Protest gegen Kohleenergie: Greenpeace-Aktivisten platzieren Hungerstein in der Elbe

In Stein gemeißelt

Greenpeace-Aktivisten platzierten heute bei historischem Niedrigwasser einen sogenannten Hungerstein in der Elbe bei Magdeburg: eine bleibende Mahnung zum Klimaschutz.

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Seit Ende Mai hatte es kaum geregnet, berichtet die Sächsische Zeitung. „Der Elbpegel fiel ständig. Wegen anhaltender Hochdruckwetterlagen konnte keine feuchte Atlantikluft nach Sachsen gelangen. Die Sonne brannte erbarmungslos, viel länger als gewöhnlich. Die Temperaturen übertrafen das Jahresmittel deutlich.“ Was wie eine Abschlussbetrachtung des Hitzesommers 2018 klingt, beschreibt in Wahrheit die Dürre von 1904.

Damals konnte man bei Dresden zu Fuß die Elbe durchqueren. Heute ist das nicht mehr ratsam, denn der Fluss ist nicht mehr derselbe wie zu Kaisers Zeiten: Die Menschen haben die Elbe vertieft, sie fließt jetzt schneller. Doch auch 2018 verzeichnet der Fluss für jeden sichtbar Rekord-Tiefststände. Über Monate ausbleibende Niederschläge und extreme Hitze haben den Elbepegel bei Magdeburg auf unter 48 Zentimeter fallen lassen – den niedrigsten je gemessenen Wert.

Erinnerungen an frühere Dürren tauchen darum auf, und das recht buchstäblich: Der niedrige Wasserstand legt Hungersteine frei, die der Fluss überspült hielt, mancherorts für Jahrhunderte. Die Steine im Flussbett sind von Menschen geschaffene Mahnmale, die nachfolgenden Generationen erzählen: So schlimm war es einmal. Sie heißen Hungersteine, weil die Dürre, die den Fluss austrocknet, ebenso die Ernte klein ausfallen lässt. So war es auch 1904, den Beleg gibt die Elbe dieser Tage frei.

Tiefststände und Höchstwerte

Die beschrifteten Steine liegen an Orten, die so gut wie nie zugänglich sind – lediglich wenn Extremwetterlagen den Strom zum Rinnsal machen. Die Tradition ist alt: Bei Děčín an der Elbe (heute Tschechien) wurden Steine gefunden, die Jahreszahlen von 1417 und 1473 tragen. Greenpeace-Aktivisten haben heute in Magdeburg einen eigenen Stein platziert, mit der Inschrift „Wenn du mich siehst, ist Klimakrise – August 2018“. Dazu zeigten sie ein Banner, auf dem sie den Hauptschuldigen für den Klimawandel benennen: „Hitze, Dürre, Niedrigwasser – Kohleausstieg starten!“

Ein Steinmetz hat den Findling sorgfältig graviert – auf dass er am liebsten auf Nimmerwiedersehen in der Elbe verschwindet. Doch so viel Glück werden wir vermutlich nicht haben. Die voranschreitende Erderhitzung macht langanhaltende Temperaturextreme immer wahrscheinlicher. Dass die Kinder und Enkel der Magdeburger den Greenpeace-Stein nie wieder zu Gesicht bekommen, ist deshalb ein frommer Wunsch – in Erfüllung gehen wird er voraussichtlich nicht. Zehn der 15 wärmsten Jahre Deutschlands seit Beginn der Wetteraufzeichnungen lagen in den vergangenen 18 Jahren.

Vorgeschmack auf das, was noch kommt

Hitzewellen kommen vor in Europa– siehe 1904 in Sachsen. Wie eine Schwalbe keinen Sommer macht, bedeutet ein heißer Sommer keine Klimakrise. Doch die Temperaturrekorde mehren sich, die Erde erwärmt sich nachweisbar: In Deutschland liegt die Durchschnittstemperatur bereits um 1,4 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Das hat Folgen. Dieser Sommer bietet einen Ausblick darauf, was bald bereits Normalität werden könnte: Ernteausfälle, Waldbrände, Starkregen, dazu Überschwemmungen, weil der ausgetrocknete Boden so schnell nicht derart viel Wasser aufnehmen kann. Und freigelegte Hungersteine in der Elbe, die zum gewohnten Anblick werden.

Schuld am Klimawandel ist der Treibhauseffekt: Zu viel Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre bewirkt, dass sich die Erde aufheizt. Und der größte Verursacher des klimaschädlichen Gases ist die Kohleindustrie. Zum Schutz des Klimas muss es derzeit vor allem darum gehen, möglichst große Mengen CO2 einzusparen, und das so schnell es geht. Das funktioniert am einfachsten, indem man Kohlekraftwerke abschaltet.

Rein in den Ausstieg

Eine gestern von Greenpeace veröffentlichte Studie zeigt, dass Deutschland dadurch sogar seine kurzfristigen Klimaziele für 2020 noch erreichen kann, und zwar versorgungssicher – einen Vorsatz, den die Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag bereits mehr oder minder aufgegeben hatten. Das Ziel lautet, dass Deutschland bis 2020 seine Treibhausgase um 40 Prozent senkt, im Vergleich zum Stand von 1990. Realistisch seien 32 Prozent, so der Klimaschutzbericht des Bundesumweltministeriums – unter den bestehenden Voraussetzungen.

Aber warum nicht die Voraussetzungen ändern? Das Energieszenario des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik rechnet vor, dass zum Erreichen des Ziels ein Drittel aller deutschen Braunkohlekraftwerksblöcke sofort abgeschaltet werden müsste; etwas mehr als ein weiteres Drittel müsste gedrosselt werden. Das entspricht einer Leistung von 6,1 Gigawatt. Das ist viel, aber eine Größenordnung, so die Autoren der Studie, die Wind- und Sonnenenergie auffangen können – sofern Deutschland aufhört, seinen Stromüberschuss aus Kohlekraftwerken billig zu exportieren und stattdessen die Kapazitäten selber nutzt.

Das wäre zu schaffen. Die Auswirkungen der Klimakrise sind es nicht, und das ist in Stein gemeißelt.

>>> Deutschland muss ein Zeichen für den Klimaschutz setzen – fordern Sie von der Bundesregierung eine Verkehrswende und den zügigen Ausstieg aus der Kohleenergie! 

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