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Dr. Tewolde Egziabher
© Matthias Ziegler/Greenpeace

Interview mit Tewolde Egziabher

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Die Gentechnik produziert Risiken, nicht Lösungen. Den Versprechungen der Gentechnik-Industrie - sie könne mit neuen Pflanzen den Hunger besiegen - glaubt der äthiopische Experte Dr. Tewolde Egziabher nicht. Warum er für die Entwicklungsländer auf eine nachhaltige Landwirtschaft setzt, erklärt er im Interview mit dem Greenpeace Magazin.

Greenpeace Magazin: Freuen Sie sich über das Angebot der Agrarkonzerne, den Welthunger mit neuen Gentech-Pflanzen zu bekämpfen?

TEWOLDE: Überhaupt nicht. Es ist naiv zu glauben, dass der über Millionen Jahre Evolution entwickelte Gensatz von Pflanzen durch Einbau eines Gens verbessert werden kann. Dazu sind die Wechselwirkungen zwischen Genen und Proteinen zu komplex, und deshalb gehen auch so viele Gentechnik-Experimente schief.

Greenpeace Magazin: Nehmen Sie das Angebot nicht ernst?

TEWOLDE: Nein, es geht völlig am Kern des Problems vorbei: Der Hunger in Entwicklungsländern liegt vor allem an der ungerechten Verteilung. Die Welt produziert heute ja mehr Nahrung als je zuvor ­ und trotzdem gibt es auch mehr Hunger als je zuvor. Wenn mehr erzeugt wird, heißt das noch lange nicht, dass die Armen etwas davon abbekommen, denn ihnen fehlt es vor allem an Geld. Und daran ändert keine Gentechnik etwas.

Greenpeace Magazin: Könnte die Gentech-Branche denn nicht Pflanzen liefern, die besser an trockene oder salzige Böden angepasst sind?

TEWOLDE: Hier wird viel Propaganda gemacht. Es fehlt ja jeglicher Beweis, dass dies geht. Die Konzerne wollen eigentlich nur Sorten verkaufen, die gegen bestimmte Pestizide immun sind und die Bauern dadurch von diesen Pestiziden abhängig machen. Zweites Ziel ist: Die Life Sciences-Industrie will die Kontrolle über das vorhandene Saatgut, den vorhandenen Genpool in den Entwicklungsländern übernehmen. Immer mit der gleichen Taktik: Erst stellt sie kostenloses Saatgut zur Verfügung, bis die Bauern ihre eigenen Saatgutvorräte verbrauchen oder verkommen lassen ­ und dann nimmt sie Gebühren.

Greenpeace Magazin: Das ist ein starker Vorwurf.

TEWOLDE: Es deckt sich doch mit den Erfahrungen, die wir bei Pestiziden und Kunstdünger gemacht haben. Und es sind dieselben Agrochemiekonzerne, die heute die Gentechnik verfechten. Wer arme Bauern Gebühren für Saatgut zahlen lässt, löst das Hungerproblem nicht.

Greenpeace Magazin: Bei besseren Ernten können sich Farmer Gebühren doch leisten.

TEWOLDE: Beim berühmt-berüchtigten Goldenen Reis halten rund 30 Parteien Patente. Noch nehmen sie keine Gebühren. Aber wenn sie die Bauern erst einmal am Haken haben, kassieren sie ab. So sehr kann man die Ernten gar nicht steigern. Die Agro-Konzerne machen uns mit ihren Patenten abhängig von ihrem Saatgut. Gibt es effektiveren Kolonialismus? So werden wir zur Geisel der Gentech-Industrie. Das würde die Welt nicht befrieden, sondern eine beispiellose Rebellion auslösen ­ und Flüchtlingswellen in die reichen Länder.

Greenpeace Magazin: Warum macht sich dann das UN-Entwicklungsprogramm UNDP für die Gentechnik auf dem Acker stark?

TEWOLDE: Weil ihre Arbeit mittlerweile von Geldern aus der Industrie abhängt. In jedem Fall diskreditiert diese Haltung die UNDP. Ich frage mich, ob sie noch auf der Seite der Entwicklungsländer ist.

Greenpeace Magazin: Wie sollten denn die reichen Staaten helfen?

TEWOLDE: Indem sie uns unterstützen, die Infrastruktur zu verbessern. Wir brauchen Straßen für den Transport und Kapazitäten für die Verarbeitung unserer Lebensmittel. Und wir benötigen Lager, um Überschüsse aus guten Ernten für schlechte Zeiten einzulagern.

Greenpeace Magazin: Dies alles widerspricht aber nicht unbedingt dem Einsatz von neuen Gentech-Varianten auf dem Acker.

TEWOLDE: Über solche neuen Technologien sollten wir reden, wenn wir die anderen Probleme gelöst haben. Wir brauchen keine neuen Pflanzen ­ die Natur stellt schon alle Nährstoffe her, die der Mensch benötigt. Sie müssen eben nur gerecht verteilt werden. Mit Gentechnik werden keine Lösungen, sondern Risiken produziert: In den Tropen gibt es die größte Artenvielfalt, einen unersetzlichen Genpool. Werden genmanipulierte Organismen ausgesetzt, könnte dieser Pool verseucht und damit die Artenvielfalt reduziert werden. Das könnte dann niemand mehr rückgängig machen.

Greenpeace Magazin: Glauben Sie, dass mit nachhaltiger Landwirtschaft genug Nahrung produziert werden kann, um den Hunger zu besiegen?

TEWOLDE: Die Studie von Jules Pretty 208 Rezepte gegen den Hunger liefert dafür viele Beispiele. Die Landwirtschaft des Nordens ist für uns keine Alternative. Sie zerstört die Böden, verseucht das Grundwasser, das bei uns das Trinkwasser ist. Wir können zwar Kunstdünger einsetzen ­ aber immer so, dass die Bodenqualität verbessert und nicht zerstört wird. Alle Methoden müssen einen entscheidenden Test bestehen: Sie dürfen die natürlichen Prozesse und Kreisläufe nicht zerstören. Öko-Landbau ist für uns kein Luxus, sondern unsere einzige Chance.

Interview: Michael Friedrich

Der Äthiopier Tewolde Egziabher, 61, vertritt die Entwicklungsländer bei Konferenzen zu Gentechnik, Artenvielfalt und Gen-Patentierung. Der promovierte Ökologe leitet die Umweltschutzbehörde seines Landes und das gemeinnützige Institut für Nachhaltige Entwicklung.

Erschienen im Greenpeace Magazin 8/2001

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