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Fish Kill in the River Oder - Investigation
© Gordon Welters / Greenpeace

Fischsterben in der Oder

Flüsse sind Lebensadern: Ökosysteme, Naherholungsgebiete, Wasserstraßen. Doch wer nach diesem Sommer an die Oder denkt, verbindet sie mit einer Tragödie: Bis zur Hälfte der darin lebenden Fische könnten nach einer Umweltkatastrophe im August verendet sein. Eine giftige Algenblüte in der Oder ist die plausibelste Erklärung für das massenhafte Fischsterben. Aber was hat das Ereignis ausgelöst? 

Ein aktueller Report von Greenpeace macht Salzeinleitungen der polnischen Bergbauindustrie für die verheerenden Schäden verantwortlich. Für die Analyse nahmen vier Greenpeace-Aktivist:innen Ende August zwischen dem brandenburgischen Schwedt und der polnisch-tschechischen Grenze Wasser- und Bodenproben auf etwa 550 Kilometer Flusslänge. “Diese Umweltkatastrophe war vermeidbar. Hunderttausende Tiere sind qualvoll gestorben, weil grundlegende Kontrollen vernachlässigt wurden”, sagt Nina Noelle, Sprecherin von Greenpeace. “Wir fordern von der polnischen und deutschen Regierung, den Fluss künftig zu renaturieren, rund um die Uhr zu überwachen und das Einleiten von schädlichen Substanzen, wie Salzen und Schwermetalle, zu verbieten." 

Factsheet: So schlecht geht es der Oder wirklich

Factsheet: So schlecht geht es der Oder wirklich

Laboranalysen von Wasser-, Sediment- und Fischproben aus der Oder nach dem Fischsterben vom 26.07. - 13.08.2022.

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Das deutsch-polnische Team hat insgesamt siebzehn Proben gezogen. Schwermetalle waren in vier Proben von Flusssedimenten erhöht. Die höchsten Salzwerte fanden sich an einem Rückhaltebecken des Bergbaukonzerns KGHM in Gmina Polkowice. Dort liegt der Salzgehalt 40-fach über den für Süßwasser empfohlenen Werten. Ebenfalls auffällig waren hohe Salzwerte flussaufwärts am Gliwice-Kanal, über den andere Bergwerke ihr Abwasser in die Oder beseitigen. Das salzhaltige Wasser begünstigt giftige Algenarten, wie Prymnesium parvum, die bei hohen Wassertemperaturen allem Anschein nach das Fischsterben ausgelöst hat. In einem der untersuchten Fischkadaver konnte ein von Greenpeace beauftragtes Labor mittlerweile Spuren des Algentoxins in den Kiemen nachweisen, weitere Analysen hinsichtlich der Schwere der Vergiftung schließen sich an.

Die Oder ist ein stark belasteter Fluss. Auf polnischer Seite werden Wasserqualität und einleitende Betriebe nicht durchgängig überwacht. Bergbaukonzerne und andere Industrien werden nur auf dem Papier kontrolliert. Anwohner:innen berichteten den Aktivist:innen von Greenpeace davon, dass es nachts zu übel riechenden Einleitungen rund um eine Papierfabrik bei Olawa komme, die Behörden jedoch nur tagsüber präsent seien. Zudem fehlt es an einer vollständigen Erfassung der unterschiedlichen Einleiter.

Behörden schlugen im August Alarm

Am 10. August kam erstmals die Nachricht, dass ein mysteriöses Fischsterben haufenweise Tierkadaver an die Ufer des Flusses schwemmt. Menschen in Frankfurt an der Oder und den umliegenden Orten meldeten das Phänomen den deutschen Behörden. Erst nach und nach wurde das Ausmaß klar, hunderttausende Lebewesen sind tot. Seitdem findet eine Suche nach den Ursachen statt, begleitet von politischen Verstimmungen: Offenbar gab es auf polnischer Seite bereits seit Ende Juli Hinweise auf ein Fischsterben im großen Ausmaß, ohne dass die Informationen an Kolleg:innen in den deutschen Amtsstuben weitergegeben worden wären. 

Dabei haben auch hier Frühwarnsysteme versagt. Eine Oder-Messstation bei Frankfurt meldete bereits am 6. August erhöhten Salzgehalt, veränderte pH-Werte und hohe Chlorophyll-Werte: ein deutlicher Hinweis auf Algenwachstum. Dass hier irgendein Ereignis stattgefunden haben muss, lässt sich selbst für Laien an den Kurven ablesen.

  • Fish Kill near River Oder

    Toter Fisch am Oder-Ufer.

