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Aerial of Protest with Red Line in Front of Lützerath
© Greenpeace

1,5 Grad: Zum Sterben eines Symbols

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Das 1,5 Grad-Ziel ist wohl dauerhaft gescheitert. Bis zum Ende des Jahrhunderts werden laut aktuellem UN-Bericht bis zu 2,8 Grad Erwärmung erwartet. 1,5 Grad war nicht nur eine schöne, weil prägnante Zahl, nicht nur eine festgelegte Emissionsgrenze. 1,5 Grad war ein Symbol, ein Symbol für eine Staatengemeinschaft, die sich geeinigt hat, gemeinsam ein globales Ziel zu erreichen, mit dem die Erderhitzung auf ein für uns Menschen erträgliches Niveau begrenzt werden kann. Dabei war 1,5 Grad bereits ein Kompromiss. Bei 1,5 Grad Erderwärmung gegenüber des vorindustriellen Niveaus werden auch ein Großteil der Korallenriffe absterben, es wird mehr Hitzewellen, Dürren und Starkregenereignisse geben. Dennoch: 1,5 Grad war ein Symbol für Zukunft, Aufbruch, die Hoffnung auf eine bessere Welt; politisch, in der Klimabewegung, teilweise auch gesellschaftlich. In gewisser Weise auch eine Grenze, die nicht übertreten werden durfte, bis zu der aber alles gut schien. 

Diese Grenze, dieses Symbol, diese Verkörperung einer Idee in einem prägnanten, greifbaren Begriff, nicht nur für die Bewegung an sich, auch als Zeichen nach außen, ist jetzt tot. Da der Tod ein allmählicher war, gab es keinen krassen Aufschrei, keinen „Punkt“ an dem man hätte sagen können, dass es JETZT vorbei ist. Mit ihm schleicht sich die Resignation ein, das langsame Begreifen des Scheiterns, weil andere Krisen in ihrer Akutheit doch etwas prägnanter schienen, als „berechtigte“ Ausrede dienen durften für das Hintenanstellen dieser Krise. 1,5 Grad als Symbol für Hoffnung ist tot. 1,5 Grad heißt heute Versagen, der Politik, der Gesellschaft, der Staatengemeinschaft, verdeutlicht das extreme Ausmaß der Klimakrise, und mag Sinnbild des Aufbruchs in eine Zeit des Zurückziehens ins Private sein, sowohl in einer Art neuen Biedermeiers im Einzelnen, als auch national ins Reaktionäre. 

Dabei müssen wir weiterkämpfen: Es lohnt sich, um jedes Zehntel Grad zu kämpfen, um das Überschreiten von Kipppunkten unseres Erdsystems so gut wie möglich zu vermeiden. Wir stellen die Weichen der Zukunft miteinander. Dass ein Kohleausstieg überhaupt denkbar ist, dass Klima oder Umweltschutz gesellschaftliche und politische Themen sind, ist auch der Klimabewegung zu verdanken. Das Symbol ist tot, Paris gewissermaßen symbolisch gescheitert, wobei im Pariser Klimaabkommen 1,5 Grad nie „das Ziel“ war, sondern lediglich in Artikel 2 a) die Begrenzung auf unter 2 Grad, bestenfalls 1,5 Grad beschrieben war – was ja aller Voraussicht nach ebenfalls nicht erreicht wird. Das ist ein herber symbolischer Verlust, trotz dem wir aber weiterkämpfen müssen. Der Kampf für eine gerechtere Welt ist auch ein Kampf mit der Welt, das ist anstrengend, ein Trotzen der Tendenz, uns von der Stimmung oder Rückschlägen entmutigen zu lassen. Eine utopische Welt rückt ferner, aber wir können uns dennoch an ihr festhalten, unsere Rechte und Zukunft einfordern, es nicht zulassen, dass diese Welt in all ihrem Scheitern uns mit sich reißt. Es gilt, dieses „trotz dem“ zum neuen, wirkmächtigen Symbol zu machen. 

Text von Line