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© Michael Löwa/Greenpeace

Gülletransporte verteilen Antibiotikaresistenzen

Von außen sieht man nicht, was in ihnen schwappt: Die Sattelschlepper, die Rechercheure und Rechercheurinnen von Greenpeace über mehrere Monate beobachtet haben, sind so genannte Kombiliner mit Platz für zweierlei Ladung. Sie fahren mit flüssiger Gülle aus den Gebieten mit intensiver Tierhaltung im Nordwesten Niedersachsens in weit entfernte Regionen, meist Gebiete in denen Ackerbau betrieben wird, um dort als Dünger auf den Feldern ausgebracht zu werden. Auf dem Rückweg bringen sie oftmals Futtermittel als Schüttgut mit. So können die schweren Trucks Leerfahrten vermeiden. 

Dafür tragen sie mit den Ausscheidungen aus der industriellen Tierhaltung eine gefährliche Ladung. Denn die Gülle ist mit Antibiotika und oftmals auch mit Keimen belastet, die gegen Antibiotika resistent sind. Und jeder resistente Keim in der Umwelt gefährdet die Wirkung von Antibiotika als wichtigstes Heilmittel im Kampf gegen Bakterien. “Damit wächst die Gefahr, dass Infektionskrankheiten immer schwerer zu behandeln sind“, sagt Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Dirk Zimmermann.

Antibiotika in allen Proben

Die heute veröffentlichten Ergebnisse einer Greenpeace-Recherche zeigen die Gefahren des Gülletourismus auf: Im Rahmen der Recherche wurden Greenpeace zugespielte Gülleproben aus Schweine haltenden Betrieben in einem unabhängigen Labor analysiert. Alle Proben wurden in Orten mit intensiver Schweinehaltung in Niedersachsen, wie etwa Cloppenburg, genommen. Greenpeace prüfte die Angaben zu Ort und Zeit der Probenahmen, bevor das Labor beauftragt wurde. Alle elf untersuchten Proben enthielten Antibiotikarückstände, sieben wiesen (multi-)resistente Keime auf.   

Die Greenpeace-Rechercheurinnen und Rechercheure verfolgten über mehrere Wochen zwischen Februar und Juni insgesamt 86 Fahrten von Kombilinern, die Gülle aus den beprobten Betrieben geladen hatten. Bei den beobachteten Transporten wurde im Schnitt eine Distanz von etwa 220 Kilometern zurückgelegt, die Ziele lagen in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern.  

So werden antibiotikaresistente Keime und Antibiotika mit den Exkrementen der Tiere über die Republik verteilt.  „Diese unverantwortliche Streuung der Risiken kann nicht die Lösung für die Überproduktion von Billigfleisch und Gülle sein”, sagt Zimmermann. „Nur wenn weniger Tiere besser gehalten werden, lässt sich die Gülleflut stoppen und der Einsatz von Antibiotika in den Mastanlagen weiter wirksam reduzieren.“

Der Druck der Gülleflut steigt

Die Gülleflut belastet vor allem in den Zentren der intensiven Tierhaltung das Grundwasser, Flüsse und Seen mit Nitrat, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Vielerorts liegen die Messwerte über den EU-Vorgaben. In diesem Jahr wurde die Düngeverordnung erneut verschärft. Damit steigt der Druck, Gülle auf andere, bislang weniger belastete Regionen zu verteilen

Die Antibiotikarückstände in der Gülle sind das Ergebnisse des massenhaften Einsatzes zur Bekämpfung von Krankheiten in den Ställen. Die gezielte Behandlung einzelner Tiere ist kaum möglich, wenn die Schweine in der intensiven Haltung in engen Buchten zusammengepfercht sind.

Deshalb fordert Greenpeace:

  • Schluss mit dem massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung und der Gruppenbehandlung (Metaphylaxe). Stattdessen müssen die Haltungsbedingungen verbessert und erkrankte Tiere gezielt behandelt werden.
  • die Abschaffung des „Dispensierrechts“ für Tierärzte, das Anreize zum massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung schafft, sowie ein Verbot von Mengenrabatten für Tierarzneimittel und die Einführung von Mindestpreisen.
  • ein Verbot des Einsatzes sogenannter Reserveantibiotika in der Tierhaltung. Diese Medikamente müssen für den Einsatz in der Humanmedizin reserviert bleiben.
  • Antibiotika und multiresistente Keime in der Umwelt müssen einem bundesweiten,
  • einheitlichen Monitoring unterworfen werden.

Mit den verschärften Regeln der Düngeverordnung könnten künftig noch mehr Transporte nötig werden. Lagerstätten oder Aufbereitungsanlagen für Gülle werden von Bund und Ländern gefördert. Diese Politik zementiert Strukturen, die nicht nur wegen der Gefahren durch resistente Keime fragwürdig sind: Die Intensivtierhaltung trägt zur Klimakrise durch den Ausstoß von Treibhausgasen bei. Der Anbau der hier dafür benötigten Futtermittel - wie etwa Soja aus Übersee - zerstört vielfach natürliche Ökosysteme. Überdüngung und gasförmige Emissionen belasten die Luft sowie Grund- und Oberflächengewässer und gefährden die Artenvielfalt. 

Zurück zum sinnvollen Nährstoffkreislauf

Angesichts der sich in Brandenburg und Sachsen unter Wildschweinen ausbreitenden Afrikanischen Schweinepest erscheint die überregionale Verteilung der Gülle noch fragwürdiger: „Gelangt der Erreger in Schweineställe, droht mit den Gülletransporten eine schnelle Verbreitung. Sie müssten dann umgehend gestoppt werden“, sagt Zimmermann. Damit ständen Regionen mit intensiver Tierhaltung vor ungelösten Entsorgungsproblemen. 

Um das Problem der Überdüngung nachhaltig zu lösen, sollten in den Betrieben nur so viele Tiere gehalten werden, wie mit Futtermitteln von der eigenen Fläche ernährt werden können. „Dann wird die Gülle vom Entsorgungsproblem wieder zum sinnvollen Düngemittel im Nährstoffkreislauf”, sagt Zimmermann.

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