Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Dauergifte in Walen

Japanische und norwegische Walfänger werden auch in diesem Jahr wieder hunderte von Walen töten. Dies geschieht trotz des internationalen Walfangmoratoriums (Fangverbot), das 1982 von der Internationalen Walfangkomission (IWC) beschlossen wurde und 1986 umgesetzt wurde. Doch die intelligenten Meeressäuger sind nicht nur durch die Jagd bedroht: Schwermetalle und Dauergifte reichern sich in den Weltmeeren an und stellen ein unkalkulierbares Risiko für die sanften Riesen dar.
  • /

 

Was sind Dauergifte?

Dauergifte oder POPs (vom engl. Persistent Organic Pollutants) sind hochgiftige Chemikalien, die nur äußerst langsam oder gar nicht abgebaut werden. Einmal in die Umwelt freigesetzt, können sie schwere Erkrankungen wie Krebs auslösen. POPs reichern sich auf ihrem Weg durch die Nahrungskette an.

Man unterscheidet bei Dauergiften zwischen der alten Generation, zu der viele chlorhaltige organische Verbindungen wie polychlorierte Biphenyle (PCBs), Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) oder Dioxin gehören und einer neuen, zu der Substanzen zählen, die in geringsten Konzentrationen das Hormonsystem beeinflussen können. Zu diesen hormonell wirksamen Giften gehört zum Beispiel Tributylzinn (TBT), ein Gift das in Schiffsanstrichen eingesetzt wird und von dem jährlich über fünftausend Tonnen in die Umwelt gelangen

Wale sind Sondermüll

Umweltgifte gefährden Moby Dicks Nachkommen wie nie zuvor. Die Dauergiftbelastung bei Walen hängt unter anderem von der Position einer Walespezies in der Nahrungskette ab: Bartenwale (zum Beispiel Blau- oder Finnwale), die sich vor allem von pflanzlichem und tierischem Plankton oder Krill ernähren, stehen in der Nahrungskette tiefer als Zahnwale (zum Beispiel Pott- und Schwertwale oder Delphine), die überwiegend Fisch oder andere Meeressäuger fressen.

Besonders stark vergiftet von PCBs, DDT und anderen Dauergiften sind die kleineren Zahnwale wie Delfine und die in der Nord- und Ostsee heimischen Schweinswale. Doch nicht nur die Meeressäuger in der stark verschmutzten Nord- und Ostsee sind Opfer der Dauergifte.

Inzwischen haben die Schadstoffe auch die offenen Weltmeere erreicht. Pottwale zum Beispiel leben im Atlantik und ernähren sich in Wassertiefen von über 2000 Metern. Untersuchungen an Pottwalen, die immer öfter im Winter an unseren Küsten stranden, haben hohe Werte langlebiger Umweltgifte ergeben. Dies zeigt, wie hoch selbst fernab der industriellen Schadstoffquellen die Belastung schon ist. Die Tiere müssen als Sondermüll entsorgt werden.

Vergiftete Wale

Die permanenten Belastungen mit Dauergiften machen kanadische Forscher auch für hohe Tumorraten bei Beluga-Walen im St. Lorenz-Strom mitverantwortlich. Obwohl Krebs bei Wildtieren äußerst selten ist, fanden die Wissenschaftler in neun von 45 verendeten Belugas zehn verschiedene bösartige Wucherungen. Das Immunsystem vieler dieser Wale war geschwächt, 15 litten an Lungeninfektionen und die Milchproduktion vieler Weibchen war gestört.

Für die Wissenschaftler ist die Umweltbelastung eine Erklärung dafür, warum sich die Beluga-Population im St. Lorenz-Strom nicht erholt. Selbst für die Internationale Walfangkommission (IWC) gelten heute Klimawandel und Verschmutzung als Hauptursachen für die seit zehn Jahren steigende Sterblichkeit unter Walen. "Während wir uns über Walfangquoten unterhalten, um die Bestände zu schützen, bedroht eine unsichtbare Gefahr eben diese Bestände", erklärte James Baker, amerikanischer Delegierter der IWC auf der Hauptversammlung im Mai 1998 in Oman.

