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Film: We Feed the World - Interview mit dem Regisseur Erwin Wagenhofer

Greenpeace Online sprach mit dem Autor, Filmemacher und Regisseur Erwin Wagenhofer über seinen Film: We Feed the World, der am 27. April 2006 in die Kinos kommt.
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Greenpeace Online: Wie würden Sie selbst Ihren Film beschreiben?

Erwin Wagenhofer: Es ist ein Film des 21. Jahrhunderts - über den Zustand unserer Gesellschaft, am Beispiel Umgang mit ihren Lebens- und Nahrungsmitteln. Das ist so in etwa meine Geschichte gewesen.

Ich hatte folgende Idee: Reingehen zu den Erzeugern. Hingehen zu den Bauern, zu den Fischern, bis zu den Managern. Was sagen die von intern? Erstaunlich fand ich, dass die Leute intern komplett unzufrieden sind. Eigentlich sollte man denken, die Produzenten sind glücklich und reich geworden. Und sie sind teilweise reich geworden. Ich dachte sie verteidigen ihr System. Aber nein! Und das ist das Spannende.

Greenpeace Online: Ihr Film ist ein Dokumentarfilm. Er hätte auch lapidar heißen können: Unser täglich Brot. Warum haben sie den Titel We Feed the World gewählt?

Erwin Wagenhofer: Dieses We ist mir wichtig; dieses Wir, das ist das Wichtigste vom Titel. Von uns ausgehend, Österreichern, Mitteleuropäern, von uns Reichen und Wohlhabenden ausgehend. Was ist da? Dann hab ich einfach geschaut. Spanien, warum Spanien, das größte Gewächshaus der Welt? Warum Nestlé, der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt?

Ich mag keine Schwarzweißfilme. Das meine ich jetzt inhaltlich. Das Leben ist einfach ganz schön komplex. Und es ist wahrlich nicht einfach. Aber immer nur den einen Schuldigen zu suchen, ist mir zu simpel. Darum heißt der Film auch We Feed the World. Es liegt an uns, wir alle sind Teil des Systems - und wir können es ändern.

Greenpeace Online: Im Film wird keine Patentlösung geboten. Wo sehen Sie denn einen Lösungsansatz?

Erwin Wagenhofer: Wenn es eine Rettung gibt, - also man muss das jetzt auch nicht so Schwarzweiß sehen, wir werden morgen nicht tot umfallen - wenn es eine Lösung gibt à la longue, dann ist es die Zivilgesellschaft. Dann sind das wir alle - We Feed the World.

In einer offenen Gesellschaft, wo wir kein Greenpeace bräuchten, weil wir das alle intus hätten, würde so ein Film der Supermarkt machen.

Da hieße es am Stand mit Gemüse: In Spanien gibt es jetzt diese Anlagen und die schauen so und so aus. Und so wird's gemacht, schaut es Euch an! So schaut es aus der Luft aus und mit dem Wasser haben wir ein paar Probleme.

Da, die Afrikaner, sie werden ausgebeutet. Sie müssen mit der Giftspritze durch die Pflanzenreihen gehen. Anschließend wird das ganze Zeug 3.000 Kilometer durch Europa gekarrt. Und dann liegt es bei uns im Supermarkt und schmeckt nicht besonders. Der Preis ist so und so hoch. Frage: Wollt ihr das?

Das wäre für mich eine offene Gesellschaft - passiert aber nicht! Die machen genau das Gegenteil.

Greenpeace Online: Welche Rolle spielt dabei Ihr Film, wie kann er dazu beitragen diesem Ziel näher zu kommen?

Erwin Wagenhofer: Die Leute gehen nicht ins Kino, schauen den Film und haben damit ihr Gewissen befriedigt. Sondern - und das ist das Schöne - es wird enorm diskutiert. Ich glaube, dass ein Film selbst nichts verändern kann. Ein Film kann es nur aufzeigen. Aus! Verändern müssen es die Menschen, die ihn anschauen.

Meine Hauptbotschaft ist - wenn es überhaupt eine Hauptbotschaft gibt -, dass wir anders leben müssen. Ja, dass wir unseren ganzen Lebensstil ändern müssen. Das muss nicht beim Essen beginnen - das kann beim Essen beginnen. Denn Essen ist eine essenzielle Sache, etwas was man jeden Tag tun muss.

Zum Thema Essen und Hunger: Im Prinzip müssten wir die glücklichsten Menschen sein! Ich habe nie gefroren, ich habe nie Hunger oder Durst gelitten - außer freiwillig. Wir müssten die glücklichsten Menschen sein und sind es aber nicht. Das ist ein Zeichen dafür, dass das System komplett falsch ist.

Und jetzt müssen wir das ändern. Es geht nicht von Heute auf Morgen, das ist mir schon klar. Andererseits ist es aber so: Unser Leben ist ganz wenig, ist ein ganz kurzer Abschnitt. Die Idee wäre, es wenigstens ein bisschen zu verbessern.

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