Garzweiler II: keine Erweiterung des Braunkohle-Tagebaus nötig

Ausgerechnet

Will Deutschland seine internationalen Verpflichtungen beim Klimaschutz einhalten, darf der Kohletagebau Garzweiler nicht erweitert werden. Das rechnet eine Greenpeace-Studie vor.

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Unnötig für die Energieversorgung und unvereinbar mit den Pariser Klimaschutzzielen – so das Ergebnis der von Greenpeace beauftragten Studie zum Braunkohleabbau in Nordrheinwestfalen. Ihre Überlegungen beginnen die Autor*innen des Instituts für Wirtschaftsforschung und der Expertengruppe Coalexit mit einer simplen Rechnung. Um die Erderhitzung wie völkerrechtlich vereinbart deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, darf weltweit nur noch eine begrenzte Menge CO2 in die Atmosphäre gelangen. Runtergebrochen auf die Tagebaue Hambach und Garzweiler II bedeutet das: Noch 280 Millionen Tonnen und dann muss Schluss sein mit der Förderung an diesen Standorten. Es sei denn, woanders würde gespart – aber davon ist weit und breit nichts zu sehen.

Der Energiekonzern RWE jedoch plant, noch mehr als das Doppelte zu fördern. Dabei gilt Braunkohle als der klimaschädlichste Energieträger überhaupt. Die Rechnung geht also nicht auf. Auch nicht für die Dörfer Keyenberg, Kuckum und Berverath, die der Ausweitung der Tagebaue weichen müssten. Bei einer Begrenzung der Fördermenge auf 280 Millionen Tonnen könnten sie bleiben. „Trotzdem halten RWE und Ministerpräsident Armin Laschet stur an der Erweiterung des Tagebaus Garzweiler II fest“, kritisiert Karsten Smid, Greenpeace-Experte für Klima. „Laut Studie ist die Erweiterung des Tagebaus nicht mehr zulässig, wenn aktuelle Erfordernisse des Klimaschutzes berücksichtigt werden. Armin Laschet darf sich nicht vor den Karren von RWE spannen lassen. Er muss die Leitentscheidung für die Tagebaue anpassen. Auch die sinnlose Zerstörung der Dörfer für Kohle muss endlich aufhören.“

Anteil der Braunkohle schrumpfte auf zwölf Prozent

Zumal auch im Sinne der Versorgungssicherheit mit Energie eine Verzögerung des Kohleausstiegs nicht zu rechtfertigen ist. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres ging die Braunkohleverstromung um 37,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Die Erneuerbaren Energien verzeichneten im April 2020 einen Rekordanteil von über 60 Prozent an der Stromversorgung. Der Anteil der Braunkohle am Strommix schrumpfte auf zwölf Prozent.

Sachverständigenrat fordert CO2-Budget

Unzulängliche Ambitionen beim Klimaschutz bemängelte vergangene Woche auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen. Das die Bundesregierung beratende Gremium kritisierte die zu schwachen Ziele der deutschen Klimapolitik – sie müssten zügig an die mit dem Pariser Klimaabkommen eingegangenen internationalen Verpflichtungen angepasst werden. Zudem würden die nationalen Klimaziele nicht konsequent verfolgt. Die Experten empfahlen ein CO2-Budget als Maßstab für die Umsetzung der völkerrechtlich verbindlichen Zusagen von Paris. Genau diesen Ansatz befolgt die Greenpeace-Studie. „An der Höhe des noch zur Verfügung stehenden CO2-Budgets muss sich der Ausstieg aus der Kohleverstromung und der Aufschluss von neuen Tagebauen messen lassen“, so Smid. Für die Tagebaue Garzweiler II und Hambach liegt diese nun Rechnung vor.

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