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Interview mit Regisseur Mark Hall

Wir hatten Zugang zu Orten, wo Filmkameras noch nie zuvor waren

Der Film "Sushi - The Global Catch" geht dem Zusammenhang zwischen Sushi-Trend und Überfischung auf den Grund. Regisseur Mark S. Hall berichtet im Interview von der zündenden Idee für diesen Film, der erschütterndsten Erkenntnis beim Dreh und warum er immer noch Sushi isst.

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Redaktion: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film zum Zusammenhang zwischen Sushi und bedrohtem Thunfisch zu drehen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Mark S. Hall: Ich habe vor ein paar Jahren an einem Projekt in Polen gearbeitet und war überrascht darüber, wie beliebt Sushi in Warschau und anderen polnischen Städten ist. Ich erfuhr, dass die Popularität von Sushi in Moskau, Kiew und dem Baltikum enorm gestiegen ist. Mir wurde klar, dass Sushi ein Sinnbild für die Globalisierung geworden ist und dies nur durch eine gigantische globale Lieferkette mit ungeheuren ökologischen Auswirkungen möglich sein kann.

Mit der Idee für den Film kehrte ich in die USA zurück. Schnell wurden die Überfischung, der Zusammenbruch der Nahrungskette und das Artensterben zentrale Themen. Viele Menschen im Sushi-Geschäft - von Fischern und Großhändlern auf dem berühmten japanischen Tsukiji-Markt bis hin zu Meeresbiologen - haben mir von den Gefahren berichtet, welche das rapide globale Anwachsen der Sushi-Nachfrage geschaffen hat. Der Thunfisch ist ein Symbol für die unbeabsichtigten Konsequenzen des globalen Siegeszugs, weil er der gefragteste Sushi-Fisch ist. Man findet ihn in jedem Sushi-Restaurant.

Redaktion: Welche Erkenntnis hat Sie bei den Dreharbeiten am meisten erschreckt?

Mark S. Hall: Der mögliche Zusammenbruch der Nahrungskette im Meer hat mich am meisten erschüttert; die Einsicht, dass, indem man die Spitzenjäger unter den Fischen ausrottet, die meisten anderen Fischarten ebenfalls verschwinden. Zurückbleiben würde ein Ozean fast ohne Leben. Das Mittelmeer ist dem Zusammenbruch der Nahrungskette bereits erschreckend nah. Einige Umweltorganisationen haben erklärt, dass der Thunfisch im Mittelmeer in wenigen Jahren wegen des kommerziellen Fangs ausgerottet sein wird. Dies wird die Gesundheit des gesamten Ozeans betreffen.

Redaktion: Gab es auch etwas, das Ihnen Hoffnung gegeben hat?

Mark S. Hall: Absolut. Eine große Zahl von Menschen ist sehr besorgt über den Thunfisch und die Gesundheit der Ozeane. Sie machen andere auf die Probleme aufmerksam. Sehr inspiriert hat mich Hamabata-san aus dem kleinen, vom Thunfischfang lebenden Dorf Oma in Japan. Obwohl er sich dem Rentenalter nähert, setzt er sich dafür ein, die Menschen in Japan aufzuwecken und über den schwindenden Blauflossenthun vor der Küste Omas zu informieren. Seine Energie dabei hat mich sehr beeindruckt.

Redaktion: Welche Konsequenzen ziehen Sie für sich persönlich aus den Erkenntnissen, die Sie durch die Recherchen für den Film gewonnen haben?

Mark S. Hall: Ich esse immer noch Sushi, aber mein Umgang mit Fisch generell hat sich sehr verändert. Ich stelle den Küchenchefs und den Kellnern mehr Fragen darüber, woher der Fisch kommt, wie er gefangen wurde usw. Ich will, dass sie wissen, dass ich zu einem anderen Sushi-Restaurant gehe, wenn sie meine Fragen nicht beantworten können. Ich vermeide es, Fisch zu essen, der auf der Seafood Watch "Sushi Guide's avoid"-Liste steht. Und ich halte mich fern von Supermarkt-Sushi. Was am Ende des Tages nicht verkauft ist, landet im Müll - eine enorme Verschwendung. (Im Restaurant wird Sushi meist frisch und erst dann zubereitet, wenn der Kunde bestellt hat. Anm. Online-Redaktion)

Redaktion: Wie würden Sie mit wenigen Worten erklären, warum sich die Menschen Ihren Film anschauen sollten?

Mark S. Hall: Das Publikum erlebt eine Reise rund um den Globus. Wir haben den Film in Japan, Singapur, Australien, Polen und den USA gedreht. Außerdem erhalten sie Einblicke in die Sushi-Tradition, die dramatisch gewachsene Nachfrage in den letzten 30 Jahren und die unbeabsichtigten Folgen dieses Booms.

Es ist ein temporeicher Film mit großem visuellem Reichtum und neuen Perspektiven. Wir hatten Zugang zu Orten, wo Filmkameras noch nie zuvor waren, zum Beispiel zu dem 130 Jahre alten traditionellen Sushi-Restaurant Sushi-ko in Tokio, und zum Inneren des geheimen Thunfisch-Labors von Hagen Stehr in Australien.*

Redaktion: Was möchten Sie mit dem Film erreichen?

Mark S. Hall: Ich hoffe, dass die Menschen, die meinen Film sehen, sich daran erinnern, was sie da eigentlich essen und ihre Lebensmittel mehr wertschätzen. Wer in ein Restaurant geht, kann sich für Fisch entscheiden, der nicht gefährdet ist. Wenn wir alle bessere Entscheidungen treffen, könnte das Problem der Überfischung und des Artenschwunds in unseren Meeren schon dadurch gelöst sein.

Redaktion: Was kann jeder Einzelne tun, um zur Rettung des Thunfischs beizutragen? Haben Sie einen Tipp?

Mark S. Hall: Jeder kann sich das mögliche Aussterben der großen Thunfischarten bewusst machen und aktiv werden. Ob es die persönliche Entscheidung ist, gar keinen vom Aussterben bedrohten Thunfisch oder auch weniger Thunfisch zu essen - beides wird die Notlage des Thunfischs und unserer Ozeane verbessern, so dass auch zukünftige Generationen die Möglichkeit haben werden, sie zu genießen.

Ich denke auch, wir sollten Regierungsstellen für ihre Fehler in die Pflicht nehmen. Man muss sich zusammensetzen und die Überfischung rund um den Globus regulieren. Was das angeht, bin ich allerdings nicht so optimistisch. Ich denke, die Verbraucher können das Problem durch ihre Entscheidungen wesentlich mehr beeinflussen.

*(Der gebürtige Deutsche Hagen Stehr betreibt vor der Küste Australiens ein aufwendiges Projekt, welches die Züchtung von Thunfisch in Aquakulturen ermöglichen könnte. In normalen Fischfarmen ist dies nicht möglich, da die Fische sehr empfindlich sind und sich in Gefangenschaft nicht fortpflanzen. Anm. Online-Redaktion)

 

Hier geht's zum Filmtrailer von Sushi - The Global Catch.

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