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Hologram Projection at European Council Summit in Brussels
© Tim Dirven / Greenpeace

Individualisierung der Klimakrise

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Wird von Nachhaltigkeit oder Klimaschutz geredet, so wird oft auf Dinge gesetzt, die jede*r selbst tun können soll. Besonders in Schulen wird der Fokus größtenteils auf den „eigenen Handlungsspielraum“ gelegt. Dabei werden u.a. z.B. CO2-Fußabdruck-Rechner genutzt, die suggerieren, dass die Verantwortung für die Reduktion unserer Emissionen vor allem bei uns liegt. In gewisser Weise stimmt das zwar, denn natürlich sind wir für unser Verhalten verantwortlich. Diese Rechner und sonstige, auf Eigenverantwortung setzende Tipps zeigen uns auf, in wie vielen Bereichen unseres Alltags mehr Nachhaltigkeit möglich wäre, jedoch wird dieser Ansatz dem eigentlichen strukturellen Problem nicht gerecht – und ist ein guter Trick, genau davon abzulenken. 

Denn während wir uns schuldbewusst und ohnmächtig fühlen, weil wir z.B. die in Plastik eingeschweißte Biogurke gekauft haben, beschäftigen wir uns mit uns selbst, und stellen das System, in dem nur diese Gurke angeboten wird, nicht infrage. Die vielen Tipps, die zwar ganz nett sind, sind auf Dauer frustrierend, weil wir merken, dass sie wenig bewirken und wir durch solche Kleinigkeiten eben nicht „das Klima retten“. Sie binden Zeit und Aufmerksamkeit, die sinnvoller genutzt werden könnten, und können, wenn überhaupt, nur Teil unseres Weges zum Bewusstsein über die allumfassende Realität der Klimakrise sein. 

Auch haben viele Menschen nicht die Möglichkeit, sich umfassend für klimafreundlichere Alternativen zu entscheiden –  sei es aus finanziellen, zeitlichen oder krafttechnischen Gründen, oder, weil die Strukturen, die es dafür bedarf, nicht vorhanden sind. Wenn es keinen ÖPNV gibt, kann der logischerweise nicht genutzt werden. Für eine alleinerziehende Person mit Vollzeitjob und damit begrenzenten (zeitlichen) Ressourcen ist es schwierig, den Alltag allein mit dem ÖPNV zu bewältigen, der dann auch oft kaum vorhanden oder extrem unzuverlässig ist. All diese vermeintlich kleinen Sachen haben viel mit Privilegien zu tun – nicht alle haben die Möglichkeit, so zu leben, wie es in der Theorie „am besten“ wäre. Von allen dasselbe zu erwarten, funktioniert nicht. 

1.5 Ambition Projection at COP30 in Belem

On the eve of COP30, Greenpeace projected a message to delegates at the UN Climate Summit in Belem.

Nicht jede Bevölkerungsgruppe ist außerdem gleichermaßen verantwortlich. Die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung war 2019 für lediglich 26,73% der Emissionen verantwortlich. Die reichsten 10 Prozent für 29,05%, wobei die reichsten 1 Prozent 9,31% verursachten (Quelle: World Inequality Database). Dabei hätten gerade die Reichen viel mehr Möglichkeiten, klimafreundlicher zu leben und auch in nachhaltigere Gebiete wie erneuerbare Energien zu investieren (was aber meistens nicht getan wird). Generell ist ihnen durch ihre finanzielle Situation eine Macht gegeben, die der Rest der Bevölkerung nicht hat, und die dieser schadet. Deshalb ist es auch sinnvoll, auf ihre individuellen Aktivitäten zu schauen, diese Macht z.B. in Form einer Milliardärs- und Vermögenssteuer zu begrenzen und ihnen einen größeren Beitrag zum Gemeinwohl abzuverlangen.

In der Theorie haben wir als Konsument*innen von z.B. Lebensmitteln durch den Zusammenhang von Angebot und Nachfrage einen immensen Einfluss aufs Angebot. Schaut man sich die inzwischen bestehende Vielfalt an veganen Produkten, die mancherorts vorzufinden ist, an, scheint das ja auch auf den ersten Blick teilweise funktioniert zu haben, jedoch braucht es für diesen Einfluss eine Gruppe an Menschen, die Zeit & Ressourcen dafür haben, diese Produkte einzufordern und durch Käufe zu „bestärken“. Wir sind aber nicht nur Konsument*innen. Wir können Veränderungen fordern, dass sich die Vorschriften z.B. dahingehend ändern, dass Gurken nicht mehr in Plastik eingeschweißt werden, anstatt uns dafür fertig zu machen, dass wir diese gekauft haben. Auch beim Beispiel der veganen Produkte hat zuerst ein durch Aktivismus und Aufklärung erwecktes Bewusstsein zum Wunsch nach mehr veganen Produkten und damit zu der Bestrebung einiger Konzerne geführt, diese Produkte anzubieten, um daraus Profit zu schlagen. Steuerung rein über Konsum also funktioniert nicht, vor allem nicht, wenn es Produkt X noch gar nicht im Angebot gibt. Auch wird Angebot und Nachfrage als Mechanismus z.B. durch Monopole und den Bedarf einzelner bestimmter Produkte erschwert.

