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Deutsche Nutztierhalter setzen immer noch zu viele Antibiotika ein

Arznei fürs Turbovieh

Es gibt Neues aus der Tierhaltung zu berichten, die gute Nachricht zuerst: Der Einsatz von Antibiotika geht zurück. Die schlechte: Er ist immer noch viel zu hoch.

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Die Zahlen stammen vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Demnach wurden 2014 in Deutschland 1238 Tonnen antibiotischer Wirkstoffe für die Tierhaltung verkauft – etwa doppelt so viel wie für die Humanmedizin.

Besonders problematisch: Der Einsatz sogenannter Reserveantibiotika hat weiter zugenommen. Diese Medikamente werden für die menschliche Gesundheit dringend gebraucht. Sie können die letzte Chance sein, wenn klassische Antibiotika wie Penicillin und Tetracyclin bei gefährlichen bakteriellen Infektionen nicht mehr wirken. Durch den erhöhten Einsatz von Antibiotika in den Ställen für Massentierhaltung werden Keime jedoch resistent, das heißt die Antibiotika verlieren auch für den Menschen ihre Wirksamkeit.

Tierhaltung am Tropf der Pharmaindustrie

Die Nutztierhaltung in Deutschland scheint also immer noch massiv von Medikamenten abhängig zu sein. Daran sind unter anderem schlechte Haltungsbedingungen schuld, aber auch die Zucht auf extreme Hochleistung bei Rindern, Schweinen und Geflügel. Die künstlich hochgezüchteten Tiere sind anfälliger für Krankheiten.  

Ein weiteres riesiges Problem bezüglich der Antibiotika ist ihr prophylaktische Einsatz. So wurde das Antibiotikum Monensin Anfang 2013 zur vorbeugenden Behandlung einer Stoffwechselerkrankung für Milchkühe zugelassen. Der gleiche Wirkstoff ist in der Rindermast seit 2006 verboten. Er wurde dort in früheren Jahren als wachstumsförderndes Mittel eingesetzt. 

Auskunft verweigert

Greenpeace hat vor einigen Wochen beim BVL nachgefragt, in welchem Umfang Monensin für die Milchviehhaltung verkauft wird. Die Bundesbehörde verweigerte die Auskunft. Grund:  angebliche Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse des Herstellers. Für den Agrarökonomen Martin Hofstetter, bei Greenpeace Experte für Landwirtschaft, ist das nicht nachvollziehbar:

"Das BVL bewertet scheinbar die Geschäftsinteressen von Antibiotikaherstellern höher als das öffentliche Informationsinteresse – gerade bei einem so wichtigen Thema. Das ist mir völlig unverständlich."

Angesichts des nun drohenden Rechtsstreits gab der Hersteller des Medikaments, die Firma Lilly, gegenüber Greenpeace zu, dass in Deutschland jährlich über 70.000 Kühe das Mittel prophylaktisch verabreicht bekommen – vor allem Hochleistungsmilchkühe. Sie geben über die Milch mehr Energie ab als sie über das Futter aufnehmen können und werden darum schneller krank.

Billiges Doping für Milchkühe

Das Medikament kostet nur 30 Euro, wirkt 95 Tage und erhöht zusätzlich die Leistung der Milchkühe um bis zu 10 Prozent. Für viele Tierhalter scheint das eine verlockende Aussicht zu sein – Monensin steht im Verdacht, auch missbräuchlich eingesetzt zu werden.

Martin Hofstetter: „Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, erkrankte Tiere wirksam ohne Antibiotika zu behandeln. Ein prophylaktischer langfristiger Einsatz mit einem Antibiotikum ist völlig überflüssig. Hinzu kommt, dass das Mittel mit Sicherheit auch eingesetzt wird, um die Milchleistung zu steigern. Das ist auch angesichts der riesigen Überschüsse auf dem deutschen Milchmarkt ein ziemlicher Wahnsinn.“

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