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Interview mit Jens Schanze, Regisseur der Doku „La buena vida – Das gute Leben“

„Ein Jahr lang in Schockstarre“

Ein Kohlekonzern vertreibt eine kolumbianische Dorfgemeinschaft. Vom Leid der Menschen erzählt der Regisseur Jens Schanze in seiner Doku „La buena vida“ – und im Greenpeace-Interview.

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Weltweit steigender Energiekonsum, verursacht durch das Streben nach Wachstum und Wohlstand: Vor diesem Hintergrund erzählt die Dokumentation „La buena vida – Das gute Leben“ die Geschichte der kolumbianischen Dorfgemeinschaft Tamaquito. Deren Lebensgrundlage wird durch den Kohleabbau in der Mine El Cerrejón zerstört – ein gewaltiges Loch, mit 700 Quadratkilometern der größte Kohletagebau der Welt. Mit der Kohle aus dieser Mega-Grube und aus anderen Tagebauen in Kolumbien produzieren Kraftwerke weltweit Strom – auch in Deutschland. Dafür wird die Dorfgemeinschaft Tamaquito vertrieben. Doch die Menschen wehren sich.

Ihren Existenzkampf begleitete der Dokumentarfilmemacher Jens Schanze („ Plug & Pray“). Mit ihm sprache Greenpeace über physische Gewalt, Zusammenhalt und kulturelle Verluste.

Greenpeace: Wie entstand die Idee, das kolumbianische Dorf bei seiner Umsiedlung für einen neuen Steinkohletagebau zu filmen?

Jens Schanze: Mich hat interessiert, wie es den Menschen in Tamaquito gelingt, die Integrität ihrer Gemeinschaft zu bewahren und mit den Vertretern des Bergbaukonzerns auf Augenhöhe zu verhandeln. Denn als ich 2011 etwa 15 kolumbianische Dörfer besuchte, die vom Kohleabbau bedroht sind, war die mentale Verfassung der Menschen dort erschütternd; sie waren verzweifelt und gelähmt vom Gefühl der Ohnmacht. Die Konzerne hatten den Zusammenhalt innerhalb der Dorfgemeinschaften erfolgreich geschwächt oder gar zerstört. Die Wayúu-Gemeinschaft Tamaquito befand sich in der gleichen Bedrohungslage wie die übrigen Dörfer. Hier war die Stimmung jedoch völlig anders. Es gab keine Anzeichen von Resignation.

Welche Schwierigkeiten gab es bei den Dreharbeiten?

Eine der schwierigsten Einstellungen war die Sprengung im Kohletagebau. Jeden Tag um 12.45 Uhr wird eine Fläche von zwei bis drei Hektar in einer der Kohlegruben von Cerrejón gesprengt. Eine riesige Staubwolke erhebt sich danach und verteilt sich je nach Wind in der Umgebung. Der Staub verursacht eine massive Beeinträchtigung der Lebensqualität der Menschen, die in Grubennähe wohnen. Ernteausfälle sowie Haut- und Atemwegserkrankungen sind die Folgen. Ein Bild dieser physischen Gewalt, die dem Land und den Menschen Tag für Tag widerfährt, wollten wir daher für den Film aufnehmen.

Als der Konzern Carrejón erfuhr, dass wir auf der Jagd nach einem Bild der Sprengung waren, wurden die Uhrzeiten variiert. Es begann ein Katz- und Mausspiel, das wir schließlich beenden konnten, indem wir den Kontakt zu einem Mitarbeiter der Mine herstellten. Er teilte uns morgens in einer verschlüsselten Botschaft telefonisch mit, wo und wann heute gesprengt würde.

Welche Szene im Film hat Sie besonders berührt?

Wir sind mit Henrys Ureche und seiner Familie im Auto aus Alt-Tamaquito abgefahren, als sie das Dorf für immer verlassen haben. In diesem Moment konzentrieren sich die Hilflosigkeit, der Schmerz und die Wut über den Verlust des alten Lebens auf fast unerträgliche Weise. Und als die Cerrejón-Mitarbeiterin unsere weibliche Hauptperson Ingris Ureche im neuen Haus in den Arm nimmt und flüstert: „Ich bin immer für dich da, nicht nur als Konzernangestellte, sondern als Mensch“, dann ist das kaum auszuhalten, weil es so falsch ist.

Wie geht es den Dorfbewohnern heute in ihrer neuen Umgebung?

