Interview zum Bericht des Biodiversitätsrats IPBES über den Zustand der Artenvielfalt

Zum Wegkrabbeln

Keine Ausreden mehr: Wissenschaftler haben weltweit den Zustand der Arten bewertet, die Fakten sind bekannt. Christoph Thies von Greenpeace erzählt, was das bedeutet.

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Meere, Wälder, Wiesen – sie sind naturgemäß Horte der Artenvielfalt. Wenn da nicht der Mensch wäre: Der macht Insekten, Fischen, Vögeln, Säugetieren und Co. das Leben schwer. Drei Jahre lang haben 150 Wissenschaftler aus 50 Ländern untersucht, wie es um die Artenvielfalt weltweit bestellt ist. Sie haben Studien ausgewertet, insgesamt 15.000 Quellen analysiert, Indigene befragt – und das gesammelte Wissen in einen Bericht gepackt. Über die Ergebnisse diskutieren sie seit gestern in Paris mit 100 Regierungsvertretern. Herauskommen soll ein Papier, auf dessen Basis die Politik handeln soll.

Für Christoph Thies von Greenpeace hat der Bericht die gleiche zukunftsweisende Bedeutung wie der des Weltklimarats (IPCC) im vergangenen Jahr. „Die Fakten liegen auf dem Tisch“, so Thies. „Die Politik kann sich nicht mehr mit dem Argument, die Datenlage sei nicht ausreichend, aus der Verantwortung stehlen.“ Immerhin haben sich 132 Staaten zum Weltbiodiversitätsrat (IPBES) zusammengeschlossen, der den Bericht beauftragt hatte.

Vorgestellt wird der zwischen Wissenschaft und Politik abgestimmte Text am 6. Mai – ein Blick in die Kristallkugel ist aber wohl kaum nötig, um jetzt schon zu wissen, dass es nicht rosig aussieht. Das, was bislang durchgesickert ist, bewertet Christoph Thies im Interview.

Greenpeace: Wie bewerten die Wissenschaftler die Situation? Steht uns wirklich ein großes Artenaussterben bevor?

Christoph Thies: In der Erdgeschichte sind immer wieder Tier- und Pflanzenarten ausgestorben – auch schon lange bevor es Menschen gab, etwa durch natürliche Klimaveränderungen. Durch den Einfluss des Menschen hat sich diese Rate allerdings um das 100- bis 1000-fache erhöht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben anhand von Studien die Veränderungen von Tier- und Pflanzenarten in den vergangenen 50 Jahren bewertet: Die Vielfalt an Ökosystemen, Arten und deren genetische Vielfalt schwindet – in einer Geschwindigkeit, die beispiellos ist, seit es systematische Forschung dazu gibt. Rund eine Million Arten sind derzeit vom Aussterben bedroht.

Wenn man den geleakten vorläufigen Bericht liest, wird einem klar, dass wir nicht nur eine Klimakrise haben, sondern auch eine Biodiversitätskrise.

Wieso ist die Artenvielfalt so wichtig für das Überleben der Menschheit?

Mit geschätzten knapp zehn Millionen Arten geht die Wissenschaft davon aus, dass die meisten Tier- und Pflanzen-Arten noch gar nicht entdeckt sind – nimmt man Mikroorganismen dazu, sogar die allermeisten. Dementsprechend wenig überblicken wir die Funktionen und das Zusammenspiel von Arten. Dass Nützlinge wie Bienen für die Bestäubung von Nahrungspflanzen oder der Regenwurm für die Bodenqualität enorm wichtig sind, wissen wir, doch es gibt noch immer so vieles, was wir nicht wissen.

Welchen Schwund kann ein Ökosystem verkraften, ohne sich dramatisch zu verändern? Da kratzen wir wissenschaftlich gerade mal an der Oberfläche. Klar ist aber jetzt schon: Vielfalt sorgt für Stabilität. So haben im Dürresommer 2018 in Monokulturen angelegte Wälder, besser gesagt Nadelbaum-Äcker, gebrannt wie Zunder. Naturnahe, vielfältige Wälder hingegen konnten der Trockenheit wesentlich besser trotzen; diese brennen äußerst selten.

Ist also die falsche Nutzung der Flächen in Form von Monokulturen das Problem?

Die Landnutzung und somit Veränderung der Lebensräume trägt massiv zum Artensterben bei. So werden beispielsweise in Brasilien Regenwälder gerodet und in Deutschland artenreiche Wiesen umgebrochen, um Platz für den Anbau von Tierfutter zu schaffen. Statt Vielfalt ist dann reihenweise Soja oder bei uns Mais zu sehen. Die Landwirtschaft ist wesentlich für die Zerstörung von Naturräumen verantwortlich – und das zunehmend, da der Verbrauch von Fleisch, aber auch von Energiepflanzen oder Baumwolle für Textilien steigt; nicht nur durch eine wachsende Weltbevölkerung, sondern durch den steigenden Pro-Kopf-Verbrauch.

