Havarierter Öltanker vor Rügen: Greenpeace warnt vor Umweltgefahr durch Schattenflotte
- Ein Artikel von Luisa Lamm
- mitwirkende Expert:innen Thilo Maack
- Nachricht
Am 10. Januar 2025 trieb der Öltanker "Eventin" einen Tag lang manövrierunfähig vor der Küste Rügens – beladen mit 99.000 Tonnen russischem Rohöl. Greenpeace-Aktivist:innen erinnern zum Jahrestag, dass von der Eventin immer noch Gefahr ausgeht. Eine Ausbreitungsrechnung zeigt: Wäre es auf dem Tanker der russischen Schattenflotte zur Havarie gekommen - die Ostsee hätte schwer gelitten.
Der havarierte Tanker gehört zur russischen Schattenflotte. Diese Schiffe sind veraltet, in schlechtem Zustand und bedrohen die Ostseeküste massiv. Greenpeace warnt bereits seit September 2024 vor einer durch die Schattenflotte verursachten möglichen Ölpest in der Ostsee. Zum Jahrestag der Beinahe-Katastrophe der Eventin protestieren fünf Aktive von Greenpeace gegen den Transport von russischem Öl mit veralteten und unversicherten Tankern: Vor dem immer noch vor Sassnitz liegenden Öltanker halten sie in einem Schlauchboot ein Banner hoch, auf dem steht “Oil kills” (Öl tötet).
Eine im November 2025 veröffentlichte Ausbreitungsrechnung zeigt: Wäre es damals zu einem Leckschlagen des havarierten Öltankers “Eventin” gekommen, wären die Küsten der Ostseeanrainerstaaten ökologisch schwer beschädigt worden. Meeres- und Küstenschutzgebiete wären direkt von einer Ölpest betroffen gewesen. Gebiete, die für das Überleben von Seevögeln, Meeressäugern und als Kinderstube vieler Fischbestände entscheidend sind. Das ist das Ergebnis einer datenbankgestützten Simulation durch das Helmholtz Zentrum Hereon im Auftrag von Greenpeace. Eine zweite Simulation zeigt die Ölausbreitung, sollte das Schiff an seinem aktuellen Standort östlich von Rügen havarieren und die Hälfte der Ladung verlieren. Einberechnet wurden dabei die gleiche Wind- und Strömungssituation wie während der schweren Sturmflut Ende Oktober 2023.
Schattenflotten-Tanker "Tavian"
Katz und Maus mit deutschen Behörden
Die Tanker der Schattenflotte fallen inzwischen immer häufiger unter internationale Sanktionen der EU, Großbritanniens und der USA. Deshalb gehen immer mehr Reeder dazu über, ihre Schiffe in nicht existierende Flottenregister zu flaggen oder mit gefälschten IMO-Nummern zu versehen. So erhoffen sie sich, auch weiterhin an dem für sie guten Geschäft mit dem Export russischen Öls verdienen zu können. Wie das im Einzelfall aussieht, zeigt das Beispiel der „Tavian“.
Am 11. Januar sei dem Schiff die Durchfahrt durch deutsche Hoheitsgewässer untersagt worden, berichteten Süddeutsche Zeitung und Tagesschau zwei Tage später. Der “Tavian” sei aufgrund des Verdachts einer gefälschten IMO-Nummer von der Bundespolizei die Durchfahrt verweigert worden. Daraufhin sei das Schiff umgedreht und habe die Ostsee Richtung Murmansk verlassen.
Greenpeace hatte die Ministerien und angeschlossene Behörden am 9. Januar auf den Tanker und seine fehlenden Papiere hingewiesen und zum Handeln aufgefordert. Es ist gut, wenn die Behörden einem Tanker wie der „Tavian“ die Durchfahrt verweigern. Allerdings hätten die Behörden den Tanker auch festsetzen können. Rechtlich wäre das möglich.
