Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Hühner zurück in die Käfige?

Die in Stichproben gefundenen erhöhten Dioxin-Werte in Freilandeiern sind zwar nicht auf Dauer tolerierbar, aber auch kein Grund zur Panik. Die Aufregung entsteht durch einen neuen Grenzwert, der seit Anfang des Jahres gilt. Im Dezember waren die Eier schon genauso belastet - ohne dass Bild am Sonntag eine Schlagzeile daraus gemacht hätte.

Das ist keine Entschuldigung. Die Einhaltung des Grenzwertes ist notwendig, denn Dioxin ist krebserregend. Allerdings wussten die Landesbehörden bereits seit Monaten, dass dieser Grenzwert ab dem 1. Januar gelten würde. Die Überschreitung dieser Grenze war bei Lebensmittelkontrollen in den vergangenen sieben Jahren mehrfach aufgefallen. Trotzdem haben sie offenbar nichts unternommen, um die Produzenten der Eier darauf hinzuweisen oder Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Eine mögliche Maßnahme wäre die Sanierung der betroffenen Böden, denn darüber nehmen die Hühner das Dioxin zu sich. Gleiches gilt leider für alle im Freien lebenden Tiere, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Hühner zurück in die Käfige ist aber aus verschiedenen Gründen keine Lösung des Problems, erklärt Manfred Krautter, Chemie-Experte von Greenpeace. Eier machen bei der Gesamtaufnahme von Dioxin nur einen kleinen Anteil von rund drei Prozent aus. Über Fisch, Milch- und Fleischprodukte nehmen wir mehr als 90 Prozent des Dioxins zu uns. Wenn sich bei den drei Prozent etwas ändert, macht das in der Gesamtbilanz kaum einen Unterschied.

In der Massentierhaltung werden darüber hinaus in großem Stil Antibiotika eingesetzt, um Erkrankungen von Tieren zu verhindern. Das ist eine wirklich Ernst zu nehmende Gefahr für die Verbraucher, weil sich dadurch antibiotikaresistente Keime bilden können. Außerdem kann kein mitfühlender Mensch glücklich sein, Tiere in Käfige zu sperren, deren Grundfläche kleiner als ein DIN-A4-Blatt ist.

Langfristig kann die Lösung nur in einer Senkung der Gesamtbelastung durch Dioxine und andere Dauergifte bestehen. Diese Substanzen finden sich inwischen in unserer gesamten Umwelt und reichern sich vor allem in tierischen Lebensmitteln an. Vegetarier nehmen in der Regel weniger Dioxine auf.

Dioxin - eine Sammelbezeichnung für rund 200 unterschiedliche Stoffe - entsteht zum Beispiel in der Metallverarbeitung bei hohen Temperaturen, bei Verbrennungsprozessen oder bei der Produktion von chlorhaltigen Chemikalien. Beim Brand von Wohnungen oder Häusern werden häufig größere Mengen Dioxine freigesetzt, weil Elektrokabel mit Poly-Vinyl-Chlorid (PVC) ummantelt sind oder Fensterrahmen gleich ganz aus dem Material bestehen.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Keime auf Abwegen

Wie Gülletransporte antibiotikaresistente Keime und Antibiotikarückstände verbreiten - Testergebnisse von Proben aus Niedersachsen und Auswertung von Transportdaten

Mehr zum Thema

KEIME AUF ACHSE

Aus Zentren der industriellen Tierhaltung werden mit Gülle antibiotikaresistente Keime in entfernte Regionen getragen. Die Afrikanische Schweinepest bringt weitere Risiken mit sich.

Klimaschädliche Subventionen

Der Abbau klimaschädlicher Subventionen kann den Bundeshaushalt um 46 Milliarden Euro jährlich entlasten und massiv CO2-Emissionen einsparen. Das zeigt eine neue Studie.

„VERPATZTE CHANCE“

Angeführt von Julia Klöckner haben die EU-Agrarministerinnen und Agrarminister, ebenso wie das Parlament, die Agrarwende verpasst. Die Kommission muss einen neuen Aufschlag wagen.