Greenpeace-Recherche enthüllt andauernde Zerstörung von Neuware

Ab in den Müll

Greenpeace belegt: Amazon verstößt gegen das Ressourcenschutzgesetz. Die Verpflichtung für Versandhändler, überschüssige Lagerbestände nicht länger zu vernichten, läuft ins Leere.

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Originalverpackte T-Shirts, Krawatten, Kuscheltiere, Bücher oder fabrikneue Elektroartikel – das Spektrum der Produkte ist groß, die bei Amazon in Winsen an sogenannten „Destroy-Stationen“ für die Zerstörung vorbereitet werden. Die völlig intakte Neuware wird nach Wertstoffklassen sortiert und in Abfallsammelbehälter geworfen. Mindestens eine LKW-Ladung nicht verkaufter Versandartikel landet jede Woche im Müll, allein an diesem einen Amazon-Standort. Erstmals hat ein Greenpeace-Rechercheur diese Praxis genauer dokumentieren können.

Filmaufnahmen der acht „Destroy-Stationen“ belegen, wie die Ressourcenverschwendung bei Amazon organisiert ist. Das geschieht, obwohl 2020 ein Gesetz gegen genau diese Praxis in Kraft getreten ist: Die sogenannte Obhutspflicht soll verhindern, dass intakte Ware zerstört wird. Doch bisher wird diese Verpflichtung weder umgesetzt noch von den Behörden überwacht – und Amazon hat sich für den Fall einer Kontrolle bereits auf eine Gesetzesumgehung vorbereitet, wie die Greenpeace-Recherchen belegen.

Der Versandhändler zerstört neuwertige Produkte, wenn die Waren nicht innerhalb einer bestimmten Frist verkauft wurden, das ergaben Recherchen von Frontal21 und der Wirtschaftswoche erstmals im Juni 2018.  “Amazon setzt allein auf schnellen Umsatz und hält deshalb den Platz im Regal für wertvoller als das Produkt darin“, so Viola Wohlgemuth, Expertin für Ressourcenschutz von Greenpeace.  „Doch all diese Produkte werden mit endlichen Ressourcen unter hohem Energieaufwand produziert und dann zum Teil sogar noch um die halbe Welt zu uns transportiert. In Zeiten der Klimakrise ist es nicht nur unmoralisch, sondern schlicht nicht mehr akzeptabel, vollkommen gebrauchsfähige neue Produkte zu zerstören.“

„Obhutspflicht“ soll Ressourcenverschwendung verhindern

Seit mehreren Jahren fordert Greenpeace, die Zerstörung von intakter Ware zu verbieten. Mit Aktionen, Petitionen und durch Beteiligung am politischen Beratungsprozess hat Greenpeace sich dafür stark gemacht. Die Umweltschutzorganisation hatte Ende 2019 erstmals dokumentiert, dass selbst Neuware in Winsen regelmäßig weggeworfen wird. Bis dahin war das nur von Retouren bekannt. Die Empörung über diese Praxis hatte dazu beigetragen, dass der Bundestag 2020 im Zuge einer Reform des Kreislaufwirtschaftsgesetzes neue Regeln für Händler eingeführt hat: Die Obhutspflicht schreibt laut Gesetzestext vor, „beim Vertrieb der Erzeugnisse, auch im Zusammenhang mit deren Rücknahme oder Rückgabe, dafür zu sorgen, dass die Gebrauchstauglichkeit der Erzeugnisse erhalten bleibt und diese nicht zu Abfall werden“ (§ 23 Kreislaufwirtschaftsgesetz). Amazon missachtet diese Bestimmung systematisch. Der Versandhausriese profitiert davon, dass es bisher noch an einer Rechtsverordnung fehlt, die Strafen androht, wenn Händler die Obhutspflicht missachten.

„Das Beispiel zeigt, dass das Umweltministerium jetzt sofort die Rechtsverordnung erlassen muss. Sonst nutzen Konzerne wie Amazon das Schlupfloch schamlos aus, um weiterhin gegen Ziel und Zweck des Gesetzes zu verstoßen“, kommentiert Viola Wohlgemuth. „Ohne Kontrollen und Strafandrohung läuft die gut gemeinte, aber schlecht gemachte Obhutspflicht ins Leere. Das war immer zu befürchten, nun ist es auch bewiesen, dass Konzerne wie Amazon freiwillig nichts für den Umweltschutz tun. Bundesumweltministerin Schulze darf gerade im Hinblick auf das neue Klimaschutzgesetz nicht länger wegsehen! Das Vernichten von Neuware muss noch in dieser Legislaturperiode strafbar werden. Wir brauchen ein echtes Ressourcenschutzgesetz, denn Ressourcenschutz ist der beste Klimaschutz!“

Und der Skandal ist noch größer: Amazon bereitete sich bereits darauf vor, das Verbot der Warenvernichtung zu umgehen, sollte die Obhutspflicht ernster genommen werden. Dies könnte der Fall sein, wenn das Entsorgungsunternehmen Remondis, das den Müll abholt, strenger auf die Regeln achtet und nur noch Container mit kaputten Produkten übernimmt. Greenpeace liegen Informationen vor, dass Amazon in dem Fall geplant hatte, zum Beispiel originalverpackte T-Shirts an den Destroy-Stationen in der eigenen Halle zu zerschneiden, bevor sie an Remondis gehen. Ein Testlauf fand bereits statt, bei dem Textilien mit der Schere zerschnitten wurden.  

Undercover-Recherche in diesem Fall gerechtfertigt

Für diese Recherche hat ein Greenpeace-Rechercheur mehrere Wochen als Angestellter im Amazon-Logistikzentrum in Winsen gearbeitet und die Vorgänge dokumentiert. Vorausgegangen waren Hinweise auf die Zerstörungspraxis und die geplante Umgehung der gesetzlichen Bestimmungen. Greenpeace ist somit aufgrund eines begründeten, sehr konkreten Anfangsverdachts hin tätig geworden. Erstmals hatte Greenpeace im Dezember 2019 die Zerstörung von Neuware in Winsen dokumentiert. Tagesschau und Tagesthemen haben ausführlich über diese Enthüllung berichtet. 

Als dann im Oktober 2020 die Obhutspflicht in Kraft getreten ist, hat sich das Investigativ-Team von Greenpeace entschieden, den Hinweisen auf fortdauernde Verstöße gegen das Gesetz nachzugehen. Die heimlichen Filmaufnahmen sind so erfolgt, dass kein Ton mitgeschnitten wurde, denn ein Mitschneiden von Gesprächen wäre strafbar. Auch sind die Personen in den Videoaufnahmen nicht erkennbar. Zudem wurden sie nicht in ihrem privaten Bereich, sondern an einem Arbeitsplatz mit vielen Menschen in einer großen Halle aufgenommen. Verdeckte Recherche ist laut Deutschem Presserat und der Rechtsprechung im Einzelfall gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichem Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind.

Das Magazin „Panorama“, dem Greenpeace die Filmaufnahmen und die Informationen vorab zur Verfügung gestellt hat, berichtete am Donnerstag, dem 20. Mai um 21.45 Uhr in der ARD. Den Beitrag können Sie sich in der ARD-Mediathek ansehen oder hier:

Autor: Manfred Redelfs / Greenpeace Investigation

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