Zweifelhafte Delikatesse - Wal-Sushi und frittierter Walspeck

1998 untersuchten Wissenschaftler eines norwegischen Veterinärinstitutes Fettproben von Minkewalen auf ihren Gehalt an Dauergiften. Mehrere hundert Wale dieser Art werden jährlich von norwegischen und japanischen Fischern getötet. Die Tiere fressen sich als Kälteschutz eine fettreiche Speckschicht an. Da viele Gifte die Eigenschaft haben, sich an Fette zu binden (Lipophilie), war man sicher, hier besonders hohe Schadstoffkonzentrationen nachweisen zu können. Tatsächlich fanden die Wissenschaftler hohe Gehalte an PCBs, DDT und anderen hochgiftigen, krebsauslösenden Verbindungen in der Speckschicht der Wale.

Walspeck, so genannter Blubber, gilt in Japan als Delikatesse. Hunderte Tonnen Blubber warten in norwegischen Kühlhäusern auf den Export nach Japan. Ein solcher Export wäre ein Verstoß gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen, das den Handel mit Walprodukten verbietet. Doch auch ohne dieses Verbot - das von Norwegen und Japan nicht anerkannt wird - wäre der Verkauf des Blubbers für die japanischen Verbraucher ein Bärendienst: Bereits beim Verzehr einer einfachen Wale-Sushi-Mahlzeit würden die in Japan gesetzlich erlaubten PCB-Mengen überschritten.

In einigen Regionen der Welt, zum Beispiel in Alaska oder auf den dänischen Faroer-Inseln, gehört Walfleisch traditionell zur Nahrung. Auf den Faroer-Inseln werden jährlich mehrere hundert Pilotwale zum Verzehr geschlachtet.

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen inzwischen einen Zusammenhang zwischen häufigem Verzehr von Walfleisch und einer Lern- und Entwicklungsschwäche bei Kindern. Die Kinder der Faroer-Inseln sind schon vor der Geburt einem Chemiecocktail ausgesetzt, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft häufig Walfleisch und Blubber zu sich nehmen.

Erst im Mai diesen Jahres rieten die norwegischen Gesundheitsbehörden Schwangeren und Kindern vom häufigen Verzehr von Walfleisch- und speck ab. Messungen hatten erneut hohe Konzentrationen von giftigem Quecksilber und PCBs ergeben.

Ausblick

Vom 16. bis 19. Juni 2003 tagt die IWC in Berlin. Bis heute verhandeln die IWC-Delegierten lediglich über einige der rund 80 Walarten und versuchen ein Berechnungsmodell zu entwickeln, mit dem die Jagd auf die sanften Riesen der Meere wieder möglich gemacht werden soll.

Viele Umwelteinflüsse, wie z. B. die Belastung mit Dauergiften, aber auch die Folgen des Klimawandels oder der zehntausendfache Tod der Wale als sinnloser Beifang in den Netzen der Weltfischerei, werden bei diesen Bewirtschaftungsplänen nicht berücksichtigt.

Jetzt handeln!

Obwohl die Mehrheit der Mitgliedsstaaten in der IWC für den Schutz der Wale stimmt, gibt es einen immer stärker werdenden Block von Mitgliedsländern, die den Walfang befürworten. Da es angesichts wachsender Umweltbelastungen unmöglich ist, die zukünftigen Bestände der verschieden Walarten abzuschätzen, kann ihr Fortbestand nur durch die Aufrechterhaltung des Walfang-Verbotes garantiert werden.

Darüber hinaus fordert Greenpeace die IWC auf, sich allen Walen mit all ihren Problemen zu widmen - auch den zu erwartenden Konsequenzen durch die Meeresverschmutzung! Aus der Walfangkommission muss eine Walschutzkommission werden.

V.i.S.d.P.: Thilo Maack

Stand: 5/2003

Mehr zum Thema

Ozeane im Stress

Die Menschheit setzt durch Überfischung und Ausbeutung von Ressourcen nicht nur die Zukunft der Ozeane aufs Spiel, sondern auch die eigene.

Meeressäugetiere

Meeressäuger haben sich im Laufe der Evolution hervorragend an das Leben im Wasser angepasst