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Wissenschaftler fordern radikale Wende der Tierhaltung

Klatsche für Agrarminister

Das neue Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik kritisiert Untätigkeit des Ministeriums. Und es listet Sofortmaßnahmen bei Tier- und Umweltschutz auf.

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Die wichtigsten deutschen Agrarwissenschaftler, versammelt im sogenannten Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik (WBA), haben gestern Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt ein 452 Seiten starkes Gutachten zur Nutztierhaltung in Deutschland übergeben. Ihr Urteil ist eindeutig: „Die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere sind nicht zukunftsfähig“. In dem Gutachten werden zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Tierhaltung und des Umweltschutzes vorgestellt, „die tiefgreifende Änderungen der Nutztierhaltung“ erfordern. Damit sind unter anderem bessere Gesetze und Kontrollen gemeint, um der Tierquälerei in deutschen Ställen endlich wirksam ein Ende zu setzten.

„Die Gutachter haben die Situation in den deutschen Ställen sehr gut analysiert und kommen zu einem vernichtenden Urteil der Agrar- und Tierschutzpolitik der vergangenen Jahre“ sagt Martin Hofstetter, Greenpeace-Experte für Landwirtschaft. „Die zahlreichen Vorschläge des Beirates müssen nun umfassend und schnell umgesetzt werden.“

Industrielle Tierhaltung schädigt Mensch, Tier und Umwelt

Der Beirat bestätigt in seinem Gutachten, dass die industrielle Tierhaltung und der hohe Fleischkonsum immense Auswirkungen auf Tiergesundheit und Umwelt haben. Er attestiert: „In vielen gängigen Tierhaltungssystemen besteht ein hohes Risiko für das Auftreten von Schmerzen, Leiden und Schäden für die Tiere“. Konkret fordert der WBA, dass die Haltungssysteme radikal verändert werden müssen. Außerdem sollen die Tiere deutlich mehr Platz, Auslauf und Weidehaltung erhalten; der Arzneimitteleinsatz muss stark reduziert werden – auch zum Schutz der Verbraucher. Nach ihren Berechnungen würden dadurch die Erzeugungskosten um bis zu 23 Prozent ansteigen. 

Die Wissenschaftler verlangen zudem eine bessere Kennzeichnung  und ein staatliches Label. Die Privatwirtschaft wird aufgefordert, sich für eine Verbesserung der Tierhaltung einzusetzen und Produkte, die aus schlechten Haltungsbedingungen stammen, aus dem Sortiment zu nehmen.

Das schmeckt nicht jedem

Das Gutachten polarisiert. „Wie nicht anders zu erwarten, schlagen Spitzenvertreter des Bauernverbandes bereits reflexartig um sich, halten die Maßnahmen für überzogen oder für zu teuer und verweigern sich damit der Realität“, so Hofstetter. „Doch wenn jetzt nicht wirklich eine drastische Wende in der Tierhaltung passiert, dann sind Bauernverband und Agrarminister Schmidt dafür verantwortlich, dass viele Bauernhöfe in wenigen Jahren vor dem Bankrott stehen werden, da sie sich nicht rechtzeitig auf die neuen Herausforderungen des Marktes vorbereitet haben“, warnt Hofstetter. Denn auch in der Lebensmittelerzeugung gelte: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. „Fleisch und Milchprodukte haben in Deutschland nur dann eine Zukunft, wenn sie deutlich umweltfreundlicher und unter Beachtung des Tierwohls erzeugt werden.“ 

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