In Neu-Tamaquito stehen den 35 Familien 300 Hektar Land zur Verfügung. Es gibt keinen Fluss - also keinen Fischfang - und keinen Primärwald in der Gegend - also keine Jagdmöglichkeit, keine wilden Früchte, keine Heilpflanzen, wenig kühlenden Schatten. Das Grundwasser ist für Mensch und Tier sowie zur Bewässerung von Pflanzungen aufgrund des sehr hohen Mineralgehalts nur bedingt geeignet. Die Wasserversorgung stellt daher eines der Hauptprobleme dar.

Im Umsiedlungsvertrag zwischen Tamaquito und Cerrejón wurde unter anderem die Gewährleistung der „Servicios Publicos“ (kommunale Aufgaben) geregelt, zu denen die Wasserversorgung zählt. Außerdem wurden „Proyectos Productivos“ (Landwirtschaft, Kunsthandwerk etc.) vereinbart, die der Konzern nach der Umsiedlung initialisieren sollte, um Einkommensmöglichkeiten zu schaffen.

Die Wasserversorgung funktioniert bis heute nicht, in den zwei Jahren seit der Umsiedlung gab es keine einzige Ernte am neuen Ort. Alle Pflanzungen sind vertrocknet. Schafe und Rinder stehen noch immer in der Nähe von Alt-Tamaquito, da am neuen Ort weder ausreichend Futter noch Wasser für sie zur Verfügung stehen. Die Projekte zur Einkommenssicherung wurden nur zum Teil und mit monatelanger Verspätung begonnen. Es gibt daher kaum Verdienstmöglichkeiten am neuen Ort.

In den Steinhäusern ist das Klima schlecht, außerdem knarzen und klappern die Holztüren und Fenster im Wind, der ununterbrochen in der Ebene bläst. Die Menschen schlafen daher schlechter und träumen weniger. Träume sind jedoch essenzieller Bestandteil der Spiritualität der Wayúu. Die Vorfahren sprechen zu ihnen durch die Träume und warnen so vor drohenden Gefahren.

Die Dorfgemeinschaft war ein Jahr lang in Schockstarre. Jetzt hat sie sich wieder gefangen und versucht mit neuer Entschlossenheit, dem Konzern das Vereinbarte Schritt für Schritt abzufordern.

Sie haben früher schon die Umsiedlung eines Dorfes mit der Kamera begleitet: im rheinischen Braunkohleabbaugebiet. Wo sehen Sie Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten zwischen beiden Fällen?

Es gibt natürlich starke Parallelen. Die wichtigste ist sicher, dass die Strategie der Konzerne, die Gemeinschaften aufzusprengen, immer die gleiche ist. Aus dem Rheinland kenne ich es so, dass mit jedem ein Vertrag gemacht wird, in dem eine Verschwiegenheitsklausel drinsteht - was natürlich Missgunst und Misstrauen Tür und Tor öffnet. Diese Strategie ist in Kolumbien genauso.

Auch emotional und kulturell gibt es sehr große Parallelen: In den niederrheinischen Dörfern verschwindet die bäuerliche Struktur durch so eine Umsiedlung natürlich auch. Dieser Prozess ist aber seit Jahrzehnten im Gange und wird durch die Umsiedlung nur extrem beschleunigt. Der kulturelle Verlust ist im Falle der Wayúu noch krasser, weil es eine Minderheiten-Kultur ist, die im schlimmsten Fall durch die Umsiedlung einfach ausgelöscht wird.

"La buena vida - Das gute Leben" läuft ab 14. Mai in folgenden Städten:

Aachen (Apollo)
Berlin (Babylon, Kino Zukunft, Eva, Brotfabrik, Moviemento, Filmkunst 66, Acud)
Bonn (Brotfabrik)
Bremerhaven (Passage)
Dortmund (Sweet 16)
Dresden (Kino im Dach)
Freiburg (Friedrichsbau)
Hamburg (3001)
Hannover (Koki)
Karlsruhe (Schauburg)
Köln (Filmhauskino)
München (Monopol, Isabella)
Münster (Cinema)
Nürnberg (Casablanca)
Potsdam (Thalia)
Rostock (Liwu Frieda)
Rudersberg (Löwenlichtspiele)
Seefeld (Breitwand)
Stuttgart (EM / Cinema)
Tübingen (Arsenal)

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