Der Bericht nennt aber noch zwei weitere Ursachen: den Klimawandel und die Übernutzung einzelner Arten. Bei letzterem fällt einem natürlich sofort die Fischerei ein, die die Bestände ganzer Populationen bedroht. Aber auch verschiedene Baumarten bringen so viel Profit, dass sie übernutzt sind.

Wie wirkt der Klimawandel auf die Artenvielfalt?

Der Klimawandel verändert die Niederschlagsmuster weltweit – das spüren wir ja auch in Deutschland. Regionen die heute bereits relativ trocken sind, werden mit zunehmendem Klimawandel noch trockener. In regenreichen Regionen hingegen werden die Niederschläge zunehmen. Genauso nehmen Wetterextreme zu: Dürren, Überflutungen, durchaus auch mal Kältewellen. Darauf und auch auf die insgesamt wärmer werdende Welt sind viele Tier- und insbesondere Pflanzenarten nicht vorbereitet.

Was rät die Wissenschaft?

Sie mahnt eindringlich, zu handeln. Denn wenn sich nichts ändert, werden sich diese Trends noch einmal dramatisch verstärken. Der Report rät zu einer großen gesellschaftlichen, politisch-wirtschaftlichen Transformation und zu drastischen Entscheidungen. Er nennt auch einzelne Maßnahmen wie den Abbau schädlicher Subventionen zugunsten einer ökologischeren Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei. Insgesamt bleibt der bisherige Bericht hier allerdings etwas zu vage. Es fehlen für die verschiedenen Sektoren klare Handlungsaufforderungen, aber auch Sanktionsmöglichkeiten, wenn nicht gehandelt wird.

Ökologischeres Wirtschaften, nachhaltiger Konsum, Erhalt von Wäldern – das erinnert stark an Maßnahmen, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Gehen die Bekämpfung des Klimawandels und der Verlust der Artenvielfalt Hand in Hand?

Ja, genau. Wälder etwa binden in großem Stil klimaschädliches CO2, aber sie könnten in Zukunft noch viel mehr binden. Zudem sind sie ein Hort der Artenvielfalt. Weniger Fleischkonsum senkt den Ausstoß klimaschädlicher Gase massiv, gleichzeitig sind naturnahe Wiesen, auf denen kein Tierfutter wächst, Rückzugsort und Futterquelle für unzählige Arten.

Klima- und Naturschutz müssen verzahnt gedacht werden. Deshalb brauchen wir ein Abkommen für die Natur: Schutz des Klimas und der Artenvielfalt müssen dann ressortübergreifend auf höchster Ebene national gemeinsam umgesetzt und finanziert werden. Es darf keine Aufteilung unter den Ministerien geben, die sich dann gegenseitig die Verantwortung zuschieben, aneinander vorbeireden oder Maßnahmen blockieren.

Das Klima ist träge, CO2 bleibt lange in der Atmosphäre. Wie schnell können sich Arten erholen?

Das hängt von der Art ab: Wie groß ist die noch vorhandene Population, wie gesund ist sie, wie schnell reproduziert sie sich? Bei einigen Organismen geht es erstaunlich schnell. Die Natur, auch wenn der Mensch sie schon arg strapaziert hat, kann erstaunlich widerstandsfähig sein. Zu beobachten ist das, wenn landwirtschaftlich genutzte Flächen wieder sich selbst überlassen werden. Der Wald etwa kommt schnell zurück. Am Rand der Wüste oder in den Bergen an der Baumgrenze dauert es hingegen sehr lange, da die Bedingungen hier eh schon hart sind. 

Vom Großen zum Kleinen, was kann jeder Einzelne tun?

Auch wir Verbraucherinnen und Verbraucher können Einfluss nehmen – durch unser Konsumverhalten. Wie auch beim Klimaschutz gilt es, generell den eigenen Konsum überdenken: Was brauche ich wirklich? Was kann ich gebraucht oder recycelt kaufen? Eine Lösung kann sein, weniger Lebensmittel wegzuschmeißen und weniger Fleisch zu essen. Wer einen Garten hat, kann insektenfreundliche, heimische Pflanzen, nutzen.

Aber auch durch unsere Wahl können wir Bürgerinnen und Bürger Einfluss nehmen: Am 26. Mai ist Europawahl

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