist der Einsatz von Pestiziden in den vergangenen 20 Jahren um 36,7 Prozent gestiegen? Das Bewusstsein dafür, dass Pestizide giftig sind, nimmt doch zu. Das hat auch die erfolgreiche Supermarkt-Kampagne von Greenpeace vor ein paar Jahren gezeigt. Zahlreiche Handelsketten haben daraufhin strengere Richtlinien zum Umgang mit Pestiziden eingeführt.

Im Produkt hat sich tatsächlich viel verändert. Die Rückstände von Pestiziden auf den Endprodukten sind in den vergangenen 13 Jahren zurückgegangen. In der Anwendung hingegen hat sich nicht viel verändert. Hier wird weiterhin fleißig gespritzt  – allerdings geschickter, so dass im Endprodukt Grenzwerte für Pestizide nicht überschritten werden. Mehrfachbelastungen mit verschiedenen Spritzmitteln haben allerdings zugenommen. Und hierfür gibt es keine gesetzlichen Regelungen. Zudem werden die Spritzmittel immer giftiger.

Das Helmholtz-Institut schätzt, dass der Staat durch die Pestizid-Abgabe circa eine Milliarde Euro einnimmt. Was soll mit dem Geld passieren?

Das ist noch unklar. Es gibt von Seiten der Politik verschiedene Vorschläge. Aus unserer Sicht ‎sollten die Einnahmen erst einmal für die Kosten eingesetzt werden, die derzeit durch Kontrollen und Überwachung entstehen. Zudem sollten sie weitere Pestizidreduktionsprogramme und Maßnahmen zum Schutz von Mensch und Umwelt finanzieren sowie die Forschung an nicht chemischen Alternativen unterstützen.

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