Viele der Probleme wären auch gar nicht durch geändertes Konsumverhalten zu ändern – wir können z.B. durch Konsum nicht erwirken, dass mehr Geld in die Bahn gesteckt und weniger Autoförderung stattfindet, politische Entscheidungen also konkret beeinflussen, wir können nicht verhindern, dass Geld in fossile Projekte fließt – und das ist tatsächlich genau das, was z.B. der Ölkonzern BP durch die Einführung des Konzepts des CO2-Fußabdrucks gezielt erreichen wollte: dass wir die Zuständigkeit vor allem auf der individuellen Ebene bei uns als Konsument*innen verorten und dann so sehr mit uns selbst beschäftigt sind, dass wir eben nicht das System infrage stellen und dagegen ankämpfen, sondern die Verantwortung bei uns suchen: wir sollen eben selbst schuld sein, wenn wir eine Ölheizung haben. Dabei sind 70 Prozent der Emissionen seit 1988 auf nur hundert Unternehmen zurückzuführen. So wird außerdem das Narrativ verstärkt, Klimaschutz sei eine Sache für Wohlhabende und gefährde den wenigen Wohlstand der ärmeren Bevölkerung, sodass Klimaschutz im Generellen negativ assoziiert wird. Der Weg zu einer emissionsärmeren Welt muss klimagerecht gestaltet werden. Im Zuge der Emissionsreduktion müssen Ungerechtigkeiten mitgedacht und bekämpft werden, sodass auf dem Weg in die angestrebte Klimaneutralität (DE:2045) alle Menschen mitgenommen werden (Just Transition). Bestenfalls werden dabei auch noch besonders Benachteiligte entlastet, z.B. durch Klimageld. 

Greenpeace Youth Protest Against Gas Drilling on Borkum

Greenpeace youth protest on Borkum beach against the planned gas drilling north of the island. The Dutch energy company One Dyas wants to develop a new gas field there - in the immediate vicinity of the Wadden Sea UNESCO World Heritage Site.

Die Regeln unseres Zusammenlebens müssen so gestaltet sein, dass Nachhaltigkeit die einfachste, bequemste und idealerweise günstigste Option ist. Wer dann unbedingt die klimaschädlichere Option nutzen möchte, kann das (in einem gewissen Rahmen) immer noch tun, sie ist aber nicht mehr der Normalfall und vergünstigt bestenfalls durch hohe Abgaben klimaverträglicheres Verhalten. Die Politik muss die Regeln festlegen, die aber vor allem die Produzent*innen treffen sollen, nicht die Verbraucher*innen. Im Zuge der FCKW-Debatte war die Lösung auch nicht, einfach keine Kühlschränke mehr zu benutzen. FCKWs wurden verboten. Genauso muss die Politik auch z.B. bei Verpackungsmüll agieren. 

Darum ist es so fatal, dass u.a. in Schulen der Fokus so stark auf die einzelnen gelegt wird, anstatt gemeinsam über strukturelle Veränderungen zu sprechen. Die Effektivität des Ganzen also ist angesichts der Emissionsursachen stark anzuzweifeln. So wird das Sichtfeld eingeschränkt, die gegebenen Bedingungen als selbstverständlich und der Handlungsspielraum als ohnmächtig in diesen agierend hingenommen, Schüler*innen abgeschreckt. Verantwortung funktioniert nur im Rahmen der dem Subjekt gegebenen Möglichkeiten, die in diesem aber auch getragen werden muss. Eine bloße Verortung der Verantwortung für Emissionen des Subjekts bei ihm selbst ist passiv. Für die durch das Subjekt verursachten gesellschaftlichen Veränderungen gibt es das Konzept des ökologischen Handabdrucks. Auch da ist es selbstredend eine Privilegienfrage, wer wie viel Zeit und Energie hat, sich mit dem Thema Klimakrise auseinanderzusetzen, dennoch ist das, was es bewirkt, in der Selbstwirksamkeit und Ermächtigung für das Individuum stärker als das, was es vermeidet und nur schlecht beeinflussen kann. Das System muss sich ändern – dann kann sich auch das Verhalten der Individuen in diesem nachhaltig entwickeln.

Wir können die Klimakrise nur gemeinsam bewältigen. Unsere Rolle muss nicht passiv sein, wir können aktiv an der Welt und ihrer Struktur mitgestalten. Dafür dürfen wir uns nicht ablenken lassen durch den Fokus auf die individuelle Ebene, auch nicht im Aktivismus, denn wir als Gesellschaft tragen die Verantwortung für eine nachhaltige Welt. Indem das Individuum in eine Position der Verantwortung gezwungen wird, werden die gesellschaftlichen und politischen Strukturen, die diese Probleme erzeugt haben, verschleiert und ausgeklammert. Nur wenn wir die Regeln, Machtverhältnisse und Anreize im System verändern, können diese veränderten Strukturen dann wieder auf uns als Individuen wirken. Wir können positive Visionen kreieren, im Rahmen unserer Möglichkeiten Vorbilder sein, durch Wahlen mitbestimmen, aber vor allem durch Aktivismus, der auf die Politik einwirkt. Wir brauchen Systemwandel. Und dafür müssen wir als Kollektiv zu Akteur*innen werden. System change not climate change! 

Text von Line