Ablauf der Ereignisse:
6. Januar: Hinweis zur Tavian geht von Greenpeace-Dänemark an dänische Regierung
9. Januar: Hinweis zur Tavian geht von Greenpeace-Deutschland an deutsche Behörden und Regierung
10. Januar: Tavian fährt durch deutsche Nordsee
10. Januar: Bundespolizei kontaktiert Tavian
11. Januar: Tavian passiert Skagen um 4:00 Uhr CET
11. Januar: D Bundespolizei erteilt Einfahrtverbot in dt. Ostsee-Küstengewässer
11. Januar: Tavian dreht auf Höhe Langeland um und verlässt die Ostsee 19:35 CET
Was am 10. Januar 2025 passierte
Laut Angaben des Havariekommandos gab es am Donnerstag, 9. Januar 2025 an Bord der „Eventin” mit dem Baujahr 2007 einen Stromausfall, der einen Totalausfall der Maschinen und Systeme an Bord zur Folge hatte. Einen Tag lang trieb der riesige Tanker, beladen mit 99.000 Tonnen russischem Rohöl, manövrierunfähig in den Wellen. Erst am Abend des 10. Januar 2025 - es war ein Freitagabend - wurde das 274 Meter lange und 48 Meter breite Schiff gesichert, eine Verbindung wurde hergestellt und der Tanker in Richtung Osten abgeschleppt. Samstag Nachmittag wurde der Kurs dann geändert, anstatt nordöstlich von Rügen wurde der Öltanker vor dem Stadthafen von Sassnitz auf Rügen auf Reede gelegt.
Der Begriff „Schattenflotte” bezeichnet Schiffe oder ganze Flotten, die im Verborgenen operieren und so ihre Aktivitäten verbergen oder verschleiern, um internationale Vorschriften zu umgehen. Eine Schattenflotte ist in der Regel an illegalen Aktivitäten wie Schmuggel oder dem Umgehen von Sanktionen beteiligt. Die Tanker der russischen Schattenflotte sind nicht nur alt und in schlechtem Zustand, sondern vielfach auch unzureichend versichert, so dass unklar ist, wer im Ernstfall für Schäden wie eine Ölpest aufkommt. Teilweise sind nicht einmal aktuelle Seekarten an Bord.
Auch durch den Druck von Greenpeace sind mittlerweile immer mehr dieser Tanker auf der EU-Sanktionsliste. Allerdings zeigt eine am 6. Oktober 2025 veröffentlichte Greenpeace-Analyse, dass die Anzahl dieser gefährlichen Schiffe trotzdem stetig zunimmt. Zumal russland auch immer mehr auf illegale Geistertanker ausweicht.
Unter anderem mit diesen Schiffen hält Russland seit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine und dem Beginn der EU-Sanktionen seine Ölexporte aufrecht und finanziert so auch den Krieg gegen die Ukraine.
Auf dieser Liste stehen 192 marode Tanker, die weltweit Öl aus Russland transportieren und die Umwelt bedrohen. Im Greenpeace Datenportal gibt es weitere Informationen zur Liste und den zugrundeliegenden Kriterien.
Tanker der Schattenflotte riskieren Ölkatastrophen in der Ostsee
Ein Ölunfall in der Ostsee wäre eine Katastrophe für die dort lebenden Meerestiere, Seevögel und weitere Arten und würde ihren Lebensraum noch jahrelang gefährden. Im Herbst 2024 sind an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern mehr als 40 streng geschützte Kegelrobben gestorben. Denn das Ökosystem Ostsee ist bereits massiv angeschlagen und zählt zu einem der sensibelsten Ökosysteme Deutschlands. Zwischenfälle wie diese mit Öltankern verdeutlichen einmal mehr, wie sehr die Schattenflotte die empfindliche Ökosysteme bedroht.
Schon in der Vergangenheit ist die havarierte „Eventin” wiederholt negativ aufgefallen: Der Tanker war nicht nur mehrfach am Export von russischem Rohöl durch die Ostsee beteiligt, sondern auch an gefährlichen Schiff-zu-Schiff-Transporten von Öl, wie es bei Schattenflotte üblich ist. Außerdem ist die „Eventin” bei technischen Überprüfungen durch schlechte Arbeitsbedingungen an Bord aufgefallen. Deshalb steht das Schiff auf einer Liste der von Greenpeace identifizierten 192 gefährlichsten Rohöltanker, die seit Kriegsbeginn Öl aus Russland transportieren.
Thilo Maack, Meeresbiologe bei Greenpeace, sieht diesen Vorfall als erneute Warnung dafür, wie die Schiffe der russischen Schattenflotte täglich die Ostseeküste bedrohen.
“Jeden Tag fahren schrottreife Tanker von den russischen Ölhäfen Primorsk und Ust-Luga Richtung Südwesten. Was mit der Eventin geschehen ist, kann sich jederzeit wiederholen. Eine ökologische Katastrophe ist nur eine Frage der Zeit. Außenminister Johann Wadephul und Innenminister Alexander Dobrindt müssen die deutschen Küsten sichern.”
Das jüngste Sanktionspaket der EU ist ein wichtiger Schritt, aber es reicht längst nicht, um die Ostsee zu schützen. Deshalb muss die EU auf Basis der Greenpeace-Liste der gefährlichsten Öltanker weitere, dringend notwendige Sanktionen beschließen.