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  • Fish Kill in the River Oder - Investigation

    Die Greenpeace-Expert:innen Julios Kontchou und Nina Noelle nehmen Wasserproben aus einer undichten Pipeline, die mit dem Stausee Żelazny Most verbunden ist.

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  • Fish Kill in the River Oder - Investigation

    Der Förderturm des Kupferbergwerks Rudna in Polkowice, das von KGHM Polish Copper betrieben wird. Das Bergwerk ist mit dem Żelazny-Most-Stausee verbunden, dem größten Schaumsammelbecken Europas.

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  • Fish Kill in the River Oder - Investigation

    Nina Noelle und Julios Kontchou entnehmen Wasserproben an der Oder bei Bytom Odrzanski.

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  • Fish Kill in the River Oder - Investigation

    Mit einem Refraktometer bestimmt Julios Kontchou den Salzgehalt des Oderwassers.

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Alge als Auslöser – der Mensch als Ursache

“In den meisten Fällen ist Sauerstoffmangel die Ursache eines solchen Fischsterbens”, sagt Manfred Santen, Greenpeace-Experte für Chemie. Insofern ist “Prymnesium parvum”, eine Mikroalge, die im Gewässer entdeckt wurde, eine schlüssige Schuldige. Algen verbrauchen viel Sauerstoff, zudem war der Wasserstand in der Oder niedrig. Dazu kommen die hohen Temperaturen – mit steigender Gradzahl sinkt die Löslichkeit von Sauerstoff im Wasser. Außerdem sondern die Algen Giftstoffe ab; das Toxin schädigt die Kiemen der Fische. Eine multifaktorielle Gemengelage, die für die Tiere in der Oder tödlich war. 

Wie passt das mit Messergebnissen zusammen, die erhöhte Sauerstoffwerte anzeigen? “Die Sauerstoffkonzentration kann später ansteigen, da die Algen Sauerstoff produzieren“, sagt Santen. “Das explosionsartige Algenwachstum zehrt zunächst Sauerstoff und sorgt vor allem in tieferen Wasserschichten für Sauerstoffmangel – daran sterben die Fische, in Kombination mit der Schädigung durch die Toxine.”

Tabelle Messergebnisse Oder

Greenpeace-Team auf Spurensuche an der Oder

Im August war ein polnisch-deutsches Greenpeace-Team in Polen unterwegs, um Proben zu nehmen und potenzielle Quellen der Verschmutzung in Augenschein zu nehmen. Unter anderem wurde das Wasser des Stausees Zelazny Most untersucht, der zu einem Bergbau-Unternehmen gehört. Wobei der Begriff Stausee irreführend ist: Man muss sich das Gewässer vielmehr wie ein riesiges Auffangbecken für Abwässer vorstellen, die offenbar über einen längeren Zeitraum in die Oder abgeleitet wurden. Sie könnten die Algenblüte ausgelöst haben.

Die Suche nach den Ursachen ist auch deswegen so schwierig, weil der Mythos der Oder als sauberer Fluss genau das ist: ein Mythos. Am Ufer hat sich viel Industrie angesiedelt, Papierfabriken, Kupferminen, Bergbau. Bei den Ermittlungen trat zutage, dass in Polen nahezu 300 illegale Abwasserrohre in die Oder fließen. 

“Das Problem ist, dass in Polen die Oder verschmutzt wurde, weil es eben ging”, sagt Marek Jozefiak, Sprecher von Greenpeace Polen. “Hierzulande werden die Gewässer nicht dauerhaft überwacht. Während in Deutschland durch das Live-Monitoring Verschmutzungen in Echtzeit registriert werden, fehlt diese Form der Überwachung hier. Das führt dazu, dass nach Dienstschluss der Behörden keine Kontrolle mehr stattfindet. Nachts ist für jemanden, der illegal seinen Abfall in den Fluss schütten will, alles möglich.” Greenpeace in Polen fordert hier Verbesserungen und ein Echtzeit-Monitoring der Oder auch auf polnischer Seite.

Chemieunfälle haben längerfristige Folgen

Die erste Vermutung, dass es sich bei dem Massensterben um die Auswirkungen eines Chemieunfalls handelt, ließ sich nicht bestätigen; wahrscheinlicher ist ein vom Menschen verursachtes Algenwachstum. Wenn dem so ist, sei das gewissermaßen Glück im Unglück, sagt Manfred Santen: “Chemieunfälle haben längerfristige Folgen. Die Stoffe lagern sich in Sedimenten im Fluss oder an Uferböschungen ab – das kann man kaum reinigen." Der katastrophale Schaden sei zwar angerichtet, aber die Welle damit durch. Mit dem Wasserstand steigt die Hoffnung, dass sich das außergewöhnliche Biotop wieder erholen kann.